Österreichische Blattkritik
Monologische Passagen aus einem Gespräch mit einem deutschen Journalisten.
Text: Franz Schuh
Illustration: Tom Mackinger

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Die Behauptung, dass die Kritik an den einheimischen Medien langweilig sei, ist snobistisch. Dieser Snobismus hat einen verständlichen Grund, weil die Pose des Medienkritikers in Österreich die Pose eines absurd allein gelassenen Menschen ist. Die Medienkritik steht entweder im Horizont dessen, was Karl Kraus sagte, dass nämlich „das bloße Rechthaben gegen den Journalismus mit ihm identisch ist.“
Oder sie ist eine Beckettsche Pose; eine, mit der man allen erklärt, was eh ein jeder sieht. Das Rotieren am verlorenen Posten der Medienkritik verdirbt zuerst den Geschmack und dann den Charakter. Dass man sich gegen diese „Verposung“ von Meinung zu wehren versucht, während man sie gleichzeitzeitig vertritt, ist eine der possierlichen, aber notwendigen Künste von Österreich. Deshalb aber ist vornehmstes Ziel der Kritik an Österreichs Medien der einheimische Typus des Medienkritikers selber.
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Ich habe Verständnis für den kläglichen Masochismus, mit dem man ständig die Blätter konsumiert, die man zugleich ablehnt. Schlicht und einfach aus Gemeinplatzgründen: Der Mensch muss vieles ertragen, aus dem er nicht heraus kommt. Und dazu gehören für einen Österreicher die österreichischen Medien. Schon in meiner frühesten Jugend pflegte ich, das Land zu verlassen, zu Ferien- und zu anderen Zeiten. Die Ferne ermöglicht die Illusion, dass es dort anders ist und vor allem, dass man selber auch anders sein kann.
Und dann gab es immer wieder diesen einen Augenblick, das war meistens im Spätsommer, als man heimkehrte, und da lag die Zeitung auf dem Tisch und man wusste: Das ist ein Gefängnis hier; eines, um das klassische Schweizer Beispiel zu verwenden, in dem die Wärter zugleich die Insassen sind. Ein Gefängnis, das auch durch Wörter gemacht wird – fast unentrinnbar für die Einheimischen, denn auch die Strategien der eingebürgerten Gegenwehr kommen aus dieser Art von Geistigkeit; Wörter, gegen die man sich als Fremder leichter wehren kann, weil deren Magie sich fremden Blicken entzieht. Und es gibt ja Zeitungen, die zu ihrem Konsum deshalb leicht erziehen können, weil sie sozialpsychologisch wichtige Entlastungsfunktionen exklusiv für die Eingeborenen haben. Sie haben auf Ausländer keine Wirkung.
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Ich gehöre nicht zu jenen, die wünschen, dass die Krone abgeschafft wird. Ich bin ein Anhänger der Krone im Sinne des zitierten Masochismus. Wie in dieser Zeitung bestimmte Schnittpunkte unserer Mentalität (da, wo sich die Geister hier nicht scheiden) in einer Art und Weise klar werden, das bringt kein Künstler zusammen. Zum Beispiel der Typus Michael Jeannée: Einer, der zugleich anbiedernd schmierig UND ätzend ist; eigentlich müsste man den in Gold gießen. Das ist nicht bloß der Zynismus des Betrachters, der sich darüber amüsiert, wie ein ausgedienter Journalist auf seine alten Tage noch seinen Lebensunterhalt verdient, sondern es hat auch eine Erkenntnisfunktion: Die Krone agiert samt ihrem greisenhaften Herrscher etwas aus (reagiert etwas ab), das hier existiert und das man nicht wegleugnen kann, bei dem man aber am Ende froh ist, dass es ausagiert und nicht realiter ausgelebt wird.
Die Ventilfunktion der Krone, auf die bisher nur wenige hingewiesen haben, ist eine psychodynamische Leistung. Die Krone ist ein Gesamtkunstwerk. Ähnlich hat Hans Magnus Enzensberger die Bild-Zeitung dargestellt, als Montagekunstwerk. Das deutsche Kunstwerk hat längst nicht die Wirkung der Krone – auch deshalb, weil Bild diese Art von Wirkung nicht haben will. Diese Art von Wirkung haben zu wollen, dafür muss man schon ein österreichischer Medienmensch sein.
