Being Franz F.
Zwölf Jahre nach dem Anschlag von Oberwart hat Stefan Horvath ein Buch geschrieben. Der Vater eines der Opfer versetzt sich darin in den Mörder seines Sohnes.

Interview: Clemens Berger
Fotografie: Jacqueline Godany
Stefan Horvath wurde am 12. November 1949 in der alten Romasiedlung von Oberwart/Felsöör bzw. Erba, wie die Stadt auf Romanes heißt, geboren. Er arbeitete 30 Jahre lang für verschiedene Baufirmen in Wien und den Bundesländern, bis ihn das Rohrbombenattentat vom 4. Februar 1995, bei dem einer seiner Söhne, Peter Sarközi, ums Leben kam, zurück ins Südburgenland rief. Er lebt heute in der neuen Oberwarter Romasiedlung, die es erst seit den Siebzigerjahren gibt – die Gemeinde hatte die erste Nachkriegssiedlung zugunsten des Baus eines Krankenhauses kurzerhand aufgelöst. In dem ist Horvath heute in der Reinigung beschäftigt.
2003 veröffentlichte er als erster burgenländischer Rom ein Buch. In dem Erzählungsband „Ich war nicht in Auschwitz“ (edition lex liszt 12) macht er sich zum Sprachrohr der Roma – der Vergessenen, der Vergasten, der wenigen, die aus den Konzentrationslagern zurückkehrten.
Gleichzeitig ließen ihn das Attentat und die Frage, wie ein wahnsinniger Ingenieur aus der Südsteiermark dazu kommt, Roma in Oberwart zu töten, nicht mehr los. Horvath hat die Eltern des Franz Fuchs, des Mörders seines Sohnes, besucht und später versucht, mit Fuchs im Gefängnis zu sprechen. Der nahm die Antworten auf alle Fragen mit in den Freitod. Horvath hat sich seine Antworten selbst zu geben versucht – schreibend. In seinem zweiten Buch „Katzenstreu“, das Anfang dieses Monats in der edition lex liszt 12 erscheint, umkreist er die Bombe und die Ermordeten aus verschiedenen Perspektiven. Das Gespräch führte der in Oberwart aufgewachsene Schriftsteller Clemens Berger, der jüngst mit dem Roman „Paul Beers Beweis“ (Skarabæus) Furore machte.
Nietzsche nannte ein Buch einmal einen „dicken Brief an Freunde“. Kann man dein neues Buch als einen dicken Brief an einen Feind, an Franz Fuchs, lesen?
Es ist wie eine Botschaft. Eine Botschaft an ihn und an die, die solche schrecklichen Dinge tun oder vorhaben zu tun. In Wirklichkeit werden am Schluss die Opfer siegen, nicht die Täter. „Katzenstreu“ ist eine Botschaft an die Täter. Franz Fuchs war nie ein Feind, weil ich innerlich gespürt habe, dass in Wirklichkeit ich der Stärkere bin. Mit diesem Bewusstsein kann man keinen Unterlegenen als Feind betrachten.
Du beschreibst einen Vater, der einen Sohn verloren hat, und versuchst, aus der Perspektive des Attentäters heraus zu schreiben. Es ist wie in einer Beziehung, die auf einmal aus ist, und man kann die Fragen, warum es so weit kam, nicht mehr stellen. Eure Beziehung endete mit seinem Selbstmord.
Franz Fuchs wollte mir zu Lebzeiten keine Antworten geben auf das, was er getan hat. Für mich aber war mit seinem Tod dieses Thema nicht abgeschlossen. Ich wusste, ich muss es für mich selbst aufarbeiten, und zwar so, dass ich mir die Fragen stelle, aber gleichzeitig die Antworten geben kann, um meinen Seelenfrieden zu finden. Daher habe ich versucht, Franz Fuchs von Haus aus nicht als Feind zu sehen. Ich habe versucht, sehr weit in sein Leben einzudringen.
Um ihn zu verstehen?
Ich habe versucht, einen Menschen zu verstehen, der zu solchen Taten fähig ist – und überlegt, was er in diesen Momenten hätte fühlen können.
Wie geht es einem, der in den Mörder seines Sohnes zu schlüpfen versucht?
Das war ein furchtbarer Zustand. Ich habe mich zum ersten Mal in die Gedankenwelt eines Irren verstrickt. Bis dahin hatte ich mit dergleichen überhaupt nichts zu tun gehabt. Aber dann war ich auf einmal in eine Welt geraten, die Normalsterblichen nicht zugänglich ist.
Wie kommt jemand in so eine Welt?
Der Umschlagpunkt in den Wahnsinn ist vielleicht im näheren Umfeld, in der Familie zu finden. Daher schlüpfte ich auch in die Rolle seiner Eltern, weil sich mir immer die Frage gestellt hat, wie es sein kann, dass Eltern, die mit ihm in einem Haus leben, so vieles nicht wahrhaben können oder wollen. Die Veränderungen, die Isolation, die Einsamkeit in seinem Zimmer – das einzige Verhältnis war das zu seiner Katze. Daher glaube ich, dass Franz Fuchs die größten Schäden in Wirklichkeit in seiner Familie erlitten hat. Er war sehr geltungsbedürftig – und in der eigenen Familie vielleicht nicht so anerkannt, wie er es gerne gewollt hätte.
Er hat ja jahrelang die Republik in Atem gehalten, ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem Staat, der Exekutive, den Medien getrieben. Wenn er so geltungsbedürftig war, so sehr nach Anerkennung gierte, glaubst du, er hätte sich einmal, wenn er nicht panisch reagiert hätte, zu erkennen gegeben?
Ich glaube nicht, dass er sein Geheimnis mit in den Tod nehmen wollte. Ich glaube, er hat, solange er gelebt hat, um Liebe und Anerkennung in der eigenen Familie gekämpft. Ich kann mir vorstellen, dass er, als er in Graz studierte und dieses Studium nicht geschafft hat, von seinen Eltern vielleicht als minderwertig betrachtet wurde, als einer, der es trotz großen Ehrgeizes zu nichts bringt. Er wollte seine Fähigkeiten, seinen Perfektionswahn auch im Beruf beweisen, was ihm dann durch die Entlassung mehr oder weniger verboten wurde, weil er zu perfekt sein wollte. Als er seinen Arbeitsplatz verlor, hat er vielleicht auch von seinen Eltern nicht die Hilfe bekommen, die er vielleicht gebraucht hätte. Vielleicht wollten sie von ihm einfach nur Monat für Monat pünktlich das Kostgeld kassieren.
Aber gleichzeitig wollte er beweisen, wozu er tatsächlich fähig ist. Vielleicht ging es in erster Linie um Aufmerksamkeit, vielleicht wollte er gar nicht so weit gehen; aber niemand in Österreich hat ihn ernst genommen, als er die ersten Warnbriefe verschickt hat. Das war 1992 – Briefe an Zeitungen, an Politiker, und niemand nahm ihn ernst. Das waren schon wirkliche Drohungen, die Briefe schlossen mit: „Wir wehren uns.“ Und gerade weil sie von einer Bajuwarischen Befreiungsarmee unterschrieben waren, hat sie niemand ernst genommen. Spinner, dachte man, Neonazis. Ich denke, wenn man diese Briefe ernst genommen hätte, wären die Briefbomben und Bomben nicht gekommen. Die ersten Briefbomben tauchten ja schon vor Weihnachten 1993 auf.
