DER PRINZ … trifft Peter Pilz
Peter Pilz hat dieser Tage viel Stress. Die instabile politische Lage, die Eurofighter, die Grünen. Und überhaupt. Schlafen tut er trotzdem gut.
Guten Morgen, Herr Prinz.“ Ja, antworte ich, drehe Lily Allen leiser und weiß nicht, wer hier mit mir am Handy spricht. „Haben Sie meine Nachricht noch bekommen?“ Nein, sage ich, während die Ampel zur Zweierlinie beinahe mutwillig schnell von Orange auf Rot springt. „Oje, wo sind Sie denn jetzt schon?“ Es ist Frau Nussbaum vom grünen Parlamentsklub, mit der ich am Vortag das Treffen mit Peter Pilz ausgemacht habe. Offenbar hat sie mich schon vor zehn Minuten zu erreichen versucht. Doch da werde ich bereits in meinem Auto gesessen sein. Mit Lily Allen. Und mein Handy, das höre ich dann nicht. Außer ich sehe das Display mit einem Anruf aufleuchten. Wie eben vorhin am Beifahrersitz.
„Wissen Sie, ich glaub, der Untersuchungsausschuss hat gestern ziemlich lang gedauert, und ich hab den Peter Pilz nicht mehr erreicht. Jetzt in der Früh hat er auch noch nicht abgehoben. Wahrscheinlich, also vielleicht ... Jedenfalls ist ab zehn Uhr Parlamentsplenum, und dort kommt er sicher hin. Hoffentlich finden wir da eine halbe Stunde.“ Ja, antworte ich erneut. Nur, wie mache ich das jetzt dem Fotografen klar? „Peter Pilz schläft“, erzähle ich ihm. Und Gianmaria Gava lacht.
Das ist gut. Denn er steht schon vor dem Haus des grünen Parlamentsklubs in der Löwelstraße. In der Kälte, mit seinem Fotorucksack. Da helfen keine langen Erklärungen. Mittags dann im neuen Eingangsbereich des Parlaments. Ländliche Abgeordnete begrüßen ländliche Besucherkleingruppen. Journalisten gehen ein und aus. Die einen haben roten Backen, die anderen sehen ziemlich grau aus. Ausgeschlafen wirken sie alle nicht. Wo ist Peter Pilz?

Eine halbe Stunde nach dem vereinbarten Termin rufe ich Frau Nussbaum schließlich noch einmal an. „Und“, fragt sie gleich, „hat es jetzt geklappt? Oh …“ Zehn Minuten später sitzen wir mit Pilz in einem Besprechungszimmer im Parlament. „Ich muss mir ein paar Dokumente vom U-Ausschuss runterladen. Der hat 15 Stunden gestern gedauert.“ Er klappt seinen Laptop auf. „Aber wir können gern daneben reden.“ Ob er nicht müde sei, frage ich ihn, während er seine Passwörter eingibt. Nein, müde nicht. Höchstens Sitzprobleme habe er danach gehabt.
Das Telefon läutet. Ein Schmunzeln, dann ein Lachen. Irgendjemand, so viel ist beim nächsten Satz klar, habe einen ziemlichen Boscha – sinngemäß eine Art steirischen Vogel. Im Laufe des Gesprächs bekommen dann auch noch einige andere einen solchen zugeordnet. Während er über die SPÖ redet, die fehlende oder zu wenig wahrgenommene Kulturpolitik der Grünen, die Behäbigkeit der Parteien und seine Freude an der derzeitigen politischen Lage.
„Das ist nichts Schlechtes. Ich finde politische Instabilität recht erfrischend. Und ich bin dafür, politisch instabile Verhältnisse zu nutzen. Die Beweglichsten und Motiviertesten werden am meisten profitieren.“ So viel ist für ihn klar. Ebenso, dass er zu jenen gehören wird. „Wenn du anfängst, zu kompliziert zu denken, wirst du handlungsunfähig. Du kannst immer nur sagen, was du in einer gewissen Situation für richtig hältst. Wer dann aber anfängt, vorauszdenken und wie ein Schachcomputer zu agieren, verliert sich in Konditionalsätzen.“
Je länger das Gespräch dauert, desto weniger frage ich oder widerspreche. Sondern sehe ihm beim Reden zu. „Ja, es macht mir Spaß. Denn zwei Dinge stehen fest. Erstens: Ich habe mein ganzes Leben das gemacht, was ich gern mache. Wenn ich das nicht mehr machen will, beginne ich etwas anderes. Und zweitens: Ich werde nie einen Chef haben. Beides hat bis jetzt immer funktioniert.“ Er sieht versonnen aus, wenn er so redet. Beinahe still. Wie jemand, der schläft. Doch er verliert sich nicht. Nicht einmal im Schlaf.
