Fake Business
Warum etwas erfinden, dass es längst gibt? Constantin Peyfuss und sein Modelabel Retrofame machen das grosse Geschäft mit dem Gewand von gestern

Text: Elfriede Bieder
Foto: Jacqueline Godany
Constantin Peyfuss rennt. In den Händen trägt er ungefähr zehn Kilo T-Shirts. Das Zeug muss raus, schnell, vom Lager in den vor der Tür wartenden Kombi. Die Uhr zeigt kurz nach acht Uhr abends. „A bisserl ein Stress, ich bin grade aus Istanbul zurückgekommen und die Fetzen müssen schnell auf die Messe in Berlin“ ruft er den Besuchern zwischen zwei Pit Stops zu. Peyfuss’ Rennstrecke befindet sich im ehemaligen Lager von Diesel Österreich, das in einem ehemaligen Industriegebiet am Rande Favoritens liegt. Die Innereien der Fabrikshalle, in welcher der Kreativdirektor der Retrofame Vintageclothing GmbH Wien – Los Angeles herumeilt, bieten ein bizarres Bild.
Die dicke Staubschicht, die den mitten im Raum platzierten Gummibaum ziert, lässt die Prioritäten der Pächter erahnen. Zwischen Tonnen von T-Shirts, Hosen und Jacken verteilen sich unzählige leere Kleiderhaken, halbvolle Aschenbecher, Verteilerkabel, US-Flaggen, türkische Lira, Denim-Jeans aus den Sechzigern, rosa Stilettos, und Originalmasken von mexikanischen Catchern. Dazwischen steht einsam ein Computer. Eine kleine Meerjungfrau aus Pappe wacht über das Chaos.

„Gleich hammas“, ruft Peyfuss, eine türkische Hirtenhose für den harten anatolischen Winter in der Hand, die er auf einem Flohmarkt in Istanbul erstanden hat: „Geiles Teil, man muss nur den rauen Innenstoff rausschneidern und ersetzen“, sagt er euphorisch.
Krank? Mitnichten. Seit der Gründung im Jahr 2000 sind es genau solche Ideen, die den Erfolg der Modemarke Retrofame begründen. Die Idee: aus gebrauchtem Gewand aus aller Herren Länder eine ganz neue Art von Kleidung zu machen. Mit der Zeit gesellten sich zu den T-Shirts Jacken, Hosen, Sweater, Pullis, kurz, nahezu alles, was der Mensch so anzieht, wenn er in einer Gegend lebt, wo es alle vier Jahreszeiten gibt.
Auch die großen Textilfirmen setzen längst auf die Ideen von Peyfuss und seinen Partnern Michael Herzog und Christian Obojes. Mitte Februar ist Peyfuss bei Palmers eingeladen, das nach einem innovativen Konzept im Bereich Trendwäsche fahndet. Gesucht wird nach dem Hipnessfaktor, den junge Menschen heute beim Kauf ihrer Kleidung beanspruchen und den abseits des Mainstreams kein Label so gut bedient wie Retrofame. So laufen etwa trendige Popbands wie die Berliner von Wir sind Helden oder die White Seeds aus Schweden mit den Klamotten made in Vienna herum.
Erstmals internationales Aufsehen erregten die Designer im Sommer 2002, als sie auf der ISPO, der größten Sportartikelmesse der Welt, als Gewinner des „ISPO DuPont BrandNew Award“ in der Kategorie „Style“ gekürt wurden. Mittlerweile verkaufen weltweit 250 Stores die Marke aus Wien, der Löwenanteil geht nach England und Skandinavien. Das Geheimnis hinter dem Erfolg von Retrofame ist, dass es keines gibt. Das Konzept des Labels ist so einfach wie billig in der Produktion. Tonnenweise werden von überall auf der Welt gebrauchte T-Shirts importiert. Diese werden gereinigt, regelabelt und mit einer gefakten Biografie des ebenfalls gefakten Vorbesitzers versehen. Fertig. Wer jetzt glaubt, so eine verrückte Idee ließe sich nicht verkaufen, der irrt gewaltig. Und er kennt die Gesetzmäßigkeiten der Modebranche nicht.
