Inhalt

zur Navigation

Elferschiessen In der Ostliga

50 Mal DATUM kann nicht genug sein. Täglich „Krone“, „Österreich“ und Co. sind es definitiv – eine Polemik über die österreichische Zeitungslandschaft aus immer wieder gegebenen Anlässen.

Text: Nikolaus Glattauer
Illustration: Thomas Hamann
wueste-mit-tier-und-zeitung

Eigentlich hätte ich viel lieber etwas über Fußball geschrieben als über Dichand, sage ich zu meinem Freund W.

– Eigentlich hätte ich lieber über Fußball geschrieben als über Dichand.
– Über Onkel Hans?
– Und über Frau Eva.
– ---
– ---
– Was über Fußball?
– Über den österreichischen Fußball.
– Also eh nicht über Fußball (hoho, haha!)…


Mit so etwas hast du als Österreicher zu leben gelernt. Überhaupt dann, wenn du Sportklub-Anhänger bist. Die haben seinerzeit Juventus Turin 7:0 aus dem Praterstadion geschossen. Jetzt gegen Horn 2:3 in Horn, eh mit Pech, aber trotzdem halt 2:3 gegen Horn statt 7:0 gegen Turin. Erinnert sich noch einer an Lothar Ulsaß? Den holten wir uns Anfang der Siebziger aus Braunschweig. Er hatte zwar schon einen Bauch, als er kam, aber er hatte auch die ur Übersicht. Er war der Spielmacher.

Der, der die weiten Passes gab, der, der die Freistöße schoss. Aber eine Besonderheit hatte Ulsaß’ Spiel: Er brachte beim Schießen den Ball nicht hoch, nicht in neun von zehn Fällen. „Ulsaß – hoch!“ brüllten wir Schüler auf den Stehplätzen jedes Mal, wenn Ulsaß aus dem bewegten Schritt heraus antrat, ausholte – und den Ball dann doch wieder nur an irgendein Schienbein semmelte. Was all das jetzt in einem Text über die österreichische Zeitungslandschaft zu tun hat? Erstens abwarten und zweitens, weil das alles die gleiche Liga ist: der Wiener Sportklub, die österreichische Nationalmannschaft, die österreichische Zeitungslandschaft – alles Ostliga.

– Du, wir feiern im Jänner 50 Mal DATUM. Magst du uns nicht etwas schreiben?
– Über was?
– Über die österreichische Zeitungslandschaft.
– Oje.
– Eben.


Die Zeitungslandschaft in Österreich ist eine einzige Niederlage, schreibe ich also. Das kriegt einer spätestens dann mit, wenn er umständehalber längere Zeit im Ausland verbracht hat. El Mundo gegen die Presse: 3:0. El Pais gegen den Standard: 3:0. Newsweek gegen profil: 3:0. Focus gegen News: 3:0. Fadgas Dagbladet gegen den Kurier: 0:3. Nur die Krone weigert sich standhaft, gegen einen „ausländischen Gegner“ anzutreten. Krone gegen Österreich also. Und die sind dort seit Stunden beim Elferschießen.

Lange nach Mitternacht ist es bereits, das Flutlicht längst abgedreht, keiner der Zuschauer sieht mehr den Ball. Aber alle 20 Sekunden geht ein Megafon an, durch das abwechselnd einer der beiden Trainer brüllt: „Wir haben wieder getroffen! Exklusiv!“ Österreichs Zeitungslandschaft ist eine Wüste, hat einmal einer geschrieben. Dem stimme ich zu. Freilich kommt es darauf an, wie man Wüste definiert. Für mich zum Beispiel sind Kinderspielplätze Wüste: Alle vergnügen sich, und ich verstehe es nicht. Alle trinken Eistee, und ich mag keinen Eistee.

Für mich ist Disney World der Supergau. Potemkinscher Mickey-Maus-Spaß (mit ss), nirgendwo Schauspieler, überall nur Darsteller, einige auf Stelzen, viel zu groß, aber alle finden das lustig, mit viel zu großen Schuhen, aber alle finden das lustig. Und dazwischen Luftballons. Ich fühle mich in der österreichischen Zeitungslandschaft wie in Disney World. Nur dass bei uns die Luftballons die Hauptrolle spielen: „Aus für Marlies Schild!“ – „Wen würden unsere Haustiere wählen?“ – „Brüssel will uns die Marmelade verbieten!“ – „Die neue Regierung – die neuen Minister. Exklusiv!“ Wer Mickey und Goofy sagt, muss natürlich auch manchmal Kater Karlo sagen. In regelmäßigen Abständen wird daher ein „Black Pete“ in den Blätterwald geschickt.