Aber was heißt das? Was hätte man tun können?
Vielleicht hätte man ihm über die Medien eine Botschaft zukommen lassen sollen. Ich weiß es nicht. Vielleicht wollte er öffentliche Anerkennung. Die ersten Briefbomben waren meiner Meinung nach Warnungen. Sie sollten nicht töten. Und auch darauf hat man nicht reagiert, wie er es vielleicht gewollt hätte.
Hast du dich damals für diese Geschichten interessiert?
Genauso viel oder genauso wenig wie die meisten in diesem Land. Ich habe sie nicht gar so ernst genommen. Ich habe mich gefragt: An wen werden sie verschickt? Sie werden an Menschen verschickt, die sich für Ausländer, für sozial Schwache, für Minderheiten engagieren, die im Mittelpunkt stehen und vielleicht jemandem ein Dorn im Auge sind. Erst als die zweite Serie kam und der Doktor Zilk schwer verletzt wurde, hat man die wahre Dimension der Geschehnisse zu erkennen begonnen. Damals wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass irgendwann die Romasiedlung von Oberwart ins Visier genommen werden könnte.

Warum gerade Oberwart, warum die Roma?
Im Nachhinein betrachtet hätte er diese Bombe nirgendwo anders aufstellen können.
Aber wie kommt ein Ingenieur aus der Südsteiermark dazu, Roma in Oberwart zu töten? Er hätte ja auch Asylwerberheime angreifen können.
Er hat Minderheiten gehasst. Die Bombe von Klagenfurt ist vor einer slowenischen Schule deponiert worden, die mit Sprengstoff präparierte Spraydose in Stinatz hat sich gegen die Kroaten gerichtet. Er nahm Minderheiten ins Visier – nicht Asylwerber, nicht Ausländer, obwohl er die auch gehasst hat.
Du schreibst, er habe nicht vier Einzelne, sondern sieben Millionen treffen wollen. Das heißt andersherum: Er hat nur österreichische Staatsbürger bekämpft.
Er hat nur Österreicher bekämpft, die Minderheiten, die im Land leben, oder solche mit anderer Hautfarbe, wie die Arabella Kiesbauer. Oder die, die sich für Minderheiten und Ausländer engagiert haben. Er sah sie als Ausländer mit österreichischer Staatsbürgerschaft. Er hat die Minderheiten als Eindringlinge in sein Land betrachtet, das er früher, in Graf Rüdiger von Starhembergs Zeit, vielleicht auch zu Hitlers Zeit, nicht verteidigen konnte, weil er noch nicht auf der Welt war. Aber dann hat er sich dazu befähigt gefühlt, diese Aufgabe zu übernehmen. Und er wollte sie perfekt ausführen, diesen Krieg gewinnen, den Krieg gegen die Minderheiten im Land.
Die Stellen, in denen du Franz Fuchs in den Spiegel sehen lässt, und Graf Starhemberg blickt zurück, sind beeindruckend. Beginnt hier, wo einer einen geschichtlichen Auftrag zu übernehmen meint, der Wahnsinn?
Starhemberg war für ihn eine überaus wichtige Gestalt. Der hat in seinem Verständnis damals schon gegen die vermeintlichen Eindringlinge gekämpft. Der Wahnsinn ist zu glauben, im Namen dieser Bajuwarischen Befreiungsarmee einen Auftrag übernehmen zu müssen. Seine Gefangennahme, glaube ich, war in Wirklichkeit ein Hilferuf an seine Eltern. „Schaut her, ich hab das alles getan, ich bin doch kein Versager!“
Man könnte dein Buch als Selbsttherapie durch Schreiben bezeichnen. Du versuchst, aus verschiedenen Perspektiven ein Trauma, das Attentat, die vier Ermordeten, zu umkreisen.
Ich habe seit dem Attentat ein großes Kapitel meines Lebens mit dem ersten Buch „Ich war nicht in Auschwitz“ geschlossen. Damals wurde mir eine große Last von den Schultern genommen. Mit dem neuen Buch habe ich das Kapitel Attentat persönlich verarbeitet. Für mich ein Kapitel, an dem ich fast zugrunde gegangen wäre. Aber für mich war die Aufarbeitung in einer solchen Form unwahrscheinlich wichtig.
Was bedeutet dir Schreiben?
Das Schreiben ist für mich wie eine Befreiung der Seele. Hier kann ich alles ausleben, was wahr ist, und alles, was nicht wahr ist. Es ist ein Spiel mit der Fantasie. Was wäre, wenn? Wie hätte es sein können? Man kann diese meine Theorie nicht bestätigen, aber auch nicht widerlegen.
Du bist ja berufstätig, arbeitest in der Reinigung im Oberwarter Landeskrankenhaus. Wann schreibst du?
Begonnen habe ich vor Weihnachten 2003 mit dem Kapitel „Witterung“. Danach musste ich fast zwei Jahre aussetzen, weil sich der Attentäter in meinem Kopf eingenistet hatte und über meine Gedanken bestimmte. In dieser Zeit war es mir nicht möglich, weiter zu schreiben. Erst ab Weihnachten 2005 konnte ich wieder an diesem Buch arbeiten. Vor allem die Kapitel über ihn fielen mir sehr schwer, weil ich bis dahin mit mir selbst viele Kämpfe auszutragen hatte. Erst als ich mental stark genug war, konnte ich das Buch fertig stellen.
In „Ich war nicht in Auschwitz“ machst du dich zum Sprachrohr der Roma, der Vergessenen, der Vergasten, der Erschlagenen, der wenigen, die aus den Konzentrationslagern zurückkehrten …
Dazu muss man Folgendes sagen: Ich war ja 30 Jahre in Wien am Bau, und niemand daheim in der Oberwarter Siedlung wusste, was ich eigentlich mache. Jeder dachte, ich sei ein einfacher Hilfsarbeiter. Nicht einmal meine Familie wusste, dass ich Polier war und Betriebsrat. Ich habe in Wien mein eigenes, zweites Leben gelebt. Ich habe zwei Leben gelebt: eines im Burgenland, eines in Wien. In Wien war ich einer, der Selbstbestätigung gefunden hat, es daheim im Burgenland aber nicht erzählen wollte.
Das war nicht aus Angst, als Angeber dazustehen – ich war einer der Stillsten in der Siedlung. Ich bin nicht aufgefallen, habe nichts erzählt, war ein ruhiger Mensch. Ich habe nie nach einem höheren Amt geschielt, ich habe nichts angestrebt, es ist mir immer alles zugeordnet worden. Auch der Posten als Polier wurde von meinen Kollegen in einer firmeninternen Umfrage bestimmt. Ich war ja selbst überrascht. Beim Betriebsrat lief es auch so ab, ich hatte mich nicht darum beworben.
Hast du da, in Wien am Bau, Vorurteile gespürt?
Am Bau überhaupt nicht. Dort war es wichtig, zu funktionieren. Es war egal, wer man war, es war egal, woher man kam; wichtig war, die Arbeit zu können, zuverlässig zu sein. Die Leute wussten, dass ich ein Rom bin. Obwohl sie mich nie gefragt haben und ich auch nie davon erzählt habe.