Martin Prinz ist Schriftsteller in Wien
Bisher erschienen:
DER PRINZ … trifft Hermes Phettberg
DER PRINZ … trifft Claudia Unterweger
DER PRINZ … trifft Bernhard Rieder
DER PRINZ … trifft Laila Daneshmandi
DER PRINZ … trifft Peter Pilz
DER PRINZ … trifft Josef Hickersberger
„Wissen Sie, ich glaub, der Untersuchungsausschuss hat gestern ziemlich lang gedauert, und ich hab den Peter Pilz nicht mehr erreicht. Jetzt in der Früh hat er auch noch nicht abgehoben. Wahrscheinlich, also vielleicht ... Jedenfalls ist ab zehn Uhr Parlamentsplenum, und dort kommt er sicher hin. Hoffentlich finden wir da eine halbe Stunde.“ Ja, antworte ich erneut. Nur, wie mache ich das jetzt dem Fotografen klar? „Peter Pilz schläft“, erzähle ich ihm. Und Gianmaria Gava lacht.
Das ist gut. Denn er steht schon vor dem Haus des grünen Parlamentsklubs in der Löwelstraße. In der Kälte, mit seinem Fotorucksack. Da helfen keine langen Erklärungen. Mittags dann im neuen Eingangsbereich des Parlaments. Ländliche Abgeordnete begrüßen ländliche Besucherkleingruppen. Journalisten gehen ein und aus. Die einen haben roten Backen, die anderen sehen ziemlich grau aus. Ausgeschlafen wirken sie alle nicht. Wo ist Peter Pilz?

Eine halbe Stunde nach dem vereinbarten Termin rufe ich Frau Nussbaum schließlich noch einmal an. „Und“, fragt sie gleich, „hat es jetzt geklappt? Oh …“ Zehn Minuten später sitzen wir mit Pilz in einem Besprechungszimmer im Parlament. „Ich muss mir ein paar Dokumente vom U-Ausschuss runterladen. Der hat 15 Stunden gestern gedauert.“ Er klappt seinen Laptop auf. „Aber wir können gern daneben reden.“ Ob er nicht müde sei, frage ich ihn, während er seine Passwörter eingibt. Nein, müde nicht. Höchstens Sitzprobleme habe er danach gehabt.
Das Telefon läutet. Ein Schmunzeln, dann ein Lachen. Irgendjemand, so viel ist beim nächsten Satz klar, habe einen ziemlichen Boscha – sinngemäß eine Art steirischen Vogel. Im Laufe des Gesprächs bekommen dann auch noch einige andere einen solchen zugeordnet. Während er über die SPÖ redet, die fehlende oder zu wenig wahrgenommene Kulturpolitik der Grünen, die Behäbigkeit der Parteien und seine Freude an der derzeitigen politischen Lage.
„Das ist nichts Schlechtes. Ich finde politische Instabilität recht erfrischend. Und ich bin dafür, politisch instabile Verhältnisse zu nutzen. Die Beweglichsten und Motiviertesten werden am meisten profitieren.“ So viel ist für ihn klar. Ebenso, dass er zu jenen gehören wird. „Wenn du anfängst, zu kompliziert zu denken, wirst du handlungsunfähig. Du kannst immer nur sagen, was du in einer gewissen Situation für richtig hältst. Wer dann aber anfängt, vorauszdenken und wie ein Schachcomputer zu agieren, verliert sich in Konditionalsätzen.“
Je länger das Gespräch dauert, desto weniger frage ich oder widerspreche. Sondern sehe ihm beim Reden zu. „Ja, es macht mir Spaß. Denn zwei Dinge stehen fest. Erstens: Ich habe mein ganzes Leben das gemacht, was ich gern mache. Wenn ich das nicht mehr machen will, beginne ich etwas anderes. Und zweitens: Ich werde nie einen Chef haben. Beides hat bis jetzt immer funktioniert.“ Er sieht versonnen aus, wenn er so redet. Beinahe still. Wie jemand, der schläft. Doch er verliert sich nicht. Nicht einmal im Schlaf.
Martin Prinz ist Schriftsteller in Wien
Bisher erschienen:
DER PRINZ … trifft Hermes Phettberg
DER PRINZ … trifft Claudia Unterweger
DER PRINZ … trifft Bernhard Rieder
DER PRINZ … trifft Laila Daneshmandi
DER PRINZ … trifft Peter Pilz
DER PRINZ … trifft Josef Hickersberger
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