In der Krone ist dieser der Einfachheit halber dann meistens ein drogendealender Afrikaner, im Notfall tut’s aber auch eine dealresistente ÖVPlerin. Heute wiederum greift gern zu Grünem. Außerdem zu jeder Frau, die vom Leben mehr will, als das Holz vor ihrer Hütte zu schlichten. Auffällig oft ist als Kater Karlo daher Eva Glawischnig zu sehen. Der Kurier zum Ausgleich sieht, wenn er Schwarz sieht, generell rot: seinerzeit Kreisky, dann Gusenbauer, jetzt Faymann – alle grundsätzlich hinterlistig, böse und arg. Doch auch die so genannten Qualitätszeitungen kommen ohne ihre Bösewichte nicht aus. Im Standard ist jeder der Schwarze Mann, der blau oder orange ist, jeder, der raucht, jeder, der ein Gackerl macht (vorläufig noch auf Hunde beschränkt), und außerdem jeder, der Israel nicht super findet.

In der Presse ist es, umgekehrt, jeder, der Israel schon super findet, aber dafür Michael Fleischhacker nicht. In Österreich (um zum Gratis-Sortiment zurückzukehren) jeder, der Österreich nicht super findet und/oder dort nicht inseriert und/oder Gusenbauer heißt. Okay, Gusenbauer, Vater, war ja, ehe ihn die eigenen Burgstallers und Hundstorfers über die Klinge springen ließen, in der ganzen Liga der Schwarze Mann. Hickersberger seinerzeit auch, jetzt ist es Brückner. Hickersberger ging, bevor er springen hätte müssen (das wäre spätestens nach Färöer II gewesen). Das Problem ist: Was macht man mit Brüssel? Brüssel kann weder gehen noch springen. Ob sie Brüssel jetzt aus der Ostliga ausschließen werden?

Bis es soweit ist, werden sie „denen in Brüssel“ jedenfalls scharf auf die Finger schauen, oder wenigstens dem Manneken Pis auf sein Spatzi. Im News-Verlag z.B. haben sie dafür ja ihre Aufdeckerzeitungen gegründet, tv media z.B. Die hatten bis vor kurzem einen Chefredakteur, Atha Athanasiadis, der hat uns auch in jedem seiner (sonst eh ziemlich lustigen) Kommentare ganz offenherzig erklärt, wie man das in Österreich am besten macht: mit Verkleiden! Das geht so: Menschen wie du und ich verkleiden sich als Journalisten, dann verstecken sie sich, und wenn einer kommt, den sie nicht leiden können, oder besser: von dem sie annehmen, dass ihn die Leserinnen und Leser nicht leiden können – also Brüssel, der ORF, die Regierung, linke Denker, überhaupt Denker, das Ausland, usw. –, springen sie heraus und machen hu! tv media hat unter Atha A. jeden Mittwoch hu! gemacht, jetzt macht News jeden Dienstag „hu!“ und Format jeden Freitag.

Nicht, dass das zum Beispiel im ORF auch nur eine Sekretärin erschrecken würde, aber die Leser glauben es. Sogar wenn man ihnen die anders lautende Wahrheit HINSCHREIBT. Atha A. schrieb anlässlich der unglücklichen Haider-Versterbung in seinem Editorial: „Haider war bei uns so oft am Cover – (NICHT etwa, weil seine Aussagen politische Relevanz gehabt hätten, Anm. d. Autors), sondern, Zitat: „…, weil News nur Cover mit Menschen oder Geschichten macht, die bewegen. Weil nur Cover, die bewegen, auch verkaufen.“ Muss man dem noch etwas hinzufügen? Nein, muss man nicht.
Um bei den Dramoletten des Lebens zu bleiben. Eva Dichand kaufte sich 2006 eine Hose und ging mit mir essen. Da war ich Nebenerwerbs-Chefredakteur eines ihrer Magazine – Neue Stadt oder nur Stadt oder Faymann aktuell, ich weiß nicht mehr.