Die Modeseiten der New York Times halten das Retrofame-Konzept für nicht weniger als „eine brillante Idee, die großen Wirbel machen wird“ und stellen die Wiener in eine Reihe mit dem Stardesigner Philippe Starck, der gerade für Puma neue Schuhe im Retrostil entworfen hat. Christian Obojes, der bei Retrofame für den Einkauf sorgt, erklärt den Erfolg so: „Alle namhaften Designer, von Dolce und Gabbana bis Christian Dior, gehen auf den Flohmarkt und holen sich von dort 60 Prozent ihrer Ideen. Die meisten dieser Designer kämpfen damit, Konzepten wieder Leben einzuhauchen, die alle zehn Jahre wiedergekaut werden.
Wir haben uns gedacht, warum sollen wir das Gewand eigentlich nachmachen? Warum verkaufen wir nicht gleich die Originale? Diese werden nicht einzeln, sondern in Massen eingekauft. Obojes allein schleppte im letzten Jahr 35.000 T-Shirts von den amerikanischen Märkten in das zweite Retrofame-Quartier in Los Angeles. Der kreative Kopf hinter Retrofame heißt aber Constantin Peyfuss. Er gibt die Linie vor, gestaltet die Klamotten um und experimientiert mit immer neuen Formen, Farben und Fetzen.
Der Lebenslauf des 38-jährigen Mödlingers, der einst gemeinsam mit Hannes Eder, dem Chef von Universal Österreich, die Schulbank drückte, liest sich wie eine Anleitung zur kreativen Weiterbildung. Motto: Wer das gesehen hat, was ich schon alles gesehen habe, dem gehen die Ideen nicht so schnell aus. Die Schule bricht er ab, anfangs schlägt er sich als Plattenverkäufer, DJ und PR-Mann bei DumDum Records durch, dem ersten österreichischen Indie-Dancefloor-Label (Georgie Red, Streetboys). Als ihm der schlecht bezahlte Job auf die Nerven geht, haut er ab in die USA, genauer: nach Florida. Seinen Exarbeitgebern hinterlässt er eine Nachricht: „If you pay peanuts, you get monkeys.“
Die Staaten sind aber nicht sein Endziel, er will am Boden nach Brasilien weiterreisen, ein Bekannter hat ihm einen Job bei einem Aquascooterverleih im brasilianischen Ipanema offeriert. In Mexiko City ist Endstation. Ein diebischer Taxifahrer klaut dem jungen Mann sein gesamtes Hab und Gut. Mit dem Bus fährt er drei Tage bis Tijuana, überquert dort die US-Grenze und kommt mit einem Plastiksackerl in San Diego an.
Von der Heilsarmee erhält er eine Baseballjacke und alte Converse. Die lokalen Obdachlosen, die ihren Winter im warmen Südkalifornien verbringen, weisen ihn ins Bum Life einer amerikanischen Großstadt ein. Zurück in Österreich, es sind die beginnenden Neunzigerjahre, fängt er als Sachbearbeiter bei der Musik Schallplatten GmbH an und wird Produktmanager bei Intercord. Dort muss er dafür sorgen, dass sich Roger Whittaker, Claudia Jung, Reinhard May und KLF verkaufen. Der Job ist ebenfalls nicht von Dauer, Peyfuss geht nach New York.
Bewaffnet mit einer Tommy Boy-Records-Jacke von Stüssy und mit ersten Tracks von Richard Dorfmeister im Gepäck, der zu dieser Zeit gerade seinen Dienst beim Bundesheer versieht, klappert er mit seinem Freund Mario Neugebauer die lokalen Tonstudios ab und knüpft Kontakte zur New Yorker Musikszene.
Wieder zuhause, findet Peyfuss Zugang zum deutschen Modemarkenlabel Sabotage. Er übernimmt den Vertrieb für Österreich, fährt fortan mit einem Suzuki-Jeep ganz Österreich auf der Suche nach coolen Gewandläden ab und macht dabei Erfahrungen, die ihm später noch zugute kommen werden. Nebenbei begründet er das Musiklabel Cheap Records mit, wo heute bekannte Künstler wie Patrick Pulsinger, Erdem Tunakan und Louie Austen unter Vertrag stehen.
Mit der Musik ist es aber bald vorbei. Ab sofort bestimmen „die Fetzen“ sein Leben. Peyfuss beginnt selber Textilien herzustellen. Fake-Product-Shirts sind seine ersten Erzeugnisse. „Von dort war es nur mehr ein kleiner Schritt zu Retrofame.“ Sein Geld musste er trotzdem bis vor kurzem noch als Layouter bei einem Medienkonzern verdienen. Der mittlerweile siebenjährige Sohn machte ein halbwegs geregeltes Einkommen nötig.

