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Der ganz normale Selbstmord

Ein Tabu in der arabischen Welt wird gebrochen: Der Suizid abseits des Terrors in Palästina. Eine britische Ärztin hat die Lebensgeschichten der Opfer untersucht.

Text: Nadja Hahn
Aisha ist zehn Jahre alt, als sie zum ersten Mal vergewaltigt wird. Der Täter ist einer ihrer Brüder, die Familie sieht tatenlos zu. Auch als sie mit zwölf Jahren zum ersten Mal versucht, sich das Leben zu nehmen, reagiert die Familie nicht. Im Alter von 15 Jahren heiratet Aisha einen Mann aus Gaza, mit dem sie eine Tochter hat. Er betrügt sie, der Bruder vergewaltigt sie weiter.

Suicide in Palestine von Nadia Dabbagh

Nadia Dabbagh hat Aishas Erzählung aufgeschrieben. Die 30-jährige Ärztin, Tochter eines palästinensischen Flüchtlings und einer Britin, untersuchte für ihre Doktorarbeit im Rahmen ihres Medizinstudiums am University College London zwischen 1997 und 1999 in Ramallah und Jenin die Auswirkungen des Konflikts mit Isreal auf die mentale Gesundheit der Palästinenser. Dabbagh interessierte sich dabei nicht für die Selbstmordattentäter, die im Kampf gegen die Besetzung durch Israel, der Intifada, medienwirksam ihr Leben ließen. Sie untersuchte die Geschichten von 31 Männern und Frauen in den besetzten palästinensischen Gebieten, die versucht hatten, sich das Leben zu nehmen. Die Untersuchung war alles andere als einfach. Denn Selbstmord, aus „privater“ Verzweiflung begangen, gilt als eine der größten Sünden im Islam.

Dabbagh hat Aisha in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Ramallah kennen gelernt, wo sie nach ihrer zweiten Überdosis Tabletten innerhalb von fünf Monaten lebte. Nach der Trennung von ihrem ersten Mann war sie nach Jerusalem geflohen, wo sie in einem Massagestudio arbeitete. Obwohl dies für ein arabisches Mädchen als unsittlich galt, holte die Familie sie nicht nach Hause zurück, sondern nahm sich ungeniert einen Teil ihres Geldes. Mit 20 wurde sie mit einem um vieles älteren Mann verheiratet. Er schlug sie. Der einzige Ausweg war das Gefängnis. Also griff sie eine israelische Soldatin mit einer Rasierklinge an. Sie wollte die Frau nicht ernsthaft verletzen. „Ich war nicht böse auf diese Soldatin. Sie ist ein Mensch wie ich.“ Aisha kam für ein Jahr und acht Monate ins Gefängnis. „Es war anfangs schwer, aber dann gefiel es mir“, erzählt sie der Ärztin. „Ich konnte mich ausruhen. Es war besser als draußen. Ich würde gerne wieder zurück.“

Nach ihrer Entlassung verliebt sie sich in einen Nachbarn, doch ihr ältester Bruder verbietet die Heirat. Wie auch alles andere, was sie tun will. Sie vereinsamt in ihrem Elternhaus und zieht sich zurück. Die Familie stellt keine Fragen, Aisha kann sich niemandem anvertrauen.

Aishas Geschichte ist kein Einzelfall. Dennoch ist Nadia Dabbaghs Arbeit, die jetzt mit dem Titel „Suicide in Palestine: Narratives of Despair“ im Londoner Verlag Hurst&Company erschienen ist, die erste wissenschaftliche Studie, die sich mit dem Tabuthema Selbstmord in der arabischen Welt beschäftigt. Sie liefert Einsichten, die das Verständnis für die aktuelle Situation der Palästinenser schärfen. „Die Geschichten der Frauen und Männer, die ich nach ihren Selbstmordversuchen betreut habe, erzählen von der ungeschminkten Realität des Lebens in den besetzten Gebieten“, sagt die Autorin. „Ihre Schicksale geben uns auch Einblick in die möglichen Samenkörner der Motivation in den Köpfen mancher Attentäter.“

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Bei den Menschen im Gazastreifen und im Westjordanland keimt langsam wieder Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Lebensumstände. Die Bilder aus Sharm el-Sheikh von der Einigung auf eine Waffenruhe sind noch frisch im Gedächtnis. Israels Ministerpräsident Ariel Sharon und Mahmoud Abbas, der Nachfolger des verstorbenen Palästinenserführers Yassir Arafat, schütteln einander die Hände. Sie lächeln. Es ist der dritte Anlauf in dem seit fast 60 Jahren andauernden Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern nach dem Friedensvertrag von Oslo 1991 und den Gesprächen von Camp David im Jahr 2000.