Alles in allem war es ziemlich brrrr. Frau Eva hat nämlich – pscht! – von Zeitungmachen gar nicht d i e Ahnung. Aber sie hat halt d e n Namen. Und d e n Schwiegervater. Und der hat d a s Geld. Und darum sagt ihr das keiner. Wollen Sie wissen, welche Umfragewerte Faymann aktuell gehabt hatte, ehe es Faym… äh… Eva Dichand einstellen ließ? Nein, das wollen Sie gar nicht wissen. Dabei hatte sie in den heiklen Situationen des journalistischen Alltags – die Frage des Cover-Fotos, heikle Sätze, heikle Namen – eh immer ihren Schwiegervater angerufen. Nutzte alles nichts: Ging einfach nicht, das Rezept: desperate wifestyle für den Gemeindebau.

Was mit ihrem neuen Magazin Live ganz anders geworden ist. Seit Chefredaktrice Nadia Weiss dort regelmäßig mit dem Schwiegervater auf eine Melange geht. Ordentlich nachfragen tut die Redaktrice dort zwar eher nicht, aber das holt sie im Auftrag des Schwiegervaters dann in der Kronen Zeitung nach, wo sie von Conny Bischofberger das große Sonntagsinterview geerbt hat und jetzt spröde Interviewpartner wie Harald Serafin, Maggie Entenfellner, Alfons Haider, Niki Lauda, Maggie Entenfellner oder Harald Serafin zur Rede stellt. Ungefähr so:

– Und Sie, Herr Soundso mit dem
…hm … Dackelblick, haben Sie
sich denn verändert, seitdem Sie
berühmt sind?
– Verändert? I? wo? Ich bin immer
noch derselbe gute Mensch, den
(Hervorhebung d. Red.) alle
Österreicher lieben.
– Aber, jetzt einmal ganz ehrlich
(Nachfrage!): Viele andere schaffen
das nicht so gut wie Sie. Was sagen
Sie dazu?
– Da haben Sie schon Recht.
– Nein, nein. S i e haben Recht.
Ich bin ja nur die Fragestellerin.

Usw. Damit bin ich beim Godfather der österreichischen Zeitungslandschaft angelangt; Onkel Hans, wie er seit einigen Monaten despektierlich genannt wird. Ich will mir diese Vertraulichkeit nicht herausnehmen. Zumal ich in sieben Jahren Kronen Zeitung niemals schlecht von ihm behandelt worden bin. Einmal lässt er mich und meinen Kollegen Christoph Biró (der ist jetzt Chefredakteur der Steirer-Krone) zu sich rufen. Gratuliert uns mit Handschlag (und einem kleinen Kuvert) zu unserer Arbeit als Ressortleiter Gericht, dann schiebt er eine Ausgabe der Zeit über den Tisch, wischt mit einer weit ausholenden Handbewegung über das ganzseitige Psychogramm eines vermeintlichen Doppelmörders und sagt: „Schade, dass wir nicht öfter solche Geschichten haben.“ Wir schauen ihn fassungslos an. Bis er hinzufügt: „Kleiner natürlich.“ Pause. „Und weniger aus der Sicht des Täters.“

Hans Dichand hat in Österreichs medialer Disney World d i e Marktlücke gefunden: Unterhaltung für Donald Duck. Der ist geizig, neidig, bissig, kleinlich und vor allem duckmäuserisch, aber in seiner österreichischen Menschwerdung als Herr Karl hat er immerhin das goldene Herz! Seinen letzten Bausparer würde der Krone-Leser hergeben, wenn er einem blonden österreichischen Kinderl damit helfen könnte, das was gegen die EU und für die immerwährende Neutralität ist. Überhaupt steht die Krone auf das Immerwährende. Darum liest man Kräuter-Kolumnen von Toten (Kräuterpfarrer Weidinger, † 2004) und Dichand-Kolumnen, unter welchen zum Beispiel Claus Pándi steht.

– Clausihasi, kannst du bitte das
Mistsackerl runtertragen?
– Gleich, Schatzimausi, ich muss nur
noch schnell den Aufsatz verbessern.
– Hat dir denn Onkel Hans diesmal
keinen Einser gegeben?
– Doch, doch. Ich hab ihn eh wieder
so geschrieben, dass er glaubt, dass er
von ihm ist. Ich musste diesmal
nur ,Suchen: Busek. Ändern:
Plassnik’ machen, zwölf
Ersetzungen, eh nicht die Welt.
– Was verbesserst du dann noch, Hasi?
– Er hat gesagt, ich soll ihm ein paar
Beistriche durch Punkte ersetzen.
Beistriche, sagt er, verstehen die
Ausländer nicht. Find ich eh auch.
– Aber denk dran, der Bundeskanzler
hat gern Doppelpunkte.