Seit letztem Jahr arbeitet Peyfuss fulltime für Retrofame. Seine Ideen holt er sich aus dem Internet, vorwiegend von seiner Lieblingssite ebay. Denn „was die alles für genialen Blödsinn verkaufen, ist gigantisch. Eine einzige Inspiration.“
Die dicke Staubschicht, die den mitten im Raum platzierten Gummibaum ziert, lässt die Prioritäten der Pächter erahnen. Zwischen Tonnen von T-Shirts, Hosen und Jacken verteilen sich unzählige leere Kleiderhaken, halbvolle Aschenbecher, Verteilerkabel, US-Flaggen, türkische Lira, Denim-Jeans aus den Sechzigern, rosa Stilettos, und Originalmasken von mexikanischen Catchern. Dazwischen steht einsam ein Computer. Eine kleine Meerjungfrau aus Pappe wacht über das Chaos.

„Gleich hammas“, ruft Peyfuss, eine türkische Hirtenhose für den harten anatolischen Winter in der Hand, die er auf einem Flohmarkt in Istanbul erstanden hat: „Geiles Teil, man muss nur den rauen Innenstoff rausschneidern und ersetzen“, sagt er euphorisch.
Krank? Mitnichten. Seit der Gründung im Jahr 2000 sind es genau solche Ideen, die den Erfolg der Modemarke Retrofame begründen. Die Idee: aus gebrauchtem Gewand aus aller Herren Länder eine ganz neue Art von Kleidung zu machen. Mit der Zeit gesellten sich zu den T-Shirts Jacken, Hosen, Sweater, Pullis, kurz, nahezu alles, was der Mensch so anzieht, wenn er in einer Gegend lebt, wo es alle vier Jahreszeiten gibt.
Auch die großen Textilfirmen setzen längst auf die Ideen von Peyfuss und seinen Partnern Michael Herzog und Christian Obojes. Mitte Februar ist Peyfuss bei Palmers eingeladen, das nach einem innovativen Konzept im Bereich Trendwäsche fahndet. Gesucht wird nach dem Hipnessfaktor, den junge Menschen heute beim Kauf ihrer Kleidung beanspruchen und den abseits des Mainstreams kein Label so gut bedient wie Retrofame. So laufen etwa trendige Popbands wie die Berliner von Wir sind Helden oder die White Seeds aus Schweden mit den Klamotten made in Vienna herum.
Erstmals internationales Aufsehen erregten die Designer im Sommer 2002, als sie auf der ISPO, der größten Sportartikelmesse der Welt, als Gewinner des „ISPO DuPont BrandNew Award“ in der Kategorie „Style“ gekürt wurden. Mittlerweile verkaufen weltweit 250 Stores die Marke aus Wien, der Löwenanteil geht nach England und Skandinavien. Das Geheimnis hinter dem Erfolg von Retrofame ist, dass es keines gibt. Das Konzept des Labels ist so einfach wie billig in der Produktion. Tonnenweise werden von überall auf der Welt gebrauchte T-Shirts importiert. Diese werden gereinigt, regelabelt und mit einer gefakten Biografie des ebenfalls gefakten Vorbesitzers versehen. Fertig. Wer jetzt glaubt, so eine verrückte Idee ließe sich nicht verkaufen, der irrt gewaltig. Und er kennt die Gesetzmäßigkeiten der Modebranche nicht.
Die Modeseiten der New York Times halten das Retrofame-Konzept für nicht weniger als „eine brillante Idee, die großen Wirbel machen wird“ und stellen die Wiener in eine Reihe mit dem Stardesigner Philippe Starck, der gerade für Puma neue Schuhe im Retrostil entworfen hat. Christian Obojes, der bei Retrofame für den Einkauf sorgt, erklärt den Erfolg so: „Alle namhaften Designer, von Dolce und Gabbana bis Christian Dior, gehen auf den Flohmarkt und holen sich von dort 60 Prozent ihrer Ideen. Die meisten dieser Designer kämpfen damit, Konzepten wieder Leben einzuhauchen, die alle zehn Jahre wiedergekaut werden.
