Der schmale Grat der Erinnerung
Zwischen Hitler und Himalaya: Die Gedächtnislücken des jüngst verstorbenen Bergsteigeridols Heinrich Harrer.
Text: Rainer Amstädter
Fotografie: Verlag F. Bruckmann, Zentralverlag der Nsdap
„Alle Träume des Lebens beginnen in der Jugend.“ Mit diesen nostalgischen Worten leitete der österreichische Alpinist, Forscher und Ethnograf Heinrich Harrer 1952 den Bestseller über seine „Sieben Jahre in Tibet“ ein. Harrers unglaublicher Bericht über seine tibetische Odyssee wurde in 48 Sprachen übersetzt; seine weiteren Expeditionen, Reisebücher und Fernsehfilme machten Harrer zum österreichischen Nationalhelden.Dagegen belegen die historischen Fakten eine beträchtliche Diskrepanz zwischen dem Bild des für Tibet engagierten Menschenrechtlers und dessen Nazitum.
Mit gutem Grund wollte Harrer von seinem ersten Buch „Um die Eiger-Nordwand“, erschienen 1938 im Zentralverlag der NSDAP, mehr als ein halbes Jahrhundert lang nichts mehr wissen. „Wir haben die Eiger-Nordwand durchklettert über den Gipfel hinaus bis zu unserem Führer!“, dankte er darin Hitler überschwänglich nach dem bisher größten Erfolg seines Lebens. Die „Mordwand“, die bis dahin acht Todesopfer gefordert hatte, war bezwungen. Hitler feierte, so erinnert sich Harrer, die „Erstbegehung als Zeugnis des unbeugsamen Siegeswillens der deutschen Jugend“.
Von dem Salzburger Journalisten Gerald Lehner nach Jahrzehnten des Verschweigens 1997 mit seinen NS-Mitgliedschaften konfrontiert, stritt Harrer diese bis zum letztmöglichen Zeitpunkt ab. Nach dem Erscheinen eines Artikels in dem deutschen Nachrichtenmagazin Stern ließ sich Harrer im Sinn der Schadensbegrenzung zu einem Teilgeständnis herbei. Doch wie konnte es zu diesem eklatanten Bruch in der glänzenden Karriere Harrers kommen? Die nationalsozialistische Bilderbuchlaufbahn des „völkischen“ Österreichers Harrer gibt darüber Aufschluss.
1912 in Kärnten geboren, übersiedelt Harrer 1927 nach Graz, wird dort Alpenvereins- und Turnvereinsmitglied. Das elitäre Bildungsbürgertum von Graz war bereits um 1900 überwiegend deutschnational und antisemitisch. In den 1920er-Jahren gehören fast alle im deutschnationalen Lager politisch Tätigen außerdem Interessenvereinigungen – Alpenverein, Turnerbund, Studentenverbindungen, deutsche Schutzvereine – an, die sich satzungsmäßig oder in ihrer tatsächlichen Aufnahmepraxis zum Arierparagraphen bekennen. Vermittelt wird der Übergang zur NS-Ideologie durch eben diese Vereine, deren Mitglieder fast geschlossen zu den Nazis überwechseln.
In diesen faschistoiden Gruppierungen wird die Jugend geistig wie körperlich als Elite für kommende größere Aufgaben geschult: von den Ideen des Führerprinzips bis zur nationalsozialistischen gewaltsamen „Eroberung der Macht im Staat“. So tritt der Großteil der deutschnational dominierten Grazer Studentenschaft jener Jahre kollektiv in die SA, die „Sturmabteilungen“ der NSDAP, ein. Von 1933 bis 1938 destabilisiert die illegale österreichische SA das austrofaschistische Österreich durch systematischen Bombenterror mit hunderten Toten, tausenden Verletzten und der Vernichtung ungeheurer Sachwerte.
Harrer studiert nach der Matura in Graz Geographie und Leibeserziehung. Bereits am 1. Jänner 1933, also noch Wochen vor der Machtergreifung der Nazis in Deutschland, tritt er dem österreichischen NS-Lehrerbund bei, im Oktober 1933 wird er Mitglied der SA und deklariert sich damit als aktiver Träger der illegalen NS-Bewegung an vorderster Front. Der 2001 verstorbene Wiener Alpinist Fritz Moravec, 1956 Expeditionsleiter bei der östereichischen Gasherbrum-II-Erstbesteigung (8.035 Meter), berichtete später von Harrers fanatischem Einsatz für die Nazis.