Was ist es, das dich von einem Gadscho, einem Nicht-Rom, unterscheidet – außer dass dich die Gesellschaft zu einem anderen macht?
Über diese Frage habe ich lange nachgedacht und bin darauf gekommen, ohne mich rühmen zu wollen, dass ich tatsächlich ein außergewöhnlicher Mensch bin, weil ich in beiden Kulturen gleichzeitig gleich gut leben kann – in der Welt der Gadsche, aber auch in der Welt der Roma –, ohne Abstriche machen zu müssen. Und das gelingt, glaube ich, nur den allerwenigsten.
Was ist das Schöne an der Romawelt, das, worauf du nicht verzichten willst?
Das Schönste ist die Liebe zu den Kindern. Roma lieben ihre Kinder mehr als Gadsche, weil sie ihnen bis zu ihrem Lebensende außerordentlich viel Hilfe gewähren.
Ich erinnere mich an eine Wiener Romni, deren Familie aus Serbien stammt und die meinte, die Oberwarter Roma seien ganz anders. Inwiefern stimmt das?
Sie sind burgenländischer, bodenständiger, mehr durch die Geschichte geprägt. Weil hier, im Südburgenland, der Terror der Nationalsozialisten besonders viele betroffen hat. Alleine aus dem Burgenland wurden 8.000 bis 10.000 Roma deportiert. 400 kamen zurück. Aus Oberwart wurden 360 in die Lager verschickt, 19 kamen zurück. Daher hätte Franz Fuchs die Bombe nirgendwo anders deponieren können. Er stellte die Bombe vor die Oberwarter Siedlung – stellvertretend für die letzten hundert Jahre Ausgrenzung, Verachtung, Mord. Das heißt: der unter Anführungszeichen richtige Ort.
Wenn du dich mit den heutigen Romakindern vergleichst: Was fällt dir auf?
Die Romakinder von heute sind viel selbstbewusster. Sie müssen, zumindest offiziell, nicht mehr spüren, Zigeuner zu sein. Wenn ich an meine Generation denke, die die Flucht nach Wien angetreten hat, um sich dort zu beweisen, weil man uns hier die Möglichkeit nicht gab, haben es die Kinder leichter heute. In den Schulen, aber auch im Beruf. Obwohl es natürlich Ausgrenzung gibt, die man oft und oft erlebt. Wenn man etwa einen Handwerker braucht, anruft, sagt, dass man Horvath oder Sarközi heißt und in der Romasiedlung in Oberwart lebt, wird der Tonfall sofort rauer, oder das Gespräch wird einfach beendet: Wir haben keine Zeit, heißt es dann, es geht nicht.
Oder wenn eine Reparatur durchzuführen wäre, die vom Hersteller garantiert wird. Da kann es schon vorkommen, dass der Bürgermeister bei der entsprechenden Firma intervenieren muss, damit überhaupt ein Handwerker in die Siedlung kommt und den Defekt richtet.
Es hat sich vieles geändert – und doch nichts?
Aus der Romasiedlung zu sein ist nicht mehr dasselbe Handicap wie zu meiner Zeit. Das Problem ist noch immer die schlechte Ausbildung. Arbeitsplätze gibt es ja wenige im Burgenland und man braucht eine sehr gute Ausbildung, um eine Stelle zu bekommen. Nur ist Bildung eine Frage von Generationen. Ich dachte nach dem Attentat, dass wir den Rückstand schnell aufholen könnten; aber das geht nicht, die Zeit ist zu kurz. Aber in den letzten zehn Jahren ist, gemessen an den 50 Jahren davor, sehr viel im Guten passiert. In nackten Zahlen ist es aber noch immer erschreckend wenig.
Bei der Vorstellung deines ersten Buches im Oberwarter Rathaus, als du erzählt hast, wie man die Roma früher unter Gespucke und Gejohle zum Bahnhof trieb, warst du es, der der Gemeinde symbolisch die Hand ausstreckte – einer Gemeinde, die jahrzehntelang alles tat, um die Roma draußen zu halten; die ihre Siedlungen nach Gutdünken verschob, wenn man das Grundstück etwa für ein Krankenhaus benötigte und den Wert der brachen Gründe ringsum erhöhen wollte. Ich würde ganz anders reagieren.
Hass und Wut sind schlechte Ratgeber in jeder Situation. Man muss nur in die Geschichte blicken. Es muss eine Umkehr im Kopf stattfinden, man muss den Hass aus der Seele entfernen. Größe beweist nur einer, der den Mut hat, auch den so genannten Aggressoren die Hand zu reichen.
Wurde diese ausgestreckte Hand angenommen?
Sie wurde angenommen, weil zum ersten Mal im Burgenland etwas anderes verspürt wurde. Da war nicht einer, der Hass predigt – die anderen Roma predigten auch nie Hass, sie waren stumm –, der nur erklären will, dass man die Roma endlich verstehen soll, und zwar nicht als Minderheit, sondern als österreichische Staatsbürger. Die immer da waren, wie die Sterne am Himmel.

Siehst du dich, abgesehen von den Romavereinen, von irgendwem in diesem Staat vertreten?
Absolut nicht. Wir werden nicht vertreten, weil niemand da ist, der die Anliegen der Roma selbstlos vertreten würde.
Ein rechtsextremer rumänischer Politiker meinte, man solle die Zigeuner liquidieren. Der sitzt jetzt im EU-Parlament. Gibt es da ein Gegengewicht?
Es gibt meines Wissens keinen europäischen Romaverein. Ich denke auch nicht, dass man in einem europäischen oder nationalen Parlament diese Fragen ehrlich behandeln könnte. Wichtiger wäre, wenn sich Roma fänden, die im eigenen Umfeld, in den eigenen Gemeinden Verantwortung übernehmen und Glaubwürdigkeit erzeugen. In Österreich habe ich das Gefühl, dass manche Romavereine und Menschen, die in ihnen arbeiten, nicht immer tun, was sie tun sollten – der Stimme ihres Herzens folgen. Sie folgen eher den Stimmen des Geldes und der Macht. Besonders fatal ist das bei Vereinen, die Minderheiten vertreten sollen. Wenn man bestimmte geschichtliche Ereignisse bewusst außer Acht lässt, nur weil man auf eine Förderung hofft, ist das grundfalsch.
Zurück zu Franz Fuchs. Was wäre in deinem subjektiven Gerechtigkeitsempfinden eine gerechte Strafe für ihn gewesen?
Es gibt dafür in Wirklichkeit keine gerechte Strafe. Ich wurde damals gefragt, ob ich für die Todesstrafe sei, und ich habe strikt abgelehnt, weil ich mich nicht auf dieselbe emotionale Ebene stellen wollte. Ich kann nicht Tod mit Tod vergelten. Welche Strafe wäre gerecht gewesen? Soll man ihn Tag und Nacht fesseln, bei Wasser und Brot? Das gibt den Opfern ihre Leben nicht zurück. Franz Fuchs war irre. Er hat gewusst, dass er Menschen tötet, das schon, aber er war nicht Herr seiner Sinne – und daher fast strafunfähig. Leider Gottes.