Wir haben uns gedacht, warum sollen wir das Gewand eigentlich nachmachen? Warum verkaufen wir nicht gleich die Originale? Diese werden nicht einzeln, sondern in Massen eingekauft. Obojes allein schleppte im letzten Jahr 35.000 T-Shirts von den amerikanischen Märkten in das zweite Retrofame-Quartier in Los Angeles. Der kreative Kopf hinter Retrofame heißt aber Constantin Peyfuss. Er gibt die Linie vor, gestaltet die Klamotten um und experimientiert mit immer neuen Formen, Farben und Fetzen.
Der Lebenslauf des 38-jährigen Mödlingers, der einst gemeinsam mit Hannes Eder, dem Chef von Universal Österreich, die Schulbank drückte, liest sich wie eine Anleitung zur kreativen Weiterbildung. Motto: Wer das gesehen hat, was ich schon alles gesehen habe, dem gehen die Ideen nicht so schnell aus. Die Schule bricht er ab, anfangs schlägt er sich als Plattenverkäufer, DJ und PR-Mann bei DumDum Records durch, dem ersten österreichischen Indie-Dancefloor-Label (Georgie Red, Streetboys). Als ihm der schlecht bezahlte Job auf die Nerven geht, haut er ab in die USA, genauer: nach Florida. Seinen Exarbeitgebern hinterlässt er eine Nachricht: „If you pay peanuts, you get monkeys.“ Die Staaten sind aber nicht sein Endziel, er will am Boden nach Brasilien weiterreisen, ein Bekannter hat ihm einen Job bei einem Aquascooterverleih im brasilianischen Ipanema offeriert. In Mexiko City ist Endstation. Ein diebischer Taxifahrer klaut dem jungen Mann sein gesamtes Hab und Gut. Mit dem Bus fährt er drei Tage bis Tijuana, überquert dort die US-Grenze und kommt mit einem Plastiksackerl in San Diego an.
Von der Heilsarmee erhält er eine Baseballjacke und alte Converse. Die lokalen Obdachlosen, die ihren Winter im warmen Südkalifornien verbringen, weisen ihn ins Bum Life einer amerikanischen Großstadt ein. Zurück in Österreich, es sind die beginnenden Neunzigerjahre, fängt er als Sachbearbeiter bei der Musik Schallplatten GmbH an und wird Produktmanager bei Intercord. Dort muss er dafür sorgen, dass sich Roger Whittaker, Claudia Jung, Reinhard May und KLF verkaufen. Der Job ist ebenfalls nicht von Dauer, Peyfuss geht nach New York.
Bewaffnet mit einer Tommy Boy-Records-Jacke von Stüssy und mit ersten Tracks von Richard Dorfmeister im Gepäck, der zu dieser Zeit gerade seinen Dienst beim Bundesheer versieht, klappert er mit seinem Freund Mario Neugebauer die lokalen Tonstudios ab und knüpft Kontakte zur New Yorker Musikszene.
Wieder zuhause, findet Peyfuss Zugang zum deutschen Modemarkenlabel Sabotage. Er übernimmt den Vertrieb für Österreich, fährt fortan mit einem Suzuki-Jeep ganz Österreich auf der Suche nach coolen Gewandläden ab und macht dabei Erfahrungen, die ihm später noch zugute kommen werden. Nebenbei begründet er das Musiklabel Cheap Records mit, wo heute bekannte Künstler wie Patrick Pulsinger, Erdem Tunakan und Louie Austen unter Vertrag stehen.
Mit der Musik ist es aber bald vorbei. Ab sofort bestimmen „die Fetzen“ sein Leben. Peyfuss beginnt selber Textilien herzustellen. Fake-Product-Shirts sind seine ersten Erzeugnisse. „Von dort war es nur mehr ein kleiner Schritt zu Retrofame.“ Sein Geld musste er trotzdem bis vor kurzem noch als Layouter bei einem Medienkonzern verdienen. Der mittlerweile siebenjährige Sohn machte ein halbwegs geregeltes Einkommen nötig.

Seit letztem Jahr arbeitet Peyfuss fulltime für Retrofame. Seine Ideen holt er sich aus dem Internet, vorwiegend von seiner Lieblingssite ebay. Denn „was die alles für genialen Blödsinn verkaufen, ist gigantisch. Eine einzige Inspiration.“
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