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Der langjährige ORF-Generalintendant Gerd Bacher hat einmal gesagt, dass sich die Nazis nicht darauf beschränkt hätten, die kritischen und guten Journalisten umzubringen, sondern, so seine wörtliche Formulierung, „dass sie die 300.000 intelligenten Leser gleich mit umgebracht hätten“. Das Problem dieses Urteils besteht für mich darin, dass Bacher selber aus der Boulevardpresse hervorgegangen ist. Man kann jemanden einen „Zyniker“ nennen, der von dem lebt, was er verachtet.
Jemand, der seine Karriere begonnen hat wie Bacher und der später ins Zentrum der Aufmerksamkeit hat aufrücken können, verdankt diese Karriere eben jener Situation, in der es 300.000 intelligente Leser nicht mehr gibt. Bacher war seinerzeit Chefredakteur beim Bild-Telegraph, einem Schreckensblatt. Und dann beim Express, auch einem Schreckensblatt. Und sofort nachdem dieser Mann – ich habe ihn seinerzeit als „Boulevardjournalist mit Machtinstinkt“ definiert – die Orgel ORF zur Verfügung bekam, wurde er ein anderer. In Österreich werden die Leute schnell andere, wenn sie etwas anderes werden.
Dafür vergisst man Vieles: Die Krone zum Beispiel beschwört heute den Geist Bachers. Dabei bestand eine seiner großen Leistungen darin, den ORF zum gesellschaftlichen Kontrapunkt zur Krone zu machen. Allerdings wann immer Gerd Bacher zur Feder griff, kam dieses „gehoben“ Boulevardeske heraus, nämlich der ewige Appell an den Hofratswitwer, der, obwohl er alles besser weiß, die Welt nicht mehr versteht und der sich in seiner 500-Quadratmeter-Wohnung, für die er 50 Euro Zins zahlt, sehr beengt fühlt; es ist ein unzufriedenes, gehobenes Kleinbürgertum, das in seiner Verbitterung für „bürgerlich“ gehalten werden will, und das solchen Artikeln applaudiert.
Aber als Manager, als Medienmanager, war Bacher, ich verwende nicht ohne Ironie einen journalistischen Ausdruck, eine „Ausnahmeerscheinung“ und, noch eine Stufe tiefer, er war eine „Ikone“ des heimischen Journalismus. Gerade bei einer Ikone darf man nie vergessen, woraus sich ihre Karriere zusammensetzt. Man soll aber auch nicht vergessen, dass der Boulevard – anders als die „Volkszeitung“ – befreiende Funktionen hat. Ich bin ein Mensch der Straße, ich liebe die Straße, es ist dort aufregend, zumindest abwechslungsreich, es herrschen wenigstens dort nicht immer die gleichen spießigen Ordnungen – es lebe der Boulevard!
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Wenn man soziologisch denkt, könnte man Folgendes feststellen: Es gibt in Österreich wie überall auf der Welt außerordentliche Journalisten. Es gibt auch hier Leute, die den Lauf der Welt präzise und klug interpretieren können; und es gibt Leute, die in der Lage sind, ihre Meinungen so hinzuschreiben, dass sie vom Argument leben und nicht vom emotionalen Appell, also von Übereinkünften auf der untersten Sinnebene – einer Ebene, die nicht zuletzt erst dadurch geschaffen wird, dass man ständig an sie appelliert.
Was es in Österreich nicht gibt, ist „bürgerliche Öffentlichkeit“ als Institution. Es gelingt nicht, die Kräfte derer, die’s können, so zusammenzufassen, dass die institutionelle Rolle sich realisieren ließe, die der „bürgerlichen Öffentlichkeit“ zugedacht ist: Selbstreflexion und Darstellung dessen, was ist und was sein soll. Journalismus im Sinne der Aufklärung ist hier ein Zufallstreffer und nicht grundsätzliche, vom Publikum akzeptierte oder gar geforderte Haltung. Das ist zum Beispiel anders bei der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen und der Neuen Zürcher Zeitung.
Das heißt nicht, dass man mit diesen Institutionen einer Meinung sein muss, sondern nur, dass sie ein Niveau haben, das den Gegenmeinungen dabei hilft (und im Notfall sie dazu zwingt), sinnvoll zu sein. Journalismus, auch wenn er mit der Aufklärung verbunden sein möchte, ist aber ohnedies in erster Linie ein Problem. Da braucht man zum Beispiel nur die Süddeutsche Zeitung zu lesen. Dort gibt es zum Beispiel im Feuilleton einen überaus eitlen Kopf (wie der Noam Chomsky in der Sprachwissenschaft eines Besseren belehrt ...), der aber in der Tat ein „Kopf“ ist, ein kluger Mann, den ich bewundere, weil er die Menschenmöglichkeit aufzeigt, dass man unermesslich eitel sein kann und dabei dennoch seinen Kopf bewahrt.