Es geht immer auch um Erinnerung. Nur ist es so, dass die meist nur in eine Richtung geht, dass sich die Opfer oder die Nachfahren der Ermordeten erinnern. Die Mörder wollen sich ja nicht erinnern. Wäre die gerechte Strafe nicht das Gegenteil, rein fiktiv: ihn nicht zu töten, sondern ewig leben zu lassen, ewig sich erinnernd weiterleben zu müssen?
Das wäre vielleicht tatsächlich die gerechteste Strafe. Dass er ewig leben müsste – und die Veränderung in der Welt bemerken. Franz Fuchs wollte ja etwas anderes erreichen. Er hätte sich nicht vorstellen können, nicht vorstellen wollen, dass Roma selbstbewusster werden, an die Öffentlichkeit gehen, an die Schulen. Mit mir in die Schulen mitzugehen, wenn ich von der Geschichte der Roma erzähle, das wäre etwas, das er schwer aushielte. Den Applaus der Kinder zu hören, die Liebe zu verspüren, die einem entgegenkommt, das Vertrauen – das wäre eine Strafe gewesen.
Es heißt ja oft, Kinder und Jugendliche wollten die Geschichten von Nazis und Juden und Konzentrationslagern und Roma nicht mehr hören. Was erlebst du?
Das stimmt nicht. Ich glaube, die jungen Leute sind zu wenig informiert. Und das verständlicherweise: Die Schulen haben ein starres Lehrprogramm, da bleibt wenig Platz für Außergewöhnliches. Und lustigerweise kam gerade in den Schulen, wo man sagte: „Jetzt machen Sie die zwei Stunden, dann sind wir fertig“, am meisten zurück. Und es bleibt dann nicht bei zwei Stunden, es werden fünf, sechs. Da beginnen auch die Lehrer umzudenken, vor allem Geschichtslehrer. Von denen, die sich gut auskennen, aber mit der Geschichte der Roma nur wenig vertraut sind, eingeladen zu werden – das ist das schönste Geschenk, das ein Rom aus Oberwart bekommen kann.
Du hast die Romasiedlung in einem Theaterstück als Raumschiff bezeichnet, das aus der Umlaufbahn geraten ist und nun im Unendlichen umherirrt. Wo ist das Raumschiff heute?
Das Raumschiff ist momentan aus der großen Umlaufbahn in eine kleinere geraten, in eine nähere. Die Bewohner der Siedlung sind nicht mehr stumm. Sie reden. Ich bin anfangs in den eigenen Reihen geprügelt worden, weil ich Tabuthemen ansprach, die den Roma wehtaten. Etwa die Öffnung der Siedlung, und zwar im Kopf. Ich meinte, es sei nicht wichtig, wie weit man von einem bestimmten Mittelpunkt einer Stadt entfernt ist, sondern wichtig wäre, an ihm teilzuhaben. Ein Kilometer oder ein Meter Entfernung vom Zentrum ist da egal.
Wie sieht die Zukunft des Raumschiffs aus?
Ich hoffe, dass durch meine Anregungen und Kritik und manchmal auch durch meine Provokationen – ich bin in der Siedlung gern provokant – etwas weitergeht. Ich liebe die Siedlung. Ich liebe die Roma, weil ich selbst einer bin. Es würde mir nie einfallen, ihnen wehzutun. Daher habe ich damals nach dem Attentat auf sehr vieles verzichtet. Mein Schicksal soll nicht im Mittelpunkt stehen. Unsere Jugend, die nächste Generation soll eine Chance bekommen – und sie auch ergreifen.
Dein Vater hat Mauthausen überlebt, deine Mutter Ravensbrück. Sie sind beide jung gestorben, an den Folgen der Haft, des Terrors, der Schinderei. Auf der anderen Seite ist Tobias Portschy, der damals für die Deportation der Burgenland-Roma verantwortlich war, der noch später sagte: „Schade, dass wir nicht alle erwischt haben“, und der mit 91 unbehelligt und angesehen gestorben ist.
Natürlich könnte man meinen, es gibt keinen Gott. Gäbe es einen, würde er nicht so lange zusehen. Aber vielleicht ist gerade das eine Strafe: dieses Leben erleben zu müssen, wehrlos zu sein, dass diese Minderheiten, ob Juden oder Zigeuner, wieder heranwachsen und groß werden. Ich glaube, dass auch das für Tobias Portschy eine Strafe war – erleben zu müssen, dass Zigeuner sein Gasthaus betreten. Ich selbst war dort. Ich war einige Male in Rechnitz, als er dort noch sein Gasthaus führte. Das sind Momente, in denen man sich selbst nicht spürt, weil man nicht weiß, was man da sagen soll. Ist es Stolz, dass ich dein Lokal betreten kann, ohne dass du offiziell etwas dagegen tun kannst? Ist es Stolz, dass du mich bedienen musst? Oder dass deine Kellnerin mich bedienen muss?
Ich habe mit ihm kein Wort gewechselt. Ich war drei-, viermal dort, weil in der Nähe eine Lungenheilanstalt war, meine Mutter hatte TBC aus dem KZ, woran sie dann auch starb. Und das Gasthaus Portschy war das größte im Ort. Ich war auch nicht lange vor seinem Tod noch einmal dort, 1995, nach dem Attentat. Ich wollte mit ihm sprechen, es gab ja Gerüchte, er könnte seine Finger im Spiel haben. Ich habe mit seiner Tochter gesprochen. Sie meinte, er schlafe, sei ein alter Mann, den man nicht wecken könne – obwohl ich zwei Stunden lang gewartet habe. Sie erzählte etwas ganz anderes über ihn. Er sei ein guter, liebevoller Vater gewesen. Sie wisse, was er getan hat, und trotzdem sei er ihr Vater.
Liest du die Bücher anderer Romaschriftsteller? Ich denke an Ceija oder Karl Stojka.
Ja, nur momentan komme ich sehr wenig zum Lesen, wegen meines Berufs und wegen meiner kranken Frau. Die Zeitung ja, mehr ist nicht drin. Ich schreibe nachts, weil ich tagsüber keine Zeit habe.
Bist du sicher, dass sich mit Franz Fuchs die Bajuwarische Befreiungsarmee aufgehängt hat?
Ich hätte nach dem Attentat wirklich alles dafür gegeben, zu wissen, wer es war. Ich bin ja immer davon ausgegangen, dass es zwei sind – ein Mann und eine Frau. Ich glaubte nicht an eine große Gruppe, an eine Neonaziverschwörung. Und dann war ich eines Morgens im Krankenhaus, und ein Pfleger sagte: „Stefan, in der Nähe von Leibnitz hat sich einer die Hände weggesprengt.“ Da wusste ich sofort, worum es geht. Der Sockel der Rohrbombe, die in Oberwart vier Roma tötete, ein Katzenklo, war mit Wasser aus dem Leibnitzer Becken betoniert worden – daher auch der Titel meines Buches, „Katzenstreu“.
Ich rief einen Bekannten an, der Journalist ist. Er sagte, er wisse auch nicht mehr, aber wie es aussehe, habe die Festnahme etwas mit den Bomben zu tun. Dann schickte man mir ein Taxi, um mich zum Funkhaus des ORF nach Eisenstadt zu bringen, wo man mich für die „Zeit im Bild“ interviewte. Da sagte ich noch, dass ich es für ausgeschlossen halte, dass ein Einzelner das alles getan haben könnte.