Die Realität sieht derzeit noch anders aus. Knapp drei Millionen Palästinenser leben in den besetzten Gebieten auf engstem Raum. Ihre Bewegungsfreiheit ist durch Ausgangssperren und eine Mauer eingeschränkt. Nach Angaben der Weltbank lebte 2004 die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze, ein Viertel war arbeitslos. In den letzten vier Jahren sank das Durchschnittseinkommen um ein Drittel. Der emotionale Stress, der sich aus dieser Situation ergibt, findet in der Gesellschaft kein Gehör. Als Dabbagh zu recherchieren begann, gab es in Ramallah, wo rund 280.000 Menschen leben, nur zwei Psychiater. „Für einen Palästinenser ist es komisch, sich in einen Raum zu setzen und über Probleme zu reden“, sagt Dabbagh. Besonders in schwierigen Zeiten zeigten sich die Menschen lieber von der harten Seite. Wer sich im Krieg befindet, darf nicht verzweifeln. Er muss kämpfen, heißt es.

Wer sein Leben für den heiligen Krieg opfert, erntet in der palästinensischen Gesellschaft Ruhm und Anerkennung. Wer aber aus Verzweiflung über Arbeitslosigkeit, Krankheit, sexuellen Missbrauch oder Hoffnungslosigkeit seinem Leben ein Ende setzt, bringt Schande über die ganze Familie. Was die wichtigsten muslimischen Schriften, Koran und Hadith, zum Thema Selbstmord und Märtyrertum sagen, hat Dabbagh analysiert. Obwohl es Unklarheiten und Unterschiede in der Interpretation gibt, hat sich im modernen öffentlichen Verständnis die Auslegung manifestiert, dass jemand, der sich aus individuellen Gründen umbringt, den Glauben an Gott verloren hat.

Der Islam ist laut Koran aber eine Religion der Hoffnung. Nur Ungläubige verzweifeln. Ein Selbstmörder wird zwar begraben, ist aber keines Gebetes mehr würdig. Seine Familie ist geschändet. Wie im Christentum sagen die heiligen Schriften der Muslime, dass Gott allein über Leben und Tod entscheidet. „Zudem wird das eigene Selbst in der islamischen Welt als Teil des Kollektivs, der Gemeinschaft empfunden“, sagt Dabbagh. „Der Fokus auf individuelle Probleme gilt als neues, westliches Phänomen, das man in der Gesellschaft nicht wahrhaben will.“ Selbstmord wird gleichgesetzt mit anderen „westlichen“ Übeln wie Drogen, Aids oder Vergewaltigung.

Märtyrer haben eine Sonderstellung. Auf Arabisch bedeutet Märtyrer „Zeuge der Wahrheit“. Nach den alten Schriften opfert ein Märtyrer sein Leben in Gottes Auftrag und für das Wohl der Gemeinschaft. Damit verdient er sich einen Platz im Paradies. Die zeitgenössische Auslegung der islamischen Gelehrten ist zweigeteilt: Der Scheich Sayyid Tantawi etwa, die höchste islamische Autorität Ägyptens, unterstützt Selbstmordattentate und erachtet sie sogar als „Pflicht“. Scheich Abd Al Aziz, ein einflussreicher Mufti aus Saudi-Arabien, verbietet dagegen terroristische Aktivitäten. Während der private Selbstmord als Import aus dem Westen verurteilt wird, gilt Märtyrertum als ureigene Form des Widerstands, schreibt Dabbagh. Private Selbstmorde werden in der palästinensischen Gesellschaft vertuscht oder als Unfälle getarnt.

In der arabischen Welt gibt es kaum offizielle Selbstmordstatistiken. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat nur Zahlen zu Ägypten und Kuwait. Der Schock war groß, als 1997 erstmals Polizeiberichte von ganz privaten Selbstmorden in Zeitungen erschienen. Dabbagh nahm dies zum Anlass, herauszufinden, ob das Phänomen Selbstmord tatsächlich etwas Neues in der palästinensischen Gesellschaft war oder ob es unterschwellig schon länger existiert hatte. In einem staubigen Container im Krankenhaus in Ramallah durchforstete sie wochenlang alte Krankenberichte nach Todesursachen wie Vergiftungen, Schnittwunden oder Überdosen.

p2Anfangs misstrauten die Krankenschwestern der Britin mit den damals noch holprigen Arabischkenntnissen. Zunächst wollten sie den Schlüssel zum Container nicht herausgeben. Dann meinten sie, es seien Ratten drin. Erst als sie sahen, dass es ihr ernst war, bekam die junge Wissenschaftlerin ihre Unterstützung.