Zwei Tage vor dem „Anschluss“ Österreichs am 13. März 1938 beantragt Harrer die NSDAP-Mitgliedschaft, die er am 1. Mai erhält. Am 1. April 1938 wird er auf sein Ansuchen als Oberscharführer in die SS aufgenommen. Dagegen behauptet Harrer bis zu seinem Tod am 7. Jänner 2006, die SS selbst habe ihm nach der Erstdurchsteigung der Eiger-Nordwand die Mitgliedschaft angetragen: „Ich glaube, ich muss aber nicht betonen, dass ich ein reines Gewissen habe.“

Die von Harrer am Eiger mitgeführte Hakenkreuzfahne wird wegen des Sturms am Gipfel nicht ausgepackt. Hitler schlachtet den Erfolg als Beweis der Überlegenheit der deutschen Herrenrasse aus, empfängt die vier Männer zum Fototermin. Harrer bekennt in seinem Eigerbuch-Beitrag, von Hitlers Worten – „Kinder, was habt ihr geleistet!“ – in Breslau zu Tränen gerührt gewesen zu sein. Von Reichsführer-SS Heinrich Himmler wird Harrer anschließend zur Nanga-Parbat-Expedition 1939 eingeladen.
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 veranstalten NSDAP und SA einen von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels befohlenen Pogrom, in dessen Verlauf in NS-Deutschland 91 Juden ermordet, fast alle Synagogen sowie mehr als 7.000 jüdische Geschäfte zerstört oder schwer beschädigt werden. Rund 30.000 Juden werden in Konzentrationslager geschickt und anschließend zur Emigration gezwungen. Bereits zwei Tage nach der Pogromnacht beruft Reichsfeldmarschall Hermann Göring eine Konferenz zur Arisierung jüdischen Eigentums ein – Deutschland soll „judenfrei“ werden.
Anders als seinen Eiger-Nordwand-Partnern wird Harrer zu Kriegsbeginn 1939 die „Gnade der frühen Gefangennahme“ zuteil. Als Nazideutschland im September 1939 Polen überfällt, wird die deutsche Nanga-Parbat-Expedition von den Engländern im nordindischen Lager Deolali interniert. Im selben Lager befinden sich die Wiener Fritz Kolb und Ludwig Krenek, die mit vier englischen Freunden im Himalaya unterwegs waren. Der Sozialist Kolb, 1902 als Sohn eines Briefträgers und einer Weißnäherin im Bezirk Hernals geboren, geht in der Lehrerbildungsanstalt in dieselbe Klasse wie Karl Popper und wird in der Zwischenkriegszeit Lehrer.
2004 erinnert sich Bundespräsident Heinz Fischer bei einer Veranstaltung in der Österreichischen Nationalbibliothek an die Freundschaft Poppers mit Kolb: „Mit seinem Freund Fritz Kolb, mit dem er wie Pech und Schwefel zusammenhielt, hat er die Lehrerausbildung gemacht. … Ich habe Kolb sehr gut gekannt. Er hat mit mir oft über Popper diskutiert, als ich Popper persönlich noch nicht kannte.“
In „Die Retortengesellschaft“, seinem unveröffentlichten Bericht über die Internierungszeit in Deolali, charakterisiert Kolb drei Gruppen der Internierten: die deklarierten Nazis, ihre Sympathisanten und die Antifaschisten. Nach der Rückkehr 1948 erzählt Kolb seiner Familie von der allgegenwärtigen physischen Bedrohung der Nazigegner durch die große Mehrzahl der Lagernazis. Er erwähnt Harrer als einen der aggressivsten Nazis, der auch nach der Wende des Kriegsglücks 1941/42 nie die Seiten wechselte, während andere Nazis bereits Angst vor der Rückkehr nach Österreich hatten. Eine Tochter Kolbs, Susanne Morawetz, AHS-Lehrerin in Salzburg, berichtet von den Erzählungen ihres Vaters: „Mein Vater erzählte mir, dass sich Harrer wiederholt gerühmt hat, in der Reichspogromnacht 1938 die Grazer Synagoge angezündet zu haben.“
Auch ein anderer Antifaschist in Deolali weiß Einschlägiges über Harrer. Es ist der deutsche Sozialist und Pazifist Herbert Fischer, der 1933 vor den Nazis nach Spanien flüchtete. Als sich dort der Bürgerkrieg abzuzeichnen begann, gelangte Fischer 1936 auf abenteuerliche Weise per Fahrrad nach Indien und in den Ashram von Mahatma Gandhi. Ein Jahrzehnt lang nahm er dort an der indischen Unabhängigkeitsbewegung teil, schrieb zwei Bücher über Gandhi.