Erst als ich mit meinem jüngeren Sohn – der nur am Leben ist, weil sein älterer Bruder ihn in dieser Nacht nicht mit auf die Patrouille nahm – Franz Fuchs im Gefängnis sprechen wollte, als man ihn in Fußfesseln den Korridor entlangführte, erst als er mich ganz kurz anblickte, bevor er sich sofort wieder wegdrehte und ging, wusste ich, dass er alleine diese schrecklichen Verbrechen begangen hat. Da waren nur Hass und Wahnsinn in diesem Blick. Mehr nicht.
2003 veröffentlichte er als erster burgenländischer Rom ein Buch. In dem Erzählungsband „Ich war nicht in Auschwitz“ (edition lex liszt 12) macht er sich zum Sprachrohr der Roma – der Vergessenen, der Vergasten, der wenigen, die aus den Konzentrationslagern zurückkehrten.
Gleichzeitig ließen ihn das Attentat und die Frage, wie ein wahnsinniger Ingenieur aus der Südsteiermark dazu kommt, Roma in Oberwart zu töten, nicht mehr los. Horvath hat die Eltern des Franz Fuchs, des Mörders seines Sohnes, besucht und später versucht, mit Fuchs im Gefängnis zu sprechen. Der nahm die Antworten auf alle Fragen mit in den Freitod. Horvath hat sich seine Antworten selbst zu geben versucht – schreibend. In seinem zweiten Buch „Katzenstreu“, das Anfang dieses Monats in der edition lex liszt 12 erscheint, umkreist er die Bombe und die Ermordeten aus verschiedenen Perspektiven. Das Gespräch führte der in Oberwart aufgewachsene Schriftsteller Clemens Berger, der jüngst mit dem Roman „Paul Beers Beweis“ (Skarabæus) Furore machte.
Nietzsche nannte ein Buch einmal einen „dicken Brief an Freunde“. Kann man dein neues Buch als einen dicken Brief an einen Feind, an Franz Fuchs, lesen?
Es ist wie eine Botschaft. Eine Botschaft an ihn und an die, die solche schrecklichen Dinge tun oder vorhaben zu tun. In Wirklichkeit werden am Schluss die Opfer siegen, nicht die Täter. „Katzenstreu“ ist eine Botschaft an die Täter. Franz Fuchs war nie ein Feind, weil ich innerlich gespürt habe, dass in Wirklichkeit ich der Stärkere bin. Mit diesem Bewusstsein kann man keinen Unterlegenen als Feind betrachten.
Du beschreibst einen Vater, der einen Sohn verloren hat, und versuchst, aus der Perspektive des Attentäters heraus zu schreiben. Es ist wie in einer Beziehung, die auf einmal aus ist, und man kann die Fragen, warum es so weit kam, nicht mehr stellen. Eure Beziehung endete mit seinem Selbstmord.
Franz Fuchs wollte mir zu Lebzeiten keine Antworten geben auf das, was er getan hat. Für mich aber war mit seinem Tod dieses Thema nicht abgeschlossen. Ich wusste, ich muss es für mich selbst aufarbeiten, und zwar so, dass ich mir die Fragen stelle, aber gleichzeitig die Antworten geben kann, um meinen Seelenfrieden zu finden. Daher habe ich versucht, Franz Fuchs von Haus aus nicht als Feind zu sehen. Ich habe versucht, sehr weit in sein Leben einzudringen.
Um ihn zu verstehen?
Ich habe versucht, einen Menschen zu verstehen, der zu solchen Taten fähig ist – und überlegt, was er in diesen Momenten hätte fühlen können.
Wie geht es einem, der in den Mörder seines Sohnes zu schlüpfen versucht?
Das war ein furchtbarer Zustand. Ich habe mich zum ersten Mal in die Gedankenwelt eines Irren verstrickt. Bis dahin hatte ich mit dergleichen überhaupt nichts zu tun gehabt. Aber dann war ich auf einmal in eine Welt geraten, die Normalsterblichen nicht zugänglich ist.
Wie kommt jemand in so eine Welt?
Der Umschlagpunkt in den Wahnsinn ist vielleicht im näheren Umfeld, in der Familie zu finden. Daher schlüpfte ich auch in die Rolle seiner Eltern, weil sich mir immer die Frage gestellt hat, wie es sein kann, dass Eltern, die mit ihm in einem Haus leben, so vieles nicht wahrhaben können oder wollen. Die Veränderungen, die Isolation, die Einsamkeit in seinem Zimmer – das einzige Verhältnis war das zu seiner Katze. Daher glaube ich, dass Franz Fuchs die größten Schäden in Wirklichkeit in seiner Familie erlitten hat. Er war sehr geltungsbedürftig – und in der eigenen Familie vielleicht nicht so anerkannt, wie er es gerne gewollt hätte.Er hat ja jahrelang die Republik in Atem gehalten, ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem Staat, der Exekutive, den Medien getrieben. Wenn er so geltungsbedürftig war, so sehr nach Anerkennung gierte, glaubst du, er hätte sich einmal, wenn er nicht panisch reagiert hätte, zu erkennen gegeben?
Ich glaube nicht, dass er sein Geheimnis mit in den Tod nehmen wollte. Ich glaube, er hat, solange er gelebt hat, um Liebe und Anerkennung in der eigenen Familie gekämpft. Ich kann mir vorstellen, dass er, als er in Graz studierte und dieses Studium nicht geschafft hat, von seinen Eltern vielleicht als minderwertig betrachtet wurde, als einer, der es trotz großen Ehrgeizes zu nichts bringt. Er wollte seine Fähigkeiten, seinen Perfektionswahn auch im Beruf beweisen, was ihm dann durch die Entlassung mehr oder weniger verboten wurde, weil er zu perfekt sein wollte. Als er seinen Arbeitsplatz verlor, hat er vielleicht auch von seinen Eltern nicht die Hilfe bekommen, die er vielleicht gebraucht hätte. Vielleicht wollten sie von ihm einfach nur Monat für Monat pünktlich das Kostgeld kassieren.
Aber gleichzeitig wollte er beweisen, wozu er tatsächlich fähig ist. Vielleicht ging es in erster Linie um Aufmerksamkeit, vielleicht wollte er gar nicht so weit gehen; aber niemand in Österreich hat ihn ernst genommen, als er die ersten Warnbriefe verschickt hat. Das war 1992 – Briefe an Zeitungen, an Politiker, und niemand nahm ihn ernst. Das waren schon wirkliche Drohungen, die Briefe schlossen mit: „Wir wehren uns.“ Und gerade weil sie von einer Bajuwarischen Befreiungsarmee unterschrieben waren, hat sie niemand ernst genommen. Spinner, dachte man, Neonazis. Ich denke, wenn man diese Briefe ernst genommen hätte, wären die Briefbomben und Bomben nicht gekommen. Die ersten Briefbomben tauchten ja schon vor Weihnachten 1993 auf.
Aber was heißt das? Was hätte man tun können?
Vielleicht hätte man ihm über die Medien eine Botschaft zukommen lassen sollen. Ich weiß es nicht. Vielleicht wollte er öffentliche Anerkennung. Die ersten Briefbomben waren meiner Meinung nach Warnungen. Sie sollten nicht töten. Und auch darauf hat man nicht reagiert, wie er es vielleicht gewollt hätte.
