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Die Legende vom heiligen Paul

Der Engländer Paul Gascoigne galt einst als einer der besten Fußballer der Welt. Dann kam der lange Absturz. Die Geschichte eines Jungen, der nie erwachsen werden wollte.

Text: Michael Robausch
Paul GascoigneDas neue Jahr begann nicht gut für Paul Gascoigne. Mit einer schweren Lungenentzündung lieferte sich der ehemalige englische Fußball-Internationale selbst in ein Londoner Krankenhaus ein. Die Ärzte nahmen bei dem 37-Jährigen auch einen HIV-Test vor. Das Ergebnis stand zu Redaktionsschluss noch nicht fest. Der bislang letzte traurige Höhepunkt im Leben einer der schillerndsten Figuren, die der Fußball je hervorgebracht hat.

In den letzten Jahren waren Alkoholismus, Drogenprobleme und Depressionen zu ständigen Begleitern eines Mannes geworden, der den passenden Zeitpunkt für das Karriereende nicht finden konnte. Eine Reihe tatsächlicher und noch mehr kolportierte Comebacks bezeugen seine Liebe zu seinem Sport. Zugleich spricht daraus der zwanghafte Versuch, sich noch einmal zu beweisen, die Angst vor einer Leere in einem Leben nach dem Spiel. Eine von Gascoignes Strategien, diese zu verdrängen, war stets eine ans Pathologische grenzende Form von Hyperaktivität. Still zu stehen, mit Reden oder Rauchen aufzuhören, hieß für ihn, den Schmerz zu spüren, dass sich das Leben wieder einmal gedreht hatte. „Gegen ihn, wie er wahrscheinlich eher glaubte. Und das war eine zu große Empfindung, um sie fühlen zu wollen“, schrieb Ian Ridley im Observer über eine Begegnung mit Gascoigne im Sommer 2002.

Im vergangenen Herbst hatte der alternde Star für kurze Zeit beim viertklassigen englischen Klub Boston United als Spielertrainer angeheuert. Davor, als ihn längst kein renommierter Verein mehr haben wollte, hatte er einem Engagement beim chinesischen Zweitligisten Gansu Tianma zugestimmt. Das Gastspiel geriet zur Chronik eines angekündigten Scheiterns. Erst zehn Minuten vor dem ersten Training mit den neuen Kollegen wurde ihm klar, dass er sich auch dazu verpflichtet hatte, die Mannschaft zu coachen. Was folgte, war eine Panikattacke. Die Bilder einer BBC-Fernsehcrew zeigen Gascoigne, der beim vergeblichen Versuch, normal zu atmen, rot anläuft: „Es fühlte sich an, als ob ich weinen wollte und nicht konnte“, wird er später über diesen Moment sagen. Die China-Episode dauerte nicht lange. Eines Tages war Gascoigne einfach verschwunden. Nach einer Therapie gegen Depressionen in den USA tauchte er in England unter. Nach China kehrte er nie mehr zurück. Wie an viele andere Orte, an denen er seine Spuren hinterlassen hatte.

Paul Gascoigne wächst in bescheidenen Verhältnissen in einer Arbeitersiedlung im nordenglischen Gateshead auf. Vater John hatte als Hilfsarbeiter auf dem Bau gearbeitet, nach einer Gehirnblutung konnte er aber von heute auf morgen nicht mehr weitermachen. Um die Familie durchzubringen, nimmt die Mutter jeden Job an, den sie kriegen kann. Der Junge ist meistens irgendwo draußen unterwegs. Schon als sein Sohn noch ein Knirps war – „vier oder so“– sei ihm dessen Talent aufgefallen, erzählt der Vater. Zum Zeitvertreib gehört auch das Stehlen von Kleinigkeiten um des bloßen Nervenkitzels willen. „Schon komisch“, grinst Paul bei einer Autogrammstunde in einem Buchgeschäft in Newcastle zur Promotion seiner 2004 erschienenen Autobiografie „My Story“. „Hier habe ich früher immer Sachen geklaut.“ Zukunftsangst habe ihn damals schon geplagt, erinnert er sich: „Einmal musste ich daran denken, was die Zukunft wohl bringen würde, und an den Tod. Ich bin schreiend zu meiner Mutter gelaufen.“

Mit dem Tod war der junge Paul Gascoigne häufiger konfrontiert als die meisten anderen Kinder. Ein Junge, auf den er aufpassen sollte, wurde von einem Auto überfahren. Ein anderer erlag in seiner Anwesenheit den Folgen eines Arbeitsunfalls. Bei einem Job, den der Junge nur angenommen hatte, um die Zeit bis zu einem Probetraining für Newcastle United zu überbrücken, das der Nachwuchsspieler Gascoigne für ihn zu arrangieren versprochen hatte. Sein an Asthma leidender Cousin starb wiederum, während er Fußball spielte. Ärzte hatten ihm davon abgeraten, der junge Paul jedoch hatte gemeint, das sei Blödsinn.