Ein anderer Spielmacher der Ostliga ist Richard Schmitt, Chefredakteur der Wiener U-Bahn-Gazette Heute. Ein Mann, der ein Spiel noch umdrehen kann, wenn er einen guten Tag erwischt. Dank Schmitt weiß jetzt ganz Österreich z.B., dass Natascha Kampusch im Grunde eine bl(zensuriert) F(zensuriert)ist, die nur endlich einmal richtig d(zensuriert) gehörte, dann würde die nämlich wissen, wie man mit einer richtigen Zeitung umzugehen habe, die b(zensuriert) S(zensuriert). Damit es jetzt keine Missverständnisse gibt: Zensuriert ist hier nur, was Heute-Leserbriefschreiber/innen so alles zwischen ihre Zeilen geschrieben haben, nachdem der Anwalt von Natascha Kampusch geklagt hatte, nachdem die ein privates Foto, das… egal.

Auf die Meinung seiner Leser hat natürlich selbst der bemühteste Chefredakteur wenig Einfluss. Womit ich bei Österreich bin. Jetzt werden Sie staunen: Ich mag Österreich. Wir alle mögen es. Fragen Sie meine Schüler.

– Herr Lehrer, müssen wir heute in
Deutsch wieder lesen?
– Nein, ich habe jedem ein
„Österreich“ mitgebracht.
– Jö! Spielen wir dann DVD bestellen?
– Morgen. Heute besprechen wir am
Beispiel „Österreich“ den
Unterschied zwischen anscheinend
und scheinbar.
– Schein… was?
– Scheinbar: Etwas steht wo,
ist aber nicht so.

Ich kenne Österreich primär vom Sonntag her. So sind wir eigentlich ganz gute Freunde geworden: Alle Ostliga-Ergebnisse, immer ein paar Zeilen über den Wiener Sportklub, alle Kinos, alle DVDs aller namhaften Österreich-Leser (von Falco bis Obama), alle Razzien in Nachtclubs, überhaupt alles über Nachtclubs, alle Gehälter, alle Notdürfte. Österreich ist Österreichs einzige echte Boulevardzeitung, die Rapid-Amateure der Ostliga quasi.
Ich sage immer: Wenn du etwas wissen willst, was du nicht zu wissen brauchst, und dieses unabhängig davon, ob es auch war, führt an den beiden Wolfgangs kein Weg vorbei. Wolfgang Höllrigl macht den Lokaleteil (Spezialgebiet, wie gesagt: Nachtlokale). Wolfgang Fellner schaukelt den Rest der Welt.

– Was heißt, du hast die Geschichte
nicht?
– Die Gusenbauer-Connection zum
Medellín-Kartell bestätigt …mir …
keiner.
– Dann ruf halt an in Kolumbien!
– Aber ich kann nicht Spanisch.
– Eben, du Trottel!

Als vor dem Start des Magazins News in aller Stille die ersten Dummys gemacht wurden, wollten einige vom Rest des Teams (darunter ich) wissen, wohin die Reise gehen würde. Da stellte Fellner nur zwei Worte in die spannungsschwangere Stille:

– Champions League!
– (Wir, mit kurzer Verzögerung:) Jö.
– (Er, mit kurzer Verzögerung:)
Inhaltlich zwischen „Spiegel“ und
„Bunte“. Aber näher beim „Spiegel“.

Spiegel klang beruhigend. Ich kam von der (eingestellten) AZ – und im Zusammenhang mit dieser fiel einem bestenfalls Rückspiegel ein. Andererseits kannte ich Wolfgang Fellner aus meiner Zeit beim Kurier.

– Wie meinst du das:
Wie der „Spiegel“?
– A- und B-Schicht.
Aber mehr A-Schicht.

Dann, mit kurzer Verzögerung:

– Und hinten etwas für die Frauen.
Das macht die Uschi.