Darüber hinaus klapperte Dabbagh die praktischen Ärzte in der Umgebung ab und erfragte ihre Erfahrungen zum Thema, durchforstete Polizeiberichte und die Kriminalakten der örtlichen Bezirksgerichte auf der Suche nach verschwiegenen Selbstmordversuchen. Eines hatten alle Schriftstücke gemeinsam: Um die Wahrheit herauszufinden, galt es, zwischen den Zeilen zu lesen. Die Aufzeichnungen über ihre Bemühungen, an Statistiken zu kommen, dokumentieren, wie sehr das Thema nach wie vor als Tabu gilt.

Akribisch listet Dabbagh jede Information auf, die sie finden konnte, und beschreibt dabei zugleich den miserablen Zustand der öffentlichen Einrichtungen. Diese haben gerade genug Geld, um notdürftig zu funktionieren. Aufgrund von häufigen kriegsbedingten Arbeitsunterbrechungen und der wuchernden Korruption gibt es in Palästina nur lückenhafte Aufzeichnungen, sind die Archive wenig hilfreich.

Aber auch die Schwierigkeiten, die Dabbagh bei der Aufzeichnung aktueller Fälle hatte, entlarven die gesellschaftlichen Mechanismen. So bat sie die behandelnden Ärzte im Krankenhaus, sie zu kontaktieren, wenn jemand mit Verdacht auf Selbstmordversuch eingeliefert würde – egal zu welcher Uhrzeit. Viele Patienten, die nachts eingeliefert wurden, bekam Dabbagh jedoch nie zu Gesicht. Die Ärzte hatten sie nicht geholt – unter dem Vorwand, es sei nicht angemessen für eine junge Frau, so spät nachts unterwegs zu sein.

Und auch die Gespräche mit Personen, die einen oder mehrere Selbstmordversuche hinter sich hatten, gestalteten sich schwierig. Häufig musste Dabbagh ihre Gesprächspartner psychologisch betreuen. Bei Frauen waren meist männliche Angehörige anwesend, was die Interviews massiv beeinträchtigte. Der Ausweg: Dabbagh versprach ihren Gesprächspartnern strenge Vertraulichkeit und änderte in ihren Aufzeichnungen alle Namen.

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Mustapha war 30, als er eine Überdosis Tabletten schluckte. Wenige Tage zuvor, erzählt er Dabbagh unter Tränen, hatte seine Frau eine Fehlgeburt. Sie lag zu Hause und blutete, aber er hatte kein Geld, um sie ins Krankenhaus zu bringen. Er wollte lieber sterben, als sich seine Armut und sein Unvermögen, für seine Familie zu sorgen, einzugestehen. Mustapha hatte kaum eine Chance auf Arbeit. Er hatte für die Widerstandsbewegung „Schwarzer Panther“ gearbeitet und wurde von der israelischen Polizei gesucht, konnte sich also innerhalb der besetzten Gebiete nicht frei bewegen.

Trotz seiner finanziellen Schwierigkeiten würde Mustapha seine Frau niemals arbeiten lasse. „Auch nicht, wenn sie 5.000 Schekel am Tag verdient“, sagt er. „Keine der Frauen im Dorf arbeitet. Das würde allen zeigen, dass ihre Männer sie nicht versorgen können. Das wäre eine große Schande.“ Dabbagh sieht darin ein typisches Verhaltensmuster. Während Frauen meist über ihre Familienverhältnisse klagen, verzweifeln die Männer hauptsächlich an ihrer wirtschaftlichen Situation. So auch Kareem. Er war 40, als er versuchte, sich umzubringen. Er hatte Ärger mit seiner Mutter und seiner Frau, doch sein größtes Problem war die Arbeitslosigkeit, die ihn seit Jahren quälte. Kareem ist Vater von sechs Kindern.