Paul Gascoigne

Gascoignes Karriere beginnt 1984 am Gateshead gegenüberliegenden Ufer des Flusses Tyne, bei Newcastle United. Der erste Trainer des jungen Mannes ist die englische Fußballlegende Jack Charlton. Der Empfang für den 17-Jährigen ist rau: „Ich hab gehört, da wär ein bisschen Können unter dem ganzen Fett“, grummelt der Weltmeister von 1966. „Du hast zwei Wochen, um es loszuwerden. Wenn nicht, bis du draußen aus dem Verein.“ Gascoigne bleibt drinnen.

Als er den Durchbruch in die erste Mannschaft geschafft hat, stellt der stets freigebige Paul seinem Vater einen Rolls Royce vor die Tür. Als der mit dem neuen Schlitten wie gewohnt beim Sozialamt vorfährt, hat das den sofortigen Verlust der Stütze zur Folge. Nach einigen Saisonen bei den „Magpies“ („Elstern“) genannten Spielern aus Newcastle wechselt Gascoigne nach London zu den Tottenham Hotspurs. Auch Manchester United signalisiert Interesse, doch gegen das finanziell lukrativere Angebot der Hauptstädter kommt auch das Charisma von Sir Alex Ferguson nicht an.

Mit der Karriere auf dem Feld geht es nun steil bergauf. Im Dezember 1989 feiert Gascoigne sein Debüt im englischen Nationaltrikot. Anfangs reicht es nur zu Kurzeinsätzen, aber Trainer Bobby Robson ist so beeindruckt, dass er ihn in den Kader für die bevorstehende Weltmeisterschaft in Italien aufnimmt – obwohl er ihn für „dumm wie eine Bürste“ hält. Die Missachtung des angeblich niedrigen IQs zahlt sich aus. Bei der WM 1990 staunen die kontinentaleuropäischen Fans über den begabten Aufsteiger, der als Dreh- und Angelpunkt seiner Mannschaft agiert. Sie staunen über diesen bulligen Typen, dessen massiger Oberkörper in eigenartigem Kontrast zu seinen kurzen Beinen steht. Mit mannigfachen Anlagen gesegnet, ist Gascoigne wie kaum ein anderer dazu in der Lage, den Rhythmus eines Spiels zu bestimmen. Er kann den Ball sowohl sichern als auch mit dynamischen Antritten nach vorne tragen, ist technisch herausragend und gleichzeitig kampfkräftig. Seine instinktiv gespielten Pässe sind ein gefundenes Fressen für die englischen Stürmer, und obendrein erweist er sich auch selbst als virtuoser Schütze.

Im Zweitrunden-Aufeinandertreffen mit Belgien erzwingt Gascoigne jenen Freistoß, den David Platt zum Siegestor volliert. Gascoigne ist es auch, der im Viertelfinale Stürmer Gary Lineker auf eine Reise schickt, der die Verteidigung Kameruns nur durch ein Foul im Strafraum ein Ende setzen kann. Der folgende Penalty macht England den Weg ins Halbfinale frei. Das dort folgende Ausscheiden im Elferschießen gegen Deutschland ändert nichts mehr an dem neuen Status des Arbeiterkindes aus dem Norden: Innerhalb von vier Wochen ist Paul Gascoigne zum Liebling einer Nation aufgestiegen, ja, mehr noch: Die Medien erheben ihn zu einer anderen Person, die fortan den Namen „Gazza“ trägt. Der „Gazza“-Mythos nährt sich dabei aus einem Moment des Scheiterns, der sich in dem Bild des in Tränen aufgelösten Gesichtes Gascoignes manifestiert hatte. Eine gelbe Karte im Spiel gegen die Deutschen – die zweite im Verlauf des Turniers – hatte ihm die Chance genommen, im möglichen Endspiel dabei zu sein. Ein Bild, dem der Journalist Brian Oliver später metaphorischen Charakter zuschrieb.

Der weinende Paul Gascoigne galt fortan als Sinnbild für eine Phase der grundlegenden Umwälzungen, die den Fußball auf der Insel Anfang der Neunziger erfasste und ihn zu einem durch und durch kommerziellen Erfolgsmodell transformieren sollte: der „arme Gazza“ als personifizierte Antithese zum Hooliganismus der Achtziger, der in der Katastrophe von Heysel 1985 kulminiert war, nach der englische Mannschaften für fünf Jahre von allen europäischen Bewerben ausgeschlossen worden waren.

