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Künstler, nein danke

„Ich bin groß und dick.“ So lautet die Selbstbeschreibung von einem, der kein Star werden möchte, sondern Geschichten vom „ganz normalen Leben“ erzählen will.

Text: Christian Bretter
Fotografie: Martin Fuchs
Martin FuchsMartin Fuchs, Jahrgang 1979, Schulabbrecher, Mitarbeiter von Magnum in New York, fotografiert u.a. für Canon Europe, Red Bull, profil, Seitenblicke Magazin, Falter, DATUM, Facts, .copy. www.martinfuchs.com, www.journalofaphotographer.com






Wir sitzen im Wiener Café Bräunerhof, gegenüber dem berühmten Porträt des einstigen Stammgastes Thomas Bernhard. „Im Gymnasium habe ich ein Referat über die journalistische Wahrnehmung von Bernhards ,Heldenplatz‘ gemacht. Ich hätte damals schon fotografieren sollen, wie sie den Misthaufen vor das Burgtheater gekippt haben.“

Martin Fuchs erzählt von seinem Traum, Fotojournalist zu werden – und von dem harten Weg, ihn zu verwirklichen. Er legt großen Wert auf das Wort Fotojournalist und sagt gleichzeitig nachdenklich: „Aber das gibt es in Österreich ja gar nicht.“ Überhaupt beklagt er den nachlässigen Umgang mit journalistischer Ethik in Bezug auf Fotografie. Oft geht es nur darum, irgendein Bild zu verwenden; Hauptsache, es sieht gut aus. Wer aber der Autor des Bildes ist und welchen Inhalt es transportiert, interessiert oft niemanden. Auf gar keinen Fall sei er Künstler; er möchte sich selbst nicht so wichtig nehmen. Auch mit „normaler“ Pressefotografie, „die nur irgendwelche Pressekonferenzen und Köpfe von Wichtigen abbildet“, will er nichts zu tun haben. Martin Fuchs will Geschichten erzählen.

Sein Großvater fotografierte Landschaften, Tiere und Blumen; von ihm bekam Martin Fuchs den ersten Fotoapparat geschenkt. Seit dem 13. Lebensjahr war ihm klar: „Ich will Fotograf werden.“ Die ersten Fotos entstanden meist in den Ferien auf dem Land: Sie zeigen Kühe, Kirchen und Wiesen, genau wie die seines ersten Förderers. Die Filme gab er einem kleinen Fotostudio zur Entwicklung. Den Inhaber bat er, ihm Tipps zu geben, wie er seine Fotografie verbessern könnte. Und als er mit dem Inhaber des Fotostudios mehr und mehr ins Gespräch kam, offenbarte sich für ihn auch die harte und triste Realität eines Fotostudiobetreibers: Hochzeitsfotos, Fotos für den Reisepass und von den süßen Enkelkindern. Nein, das war es nicht, was er wollte – für kurze Zeit verwarf er deshalb sogar ganz die Idee, Fotograf zu werden. Aber er blieb seinem Traum nur für kurze Zeit untreu.

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Fuchs studierte Fotobücher und redete über seinen Traum. Dabei spielte die 1947 gegründete und in London, Paris und New York ansässige Fotoagentur Magnum eine wichtige Rolle. Es ist die Agentur, die wohl nicht nur Martin Fuchs’ Vorstellung von Fotojournalismus maßgeblich prägte. Magnum, an der jeder der derzeit rund 60 Fotografen durch das Prinzip Genossenschaft Teilhaber ist, hat den Menschen nach dem Höhepunkt der Moderne, der sich in der perfekt organisierten Menschenvernichtung des Zweiten Weltkriegs zeigte, durch einen hohen moralischen Anspruch an den Fotojournalismus durch unzählige, meist in Schwarz-Weiß gehaltene Fotografien, festgehalten.

Martin Fuchs kam 2004 über ein heute nicht mehr existierendes Gratismagazin zu seinem ersten Presseausweis. Mit diesem konnte er sich unter die Fotografenhorden im Stephansdom mischen, zu den Begräbnissen von Bundespräsident Thomas Klestil und Kardinal Franz König. Oder in die Hofburg, zur Angelobung Heinz Fischers zum Bundespräsidenten. 2005 begann er ein Praktikum bei Magnum Photos in New York, im selben Jahr verkaufte er für 30 Euro sein erstes Bild an die Wiener Stadtzeitung Falter. Andy Borg fotografierte er für das Adabei-Heft Seitenblickemagazin zu einer Zeit, als der noch nicht Master of Ceremony des „Musikantenstadels“ war, bei einem Weinfest in Gols.

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Dieser Tage bildete er eifrige Hände und magere, große Mädchen hinter der Bühne einer der größten Modeschauen der Welt ab: der New York Fashion Week. Oder er fotografiert die Fans der ehemaligen New Yorker Fußballmanschaft MetroStars, die nach dem Kauf durch Red Bull nun Red Bull New York heißen. Aber trotz alledem kann er vom Fotografieren bis heute nicht leben; bis Ende 2007 gibt er sich noch Zeit, ebendies zu schaffen.

Vielleicht wird er ja doch noch Künstler; eines seiner spannensten Projekte ist die Beschäftigung mit seinem Vater. Bei dieser Spurensuche ist er auch auf dem Weg zu sich selbst. Martin Fuchs kannte seinen Vater praktisch nur aus Erzählungen. Seine Eltern ließen sich kurz nach seiner Geburt scheiden, die Mutter blieb in Wien, der Vater zog zurück zu seinem Bauernhof im Waldviertel und verfiel endgültig dem Alkohol. Nach einer Verletzung mit der Motorsäge, Medikamenten, Alkohol und einem Traktorunfall nahm das Leben seines Vaters ein Ende. Der Bauernhof wurde an den Nachbarn verkauft. Martin Fuchs besuchte sechs Jahre danach den ehemaligen Hof seines Vaters und fand alles so vor, wie der es hinterlassen hatte; bis hin zum Raiffeisen-Kalender, der die Woche des Todes seines Vaters zeigte; die Arbeitsschuhe standen noch genauso da, wie sie sein Vater hingestellt hatte.

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„Es war ein Schock für mich“, sagt Fuchs über diese Begegnung. Dieses Jahr möchte er seine fotografische Spurensuche in dem 20-Einwohner-Dorf an der tschechischen Grenze, in dem keine jungen Menschen mehr leben, fortsetzen. Zum Abschluss des Gesprächs sagt Martin Fuchs: „Es wäre schön, wenn Journalisten das zeigen könnten, was wirklich passiert.“



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