Hast du dich damals für diese Geschichten interessiert?
Genauso viel oder genauso wenig wie die meisten in diesem Land. Ich habe sie nicht gar so ernst genommen. Ich habe mich gefragt: An wen werden sie verschickt? Sie werden an Menschen verschickt, die sich für Ausländer, für sozial Schwache, für Minderheiten engagieren, die im Mittelpunkt stehen und vielleicht jemandem ein Dorn im Auge sind. Erst als die zweite Serie kam und der Doktor Zilk schwer verletzt wurde, hat man die wahre Dimension der Geschehnisse zu erkennen begonnen. Damals wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass irgendwann die Romasiedlung von Oberwart ins Visier genommen werden könnte.

Warum gerade Oberwart, warum die Roma?
Im Nachhinein betrachtet hätte er diese Bombe nirgendwo anders aufstellen können.
Aber wie kommt ein Ingenieur aus der Südsteiermark dazu, Roma in Oberwart zu töten? Er hätte ja auch Asylwerberheime angreifen können.
Er hat Minderheiten gehasst. Die Bombe von Klagenfurt ist vor einer slowenischen Schule deponiert worden, die mit Sprengstoff präparierte Spraydose in Stinatz hat sich gegen die Kroaten gerichtet. Er nahm Minderheiten ins Visier – nicht Asylwerber, nicht Ausländer, obwohl er die auch gehasst hat.
Du schreibst, er habe nicht vier Einzelne, sondern sieben Millionen treffen wollen. Das heißt andersherum: Er hat nur österreichische Staatsbürger bekämpft.
Er hat nur Österreicher bekämpft, die Minderheiten, die im Land leben, oder solche mit anderer Hautfarbe, wie die Arabella Kiesbauer. Oder die, die sich für Minderheiten und Ausländer engagiert haben. Er sah sie als Ausländer mit österreichischer Staatsbürgerschaft. Er hat die Minderheiten als Eindringlinge in sein Land betrachtet, das er früher, in Graf Rüdiger von Starhembergs Zeit, vielleicht auch zu Hitlers Zeit, nicht verteidigen konnte, weil er noch nicht auf der Welt war. Aber dann hat er sich dazu befähigt gefühlt, diese Aufgabe zu übernehmen. Und er wollte sie perfekt ausführen, diesen Krieg gewinnen, den Krieg gegen die Minderheiten im Land.
Die Stellen, in denen du Franz Fuchs in den Spiegel sehen lässt, und Graf Starhemberg blickt zurück, sind beeindruckend. Beginnt hier, wo einer einen geschichtlichen Auftrag zu übernehmen meint, der Wahnsinn?
Starhemberg war für ihn eine überaus wichtige Gestalt. Der hat in seinem Verständnis damals schon gegen die vermeintlichen Eindringlinge gekämpft. Der Wahnsinn ist zu glauben, im Namen dieser Bajuwarischen Befreiungsarmee einen Auftrag übernehmen zu müssen. Seine Gefangennahme, glaube ich, war in Wirklichkeit ein Hilferuf an seine Eltern. „Schaut her, ich hab das alles getan, ich bin doch kein Versager!“
Man könnte dein Buch als Selbsttherapie durch Schreiben bezeichnen. Du versuchst, aus verschiedenen Perspektiven ein Trauma, das Attentat, die vier Ermordeten, zu umkreisen.
Ich habe seit dem Attentat ein großes Kapitel meines Lebens mit dem ersten Buch „Ich war nicht in Auschwitz“ geschlossen. Damals wurde mir eine große Last von den Schultern genommen. Mit dem neuen Buch habe ich das Kapitel Attentat persönlich verarbeitet. Für mich ein Kapitel, an dem ich fast zugrunde gegangen wäre. Aber für mich war die Aufarbeitung in einer solchen Form unwahrscheinlich wichtig.
Was bedeutet dir Schreiben?
Das Schreiben ist für mich wie eine Befreiung der Seele. Hier kann ich alles ausleben, was wahr ist, und alles, was nicht wahr ist. Es ist ein Spiel mit der Fantasie. Was wäre, wenn? Wie hätte es sein können? Man kann diese meine Theorie nicht bestätigen, aber auch nicht widerlegen.
Du bist ja berufstätig, arbeitest in der Reinigung im Oberwarter Landeskrankenhaus. Wann schreibst du?
Begonnen habe ich vor Weihnachten 2003 mit dem Kapitel „Witterung“. Danach musste ich fast zwei Jahre aussetzen, weil sich der Attentäter in meinem Kopf eingenistet hatte und über meine Gedanken bestimmte. In dieser Zeit war es mir nicht möglich, weiter zu schreiben. Erst ab Weihnachten 2005 konnte ich wieder an diesem Buch arbeiten. Vor allem die Kapitel über ihn fielen mir sehr schwer, weil ich bis dahin mit mir selbst viele Kämpfe auszutragen hatte. Erst als ich mental stark genug war, konnte ich das Buch fertig stellen.
In „Ich war nicht in Auschwitz“ machst du dich zum Sprachrohr der Roma, der Vergessenen, der Vergasten, der Erschlagenen, der wenigen, die aus den Konzentrationslagern zurückkehrten …
Dazu muss man Folgendes sagen: Ich war ja 30 Jahre in Wien am Bau, und niemand daheim in der Oberwarter Siedlung wusste, was ich eigentlich mache. Jeder dachte, ich sei ein einfacher Hilfsarbeiter. Nicht einmal meine Familie wusste, dass ich Polier war und Betriebsrat. Ich habe in Wien mein eigenes, zweites Leben gelebt. Ich habe zwei Leben gelebt: eines im Burgenland, eines in Wien. In Wien war ich einer, der Selbstbestätigung gefunden hat, es daheim im Burgenland aber nicht erzählen wollte.
Das war nicht aus Angst, als Angeber dazustehen – ich war einer der Stillsten in der Siedlung. Ich bin nicht aufgefallen, habe nichts erzählt, war ein ruhiger Mensch. Ich habe nie nach einem höheren Amt geschielt, ich habe nichts angestrebt, es ist mir immer alles zugeordnet worden. Auch der Posten als Polier wurde von meinen Kollegen in einer firmeninternen Umfrage bestimmt. Ich war ja selbst überrascht. Beim Betriebsrat lief es auch so ab, ich hatte mich nicht darum beworben.
Hast du da, in Wien am Bau, Vorurteile gespürt?
Am Bau überhaupt nicht. Dort war es wichtig, zu funktionieren. Es war egal, wer man war, es war egal, woher man kam; wichtig war, die Arbeit zu können, zuverlässig zu sein. Die Leute wussten, dass ich ein Rom bin. Obwohl sie mich nie gefragt haben und ich auch nie davon erzählt habe.
Was ist es, das dich von einem Gadscho, einem Nicht-Rom, unterscheidet – außer dass dich die Gesellschaft zu einem anderen macht?
Über diese Frage habe ich lange nachgedacht und bin darauf gekommen, ohne mich rühmen zu wollen, dass ich tatsächlich ein außergewöhnlicher Mensch bin, weil ich in beiden Kulturen gleichzeitig gleich gut leben kann – in der Welt der Gadsche, aber auch in der Welt der Roma –, ohne Abstriche machen zu müssen. Und das gelingt, glaube ich, nur den allerwenigsten.
