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Bootcamp, Fakes und Extrameile

DATUM oder warum ich mir nach einem langen Marsch durch die karge österreichische Medienlandschaft aus gegebenem Anlass endlich einmal das Privileg herausnehmen kann, mit schlechtem Beispiel voranzugehen.

Text: Anneliese Rohrer
Illustration: Bernd Haberl
Jungjournalisten

Im speziellen Fall besteht dieses Privileg in der übermäßigen Verwendung von Anglizismen in einem journalistischen Text. Jede Regel für angehende Journalisten missachtend, werden im nachstehenden Text drei Teile jeweils aus dem Amerikanischen entlehnten Begriffen untergeordnet – im freien Assoziationsverfahren sozusagen.

Bootcamp

Nimmt man die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes her, nämlich Trainingslager für Rekruten, so hat man zwar eine ebenso freundliche wie zutreffende Beschreibung jener Funktion, die das DATUM nunmehr seit Jahren auch wahrnimmt. Rekrutiert wird in den strukturierten Ausbildungsstätten für journalistischen Nachwuchs, wo mit einer Mischung aus handwerklichem, sachbezogenem, wissenschaftlichem Unterbau und ethischem Überbau schließlich ein akademisches Zertifikat zu erlangen ist. Trainiert werden dann die handwerklichen Fähigkeiten wie Stil, Interviewtechnik, Recherche. Verstärkt werden im günstigsten Fall jene Eigenschaften, ohne die sich der Beruf nicht sinnvoll ausüben lässt: Wissbegier, Neugier, Arbeiten unter Zeitdruck, Hartnäckigkeit.

So weit so freundlich: Was aber die Güte des Bootcamps DATUM wirklich ausmacht, findet sich eher in der neueren, landläufigen, Bedeutung des Wortes: Ein hartes Erziehungslager für aufstrebende Journalisten, von denen nicht wenige den „Genieverdacht gegen sich selbst hegen“, eine vom Chefredakteur der „Presse“, Michael Fleischhacker, häufig verwendete Beschreibung. Er weiß, wovon er spricht. Diesen Genieverdacht auf ein für die Demokratie und die mediale Entwicklung in Österreich erträgliches Maß zu reduzieren, war und ist Monat für Monat die Aufgabe von Drill Sergeant Klaus Stimeder. Er erweist damit den jungen Journalisten und den Mainstream-Medien in diesem Land einen unschätzbaren Dienst.

Ein Drill Sergeant ist gemeinhin als fordernd, drängend, unnachgiebig, mitunter auch als gemein bekannt. Der Zweck des Bootcamps DATUM ist es zwar nicht, wie sonst üblich, den Willen der Insassen zu brechen, um ihn später wieder aufzubauen; aber die kompromisslose Forderung nach journalistischer Qualität kommt ihm schon sehr nahe. Das alles kann für eine herannahende Journalistengeneration nur von Vorteil sein.

Diese sieht nämlich oft vor einer unsäglichen Mischung aus verschultem, verbeamteten Denken, Karrierefixierung und Zukunftsängstlichkeit das Kerngeschäft des Berufes gar nicht mehr: Die permanente Suche nach interessanten, unterhaltsamen, lesernahen und informativen Geschichten. Wer nicht gewohnt ist, sich selbst oft bis an die Grenzen zu treiben, der sollte eben dorthin getrieben werden, und sei es nur, um diese zu erkennen. Das leistet ein Bootcamp eher als eine noch so kompliziert aufgestellte Lehrredaktion mit all ihren Tests und Strukturen.

Der Journalismus in Österreich leidet nämlich nicht an zu wenig Maßgeschneiderten und dem jeweiligen Medium Angepassten, sondern an zu wenig Querdenkern und Hitzköpfen. Fake it till you make it: Der größte Nachteil für den journalistischen Nachwuchs heute ist der ökonomische Druck, unter dem er steht, weil dieser ihm einfach keine Zeit für die Festigung vorhandener Talente oder notwendiger Fertigkeiten gönnt. Wer auf lange Zeit hinaus nur nach der Anzahl der veröffentlichten Zeilen bezahlt wird oder wessen journalistische Qualität rein quantitativ nach seinem Output beurteilt wird, der nimmt sich nicht die Zeit für langwierige Recherchen, mühsame Abwägung ethischer Überlegungen und nicht einmal zum Überdenken des eigenen Handelns.