Der kluge Kopf schmuggelt natürlich seine Positionen auch unterschwellig, also auch unterhalb der Aufklärungsgrenze, nämlich propagandistisch immer wieder in die Zeitung hinein, weil das ja auch ein Teil des öffentlichen Sprechens ist: Eitelkeit und Umwertung der Werte im eigenen Sinn. Schön wär’s, könnte man die Aufklärung zum Dogma machen und sie dem etablierten Wahnsinn entgegensetzen. Im aufklärerischen Duktus selber steckt ja noch genug vom Gegensatz seiner erklärten Absichten, also genug vom Wahnsinn, für den vor allem das Zeitungsgeschäft eine günstige Plattform bietet.
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Dem ideellen Defizit entspricht das materielle: Es ist in Österreich zu wenig Geld für weltumspannende Zeitungen da; es fehlt das nötige Kapital. Honorare für Freiberufliche sind in dem Job systematisch so demütigend, dass keiner mehr etwas Großes vorhat. Das System besticht die fest Angestellten und hält die Freien klein. Dass man für den Journalismus einer „bürgerlichen Öffentlichkeit“ möglichst wenig Geld ausgibt, hängt auch mit den österreichischen Traditionen zusammen, die einen darüber belehren, dass es ohne Öffentlichkeit ja g’scheiter ist; es ist g’scheiter, wir machen alles Wichtige unter uns aus. Selbst unsere Zynismen verschweigen wir und enthüllen sie nur gegenüber Auserwählten, denn das, was von Bacher weiter oben zitiert wurde, hat er niemals in einer Neujahresansprache gesagt.
Er benötigt ja das Publikum. Er kann nicht sagen: „Ihr Arschlöcher, es ist ein Irrtum, wenn ihr meinen Qualitätsprogrammen zuhört, denn ihr seid ja eigentlich dazu gar nicht in der Lage.“ Das kann er nicht sagen und auch aus dem resultiert etwas, das die Deutschen an uns immer sehr schlecht verstehen: unsere Avantgarde. Die macht genau das, was Bacher niemals in einem großen Rahmen sagen würde: „Ihr seid viel zu deppert für mein Qualitätsprodukt.“ Das kann man von der Avantgarde lernen, von Oswald Wiener, von Konrad Bayer, das sind Leute, die radikal den Vertrag mit dem Publikum aufkündigten. Heute tun sich auch die österreichischen Literaten in ihrem Mainstream den Gefallen, diese Tradition zu vergessen.
Unsere großen derzeitigen Erzähler („Österreichs Literatur ist so gut wie lange nicht“) sind glücklich über ihre Nähe zum Publikum. Das haben sie mit der Politik gemein. Der Himmel hat uns einen Staatssekretär geschickt, der – zuständig für Medienangelegenheiten – den schmierigen Gesellschaftsvertrag mit aller abgründigen Verständnislosigkeit so formulieren kann, wie es kein österreichischer Dichter könnte: „Wir haben immer Medien und Politik in gewisser Weise als symbiotisches Verhältnis gesehen. Beide brauchen einander. Politik kann heute ohne Medien nicht mehr funktionieren. Und Medien, so weit sie politische Berichterstattung haben, brauchen die Politik sozusagen als Nahrung. Ich habe an diesem symbiotischen Verhältnis nie etwas Kritisches gesehen.“
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Warum nur, warum haben wir in der Hauptsache keinen Journalismus, sondern ein so erfolgreiches Emotionaltheater? Eines, das in der Politik „Populismus“ heißt und dessen Strategien als „umgekehrte Psychoanalyse“ beschrieben wurden: Die Psychoanalyse heilt oder zivilisiert – vom Ideal her – ihre Patienten, indem sie dabei hilft, deren bösen Triebe zu sozial erträglichen Haltungen umzuarbeiten. Die hiesige nichtjournalistische Emotional-Presse arbeitet dagegen so, dass sie all das Böse in uns hervorruft, provoziert, um dann mit dem Bösen, das sie aufgegeilt hat, eine Einheit, also Konsensinseln der Gemeinheit zu bilden.