Gascoignes Popularität gründete sich aber nicht nur auf seine Tränen. Er hatte Charme, ging auf die Leute zu und behielt dabei immer die Bodenhaftung. Dazu kamen seine derben Späße und sein immer währendes Grinsen, das einen gleichermaßen einnehmen wie provozieren konnte. Den Anekdoten über Gascoigne, den Possenreißer, sind heute ganze Websites gewidmet. Ihn wirklich zu kontrollieren, gelang keinem seiner Trainer.

Paul Gascoigne

Das plötzliche Hereinbrechen einer Katastrophe im Augenblick des zum Greifen nahen Ruhms kennzeichnet auch den nächsten Meilenstein in seiner Karriere. In der Saison 1990/91 hatte Gascoigne die „Spurs“ bis ins Finale des FA-Cups ins Londoner Wembley-Stadion geführt. Im Spiel gegen Nottingham Forest rammte ein ob der Größe des Anlasses völlig überdrehter Gascoigne erst seinen Fuß in die Brust eines Gegenspielers, wenig später streckte er Nottinghams Gary Charles mit einem schlimmen Tackling nieder. Der blieb unverletzt – aber in Gascoignes Knie rissen alle Bänder. Die Genesung sollte fast ein Jahr dauern. Seine Zeit bei Tottenham war vorbei, aber immerhin hatte er sich einen FA-Cup geholt.

Zur Bühne für das Comeback sollte die Hauptstadt Italiens werden. Lazio Rom hatte den Londonern fünfeinhalb Millionen Pfund überwiesen. Doch schnell zeigte sich, dass der neue Star nicht imstande war, konstante Leistungen zu bringen. Der genialische Funke blitzte nur selten auf, immer wieder zwangen ihn Verletzungen zu längeren Spielpausen. Aus der Zeit in Italien bleibt denn auch weniger Sportliches in Erinnerung als vielmehr jener Moment, in dem ein gut gelaunter Gascoigne, um einen Kommentar zu einem Spiel gebeten, herzhaft in das Mikrofon eines Journalisten rülpste.

1995 haben die Römer genug: Sie geben Gascoigne an die Glasgow Rangers ab. Mit seinen Eskapaden ist er bei den Rangers-Fans bald als äußerst populär. Unter anderem mit Einlagen wie der folgenden: Während eines Heimspiels gegen Hibernian Edinburgh fällt Schiedsrichter Dougie Smith die gelbe Karte aus seiner Brusttasche. Der neben ihm stehende Gascoigne bringt sich prompt in Besitz derselben – plötzlich sieht sich der Unparteiische selbst verwarnt. Als der aufgebrachte Smith den Spieß postwendend umdreht, buht das rappelvolle Stadion den Humorlosen einhellig aus.

Aber auch in Schottland wechseln Licht und Schatten. An seinen besten Tagen zu Unglaublichem fähig, erweist sich Gascoigne an schlechten wegen seiner mangelnden Disziplin als Belastung für die gesamte Mannschaft. Immerhin gewinnt er wieder Titel, wenn auch nicht in einer europäischen Spitzenliga. Mit einem Hattrick im entscheidenden Spiel gegen Aberdeen sichert er den Rangers in der Saison 95/96 nahezu im Alleingang die Meisterschaft. Unter den Fittichen von Walter Smith, der für ihn vielmehr eine Vaterfigur als seinen Trainer darstellt, gewinnt Gascoigne während seiner Jahre in Glasgow ein gewisses Maß an Stabilität zurück. Für einen Mittelfeldspieler hat er zu diesem Zeitpunkt immer noch eine bemerkenswerte Trefferquote: 39 Tore in 103 Spielen. Nun durfte er auch wieder für England spielen. Scheinbar genau zum richtigen Zeitpunkt: Die Europameisterschaft 1996 im eigenen Land steht an. Sie wird zu Gascoignes letztem großen Auftritt im internationalen Rampenlicht. Ein letztes Mal verrichtet er Wunderdinge.

Nachdem er beim Vorrundenspiel gegen Schottland lange Zeit kaum aufgefallen ist, nimmt er in der 79. Minute kurz vor der Strafraumgrenze den Ball an. Er überhebt einen Verteidiger, übernimmt anschließend den Ball aus der Luft und schießt zum 2:0-Endstand ein. Der Treffer wird später zum schönsten gewählt, der je in Wembley erzielt wurde.

