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Die besten Weblogeinträge des Monats, präsentiert in Kooperation mit twoday.net
Der Tulpenpflücker
von Gaga, 30. Jänner 2006
versuch, eine tulpe zu fotografieren. ich mag tulpen ja nicht so besonders. aalglatt und ordentlich im wuchs, kein geruch von wildnis. ein geschenktes exemplar hält sich hier tapfer aufrecht, fast schon rührt mich ihr bemühen um haltung, ohne dabei von mir hingerissene aufmerksamkeit zu ernten. hier hast du, kleine tulpe … im nachtzug zwischen rostock und berlin lugt ein wölfisch aussehender mann in mein abteil mit den zugezogenen vorhängen. er würde sich gerne einfach nur ein bisschen unterhalten, ob das o.k. wäre? er scheint in meinem alter zu sein. irgendetwas an ihm macht mich neugierig. vielleicht der wilde blick und dazu seine kindlich wirkende frage. ich nicke, er setzt sich mir gegenüber.
er sei auf dem weg zurück nach holland, nachdem er die feiertage bei seiner familie in mecklenburg-vorpommern verbracht habe. er ist im ärger mit seiner frau auseinander gegangen, das macht ihm jetzt zu schaffen. und nun wieder tulpen pflücken. er sei tulpenpflücker. ich lausche fasziniert dem wort hinterher. der beruf des tulpenpflückers war mir bis dahin nicht bekannt. er erzählt von der anstrengenden arbeit in den holländischen zuchthäusern, gewächshäusern, sechs tage die woche, zehn bis zwölf stunden jeden tag. am ende der dreistündigen fahrt, in berlin, als ich aussteige und er weiterfährt, habe ich eine ganze menge über ihn erfahren. dass er die relativ gut bezahlte knochenarbeit, die so harmlos klingt, verrichtet, um den angeheirateten schuldenberg seiner jungen frau abzutragen. er hadert damit.
fliesenleger hat er gelernt und noch irgendeinen facharbeiter. und bekommt hier keine arbeit mehr. er erzählt ohne punkt und komma. zweimal war er im knast, wegen körperverletzung. er hat zudringliche zeitgenossen, die seinen freundinnen zu nahe getreten sind, krankenhausreif geprügelt. dem richter teilte er jeweils nach der urteilsverkündung mit: „ich würde es wieder ganz genauso machen.“ in bautzen sei er zum haftbeginn einige monate in einzelhaft gesteckt worden. in eine abgedunkelte zelle. ein fensterloses loch ohne elektrisches licht. das essen auf dem boden an die tür gestellt, zum ertasten. da dreht man durch.
er versuche seit einiger zeit, das alles aufzuschreiben. und gedichte. er hat sich auch schon einen titel überlegt: die schlimmsten jahre meines lebens. ich muss lachen und sage: „das ist so dermaßen platt, dass es schon wieder gut ist.“ er muss genauso lachen und meint: „wenn man dich zur freundin hätte, mit dir könnte man bestimmt pferde stehlen“, und zwinkert mir dabei zu. jens, der tulpenpflücker. zwei stunden später ist er bei „wenn du meine frau wärst, würde ich dir die schönsten ecken von mecklenburg-vorpommern zeigen. nur mit dem fahrrad!“ ich sage gar nichts und muss grinsen. beim abschied drückt er mich an seinen wolfsbart und gibt mir ausgerechnet diesen ‚man sieht sich immer zweimal‘-spruch mit auf den weg, den ich noch nie kapiert habe.
http://gaga.twoday.net/
Taschenwesen
von Hotelmama, 23. Jänner 2006
Die Tasche mit der Kamera, die ich heute wiederfand, war in einer Tasche, die mit anderen Taschen unter einem Taschenhaufen hinten an einem der beiden Haken, an denen ich einige meiner Taschen aufbewahre, verloren gegangen war. Vor Wochen. Die Tasche, in der die Tasche mit der Kamera lag, ist gelb mit orangen Henkeln, weshalb sie nur zu wenigen Klamotten passt und selten benutzt wird.