Diese Inseln zelebrieren ihre Einheit nicht im Sinne von „Freude, schöner Götterfunken“, sondern es ist das Ressentiment, das fröhliche Urständ feiert. Und inmitten dieses Ressentiments, dieser doch eigentlich fantastischen, ja, oft surrealen Bösartigkeit – die sich in Leserbriefen ausagiert – entstehen dann ebenso fantastische Bedürfnisse nach Pietät, nach Idylle. Verletzt jemand die Idylle, zum Beispiel durch Kritik, kann man wie gehabt bösartig sein; es ist ein Kreislauf, in dem der Journalismus und sein Publikum es sich gemütlich eingerichtet haben. Ich will zwei Beispiele dafür nennen. Eines liegt auf der Hand und beim zweiten möchte ich gerne, dass es nicht vergessen wird. Das eine sind die Pietätsübungen, diese Pietätsverrenkungen angesichts des Todes von Jörg Haider.
Was da alles an kindlich Regressivem gesagt und wie gleichzeitig versucht wurde, durch Druck auf die Öffentlichkeit das kindlich Regressive normal, als Bürgerpflicht aussehen zu lassen – das ist eine fantastische Anstrengung gewesen, die man auch in die nüchterne Interpretation dessen hätte investieren können, was dieser Todesfall politisch bedeutet. Aber man agiert das lieber aus und wünscht sich unbedingt diese Inseln, diesen Konsens über ein Verhalten, das verrückt ist, und dabei ist man klug genug, um den eigenen Wahnsinn hinter der Pietät unangreifbar zu machen.
Wenn der österreichische Journalismus seine Geschäftsgrundlagen in Gefahr sieht, wird er sogar ideologiekritisch: „Und das, was seine Gegner als überzogene Trauer-Hysterie diffamieren, ist nicht mehr und nicht weniger als Ausdruck der Dankbarkeit seines Karawankenvolkes, das ihm geglaubt, das an ihn geglaubt hat. Und mehr kann ein Mann nicht erreichen.“ Das ist eben schön, diese Verbindung von christlichen Motiven des Glaubens, in dem wir Gott gegenüber nichts als dankbare Kinder sind, und der Männersache, mit der einer sein Volk anführt.
Aber selbst unter dem Karawankenvolk, ich wette, gibt es Abweichler vom Glaubensgut, die jedoch der Appell an die symbiotische Einheit, an eine Einheit der untersten naturwüchsigen Ebene, nicht berücksichtigen darf. Österreich hin und her, es gilt aber, und das darf man nicht vergessen, überhaupt als eine der klassischen Funktionen von Medien: den Wahnsinn einer Zeit plausibel, ja, verpflichtend zu machen.
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Das zweite Beispiel, das ich nennen möchte, betrifft die von mir sehr geschätzte Journalistin Anneliese Rohrer. Sie hat einst in der Presse, in der serienmäßig außerordentlichen Wochenendbeilage Spectrum, einen Artikel darüber geschrieben, wie froh sie darüber ist, dass ihre Tochter in Amerika studiert und nicht in Österreich. In Österreich herrsche Verfilzung und – das sind jetzt meine Worte – dadurch würde die moralische Schädigung der Jugend ungeheure Ausmaße annehmen. Das hat ihr damals bei der Gesinnungsgefolgschaft der Presse und deren damaligem Anführer nicht gerade geholfen. Patriotismus ist Vorschrift. Zumindest ist die österreichische Gesellschaft, auch in den Medien, heute derart professionell, dass man auf Anneliese Rohrer bis heute nicht verzichtet. Anders war es mit Sigrid Löffler.
Von ihrer Haltung her ist sie ein klassisches Beispiel für Reaktionen von der Art „Die ist für Österreich zu groß. Die in einer Redaktion? Nö, lieber nicht in unserer.“ Sigrid Löffler war dafür bekannt, dass sie – es ist, ganz nebenbei, ein Privathobby von mir, hinzuzufügen, dass sie Protestantin ist – in ihren Redaktionen immer auch interne Kritik übte. Das reichte, um manchen Kollegen das Gefühl (gegen das sie revoltierten) zu geben, sie hätte gesagt: „Was ihr hier macht, ist Scheiße.“
Und bis heute sind einige stolz darauf, dass sie sie einst losgeworden sind. Peter Michael Lingens (ehemaliger profil-Herausgeber und heute Kolumnist, Anm.) hat seinem Nachfolger Hubertus Czernin noch über dessen Grab hinaus für den Mut gedankt, dass er solch eine unsympathische Person (die Personen werden günstig als unsympathisch bezeichnet) ausgeschlossen hat. Dieses Ausschließen der Unsympathischen (derer, in die man sich nicht hineindenken kann, geschweige denn möchte) ist eine Folge der repressiven Eingemeindungstendenzen: Unsympathisch, wer (oder was) nicht hineinpasst.
Im DATUM, ach ja, kann man alles wunderbar formulieren, was in der Krone undenkbar wäre.
