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Japan schenkt anders

Weihnachten ist vorbei und damit auch Verlogenheit und Hintergedanken des Schenkens. Jenseits unserer Kultur existieren aber auch andere Arten des Gebens.

Hans Platzgumer, Jahrgang 1969, ist Musiker (u.a. hp.stonji, H.P. Zinker, Queen of Japan), Komponist, Produzent und Autor („Expedition“, Skarabaeus)


In Japan hat das Geben, um eigenen Gewinn daraus zu ziehen, eine lange Tradition. Die zwei Gesichter des Schenkens sind offiziell anerkannt und tief in der Gesellschaft verankert. Das generationenüberspannende System hat einen Namen, auch wenn ihn niemand ausspricht: Gi Ri. Die chinesischen Schriftzeichen für Gerechtigkeit (Gi) und Vernunft (Ri) stehen für die ungeschriebenen Verhaltensregeln im beständigen Fluss von großen und kleinen Geschenken für Gefallen, Freundschaftsdienste und Aufmerk- samkeiten, die ständig hin und her wandern.

Schon seit den Zeiten der Samurai gilt es in der japanischen Ober- und Unterwelt (Yakuza), durch alle Schichten hindurch, sich über das dauernde Beschenken immer wieder gegenseitig in Erinnerung zu rufen. Bekannte, Verwandte, Geschäftspartner, ob Lieferant oder Verlobter, beim Gi Ri wird niemand ausgespart und kein Unterschied gemacht, wie nahe man dem Gi-Ri-Partner steht, sofern er einen gewissen Nutzen und eine Bedeutung hat.

Dem Europäer sind solche Gaben höchstens als Gast- oder Werbegeschenke und Mitbringsel verständlich. Doch in Japan ziemt es sich durchaus, andere Leute durch das Beschenken in ein Abhängigkeitsverhältnis zu drängen. Schließlich muss man sich selbst ja immer wieder von aufgebürdeter Schuld freikaufen und steht schon von klein auf mittendrin in dem Kreislauf der Waren und Hilfen, wo jeder positive oder negative Kontostand registriert und bei nächster Gelegenheit ausgeglichen wird. Ein jeder steckt in einem mehr oder weniger komplexen Gi-Ri-System. Auch ich bin schon in diesem Netz gelandet. In meinem assimilatorischen Übereifer reise ich meist mit ebenso vielen Gastgeschenken nach Japan, wie ich mit Willkommensgeschenken zurückkehre.

Geschenkt wird aber nicht nur beim Kommen und Gehen, sondern bei allen möglichen Anlässen und Gelegenheiten. Also halte ich schon vorbeugend die Augen offen und horte potenzielle Geschenklein in einem Fach meines Kastens. Denn als Gi-Ri-Geschenk eignet sich alles; nicht einmal das Schenken von Banknoten ist in Japan tabuisiert. Diesen Schritt habe ich bislang aber noch nicht gewagt. Da ist eine kulturelle Barriere in meinem Kopf. Es gibt ohnehin genügend anderes zu geben. Man muss nur die Übersicht bewahren, wer in wessen und welcher Art Schuld steht, wer beim Geben oder Nehmen an der Reihe ist und wer über welche Möglichkeiten verfügt.

Es empfiehlt sich ja eine gewisse Zurückhaltung – Anstand, könnte man in Europa sagen. Der Gi-Ri-Partner soll schließlich niemals in allzu große Schuld gebracht werden. An zwei Terminen im Jahr, den Gi-Ri-Stoßzeiten – jeweils eine Woche im Sommer und im Winter –, wird das Schenken forciert. Da gilt es, niemanden zu vergessen. Oder eben auch ein Zeichen zu setzen, dass man aussteigen will aus dem Kreislauf: durch Passivität Fu Gi Ri betreiben, also Anti-Gi-Ri. Es ist ein leiser, unausgesprochener Ausstieg aus dem System. Und in seiner aggressiven Stille eine unerhörte Provokation.

Es bedarf eines starken Willens, Fu Gi Ri zu praktizieren. Wer es tut, hat meist einen konkreten Anlass oder will sich durch das Verweigern der Regeln bewusst ins Abseits stellen. Ein Schritt, den nur Exzentriker, Drop-outs, Otakus, Punks, Nihilisten jeglicher Couleur wagen. Menschen, die von der in Japan erst im Entstehen begriffenen, fremd und unsinnig anmutenden Idee des Individualismus befallen sind.

Alle anderen setzen auf das kulturell überlieferte Wissen der großen Gemeinschaft, wonach ein Individuum allein keinen besonderen Wert hat. Was zählt, ist, wie es sich in der Gesellschaft einordnet und nützlich macht. Dementsprechend wird beim Gi Ri auch nicht das Individuum beschenkt, sondern die Gemeinschaft, zumindest das eigene, gerade noch überschaubare Gi-Ri-System.

Persönliche Geschenkanlässe wie Geburtstage oder auch Weihnachten besitzen in Japan keinen großen Stellenwert. Westliche Feiertage und Rituale werden zwar in den Kalender aufgenommen und nachgeahmt, aber Momente, wo das Schenken einen allzu persönlichen Beigeschmack bekommt, bleiben eine Seltenheit – ähnlich bedeutungslos wie ein Handschlag zur Begrüßung oder gar der drei-, vierfache Wangenkuss der Frankophilen.

Mit diesem Wissen sind meine Japanreisen stets eine Gi-Rische Zelebration. Von mir als Ausländer wird das Mitspielen im Gi Ri nicht vorausgesetzt. Ich kann mich immer und überall an kleinen, wunderbaren Aufmerksamkeiten erfreuen und stehe darüber hinaus in keiner Pflicht, sie zu erwidern. Und schon übertrage ich die Gi-Ri-Gesetze auf die europäische Gesellschaft und lande im Schlamassel. Kann es sein, dass ich das Gi Ri besser verstehe als die weihnachtlichen Zwangsbeschenkungen im Westen? Will auch ich mich, egal in welcher Kultur, ständig nur mehr von Schuld freikaufen, andauernd Gaben und Gefallen vorlegen und retournieren? Führe auch ich meine heimlichen Gi-Ri-Listen, bloß noch versteckter als die Japaner, gehemmter, ja geradezu mit einem schlechten Gewissen, weil es doch eigentlich meinem Moralempfinden wider- spricht? Tue ich etwas Schlechtes, wenn ich Menschen nach ihrem Gi Ri beurteile?

Oder will auch ich einfach nur mehr Fu Gi Ri betreiben? In den Zeitzonen ist meine Gewissheit verloren gegangen, und nach der Horizonterweiterung bleibt mir nur mehr ein Gebot: die Zurückhaltung. Die nächste Disziplin, in der die Japaner Weltmeister sind. Von keiner Reise kommt man unverändert zurück.



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