DER PRINZ … trifft Laila Daneshmandi
Sie liefert täglich Nachrichten, die außer „Österreich“ niemanden interessieren. Ein Umtrunk mit Kult-Polizeireporterin Laila Daneshmandi.
Fotografie: Martin Fuchs
19 Uhr im Europa – falls nicht in letzter Minute ein Mord dazwischenkommt. Doch sind um 18.40 Uhr, wie ich am Tag nach dem Treffen in Österreich lese, in Penzing nur zwei Autos ineinander gekracht. So etwas hält eine Polizeireporterin nicht auf. Viel eher schon das Posieren für den Fotografen, der ganz originelle Ideen für einen Schnappschuss inmitten einer „typischen“ Crime-Scene hat. Laila Daneshmandi trinkt Rotwein, ich Weißwein. Das Aufnahmegerät läuft und sie erzählt, wie man Polizeireporterin wird.
Neben der Geschichte aber zieht noch etwas anderes die Aufmerksamkeit auf sich. Eine Art Wellengang, in dem manche ihrer Sätze zu hüpfen scheinen; vergnügt und doch auch angespannt. Es läuft eben ein Aufnahmegerät. Wirklich aufhalten lässt sie sich davon aber nicht. Schließlich könnte sie ja, wie sie verschmitzt einräumt, wochenlang über sich selbst reden. Und erzählt dann Geschichten wie jene darüber, warum sie nicht länger in Neuseeland bleiben konnte, wo sie drei Jahre lang bis zur Matura gelebt hat. Denn dort gebe es Stellen und Orte, von denen man sich im Gegensatz zu einer Stadt wie Wien tatsächlich vorstellen könne, hier sei noch nie jemand gewesen. Nicht in hundert Jahren, nicht in tausend, kein Mensch, nicht einmal einen Augenblick lang. Und das sei nur anfangs schön, irgendwann jedoch bedrückend leer. In einer Stadt hingegen könne man sicher sein, dass darin an jeder Stelle schon einmal jemand gestorben sei.

Und damit ist es sie, die hier die Fragen stellt. Dass ich dabei immer noch Vierterl statt Achtel trinke, ist nicht unbedingt klug. Ob ich weiß, fragt sie später, als wir kurz bei ihrem Publizistikstudium und ihrer Diplomarbeit landen, dass man den Mann, der die Guillotine bediente, Fotograf nannte? Nein. Wobei mir vorkommt, ich hätte davon schon einmal gehört, doch es unverständlicherweise wieder vergessen. Womöglich aber merke ich mir ja nicht einmal mehr, dass mein Gegenüber unter dem Titel „Im Angesicht des Todes“ eine Arbeit über die Todesdarstellungen in österreichischen Tageszeitungen geschrieben hat. Dennoch schalte ich das Aufnahmegerät jetzt ab. Denn davon, wie sich in ihrem Erzählen ihr Haar immer wieder in Richtung der linken Augenbraue senkt, nimmt ein Tonband ohnedies nichts auf. Und noch viel weniger, wie sich dieser Vorhang unversehens jedes Mal wieder hebt. Wir bestellen weitere Runden Wein. So hell kann meiner aber gar nicht sein, dass es bei mir nicht irgendwann sehr dunkel werden wird.
Als am nächsten Tag dann nur die Lokalgeräusche des Europa auf der Kassette zu hören sind, doch kein einziger unserer Sätze, wundert mich das nicht. Auf dem Weg zur Apotheke kaufe ich mir eine Ausgabe von Österreich: „08:45 – Brutaler Überfall auf Innenstadt-Juwelier … 10:23 – Burgenländer erwischen Wiener Raser … 11:57 – Fünf Verletzte nach Unfall in der Donaustadt ... 14:25 – Lautes Krachen stört Bewohner in Döbling ... 18:40 – Ein Verletzter bei Verkehrsunfall in Penzing.“ Doch keine Spur, ob ich mich in der Nacht noch danebenbenommen habe. Vermutlich ist das als Antwort von einer Zeitung aber auch zu viel verlangt, gibt es an solchen Tagen doch nicht einmal eine auf die Frage, warum man nie Kopfwehtabletten im Haus hat, wenn man sie wirklich braucht.