Wie bei der WM 1990 kommt Gascoigne mit England knapp an den ersten Finaleinzug bei einem großen Turnier seit der WM 1966 heran. Aber wieder erweisen sich die Deutschen als Spielverderber: Im Halbfinale verliert sein Team, wie schon in Italien, im Elferschießen. So endet die EM nur als ein weiterer kleiner Höhepunkt in der Karriere eines Hochbegabten, die angesichts der vorhandenen Möglichkeiten von den Fußballauguren bis heute als ein nicht eingelöstes Versprechen empfunden wird. Am schmerzvollsten wohl von Gascoigne selbst.

Dem letzten Hoch folgt der tiefe Fall. Nach dem Turnier wird Gascoigne immer mehr zum Mann der Extreme; sei es in Sachen Alkohol oder was den Verzehr von Fruchtgummis angeht, von denen er bis zu zehn Packungen am Tag vertilgt. Sein körperlicher Zustand schwankt ständig zwischen den Polen „überraschend gut“ und „erschreckend schlecht“. Neben seiner Trunksucht leidet er nun auch an Essstörungen. Er schaufelt Unmengen von Cornflakes in sich hinein, geht aufs Klo und erbricht. Anschließend beendet er sein Frühstück mit gebratenem Speck.

Tagsüber wird Gascoigne zunehmend von Angstzuständen gequält. Er entwickelt nervöse Ticks und ein zwanghaftes Verhalten, ist emotional immer weniger stabil. Seine Frau Sheryl schlägt er. 1998 lassen sich Gascoignes Eltern scheiden, sie leben aber bis heute nur ein paar Türen voneinander entfernt. Mutter Carol schaut immer noch jeden Sonntag bei ihrem Exmann vorbei, um ihm das Essen zu kochen. Im selben Jahr, in dem sich die Eltern trennen, geht auch Gascoignes Ehe in die Brüche. Sohn Regan bleibt bei Mutter Sheryl. Auf Gascoignes Nachtkästchen liegen fortan Psycho-Ratgeber.

Paul Gascoigne

Besonders gefährdet ist Gascoigne, wenn es sportlich nicht läuft. Und diese Phasen häufen sich. Muskuläre Probleme als Resultat mangelnden Sauerstofftransports durch das Blut – die Folge übermäßigen Alkoholkonsums – fordern ihren Tribut. 27 Operationen muss er über sich ergehen lassen. Zu saufen hört Gascoigne trotzdem nicht auf. Aber er findet einen neuen Mentor. Walter Smith holt ihn im Jahr 2000 zum FC Everton nach Liverpool. Dem Klubpersonal verbietet der Trainer strengstens, den labilen Spieler auf einen Drink einzuladen.

In höchstem Grade abhängig ist Gascoigne jedoch vom Fußball selbst. Er liebt die Bewegung an der Luft, die Atmosphäre in einer trainierenden Mannschaft, ihre Geräusche, ihre Gerüche. Kollegen aus allen Ländern, in denen er gespielt hat, berichten übereinstimmend von seinem Eifer. Stets war er vor allen anderen auf dem Feld. Bei Everton absolviert er nach dem Pensum der Ersten auch noch das der Reserve und übt anschließend mit den Nachwuchsteams.

Fast scheint es, als müsse er sich zwingen, das Trainingsgelände zu verlassen. „Bei Gascoigne muss man das Schlechte mit dem Guten nehmen“, sagt Walter Smith. Als Gascoigne im Frühjahr 2002 von der Entlassung seines Mentors erfährt, weint er. Es ist auch für Gascoigne das Ende bei den Liverpooler Blauen. Er wird nie wieder ein Erstligaspiel bestreiten.

2002 gerät für ihn zu einem der schlimmsten Jahre in seiner Karriere. Ein Mitarbeiter des Fernsehsenders ITV, der Gascoigne während der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Korea als Kommentator einsetzt, sagt rückblickend: „Wir waren nicht beunruhigt, dass er nicht auftauchen würde. Sehr wohl aber, in welchem Zustand er kommen würde.“ Die Sorgen erweisen sich als berechtigt: In Gascoignes Londoner Hotel fällt in nur wenigen Tagen eine Getränkerechnung in Höhe von knapp 10.000 Pfund an. Der Sender zahlt die Zeche.