Unter bestimmten Konstellationen, wie sie zum Beispiel das profil ermöglichte, in jener Zeit, in der es Lingens oder Czernin leiteten, waren ebenfalls viele Positionen möglich, aber manche absolut nicht. Und dazu gehörten Positionen, die unmöglich waren, weil sie den Kameradschaftsbund innerhalb der Redaktion, weil sie die redaktionell Herrschenden verletzten. Und dafür reichte schon aus – die Menschen sind ja so empfindlich –, wenn man sie nicht hofierte.
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Bei der Presse zum Beispiel haben sie viele Jahre (es hat sich das durch Austrias First Top Model, den neuen Chefredakteur, mittlerweile geändert) den Grundkonsens gepflegt, dass Österreich im Grunde eh leiwand ist und über alles zu gelten hat. Dabei war das immer schon ein paradoxer Grundkonsens, denn dahinter lauerte ja die Unzufriedenheit: Die Politiker sind deppert, ausgenommen die der ÖVP; der Hofratswitwer kriegt zu wenig Pension, weil er mit 9.000 Euro netto im Monat nicht standesgemäß leben kann; die Religion ist in Gefahr und die Kulturpolitik ist das reinste Nordkorea; es finden sogar Love Parades auf Österreichs Straßen statt und – und das ist überhaupt das schlimmste: „Negermusik“ allenthalben. In diesem Sinne gab es eine Zeit lang eine Hochzeit des österreichischen Qualitätsjournalismus, nämlich einen wirklich hochinteressanten Schulterschluss, den zwischen Presse und Kronen Zeitung.
Das war eine österreichische Spielart des Thatcherismus: Die Oberschichten haben mit den entwurzelten Kleinbürgern (und denen, die sich vor der Proletarisierung fürchteten) eine ideologische Front gebildet und diese Front fand ihre Entsprechung in der Person des langjährigen Presse-Chefredakteurs Thomas Chorherr, der heute nicht zufällig mit Erstaunen feststellt, dass die Krone den Faymann so sehr verehrt – die ist ja ein rotes Kampfblatt! „Seit meiner Gymnasiastenzeit“, schreibt Chorherr verdattert, „habe ich eine derartige Mutation eines einst von mir sehr geschätzten Tagblatts in eine beinharte rote Gazette nicht erlebt.“
Und er fragt sich, um Gottes Willen, vielleicht war sie das immer schon, eine rote Gazette! Ja, selbst Insider unterliegen Selbsttäuschungen, aber die Kooperation von Krone und Presse hat wenigstens Früchte getragen, über die sich niemand zu täuschen braucht: zum Beispiel über Andreas Mölzer als führenden österreichischen Publizisten, der in beiden Blättern für seine durchaus parteipolitischen Visionen publizistischen Wind machte.
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Der Rundfunk ist „klein“, gemessen am Fernsehen. Überall dort, wo die gesellschaftliche Macht eines Mediums ihre Unmittelbarkeit hat, wo sie ohne Weiteres großmächtig wirkt, werden die möglichen Freiheiten beschränkt; überall dort, wo weniger Macht ist (oder weniger vermutet wird), wie beim Hörfunk, können dagegen Inseln entstehen, die sich unruhig verhalten gegenüber dem Fernsehen, vor allem gegenüber den von ihm garantierten Normalitäten und Wertschätzungen.
Überall sonst, wo Freiheit möglich ist, ist sie garantiert durch weniger Macht. Mit der Macht wächst die Kontrolle, und es ist kein Zufall (sondern Resultat der Selektion), dass bei jemandem wie dem ORF-Fernsehjournalisten Klaus Emmerich, dessen Gesicht jahrelang auch bei mir zuhause den Bildschirm ausfüllte, am Ende, „in der Pension“, über Obama so etwas herauskommt wie „I loss mi do ned von an Neger regiern“. So sind sie, manche, die dort sind. Es sind jedenfalls nicht wenige, die dort so sind, und wenn sie nicht so sind, sind dort jedenfalls viele, die unter solchen, wie Emmerich einer ist, leiden und sich nicht wirklich dagegen gewehrt haben und wehren.
Ja, ja, der Spruch des Emmerich hat auch die skurrile Qualität des Hinterwäldlertums, die Abweichung vom weltumfassenden Konsens, vom internationalen Schwall der Zustimmung. Der Spruch ist avantgardistisch durch Stumpfsinn. Aber auf diese Avantgarde würde ich nicht bauen. Dennoch behaupte ich, dass der ORF unverzichtbare Tendenzen und Leute hat, die der Utopie der „bürgerlichen Öffentlichkeit“ in Österreich am nächsten kommen. Umso mehr ist es schade, wenn das Fernsehen die regressiven Züge der österreichischen Öffentlichkeit verstärkt.