„Fake it till you make it“

Eine Studie der amerikanischen Wake Forest University in Winston-Salem, North Carolina hat den Wert dieses in den USA gängigen Spruchs („Tu einfach so, als ob, bis Du es kannst“) überprüft. Man hat 50 Studenten angewiesen, sich als Extrovertierte zu benehmen, ob sie sich nun so gefühlt haben oder nicht. Das Ergebnis bestätigte: Wenn man eine Verhaltensweise auch nur imitiert, fühlt man sich nach einiger Zeit so, als wäre sie einem wirklich eigen. Die psychologische Logik ist ganz einfach: Auch nur imitiertes Selbstbewusstsein löst in der Außenwelt Erfolg aus, was wiederum auf die Person zurückstrahlt und letztlich zu tatsächlichem Selbstbewusstsein führt. So weit, so theoretisch.

Auf Jungjournalisten bezogen heißt das: Sie sollten so lange die essentiellen Berufsanforderungen wie eben Neugier, Nachhaltigkeit, Kontrolle der Mächtigen, Skepsis, Festigkeit in ethischen Fragen üben können und dürfen, bis sie diese um der Qualität ihrer Arbeit willen verinnerlicht haben. Das ist ein Programm, das kein Studium ausreichend zur Verfügung stellen kann, das nur in der Praxis zu absolvieren wäre. Dem steht jedoch die besagte Realität in der heutigen Medienwirklichkeit gegenüber und zwar nicht nur in den Printprodukten, auch im elektronischen Bereich. Hinzu kommen noch die sogenannten social skills, die gerade in Kommunikationsberufen ungemein wichtig sind, in der Ausbildung aber kaum bis gar nicht aufgegriffen werden.

Auch hier wäre „Fake it till you make it“ ungeheuer wichtig. Jungjournalisten müssten wissen, dass ihr Auftreten, ihre Sprache, ihr Äußeres, die Art, wie sie Informanten (auf welcher Ebene immer) gegenübertreten, über die Qualität der Information entscheiden, die sie zu verarbeiten haben. Pünktlichkeit, Höflichkeit, Gepflegtheit sind – auch wenn ihr Wert von Jungjournalisten selten akzeptiert wird – Attribute, ohne die in Kommunikationsberufen langfristig kein Auslangen zu finden ist, geht es doch in fast allen Fällen darum, wie das Gegenüber auf Medienvertreter reagiert. Versucht man in diesen Zeiten, social skills zu thematisieren, ist ein mitleidiges Lächeln, als käme man aus einer anderen Welt, die häufigste Reaktion.

The extra mile

Auch dieser Begriff aus den USA umschreibt eine Binsenweisheit aus der amerikanischen Leistungsgesellschaft und ist doch auf österreichische Verhältnisse übertragbar – wenn auch nicht exklusiv für Jungjournalisten anwendbar. Nur wer eben diese „extra mile“ geht, diesen einen Schritt mehr macht als alle anderen, kann auf Erfolg im Beruf hoffen. Es ist ungemein schwierig, den Großteil des journalistischen Nachwuchses davon zu überzeugen, dass nur diese Extra-Schritt Medienarbeit wert- und sinnvoll macht. Für viele reicht eine durchschnittliche Arbeit vollkommen aus, weil sie nicht an die Notwendigkeit oder den sicht- und gehaltsmäßig messbaren Erfolg des besonderen Einsatzes glauben.

Vor allem in den „geschützten Werkstätten“ der Journalistenausbildung oder auch der Lehrredaktionen ist es den wenigsten Jungjournalisten begreiflich zu machen, dass zum Beispiel ein Unterschied zwischen einem mittelmäßigen Interview und einem mit spontanen und kenntnisreichen Nachstoßfragen besteht. Enthält dieses Interview bestimmte zu erwartende Informationen, gilt es als erledigt. Die Fragen waren vorgefertigt, die Antworten befriedigend, mehr Interesse an dem, was vielleicht noch zu erfahren gewesen wäre, bestand nicht.

Es gibt lobenswerte Ausnahmen. Doch bei der Mehrheit jener jungen Journalisten, die auf den Markt drängen, ist von Ungeduld, diesen besonderen Einsatz liefern zu können, wenig zu bemerken. Das Erfreuliche in dem einen oder anderen Fall ist jedoch: Wenn man dieser fehlenden Ungeduld mit einem ausreichenden Maß an Geduld begegnet, kann es tatsächlich zu einem erkennbaren Motivationsschub und zu einem unerwarteten Leistungsschub kommen. Nur, wer nimmt sich in der realen Medienwelt wirklich die Zeit dafür? Es werden mehr Journalisten denn je zuvor ausgebildet! Bei vielen geht aber die notwendige Begeisterung für den Beruf verloren. Lost in education, um einen letzten Anglizismus zu verwenden.


Lesen Sie ergänzend zum Text von Anneliese Rohrer exklusiv auf www.datum.at die Story „Ich und DATUM“ des ehemaligen DATUM-Mitarbeiters Gunther Müller, in welcher der heutige „profil“-Außenpolitikredakteur von seinen Erfahrungen in und mit der DATUM-Redaktion in der Pionierzeit des Blattes berichtet.



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