Was ist das Schöne an der Romawelt, das, worauf du nicht verzichten willst?
Das Schönste ist die Liebe zu den Kindern. Roma lieben ihre Kinder mehr als Gadsche, weil sie ihnen bis zu ihrem Lebensende außerordentlich viel Hilfe gewähren.
Ich erinnere mich an eine Wiener Romni, deren Familie aus Serbien stammt und die meinte, die Oberwarter Roma seien ganz anders. Inwiefern stimmt das?
Sie sind burgenländischer, bodenständiger, mehr durch die Geschichte geprägt. Weil hier, im Südburgenland, der Terror der Nationalsozialisten besonders viele betroffen hat. Alleine aus dem Burgenland wurden 8.000 bis 10.000 Roma deportiert. 400 kamen zurück. Aus Oberwart wurden 360 in die Lager verschickt, 19 kamen zurück. Daher hätte Franz Fuchs die Bombe nirgendwo anders deponieren können. Er stellte die Bombe vor die Oberwarter Siedlung – stellvertretend für die letzten hundert Jahre Ausgrenzung, Verachtung, Mord. Das heißt: der unter Anführungszeichen richtige Ort.Wenn du dich mit den heutigen Romakindern vergleichst: Was fällt dir auf?
Die Romakinder von heute sind viel selbstbewusster. Sie müssen, zumindest offiziell, nicht mehr spüren, Zigeuner zu sein. Wenn ich an meine Generation denke, die die Flucht nach Wien angetreten hat, um sich dort zu beweisen, weil man uns hier die Möglichkeit nicht gab, haben es die Kinder leichter heute. In den Schulen, aber auch im Beruf. Obwohl es natürlich Ausgrenzung gibt, die man oft und oft erlebt. Wenn man etwa einen Handwerker braucht, anruft, sagt, dass man Horvath oder Sarközi heißt und in der Romasiedlung in Oberwart lebt, wird der Tonfall sofort rauer, oder das Gespräch wird einfach beendet: Wir haben keine Zeit, heißt es dann, es geht nicht.
Oder wenn eine Reparatur durchzuführen wäre, die vom Hersteller garantiert wird. Da kann es schon vorkommen, dass der Bürgermeister bei der entsprechenden Firma intervenieren muss, damit überhaupt ein Handwerker in die Siedlung kommt und den Defekt richtet.
Es hat sich vieles geändert – und doch nichts?
Aus der Romasiedlung zu sein ist nicht mehr dasselbe Handicap wie zu meiner Zeit. Das Problem ist noch immer die schlechte Ausbildung. Arbeitsplätze gibt es ja wenige im Burgenland und man braucht eine sehr gute Ausbildung, um eine Stelle zu bekommen. Nur ist Bildung eine Frage von Generationen. Ich dachte nach dem Attentat, dass wir den Rückstand schnell aufholen könnten; aber das geht nicht, die Zeit ist zu kurz. Aber in den letzten zehn Jahren ist, gemessen an den 50 Jahren davor, sehr viel im Guten passiert. In nackten Zahlen ist es aber noch immer erschreckend wenig.
Bei der Vorstellung deines ersten Buches im Oberwarter Rathaus, als du erzählt hast, wie man die Roma früher unter Gespucke und Gejohle zum Bahnhof trieb, warst du es, der der Gemeinde symbolisch die Hand ausstreckte – einer Gemeinde, die jahrzehntelang alles tat, um die Roma draußen zu halten; die ihre Siedlungen nach Gutdünken verschob, wenn man das Grundstück etwa für ein Krankenhaus benötigte und den Wert der brachen Gründe ringsum erhöhen wollte. Ich würde ganz anders reagieren.
Hass und Wut sind schlechte Ratgeber in jeder Situation. Man muss nur in die Geschichte blicken. Es muss eine Umkehr im Kopf stattfinden, man muss den Hass aus der Seele entfernen. Größe beweist nur einer, der den Mut hat, auch den so genannten Aggressoren die Hand zu reichen.
Wurde diese ausgestreckte Hand angenommen?
Sie wurde angenommen, weil zum ersten Mal im Burgenland etwas anderes verspürt wurde. Da war nicht einer, der Hass predigt – die anderen Roma predigten auch nie Hass, sie waren stumm –, der nur erklären will, dass man die Roma endlich verstehen soll, und zwar nicht als Minderheit, sondern als österreichische Staatsbürger. Die immer da waren, wie die Sterne am Himmel.

Siehst du dich, abgesehen von den Romavereinen, von irgendwem in diesem Staat vertreten?
Absolut nicht. Wir werden nicht vertreten, weil niemand da ist, der die Anliegen der Roma selbstlos vertreten würde.
Ein rechtsextremer rumänischer Politiker meinte, man solle die Zigeuner liquidieren. Der sitzt jetzt im EU-Parlament. Gibt es da ein Gegengewicht?
Es gibt meines Wissens keinen europäischen Romaverein. Ich denke auch nicht, dass man in einem europäischen oder nationalen Parlament diese Fragen ehrlich behandeln könnte. Wichtiger wäre, wenn sich Roma fänden, die im eigenen Umfeld, in den eigenen Gemeinden Verantwortung übernehmen und Glaubwürdigkeit erzeugen. In Österreich habe ich das Gefühl, dass manche Romavereine und Menschen, die in ihnen arbeiten, nicht immer tun, was sie tun sollten – der Stimme ihres Herzens folgen. Sie folgen eher den Stimmen des Geldes und der Macht. Besonders fatal ist das bei Vereinen, die Minderheiten vertreten sollen. Wenn man bestimmte geschichtliche Ereignisse bewusst außer Acht lässt, nur weil man auf eine Förderung hofft, ist das grundfalsch.
Zurück zu Franz Fuchs. Was wäre in deinem subjektiven Gerechtigkeitsempfinden eine gerechte Strafe für ihn gewesen?
Es gibt dafür in Wirklichkeit keine gerechte Strafe. Ich wurde damals gefragt, ob ich für die Todesstrafe sei, und ich habe strikt abgelehnt, weil ich mich nicht auf dieselbe emotionale Ebene stellen wollte. Ich kann nicht Tod mit Tod vergelten. Welche Strafe wäre gerecht gewesen? Soll man ihn Tag und Nacht fesseln, bei Wasser und Brot? Das gibt den Opfern ihre Leben nicht zurück. Franz Fuchs war irre. Er hat gewusst, dass er Menschen tötet, das schon, aber er war nicht Herr seiner Sinne – und daher fast strafunfähig. Leider Gottes.
Es geht immer auch um Erinnerung. Nur ist es so, dass die meist nur in eine Richtung geht, dass sich die Opfer oder die Nachfahren der Ermordeten erinnern. Die Mörder wollen sich ja nicht erinnern. Wäre die gerechte Strafe nicht das Gegenteil, rein fiktiv: ihn nicht zu töten, sondern ewig leben zu lassen, ewig sich erinnernd weiterleben zu müssen?