Die macht inzwischen nicht nur hinten etwas für die Frauen, sondern ein ganzes eigenes Dings für die Frauen. Ich werde ja nie verstehen, warum sich eine Frau ein Frauenmagazin kauft. Ich meine, eines wie Woman oder eben Dings von Uschi Fellner oder Mein Pferd oder Mein Mann oder wie diese Frauenmagazine alle heißen. Mini-Maus-Power, sozusagen. Aber ich bin ja auch ein Mann, der sich keine Männermagazine kauft. Und ich kenne niemanden persönlich, der sich ein Männermagazin kauft. Andererseits kenne ich auch niemanden persönlich, der Strache gewählt hat (und der wurde ja so was von gewählt). So, jetzt habe ich mich verrannt.

Was ich sagen wollte: Da gab es in Wien diese Medientage, und dabei wurden auch die Chefinnen von Woman, Dings und Pferd um ihre Meinungen zu was auch immer gebeten. Euke Frank (Woman) sagte dort zum Beispiel: „Nur wer die besten Produkte macht, kann am Anzeigenkuchen mitnaschen.“ Das war ehrlich. Es war zwar Neusprech, aber es war ehrlich.

Gemeint hat Euke Frank (denn das wäre die Wahrheit gewesen, und Euke Frank sagt immer die Wahrheit): Geld verdienst du in Zukunft sogar mit einem sprechenden Luftballon nur dann, wenn er außerdem mindestens noch Bluetooth kann. Vorläufig können Woman, Dings und Pferd halt primär Rankings, wenn ich so die Werbeteaser betrachte: die schönsten Frauen, die interessantesten Männer, die besten Schulen, die besten Ärzte – und dies in einer Endlosschleife.

Bei meinem Bruder hat die Woman-Redakteurin um ein Interview angefragt, nachdem er dort, so hieß es am Telefon, in einer Leserinnen-Umfrage nach dem „interessantesten Mann“ (oder so) unter die ersten fünf gewählt worden sei. Bruder Daniel, der sich dem Ostligatum seit Jahrzehnten einigermaßen erfolgreich verweigert, musste aus terminlichen Gründen absagen, worauf er wundersam nur auf dem irgendetwaszwanzigsten Platz landete, immerhin noch einen vor Thomas Glavinic. Mit der journalistischen Sorgfalt ist es ja eh nicht so, wie alle tun. Ohne Ironie jetzt zur Abwechslung: Meiner Meinung nach müssen Journalisten nicht unbedingt die Wirklichkeit abbilden. Wenn ich dies wollte, würde ich mit Martin A. Jöchl Fotos machen gehen. Aber Zeitungen sind ja keine Fotoapparate. Nach den Wahrheiten sollte dort einer zu suchen versuchen!

Niemand braucht sich davor zu fürchten, denn es gibt ja eh mehrere. Früher ist man deswegen Journalist geworden, oder zumindest ein bisschen deswegen, neben, weil man ein echter Hengst/Stute sein wollte.

Aber sucht denn heute noch einer nach Wahrheiten? Haider in der Schwulenbar – soll das die Wahrheit sein, für die das Land Zeitungen braucht? Die Scheidung im Hause Polster? Muschelschlürfen im Hause Lugner? Schleimen beim Kanzler? Das erste Foto vom Kellerkind? Die ultimativen Ultimaten des einen Politik-zwergs an den anderen? Antonio Fian im Standard, das ist ein bisschen eine Wahrheit, oder mein Bruder im Standard (alias: dag), wenn er den österreichischen Menschen beschreibt, wie der denkt und spricht und wie er sich dabei verrenkt. Oder bei uns im DATUM ein Skocek über den Wiener Bürgermeister. Oder eines dieser Interviews auf unserer letzten Seite, das beinhart aus Fragen und Weißräumen bestanden hat, nachdem der Interviewpartner auf keine einzige heikle Frage zu antworten bereit gewesen war.