Es sind alles Handtaschen, aber sie haben außer der Taschenhaftigkeit wenig gemein miteinander, ich wollte immer so viele Handtaschen haben, dass ich nicht nach Farbe entscheiden muss, welche nun dran ist, sondern nach Hängung, Schwungkraft, Launenverstärkung, nach Anzahl der innen liegenden Reißverschlüsse und Lippenstifte, danach, ob man die Hand vorm Henkel abknicken kann, ohne dass die Tasche fällt, oder ob sie nur von bloßen Sommerschultern nicht rutscht, und im Allgemeinen, wie nahtlos die Symbiose möglich ist.
Ich heute vorm Spiegel mit gelber Tasche, weiß gar nicht mehr, warum, ich brauchte wegen des Winters einen Eindruck von mir mit gelber Tasche vorm großen Spiegelschrank. Aber immerhin die Kamera wiedergefunden! Dann nach anderen verlorenen Dingen weitergesucht, dann Taschenoverkill, jetzt paar Tage nur Rück-Säcke, deren Aufenthaltsort in dieser Wohnung mein Kopf beschweigt. Ich muss jetzt weitersuchen.
http://hotelmama.twoday.net/
Kaffee-Satz
von Bateman, 25. Jänner 2006
Die Einladung auf einen gemeinsamen Kaffee, wenn wir einmal ehrlich sind, ist doch nicht die Lust auf das schwarze Heißgetränk. Es steckt viel mehr dahinter bei der Frage, ob sie nicht Interesse hat, „einen Kaffee trinken zu gehen“. Welche Personen fragen wir denn in solchen Fällen? Zur ersten Kategorie gehören diejenigen, die wir über einen längeren Zeitraum nicht mehr gesehen und gesprochen haben. Und die zweite Kategorie? Richtig! Personen, auf die wir „scharf“ sind. Nichts hört sich so zwanglos an wie das gemeinsame „Kaffeetrinken“, ist jedoch ein eindeutiges Angebot, ein Balzverhalten. Ein beiläufiges „Das sollten wir bald wieder machen“ ist die nächste Hürde zur weiteren Anbahnung. Eindeutig sexuell orientiert ist, wenn sich die Einladung auf „einen Kaffee“ auf die eigene Wohnung bezieht. Hier gibt es keinen Raum für Interpretationen.
http://bateman.twoday.net/
von Gaga, 30. Jänner 2006
versuch, eine tulpe zu fotografieren. ich mag tulpen ja nicht so besonders. aalglatt und ordentlich im wuchs, kein geruch von wildnis. ein geschenktes exemplar hält sich hier tapfer aufrecht, fast schon rührt mich ihr bemühen um haltung, ohne dabei von mir hingerissene aufmerksamkeit zu ernten. hier hast du, kleine tulpe … im nachtzug zwischen rostock und berlin lugt ein wölfisch aussehender mann in mein abteil mit den zugezogenen vorhängen. er würde sich gerne einfach nur ein bisschen unterhalten, ob das o.k. wäre? er scheint in meinem alter zu sein. irgendetwas an ihm macht mich neugierig. vielleicht der wilde blick und dazu seine kindlich wirkende frage. ich nicke, er setzt sich mir gegenüber.
er sei auf dem weg zurück nach holland, nachdem er die feiertage bei seiner familie in mecklenburg-vorpommern verbracht habe. er ist im ärger mit seiner frau auseinander gegangen, das macht ihm jetzt zu schaffen. und nun wieder tulpen pflücken. er sei tulpenpflücker. ich lausche fasziniert dem wort hinterher. der beruf des tulpenpflückers war mir bis dahin nicht bekannt. er erzählt von der anstrengenden arbeit in den holländischen zuchthäusern, gewächshäusern, sechs tage die woche, zehn bis zwölf stunden jeden tag. am ende der dreistündigen fahrt, in berlin, als ich aussteige und er weiterfährt, habe ich eine ganze menge über ihn erfahren. dass er die relativ gut bezahlte knochenarbeit, die so harmlos klingt, verrichtet, um den angeheirateten schuldenberg seiner jungen frau abzutragen. er hadert damit.
