Letzte Fragen an ... die Grüne Jugend
„Eine Fahne ist zuerst einmal ein Stück Stoff“
Interview: Klaus Stimeder
Fotografie: GAJ
Dokumentation: Saskia Jungnikl
Miriam Richter (22) ist Aktivistin der Grünalternativen Jugend Wien (GAJ) und wollte angesichts der Reaktionen, die ihre Organisation nach den jüngsten Vorfällen bekommen hat, nicht mit Bild im Blatt aufscheinen. Die GAJ hatte mit dem links abgebildeten Plakat Aufsehen erregt. FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky verlangte daraufhin, dass die Grünen „rasch aus dem Parlament fliegen“, da es sich „nur mehr um eine Tarnorganisation von heimatverachtenden Kommunisten“ handle. Die GAJ Wien gibt es seit 1992. Entstanden ist sie ursprünglich aus dem „Arbeitskreis“, einer losen Verbindung junger Grüner. Die GAJ versteht sich als „basisdemokratische“ Organisation ohne offiziellen Vorstand. Geld bekommen die Junggrünen von der Wiener Landespartei und über die Landesjugend- förderung der städtischen Magistratsabteilung für Bildung und außerschulische Jugendbetreuung (MA 13). Die GAJ hat nach eigenen Angaben fünfzig „AktivistInnen“. Viermal jährlich gibt sie die Zeitung „Suspect“ heraus (Auflage rund 8.500 Stück). Die GAJ Wien war die erste von acht Teilorganisationen der bundesweiten Grünalternativen Jugend (nur in Niederösterreich gibt es keinen Verband). Seit 2005 ist sie eine offizielle Jugendorganisation der Grünen. Dennoch sei die Gruppe „völlig autonom, rechtlich unabhängig, mit eigenen Statuten“, sagt Grünen-Bundesgeschäftsführerin Michaela Sburny. Österreichweit hat die Gruppe eigenen Angaben zufolge rund 3.000 Mitglieder.
„Nimm ein Flaggerl für dein Gaggerl“ und „Wer Österreich liebt, muss Scheiße sein“ war jüngst auf einem Plakat der Grünalternativen Jugend Wien (GAJ) zu lesen – Sätze, die die FPÖ in Gestalt ihres Generalsekretärs Harald Vilimsky schwer in Rage brachten („grüne Berufsnestbeschmutzer“). Entsprechen diese Aussagen der offiziellen Linie der GAJ? Und was sollen sie bedeuten?
Wir stehen nach wie vor zu diesem Plakat – und damit auch zu den Aussagen. Weil wir finden, dass der Nationalismus in Österreich viel zu unkritisch gesehen wird. Die Reaktionen darauf haben uns darin nur noch bestätigt. Wenn irgendwelche anonymen Fußballfans in einschlägigen Internetforen als Reaktion auf unser Plakat Sätze posten wie „Es sads doch olle des gleiche Gsindel. (…) Zum Glück steht Mauthausen noch“, dann weiß man, dass schleunigst eine Diskussion über Nationalismus in Österreich geführt werden muss. Nationalismus ist etwas Negatives: Er grenzt aus und tötet. Es geht nicht an, dass sich das Land gegenüber Migrantinnen und Migranten immer mehr abschottet.
Die Kritik Vilimskys hatte sich auch auf einen Podcast auf der Internetseite der Wiener Grünen bezogen – zu dem ein Link der GAJ-Homepage führte und in dem dazu aufgefordert wurde, am Nationalfeiertag „einmal auf die Fahne zu brunzen“. Wie ist denn das gemeint? Und warum sollte man das tun?
Eine Fahne ist zuerst einmal ein Stück Stoff. Und damit kann man alles Mögliche machen – zum Beispiel Hundekot vom Boden aufwischen. Uns ist schon klar, dass eine Fahne wie die österreichische etwas Geschichtsbeladenes darstellt, aber das ändert nichts daran. Deshalb haben wir mit dieser Art der satirischen Überspitzung im Gegensatz zu den politischen Gegnern auch keinerlei Probleme. In unserem Empfinden ist das, was die österreichische Fahne repräsentiert, durchwegs mit Negativem besetzt.
Die FPÖ hatte ihre Kritik zwar auf die GAJ bezogen, aber auch gleich auf die grüne Bundespartei umgemünzt („Tarnorganisation von heimatverachtenden Kommunisten“). Welches Verhältnis pflegt die GAJ zu den Grünen?
Wir sind eine autonome Teilorganisation der Grünen, nicht mehr und nicht weniger. Das heißt, dass wir von den Grünen ein bestimmtes Budget erhalten und dann autonom darüber entscheiden, wie wir es einsetzen – um zum Beispiel Plakate zu drucken, Aktionen zu starten et cetera.
Kamen eigentlich Reaktionen von der Mutterpartei auf die Aktion?
Von Parteiseite gab es keine offizielle Stellungnahme. Natürlich gab es aber einzelne Parteimitglieder, die gemeint haben, dass die Idee, eine Nationalismusdebatte anzustoßen, schon gut gewesen sei, nur dass die Umsetzung ein wenig zu radikal gewesen sei. Aber wie gesagt: Wir stehen sowohl zum Plakat als auch zum Lied, obwohl wir mit Letzterem nichts zu tun haben. Und was Ersteres angeht: Alle Medien haben sich nur auf den Untertitel des Plakats gestürzt und das, was darüber gestanden ist, einfach unterschlagen.
Schön und gut. Aber warum ist dann der betreffende Podcast mittlerweile von der Homepage verschwunden? Und das Plakat auch?
Was den Podcast angeht: Das wissen wir nicht, aber das ist auch nicht unsere Sache. Wir haben nur einen Link gelegt. Warum die Wiener Grünen das Lied von ihrer Homepage entfernt haben, verstehen wir auch nicht. Wir hätten es auf jeden Fall stehen gelassen. Was das Plakat angeht: Jenes, das in unserem Fenster in der Lindengasse hing, haben wir deshalb weggenommen, weil es uns zu gefährlich wurde. Angesichts der Reaktion hatten wir einfach Angst, dass jemand die Scheibe einschlägt.
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