Das wäre vielleicht tatsächlich die gerechteste Strafe. Dass er ewig leben müsste – und die Veränderung in der Welt bemerken. Franz Fuchs wollte ja etwas anderes erreichen. Er hätte sich nicht vorstellen können, nicht vorstellen wollen, dass Roma selbstbewusster werden, an die Öffentlichkeit gehen, an die Schulen. Mit mir in die Schulen mitzugehen, wenn ich von der Geschichte der Roma erzähle, das wäre etwas, das er schwer aushielte. Den Applaus der Kinder zu hören, die Liebe zu verspüren, die einem entgegenkommt, das Vertrauen – das wäre eine Strafe gewesen.
Es heißt ja oft, Kinder und Jugendliche wollten die Geschichten von Nazis und Juden und Konzentrationslagern und Roma nicht mehr hören. Was erlebst du?
Das stimmt nicht. Ich glaube, die jungen Leute sind zu wenig informiert. Und das verständlicherweise: Die Schulen haben ein starres Lehrprogramm, da bleibt wenig Platz für Außergewöhnliches. Und lustigerweise kam gerade in den Schulen, wo man sagte: „Jetzt machen Sie die zwei Stunden, dann sind wir fertig“, am meisten zurück. Und es bleibt dann nicht bei zwei Stunden, es werden fünf, sechs. Da beginnen auch die Lehrer umzudenken, vor allem Geschichtslehrer. Von denen, die sich gut auskennen, aber mit der Geschichte der Roma nur wenig vertraut sind, eingeladen zu werden – das ist das schönste Geschenk, das ein Rom aus Oberwart bekommen kann.
Du hast die Romasiedlung in einem Theaterstück als Raumschiff bezeichnet, das aus der Umlaufbahn geraten ist und nun im Unendlichen umherirrt. Wo ist das Raumschiff heute?
Das Raumschiff ist momentan aus der großen Umlaufbahn in eine kleinere geraten, in eine nähere. Die Bewohner der Siedlung sind nicht mehr stumm. Sie reden. Ich bin anfangs in den eigenen Reihen geprügelt worden, weil ich Tabuthemen ansprach, die den Roma wehtaten. Etwa die Öffnung der Siedlung, und zwar im Kopf. Ich meinte, es sei nicht wichtig, wie weit man von einem bestimmten Mittelpunkt einer Stadt entfernt ist, sondern wichtig wäre, an ihm teilzuhaben. Ein Kilometer oder ein Meter Entfernung vom Zentrum ist da egal.
Wie sieht die Zukunft des Raumschiffs aus?
Ich hoffe, dass durch meine Anregungen und Kritik und manchmal auch durch meine Provokationen – ich bin in der Siedlung gern provokant – etwas weitergeht. Ich liebe die Siedlung. Ich liebe die Roma, weil ich selbst einer bin. Es würde mir nie einfallen, ihnen wehzutun. Daher habe ich damals nach dem Attentat auf sehr vieles verzichtet. Mein Schicksal soll nicht im Mittelpunkt stehen. Unsere Jugend, die nächste Generation soll eine Chance bekommen – und sie auch ergreifen.
Dein Vater hat Mauthausen überlebt, deine Mutter Ravensbrück. Sie sind beide jung gestorben, an den Folgen der Haft, des Terrors, der Schinderei. Auf der anderen Seite ist Tobias Portschy, der damals für die Deportation der Burgenland-Roma verantwortlich war, der noch später sagte: „Schade, dass wir nicht alle erwischt haben“, und der mit 91 unbehelligt und angesehen gestorben ist.
Natürlich könnte man meinen, es gibt keinen Gott. Gäbe es einen, würde er nicht so lange zusehen. Aber vielleicht ist gerade das eine Strafe: dieses Leben erleben zu müssen, wehrlos zu sein, dass diese Minderheiten, ob Juden oder Zigeuner, wieder heranwachsen und groß werden. Ich glaube, dass auch das für Tobias Portschy eine Strafe war – erleben zu müssen, dass Zigeuner sein Gasthaus betreten. Ich selbst war dort. Ich war einige Male in Rechnitz, als er dort noch sein Gasthaus führte. Das sind Momente, in denen man sich selbst nicht spürt, weil man nicht weiß, was man da sagen soll. Ist es Stolz, dass ich dein Lokal betreten kann, ohne dass du offiziell etwas dagegen tun kannst? Ist es Stolz, dass du mich bedienen musst? Oder dass deine Kellnerin mich bedienen muss?
Ich habe mit ihm kein Wort gewechselt. Ich war drei-, viermal dort, weil in der Nähe eine Lungenheilanstalt war, meine Mutter hatte TBC aus dem KZ, woran sie dann auch starb. Und das Gasthaus Portschy war das größte im Ort. Ich war auch nicht lange vor seinem Tod noch einmal dort, 1995, nach dem Attentat. Ich wollte mit ihm sprechen, es gab ja Gerüchte, er könnte seine Finger im Spiel haben. Ich habe mit seiner Tochter gesprochen. Sie meinte, er schlafe, sei ein alter Mann, den man nicht wecken könne – obwohl ich zwei Stunden lang gewartet habe. Sie erzählte etwas ganz anderes über ihn. Er sei ein guter, liebevoller Vater gewesen. Sie wisse, was er getan hat, und trotzdem sei er ihr Vater.Liest du die Bücher anderer Romaschriftsteller? Ich denke an Ceija oder Karl Stojka.
Ja, nur momentan komme ich sehr wenig zum Lesen, wegen meines Berufs und wegen meiner kranken Frau. Die Zeitung ja, mehr ist nicht drin. Ich schreibe nachts, weil ich tagsüber keine Zeit habe.
Bist du sicher, dass sich mit Franz Fuchs die Bajuwarische Befreiungsarmee aufgehängt hat?
Ich hätte nach dem Attentat wirklich alles dafür gegeben, zu wissen, wer es war. Ich bin ja immer davon ausgegangen, dass es zwei sind – ein Mann und eine Frau. Ich glaubte nicht an eine große Gruppe, an eine Neonaziverschwörung. Und dann war ich eines Morgens im Krankenhaus, und ein Pfleger sagte: „Stefan, in der Nähe von Leibnitz hat sich einer die Hände weggesprengt.“ Da wusste ich sofort, worum es geht. Der Sockel der Rohrbombe, die in Oberwart vier Roma tötete, ein Katzenklo, war mit Wasser aus dem Leibnitzer Becken betoniert worden – daher auch der Titel meines Buches, „Katzenstreu“.
Ich rief einen Bekannten an, der Journalist ist. Er sagte, er wisse auch nicht mehr, aber wie es aussehe, habe die Festnahme etwas mit den Bomben zu tun. Dann schickte man mir ein Taxi, um mich zum Funkhaus des ORF nach Eisenstadt zu bringen, wo man mich für die „Zeit im Bild“ interviewte. Da sagte ich noch, dass ich es für ausgeschlossen halte, dass ein Einzelner das alles getan haben könnte.
Erst als ich mit meinem jüngeren Sohn – der nur am Leben ist, weil sein älterer Bruder ihn in dieser Nacht nicht mit auf die Patrouille nahm – Franz Fuchs im Gefängnis sprechen wollte, als man ihn in Fußfesseln den Korridor entlangführte, erst als er mich ganz kurz anblickte, bevor er sich sofort wieder wegdrehte und ging, wusste ich, dass er alleine diese schrecklichen Verbrechen begangen hat. Da waren nur Hass und Wahnsinn in diesem Blick. Mehr nicht.
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