fliesenleger hat er gelernt und noch irgendeinen facharbeiter. und bekommt hier keine arbeit mehr. er erzählt ohne punkt und komma. zweimal war er im knast, wegen körperverletzung. er hat zudringliche zeitgenossen, die seinen freundinnen zu nahe getreten sind, krankenhausreif geprügelt. dem richter teilte er jeweils nach der urteilsverkündung mit: „ich würde es wieder ganz genauso machen.“ in bautzen sei er zum haftbeginn einige monate in einzelhaft gesteckt worden. in eine abgedunkelte zelle. ein fensterloses loch ohne elektrisches licht. das essen auf dem boden an die tür gestellt, zum ertasten. da dreht man durch.
er versuche seit einiger zeit, das alles aufzuschreiben. und gedichte. er hat sich auch schon einen titel überlegt: die schlimmsten jahre meines lebens. ich muss lachen und sage: „das ist so dermaßen platt, dass es schon wieder gut ist.“ er muss genauso lachen und meint: „wenn man dich zur freundin hätte, mit dir könnte man bestimmt pferde stehlen“, und zwinkert mir dabei zu. jens, der tulpenpflücker. zwei stunden später ist er bei „wenn du meine frau wärst, würde ich dir die schönsten ecken von mecklenburg-vorpommern zeigen. nur mit dem fahrrad!“ ich sage gar nichts und muss grinsen. beim abschied drückt er mich an seinen wolfsbart und gibt mir ausgerechnet diesen ‚man sieht sich immer zweimal‘-spruch mit auf den weg, den ich noch nie kapiert habe.
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Taschenwesen
von Hotelmama, 23. Jänner 2006
Die Tasche mit der Kamera, die ich heute wiederfand, war in einer Tasche, die mit anderen Taschen unter einem Taschenhaufen hinten an einem der beiden Haken, an denen ich einige meiner Taschen aufbewahre, verloren gegangen war. Vor Wochen. Die Tasche, in der die Tasche mit der Kamera lag, ist gelb mit orangen Henkeln, weshalb sie nur zu wenigen Klamotten passt und selten benutzt wird.
Es sind alles Handtaschen, aber sie haben außer der Taschenhaftigkeit wenig gemein miteinander, ich wollte immer so viele Handtaschen haben, dass ich nicht nach Farbe entscheiden muss, welche nun dran ist, sondern nach Hängung, Schwungkraft, Launenverstärkung, nach Anzahl der innen liegenden Reißverschlüsse und Lippenstifte, danach, ob man die Hand vorm Henkel abknicken kann, ohne dass die Tasche fällt, oder ob sie nur von bloßen Sommerschultern nicht rutscht, und im Allgemeinen, wie nahtlos die Symbiose möglich ist.
Ich heute vorm Spiegel mit gelber Tasche, weiß gar nicht mehr, warum, ich brauchte wegen des Winters einen Eindruck von mir mit gelber Tasche vorm großen Spiegelschrank. Aber immerhin die Kamera wiedergefunden! Dann nach anderen verlorenen Dingen weitergesucht, dann Taschenoverkill, jetzt paar Tage nur Rück-Säcke, deren Aufenthaltsort in dieser Wohnung mein Kopf beschweigt. Ich muss jetzt weitersuchen.
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Kaffee-Satz
von Bateman, 25. Jänner 2006
Die Einladung auf einen gemeinsamen Kaffee, wenn wir einmal ehrlich sind, ist doch nicht die Lust auf das schwarze Heißgetränk. Es steckt viel mehr dahinter bei der Frage, ob sie nicht Interesse hat, „einen Kaffee trinken zu gehen“. Welche Personen fragen wir denn in solchen Fällen? Zur ersten Kategorie gehören diejenigen, die wir über einen längeren Zeitraum nicht mehr gesehen und gesprochen haben. Und die zweite Kategorie? Richtig! Personen, auf die wir „scharf“ sind. Nichts hört sich so zwanglos an wie das gemeinsame „Kaffeetrinken“, ist jedoch ein eindeutiges Angebot, ein Balzverhalten. Ein beiläufiges „Das sollten wir bald wieder machen“ ist die nächste Hürde zur weiteren Anbahnung. Eindeutig sexuell orientiert ist, wenn sich die Einladung auf „einen Kaffee“ auf die eigene Wohnung bezieht. Hier gibt es keinen Raum für Interpretationen.
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