Natürlich, das sind ja nicht alles Verschwörer übelster Natur. Sich etwa Stefan Petzner in seiner Verzweiflung entgehen zu lassen, ist für einen Kameramann nicht drin. Und für den Redakteur, der anscheinend ohne es zu merken, ein Prinzip der Goebbels´schen Propaganda realisiert, nämlich das Prinzip der Wiederholung – im konkreten Fall dieses ständig wiederholte Moment der Verzweiflung – auch nicht.
So ein Mensch würde die Basis seiner Arbeit verlieren, die Grundlage für seine monatliche Gehaltsüberweisung. Wobei ich hier dem DATUM exklusiv sage, dass ich schon immer einer war, dem beim Terminus „Lebensmensch“ schlecht wurde, als er noch direkt auf Thomas Bernhard zurückging. Auch bei Bernhard war’s nichts als ein von Vagheit und Sentimentalität überfließender Ausdruck, der die Vergünstigung gewährte, bei hochgeschraubtem Pathos nicht sagen zu müssen, worin die Beziehung bestand. Im Falle Petzners hat das bleibende Wort eines Dichters durch die soziale Praxis gezeigt, was es wirklich bedeutet.
Es kommt ja alles zur Sprache. Das gefilmte haltlose, ständig wiederholte Heulen entspricht der Medienlogik. Vielleicht ist es auch umgekehrt das Wesen solcher Zustände, dass sie erst durch „die Übertragung“ zustande kommen: Die Verzweiflung hört vielleicht sofort auf, wenn keine Kamera mehr da ist. Dann ist der Ausdruck der Verzweiflung ein ganz anderer oder er verschwindet überhaupt. Das ist ja eine wesentliche Leistung der Pädagogik, dass man für das Geheul der Kinder – in deren Interesse – kein Publikum abgibt, sondern sich bereit erklärt, allein für das lächelnde Kind Publikum zu sein. Stefan Petzner, Petzners Gesichtsausdruck, das ist die gnadenlose Anschaulichkeit der Tyrannei der Intimität. Ich komme immer wieder an den Punkt, dass bestimmte regressive Anteile des Öffentlichseins, das Regressive, eine größere Rolle spielen als die Erwachsenenanteile. Da kann man wohl auch sagen, das ist eine Stärke des Landes, weil das Regressive dann in dem, was wir „Kunst und Kultur“ nennen, Kräfte entwickelt, die durchaus mit denen größerer Länder mithalten können.
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Warum wird dem DATUM seit seiner Gründung seine nicht vorhandene Blattlinie vorgeworfen, verkörpert durch das Fehlen des großen Leitartikels des Chefredakteurs oder sonst eines „Kopfes“, der eine nachvollziehbare Linie vorgibt? Meinung hin oder her, die Sprache, in der das, was hier vorliegt, „Printmedium“ heißt, sagt bereits, dass etwas mit der Sache nicht stimmt. Das Printmedium ist von vornherein ein Produkt kommerzieller Synthesen und in Österreich hat sich eben herausgestellt, dass das Mediengeschäft sich bestens betreiben lässt, wenn man personalisiert. Das Geschäft blüht durch die, die ihr Gesicht über ihrer Kolumne hängen haben. Oder auf Plakaten wie Austrias First Top Model, nämlich der Chefredakteur der Presse, der wirklich gut aussieht und dessen Plakat auch davon spricht, wie gefährlich das Schreiben ist, logisch.
Die österreichischen Gesichter: Harald Schmidt (unter den heute Halblustigen derjenige, der früher am lustigsten war) hält sich den Bauch, wenn er Helmut Zerlett zu einer „Romy“-Preisverleihung schickt, der dann unter all den österreichischen Stars steht und sich kaum einkriegen kann, weil die Österreicher alle so „unglaublich natürlich“ wirken. Diese Art von Komik waltet auch, wenn man am Küniglberg hinein kommt und dort die österreichischen Fernsehgesichter wie große Stars in einer Fotoausstellung gezeigt werden – eine einzige Nebochantengalerie. Es wäre ja eigentlich umgekehrt gescheiter: Sollten wir Österreicher uns nicht auf der Grundlage unserer Weltbekanntheit mehr den Systemdingen widmen, so wie es die Neue Zürcher Zeitung in ihrer bekannt charmanten Art tut, sollten wir nicht eher dem Generellen dienen und nicht dem in der Welt unvermittelbaren Persönlichen?