Gascoigne brennt darauf, wieder zu spielen – aber niemand will ihn haben. Er reist zu einem Probetraining nach Washington zu DC United, einem Verein aus der Major League Soccer. Trainer Ray Hudson kennt Gascoigne seit dessen Kindertagen und hegt große Sympathien für ihn: „Wir sprachen darüber, welche Wonhung er sich vorstellte und welches Auto er haben wollte, aber er meinte bloß: ,Ray, ich will nur den Ball. Nur den Ball.‘“

Im Training macht der Proband gute Figur, doch im Umfeld des Klubs werden kritische Stimmen laut – besonders die Misshandlung seiner Frau wird gegen seine Verpflichtung ins Treffen geführt. Der Wechsel nach Amerika scheitert.

Zurück in England, verkriecht sich Gascoigne für Wochen in einem kleinen Hotel im County Durham. Die Nächte an der Bar dauern stets bis in den frühen Morgen. Als der schwer Betrunkene eines Nachts vornüberkippt und, an einen Heizkörper gelehnt, einschläft, zieht er sich schwere Verbrennungen an der rechten Hand zu. Um die Weihnachtszeit beginnt eine bis heute andauernde Reihe von Versöhnungsversuchen mit Exfrau Sheryl.

Die Geschichte von Paul Gascoigne ist auch eine Mediengeschichte. Es gibt mit Ausnahme von Diego Maradona keinen Fußballer, dessen Wohl und Wehe eine vergleichbare Menge an Spaltenplatz in den internationalen Medien gewidmet wurde. Gascoigne ist keiner, dem man im Umgang mit den Medien besondere Zurückhaltung nachsagen kann. Sowohl die wenigen Höhepunkte als auch die vielen Tiefpunkte lebte er öffentlich aus.

Paul Gascoigne

Inwieweit dies Ausdruck eines Bedürfnisses nach Gemeinschaft, Mitteilung und Anerkennung ist, das zumindest virtuell befriedigt werden soll, bleibt dahingestellt. Ihm nahe stehende Menschen berichten von einem starken Verlangen nach Bezugspersonen. Die Unfähigkeit, gerade solche Naheverhältnisse zu ihm wohl Gesonnenen aufzubauen oder aufrechtzuerhalten, erwies sich immer wieder als schwere Hypothek. Medien machen Helden – am liebsten tragische. Säulenheilige von jenen Podesten zu stürzen, auf die man sie einst gehoben hat, ist bis heute einer ihrer beliebtesten Drehs. Das scheinbare Mitleid entpuppt sich bei näherem Hinsehen als kühl berechneter Voyeurismus, der hohe Einschaltquoten garantiert.

Paul Gascoigne – und erst recht „Gazza“ – eignet sich als typischer „Geordie Boy“ aus Newcastle dafür hervorragend. Alle Eigenschaften, die den Menschen aus dem englischen Norden zugeschrieben werden – warmherzig, irrational, undiszipliniert –, scheinen durch die Geschichte des Paul Gascoigne ihre Bestätigung zu finden. Im Zusammenwirken mit einem breiten, auch für Engländer oft kaum verständlichen Dialekt war der Weg zur Unterstellung von Ungebildetheit oder gar Dummheit nie ein weiter.

„Ich war in Gazza gefangen“, beschrieb Gascoigne einmal das Verhältnis zu seinem Alter Ego. Der Druck, sich davon zu befreien, wurde zuletzt so stark, dass er ankündigte, seinen Namen zu ändern: „Gazza“ und auch „Paul“ müssten verschwinden, weil „die Leute erst dann aufhören, daran zu denken, was ich war, und sehen, wer ich jetzt bin“. Und auch das im englischen Fußball lange gepflegte schlampige Verhältnis zum Alkohol hat das Drama um Gascoigne begünstigt. Biografien ähnlich der seinen finden sich im Mutterland des europäischen Fußballs überdurchschnittlich häufig, wenn auch meist weniger glamourös. Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit sind die Ex-Arsenal-Spieler Tony Adams und Paul Merson. Lange wurde trinkenden Profis augenzwinkernd begegnet: Alles nicht so schlimm, wenn man nur auf dem Platz seinen Mann stand.

Und im Kontext der auch als wichtige Klammer zur Fanbasis fungierenden „Lad Culture“ ist das nicht überraschend. In der Lebenswelt der harten Jungs auf Spielfeld und Tribüne wird das Kippen von Pints ebenso hoch angesehen wie machistische Attitüden oder mit Stolz gelebte Ignoranz. Selbstreflexion und das Eingeständnis von Schwächen und Problemen sind nicht vorgesehen. Paul Gascoignes zuletzt vor aller Augen vollzogene Konfrontation mit seinen Dämonen ist insofern ein bemerkenswerter Vorgang.

Und auch den so schwer zu vollendenden Schlussstrich unter seine Spielerkarriere hat er nun angeblich endgültig gezogen. Paul Gascoigne will eine Trainerausbildung beginnen.

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