Daher gehöre ich inzwischen zu jenen, die lieber gleich Biber lesen. Biber liegt bei uns zu Hause am Klo. Oder der Falter. Nur zur Klarstellung an dieser Stelle: Natürlich ist Armin Thurnher der beste politische Kommentator im Land. Und macht Klaus Nüchtern das beste Feuilleton. Und schreibt Andrea Maria Dusl die besten… und so weiter. Mit dem Relaunch ist der Falter jedenfalls noch einmal um ein paar Lichtjahre näher an den Andromedanebel gerückt. Zu viele Noten, soll einer zu Mozart gesagt haben. Zu viele Buchstaben, mäkelt die Ostliga über Falter neu. Aber genau das ist ja das Gute: eine Zeitung, die mit noch mehr Buchstaben ihre Tore zu schießen versucht. Und nicht mit Luftballons, gefüllt mit Abständen, Durchschuss und Leerzeilen … Neben den besseren Zeitungen gibt es natürlich auch noch die Besseren in den Zeitungen. Traxler, Maurer, Lingens, Nikowitz.

Haben Sie Herbert Lackner (profil) und Alexandra Föderl-Schmid (Der Standard) nach den Wahlen im Radio gegen Michael Fleischhacker (Die Presse) gehört? Das war auch so ein 3:0. Okay, gegen Fleischhacker kannst du nur gewinnen, der Mann hört sich so gern reden, dass du nur zu warten brauchst, bis ein Hoppala herauskommt. Im Herbst hatte er sich im ganzen Land plakatieren lassen. Er sich – nicht seine Zeitung. Der standard.at-User „alleswasmansagtistwahr“ nannte ihn die „Fiona unter den Chefredakteuren“.

Mein Stichwort. „Alles, was man sagen kann, kann man auch nicht sagen“, übertitelt der Herausgeber der Ursache & Wirkung (auch so eine Zeitung, die bei mir am Klo liegt) einem buddhistischen Kernsatz folgend seine Kommentarseite. Der Mann hat Recht, Schluss also – und damit nur noch zum (traurigen) Ende der Ulsaß-Geschichte: Lothar Ulsaß muss sich diese Sache mit den flachen Schüssen zu Herzen genommen haben. Denn es kam der denkwürdige 10. Oktober 1975. Elfmeter.

Ulsaß legte sich das Leder auf, trat an und schoss den Ball so hoch über das Tor, dass er über die Tribüne hinweg flog, ÜBER das Stadion, und erst auf der Hernalser Hauptstraße zu liegen kam. Das hat es davor nicht gegeben und danach nie wieder. Das war so… schrecklich, dass die Menschen nicht pfiffen, ja nicht einmal lachten. Einige nippten kopfschüttelnd an ihrem Bier. Doch die meisten taten einfach nichts. Sie taten nichts, aber sie kamen nie wieder wegen Lothar Ulsaß. Was ich damit sagen will: Hochschüsse bringen nichts. Solche schon gar nicht: mehr Leser. Mehr Inserate. Mehr Geld. Mehr Farbe. Mehr alles, und das um jeden Preis. Mögen Pferd, Dings und Zeug in den Inserate-Himmel steigen, denn mehr können sie nicht, XXX-Luft, die sie sind. Die anderen sollen sich den Ball auflegen, voll mit Buchstaben, antreten und ihn jemandem ans Schienbein semmeln. Und zwar jemandem, der es verdient hat.

– Hätte ich jetzt mehr über DATUM
schreiben sollen?
– Naja. 50 Ausgaben DATUM war
das Thema.
– ---
– Andererseits auch egal.
Unsere Leser kennen uns eh.
– Sag ich auch.
– Find ich auch.

richard s.t. (Gast) - 2. Jan, 00:14

naja...

wenn im standard jede/r pfui ist, der/die israel nicht mag, wie erklären sie dann, dass gudrun harrer regelmäßig dort texte schreibt und dass gehässige kommentare wie der von michael rotter dort erscheinen.

Michi78 (Gast) - 17. Jan, 07:15

ja an ulsaß erinner ich mich gerne. dazu noch onger, heli wallner, waschi, der schulz launge, hansi hörmayer, der leitl peda, war eine wödmannschaft.
und dem cupfinalsieg nach dramatischen spiel auf der pfarrwiese trauere ich heute noch nach.



Navigation

zum Inhalt

  • Aktuelle Ausgabe
  • Bisher erschienen
  • Über Datum
  • Events
  • Wo gibts Datum
  • Lesergalerie
  • Kontakt
  • Hajek Blog
  • Godany Blog
  • Best of Datum 50
  • Trotzdem

Abonnements

Abonnements

Podcast

Start Podcast-Player

MIT iTUNES ABONNIEREN

RSS 2.0 Feed

Archivsuche

Credits

twoday.net
  • xml version of this page

zum Inhalt