Aber gerade deswegen, weil unsere prominenten Gesichter schon nach ein paar hundert Kilometern unbekannt sind, achten und ehren wir unsere Gesichter über Gebühr. Ich behaupte, dass im Journalismus die Erfolgsgeschichte mit österreichischem Antlitz sehr mit Hugo Portisch zusammenhängt, der ein kluger und fotogener Kopf ist und der in wichtigen Zeiten, als der Journalismus in Österreich zu erwachen begann, die Welt nach Maßgabe der Kurier-Redaktion erklärt hat. Nach dem Motto: Man muss die Welt auf die Kurier-Redaktion schrumpfen lassen, dann hat man sowohl in der Kurier-Re-daktion seine unbestrittenen Anhänger als auch draußen vor der Tür, wo der Österreicher erfährt, wie Russland ist, wie Amerika ist und wie der Konflikt zwischen Russland und Amerika ist, wie schließlich alles, einschließlich China ist.
Und das Ganze fand dann auch im Fernsehen statt und es war eine gigantische Konditionierung des Publikums auf einen persönlichen Referenten. Am Ende war Portisch die USA, er war Russland und gewiss auch China. Er krönte seine persönliche Laufbahn damit, dass er schließlich einzig und allein die österreichische Geschichte war.
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Was „die Deutschen“ in diesem Zusammenhang ein bisschen größer macht – ironisch gesagt – sind nicht nur die Reibeflächen unterschiedlicher Traditionen im Journalismus. Ich denke auch an den Hamburger Helmut Schmidt und an den Bayern Franz Josef Strauß. Archetypische Gegensätze, die zeigen, was an hervorragenden Personen in einem Land möglich ist. Beide haben diese seltsame Kunst, sowohl persönlich als auch auf ihre Art sachlich sein zu können und sie konnten (Strauß) und können (Schmidt) sich das auch leisten, weil es eine abbildende Medienmaschine gibt, die beides ermöglicht: Sachen und Personen zusammen zu halten, aneinander zu binden.
Was immer als regressiv gelten muss, hat unter anderem auch diese Tendenz, Sachen und Personen auseinander zu halten, gegeneinander auszuspielen, voneinander zu trennen – und man sieht dann nur die Person und empfindet sie identisch mit der Sache. Ich bin skeptisch gegenüber der nicht nur hierzulande propagierten Trennung von Meinung und Information.
Erstens funktioniert sie ohnedies nur zum Schein, aber sie planmäßig in die Kommunikation – als deren Gütesiegel – einzuführen, ist deswegen ein Sündenfall, weil damit unterschlagen wird, dass der Begriff einer Sache erst entsteht, wenn das Denken mit seiner Subjektivität das Faktum durchdringt. Gewöhnlich macht man eine Kolumne und das ist dann die Meinung und daneben steht die Tatsache, rein und unberührt. Brechts Wort, dass sich Tatsachen selten nackt überraschen lassen, besagt, dass man einen Diskurs finden muss, der vom Subjekt bestimmt ist und der zugleich die Sache trägt.
Das ist die eigentliche Kraft des öffentlichen Meinens. Mit der Abstraktion, die die Information von der Meinung trennt, macht man sich alle Denk- und alle Selbstdarstellungsprozesse zu leicht.
Ebenso ist es eine unheimliche Verarmung der gesellschaftlichen Kommunikation, sie in die Abteilungen Unterhaltung, Bildung und Information zu zwängen. Mit dieser Verarmung müssen wir leben, auch weil diese Trennung Vorteile hat, unter anderem moralisch-politische oder juristische.
Denken Sie nur an Stermann&Grissemann. Die dürfen auch in den „großen“ Medien machen, was sie machen, weil es Unterhaltung ist. Und dann, wenn ihr Witz an Schärfe gewinnt, weil er an einer der einheimischen Pietätskompensationen rührt, kommen die Ergriffenen und sagen: „Das ist ja nicht Unterhaltung, wir haben uns nicht dabei unterhalten!“ Aber rein juristisch fällt der sachlich zutreffende Witz erwachsener Menschen über eine Trauer, in der Menschen sich als Funktionäre eines Kinderglaubens darstellen, unter die oben genannte Trennung der Bereiche, ist daher erlaubt und wird zu einem Spiel der Freiheiten, die man letzten Endes einräumen muss.