Stattdessen taucht nur eine SMS meines wahnsinnigen Freunds Thomas Glavinic auf: „Sorry, ich wollte heute Nacht ein dadaistisches Meisterwerk smsen, aber war zu betrunken, um es hinzukriegen.“ Zwar kann ich mich an nichts dergleichen erinnern, doch das heißt nichts, und prompt finde ich eine offenbar gelesene SMS von 2.37 Uhr in meinem Handy: „Ich, Schwein dummes, bin die Viech von erleben.“ Was der alles weiß …
Martin Prinz ist Schriftsteller in Wien.
Bisher erschienen:
DER PRINZ … trifft Hermes Phettberg
DER PRINZ … trifft Claudia Unterweger
DER PRINZ … trifft Bernhard Rieder
DER PRINZ … trifft Laila Daneshmandi
DER PRINZ … trifft Peter Pilz
DER PRINZ … trifft Josef Hickersberger
Neben der Geschichte aber zieht noch etwas anderes die Aufmerksamkeit auf sich. Eine Art Wellengang, in dem manche ihrer Sätze zu hüpfen scheinen; vergnügt und doch auch angespannt. Es läuft eben ein Aufnahmegerät. Wirklich aufhalten lässt sie sich davon aber nicht. Schließlich könnte sie ja, wie sie verschmitzt einräumt, wochenlang über sich selbst reden. Und erzählt dann Geschichten wie jene darüber, warum sie nicht länger in Neuseeland bleiben konnte, wo sie drei Jahre lang bis zur Matura gelebt hat. Denn dort gebe es Stellen und Orte, von denen man sich im Gegensatz zu einer Stadt wie Wien tatsächlich vorstellen könne, hier sei noch nie jemand gewesen. Nicht in hundert Jahren, nicht in tausend, kein Mensch, nicht einmal einen Augenblick lang. Und das sei nur anfangs schön, irgendwann jedoch bedrückend leer. In einer Stadt hingegen könne man sicher sein, dass darin an jeder Stelle schon einmal jemand gestorben sei.

Und damit ist es sie, die hier die Fragen stellt. Dass ich dabei immer noch Vierterl statt Achtel trinke, ist nicht unbedingt klug. Ob ich weiß, fragt sie später, als wir kurz bei ihrem Publizistikstudium und ihrer Diplomarbeit landen, dass man den Mann, der die Guillotine bediente, Fotograf nannte? Nein. Wobei mir vorkommt, ich hätte davon schon einmal gehört, doch es unverständlicherweise wieder vergessen. Womöglich aber merke ich mir ja nicht einmal mehr, dass mein Gegenüber unter dem Titel „Im Angesicht des Todes“ eine Arbeit über die Todesdarstellungen in österreichischen Tageszeitungen geschrieben hat. Dennoch schalte ich das Aufnahmegerät jetzt ab. Denn davon, wie sich in ihrem Erzählen ihr Haar immer wieder in Richtung der linken Augenbraue senkt, nimmt ein Tonband ohnedies nichts auf. Und noch viel weniger, wie sich dieser Vorhang unversehens jedes Mal wieder hebt. Wir bestellen weitere Runden Wein. So hell kann meiner aber gar nicht sein, dass es bei mir nicht irgendwann sehr dunkel werden wird.
Als am nächsten Tag dann nur die Lokalgeräusche des Europa auf der Kassette zu hören sind, doch kein einziger unserer Sätze, wundert mich das nicht. Auf dem Weg zur Apotheke kaufe ich mir eine Ausgabe von Österreich: „08:45 – Brutaler Überfall auf Innenstadt-Juwelier … 10:23 – Burgenländer erwischen Wiener Raser … 11:57 – Fünf Verletzte nach Unfall in der Donaustadt ... 14:25 – Lautes Krachen stört Bewohner in Döbling ... 18:40 – Ein Verletzter bei Verkehrsunfall in Penzing.“ Doch keine Spur, ob ich mich in der Nacht noch danebenbenommen habe. Vermutlich ist das als Antwort von einer Zeitung aber auch zu viel verlangt, gibt es an solchen Tagen doch nicht einmal eine auf die Frage, warum man nie Kopfwehtabletten im Haus hat, wenn man sie wirklich braucht.
Stattdessen taucht nur eine SMS meines wahnsinnigen Freunds Thomas Glavinic auf: „Sorry, ich wollte heute Nacht ein dadaistisches Meisterwerk smsen, aber war zu betrunken, um es hinzukriegen.“ Zwar kann ich mich an nichts dergleichen erinnern, doch das heißt nichts, und prompt finde ich eine offenbar gelesene SMS von 2.37 Uhr in meinem Handy: „Ich, Schwein dummes, bin die Viech von erleben.“ Was der alles weiß …
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