Herbert Fischer, der während der Lagerzeit mit Kolb und Krenek beim gemeinsamen Musizieren vertraut wurde, beschreibt noch 1997 Harrers Verhalten in Deolali: „Kolb und Krenek wussten über Harrer Bescheid. Ich hatte mit ihm keinen direkten Kontakt, aber ich wurde sofort darauf aufmerksam gemacht, dass er ein doch recht gefährlicher Mann sei. Harrer war mir damals sehr unsympathisch wegen seines, wie wir es nannten, Nazigesichtes. Es wurde mir erzählt, dass Harrer, wenn er mal was getrunken hatte, sich gerühmt hat, Synagogen angezündet zu haben.“
Harrer gelingt 1944 die Flucht nach Tibet. 1946 erreicht er die tibetische Hauptstadt Lhasa und wird nach Auftragsarbeiten für die tibetische Regierung Lehrer und Mentor des Dalai Lama. Mit diesem flieht er vor der chinesischen Besetzung nach Indien und kehrt 1951 nach Österreich zurück.
Die Rolle Österreichs im Zweiten Weltkrieg wird nach 1945 verkürzt und Schuld abwehrend als Opfer der nationalsozialistischen Gewaltpolitik definiert. Gefördert wird dieser Verdrängungsprozess durch eine oberflächliche, alibihafte Entnazifizierung. Auch Harrer wird 1952 entnazifiziert.
Herbert Fischer kehrt 1947 in seine deutsche Heimat in der Oberlausitz zurück, wird erst Lehrer, dann Direktor einer Oberschule. Mitte der 1950er-Jahre beginnt er seine Tätigkeit im Außenministerium der Deutschen Demokratischen Republik und wird nach Anerkennung der DDR durch Indien dort deutscher Botschafter. 2003 schließlich bekommt Fischer vom indischen Premierminister Atal Behari Vajpayee bei dessen Staatsbesuch in Deutschland den Padma Bhushan, einen hohen indischen Orden, verliehen.

Kolb und Krenek werden bereits 1944 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, da sie außerhalb des Lagers als Lehrer tätig waren. Fritz Kolb wird 1945 österreichischer Botschafter in Pakistan, nach seiner Rückkehr in die Heimat Direktor des Instituts für Höhere Studien. Harrer seinerseits erkundigt sich nach Aussage Kolbs genau nach dessen Verbleib; Kolb entschließt sich bewusst, nichts gegen Harrer zu unternehmen. 1983 stirbt Kolb, sein sozialdemokratischer Parteifreund Heinz Fischer schreibt einen Nachruf in der Arbeiterzeitung.
Harrer selbst versuchte nach der Aufdeckung seiner NS-Mitgliedschaften 1997 den Leiter des Wiener Jüdischen Dokumentationszentrums Simon Wiesenthal für seine Sache einzuspannen. Doch Wiesenthal schwieg nach der Unterredung mit Harrer beharrlich. Was sollte er auch sagen gegenüber einem österreichischen Helden, der nichts getan hatte außer seine Karriere auf der Mitgliedschaft in NS-Organisationen aufzubauen, die an der terroristischen Zerstörung Österreichs beteiligt waren?
Schlussendlich wertete Harrer seine Nazivergangenheit als „eine der Verirrungen meines Lebens, vielleicht die größte“. Was bleibt, ist ein beträchtliches Unbehagen mit Harrers „Schubladengedächtnis“: nur das zu gestehen, was ihm nachgewiesen werden konnte. Doch da ist der österreichische Held in allzu bekannter Gesellschaft mit nicht so wenigen anderen.
0 Kommentare - Kommentar verfassen -