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Der Journalismus lebt, wie säuberlich er auch seine Abteilungen voneinander trennt, nicht zuletzt davon, dass eine Information beständig falsch sein kann; dass eine Meinung beständig unwichtig ist und ihre Qualität allein darin besteht, dass sie geäußert werden darf, und dass die Unterhaltung strohdumm ist, so dass man fragt: Wer soll denn darüber lachen, außer die, die das machen? Diesbezüglich ist man nicht nur in Österreich fortgeschritten.
Das Selbstreferentielle zum einzigen Inhalt zu machen, garantiert eine Übersicht über die Phänomene. Bei sich kennt man sich aus und wenn Moderatoren Moderatoren moderieren, kann nichts passieren. Die Redakteure, die einen Bericht verfassen, kennt man ja persönlich. An ihrer Person hat man was zum Festhalten, aber die Sache ist einem schon entglitten, bevor man noch zur Kenntnis genommen hat, dass sie existiert. Dass die Sachen selbst nie zu Wort kommen, dafür sorgt der Journalismus mit seiner Selbstreferenzialität und die gelogene Aufklärung besteht darin, dass das alles mit dem Appell unterfüttert ist: Der Leser, der Hörer ist mündig – er bestimmt selber, was von den Lügen, die wir sagen, wahr ist. Daher können wir, weil man uns ja lässt, weiterlügen.
Trotzdem glaube ich nicht an die Aufforderung, dass die Medien „ehrlicher“ werden müssen. Es gilt in meinen Augen der hier schon einmal strapazierte Gemeinplatz, dass wir nur auf der Basis unserer subjektiven Fähigkeiten die Welt aufbauen können: Wir haben keinen Zugang zum Ding an sich oder zur Wirklichkeit jenseits unserer Anstrengungen, die Wirklichkeit zu konstruieren. Wir können aber eine Vorstellung von ihr entwerfen – aber nie ohne den Hinweis, dass wir, so ehrlich und so objektiv wir auch sind, sie nicht vollständig in die Hand oder ganz und gar in den Griff kriegen. Der Journalismus, so wie er ist (ja, gewiss, verbesserungswürdig), ist die Institution, ist die soziale Organisation, mit der der subjektive, der relative Standpunkt einer Gesellschaft sich und die Welt beschreibt. Deshalb stimmt Canettis Maxime, dass in der Zeitung eh immer die Wahrheit steht – man müsse sie nur mit genügend Hass lesen.
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Ich bin der Meinung, dass das, was die Krone mit Ursula Plassnik versucht hat und vor allem, wie darauf reagiert wurde, eine Sache ist, die zeigt, dass es ohne Schwierigkeiten in unserer Gesellschaft möglich ist, eine Person – das ist die andere Seite der Personalisierung – zumindest ansatzweise aus der Menschheit herauszunehmen; sie als Unmenschen zu definieren durch eine in sich kreisende, sich ständig wiederholende Rhetorik, welche die absurdesten Formulierungen findet – und zu der sich der Mainstream der Öffentlichkeit lau oder gar nicht äußert.
Dann passieren diese armseligen Reaktionen: dass Leute wie ich darauf hinweisen; dass ein paar Diplomaten einen Brief schreiben, der dann irgendwo erscheint und einfach übergangen wird. Dass ein paar zerstreute Bemerkungen in anderen Zeitungen gemacht werden. Aber die humanitäre Katastrophe, nämlich die brutale Aggression, die in der besagten Regression steckt, wird einfach nicht gesehen, weil die Leute an das Regressive gewohnt sind.
Ich bin kein politischer Anhänger von Ursula Plassnik und ihrer Unfähigkeit, zu kommunizieren, wofür sie politisch steht (ein Teil des Jammers der österreichischen Bürgerlichen, deren Art der Politik hauptsächlich daraus besteht, dass man in Europa im Kreis der Großen auf Parade geht) – am Ende kann man das Überschreiten der Grenze der Krone aber nicht einmal vorwerfen, weil solche verbalen Pogrome ihrer von einer Mehrheit akzeptierten Logik entsprechen. Da versagt die Institution der Presse, da versagen viele einzelne Journalisten, aber weil eben die institutionelle Verankerung der Selbstreflexion durch die Presse in Österreich nicht existiert, ist so etwas möglich: Es ist niemand da, der mit nötiger Kraft sagen könnte, dass solche Verfolgungsjagden verächtlich sind.
So taucht ein Mann der Krone bei der ORF-„Diskussion der Chefredakteure“ im Fernsehen auf und er und seinesgleichen werden als ganz normale Journalisten hingenommen. Was soll ich dazu sagen? Die Frage ist vielleicht der beste Schlusssatz, den es zum Thema überhaupt gibt. Damit hätten wir gleich anfangen können.
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