Er war mit seiner Situation nicht allein: „Vielen meiner Freunde geht es wie mir, alle sind verzweifelt. Wenn du einem dein Problem erzählst, findest du heraus, dass das des anderen noch größer ist. In meinem Dorf sind 60 bis 70 Prozent der Leute arbeitslos“. Besonders frustrierte ihn die Palestinian National Authority, die seit 1994 die autonomen Palästinensergebiete verwaltet. Yassir Arafat habe viele ausgewanderte Palästinenser in seine neue Regierung berufen. Diese hätten die Intifada nicht miterlebt und, anstatt die Palästinenser zu repräsentieren, die besten Jobs bekommen und sich durch Korruption bereichert, klagt Kareem. „Da gibt es Leute im Westjordanland, die haben fünf Autos vor ihrem Haus, und andere haben kaum genug zu essen.“

Seine Meinung teilten viele der interviewten Männer. „Sobald sie auf die Intifada zu sprechen kamen, begannen bei fast allen die Augen zu leuchten“, erinnert sich Dabbagh. Viele hatten während der Intifada gegen die Besatzer gekämpft und einige Zeit in israelischen Gefängnissen verbracht. Während der Intifada fühlten sich die Menschen durch die gemeinsame Sache verbunden.

„Männer können ohne Aussicht auf Arbeit ihre Familien nicht erhalten oder erst gar keine gründen. Sie können ihre Rolle als Mann in der Gesellschaft nicht ausüben. Als Kämpfer oder Märtyrer gewinnen sie Anerkennung“, erklärt die Autorin. „Wenn man in die besetzten Gebiete fährt, hat man den Eindruck, viele Helden zu treffen.“ Als die heftigste Phase des Kampfes vorbei war, stieg die Selbstmordrate in den palästinensischen Gebieten signifikant an. „Es gab eine Übergangszeit. Die Menschen wussten nicht, was auf sie zukommen würde. Als sich ihre Situation nicht verbesserte, verloren viele die Hoffnung“, sagt Dabbagh.

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Trotz der schwierigen Lebensumstände in Palästina war die letztendlich festgestellte Selbstmordrate in Ramallah und Jenin Ende der Neunziger im internationalen Vergleich relativ gering. Die Autorin zeigt sich überrascht über die „Zähigkeit und das Durchhaltevermögen“ der Palästinenser. Neben dem „starken Zusammenhalt durch die Religion, Familien, Institutionen wie Schulen oder Universitäten“ war für Dabbagh dafür vor allem eines ausschlaggebend: „der Kampf für das gemeinsame Ziel“.

Wie bei Abid, der mit 24 Jahren eine Überdosis Tabletten nahm. Als Teenager wurde er von israelischen Soldaten derart verprügelt, dass er Epileptiker wurde. Das machte ihn arbeitsunfähig. Ohne Einkommen gab es keine Chance auf Heirat und Kinder. Er fühlte sich nutzlos. „Ein Mann ohne Arbeit, der noch dazu jung ist, Geld von seinem Bruder nimmt und kein eigenes Haus hat, kann nicht mit einer Frau leben. Das ist keine kleine Sache. Ich bin müde, dieses Leben schmeckt nach nichts“, erzählt er im Interview. Schließlich erschoss ein jüdischer Siedler seinen besten Freund, was Abid völlig in die Verzweiflung stürzte. Seinen größten Wunsch verriet er nach seinem Selbstmordversuch: „Wenn sie mich nur verhaften und mich lebenslänglich einsperren würden, wie meinen Bruder. Das wäre ehrenvoller für mich als zu Hause zu sitzen.“

Jetzt, wo es eine neue Chance auf Frieden gibt und die Intifada möglicherweise zu Ende geht, warnt Dabbagh: „Auch wenn die Anschläge aufhören, bedeutet das nicht, dass alles vorbei ist.“ Für die Zeit des Wiederaufbaus müsse man vor allem daran denken, wie die Jugendlichen wieder eine Ausbildung erhalten können und wo die nächsten Jobs herkommen. Zudem müssten die Institutionen rasch wieder aufgebaut werden, damit sich auch in den Köpfen wieder ein Gefühl von Sicherheit einstellen kann.

„Es wäre wichtig, Sozialarbeiter, Krankenschwestern und Ärzte psychologisch zu schulen“, sagt Dabbagh. „Sie könnten, wenn sie mit den Angehörigen und Freunden ihrer Patienten sprechen, schneller auf Probleme aufmerksam werden. Das alles würde helfen, ein soziales Netz aufzubauen, damit sich Menschen stabilisieren können.“

Aisha hätte das schon viel früher gebraucht. „Entweder ich wandere aus oder ich sterbe“, sagte sie zu Nadia Dabbagh im Flüchtlingslager von Ramallah. Aber das war noch vor 1999.

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