Unter der Matte
Bis vor kurzem führte professionelles Wrestling in Österreich trotz einer großen Tradition nicht einmal mehr eine Schattenexistenz. Heute erlebt das „Catchen“ eine so plötzliche wie unerwartete Renaissance.
Text: Moritz Gottsauner-Wolf
Fotografie: Daniel Shaked

So geht das. Michael Kovac stemmt seinen Schüler über den Kopf, macht eine halbe Drehung – und schmettert ihn auf die Bretter, dass es nur so kracht. Danach ist Rene an der Reihe. Er soll sich in die Seile werfen, um Schwung zu holen und dann seinen Lehrer umrennen. Aus dem vollen Galopp heraus. Es klappt nicht ganz. „Was war das? Gstriffn‘ hast du mich, wie ein Warmer!“, brüllt Kovac. Rene hat die Elastik der Seile, die ihm die nötige Geschwindigkeit geben sollen, nicht ausgenutzt. „Du musst noch lernen, wirst dich anspeiben am Anfang“, sagt sein Trainer. Und macht vor, wie es richtig geht. Dreimal landet Rene mit voller Wucht am Rücken. Es tut schon beim Zusehen weh.
Ohne entsprechende Ausbildung sind solche Aktionen brandgefährlich. Pro-Wrestling, Catch-Wrestling oder schlicht Catchen heißt der Sport, den Michael Kovac seinen Schülern im „Powerplexx“ beizubringen versucht. Für die Kunden der benachbarten Indoor-Golfanlage im Budocenter, einer Mehrzwecksportanlage in Wien-Favoriten, klingen das Geschrei und die Klatschgeräusche aus der ehemaligen Squash-Halle mittlerweile vertraut. Wenn sie am Gang den starken Männern begegnen, dämmert auch Uneingeweihten, dass hier längst nicht mehr das Racket geschwungen wird. Ein blau bespannter Ring füllt den rund 50 Quadratmeter großen Raum fast vollständig aus. Hier, zwischen Kleingärten, Billig-Supermarkt und Lagerhallen, hat der 37-jährige Kovac Platz für seine Wrestling-Schule gefunden.
Ein bescheidenes Quartier für einen Profikämpfer, dessen Sportart weltweite Popularität genießt. In der Wrestling-Hochburg USA werden Millionenumsätze in dreistelliger Höhe erzielt, in Japan zweistellige; in Mexiko gehört Wrestling zur nationalen Folklore und in Europa gibt es ebenfalls in fast jedem Land Verbände. Auch in Österreich, besonders in Wien, war Catchen jahrzehntelang ein populäres Freizeitvergnügen. In den Sechzigern und Siebzigern fanden sich manchmal bis zu 15.000 Menschen am Heumarkt auf dem Gelände des Wiener Eislauf-Vereins (WEV) ein, wo die Profi-Catcher regelmäßig ihre Zelte aufschlugen. Erst in den frühen Neunzigern erlahmte das Interesse. Seitdem besuchen nur noch ein paar hundert Unentwegte die sporadisch ausgetragenen Kämpfe der hiesigen Szene.
Dieser Tage erlebt das Spektakel aber eine unerwartete Renaissance: Anfang Februar feiert die Riotgas Wrestling Association (RWA) in der Halle B der Wiener Stadthalle die 18. Auflage von „RWA live“ mit 18 Kämpfern aus dem In- und Ausland. Bis zu 1.500 Zuschauer werden erwartet. Zusätzlich das Interesse anfachen wird der mehrfach preisgekrönte Film „The Wrestler“, der Ende des Monats in den heimischen Kinos anläuft und in dem Mickey Rourke einen abgehalfterten Wrestlingamateur gibt.
Noch dazu schafft jetzt ein österreichischer Wrestler den Sprung nach ganz oben: Ab diesem Monat wird der gebürtige Leobener Chris Raaber als erster deutschsprachiger Wrestler überhaupt bei der größten und populärsten Liga der Welt unter Vertrag stehen – für die World Wrestling Entertainment (WWE) in den Vereinigten Staaten. Wenn alles glatt läuft, wird er schon Mitte April zurückkommen, um im Rahmen der „Wrestlemania Revenge“-Welttournee, die in Salzburg und Wien Halt macht, mit den Stars der Branche den Ring zu teilen. Nicht weniger als eine Sensation in einem Land, in dem die meisten Leute Catchen nicht einmal den Status einer Randsportart zuerkennen. Der gebürtige Linzer Kovac, der sich nach der Matura drei Jahre beim Bundesheer verpflichtete um dann seine Wrestlerkarriere zu starten, ist einer der Wenigen, die in Österreich von ihrem Sport leben können. Seit 16 Jahren kassiert er Schläge und lässt sich aus großer Höhe auf die Bretter werfen.
Das ist nur für einen Untrainierten schmerzhaft“, sagt er. Wrestlern geht es nicht darum, ihre Gegner zu verletzen, sondern um eine gute Show. Unter den Ringern existiert deshalb ein informeller Ehrenkodex, der besagt, sich gegenseitig nicht unverhältnismäßig weh zu tun. Verstöße gegen dieses ungeschriebene Gesetz werden heute wie gestern nach dem Kampf in der Garderobe „besprochen“. Dementsprechend nahe liegt es zu glauben, dass alle Kämpfe abgesprochen seien, Schläge nicht wirklich träfen und Wrestler vielmehr Schauspielern als Ringern ähnelten. Die offensichtlichen Schmerzen, die Nachwuchswrestler Rene Redlinger im Ring spürt, nachdem ihn Kovac abermals auf die Bretter geknallt hat, sprechen eine andere Sprache.
„Zu Beginn war’s schwierig, aber nach zwei Monaten gewöhnt sich der Körper daran“, sagt der 24-jährige Innviertler, der sein Geld beim Flugzeugteile-Erzeuger FACC in Ried/Innkreis verdient und alle zwei Wochen die zweieinhalbstündige Fahrt in die Hauptstadt auf sich nimmt, um bei Kovac trainieren zu können. „Ich hab mir im Ring schon Gehirnerschütterungen geholt. Das steckst du genauso weg wie Zerrungen und Quetschungen. Damit verdienen wir schließlich unser Geld“, sagt Kovac. „Blöd wird es, wenn du dir einen Arm oder Fuß brichst und Pause machen musst.“ Im Gegensatz zu den meisten anderen Kampfsportbewerben wird beim Wrestling die Gage vor dem Kampf vereinbart; unabhängig davon, wer gewinnt. Die Bezahlung richtet sich nach dem Marktwert des Wrestlers – also vor allem nach der Zuschauerzahl, die er anziehen kann. In Amerika und Japan sind die Gagen aufgrund der Popularität der Sportart naturgemäß weit höher als in Österreich.
Verträge in amerikanischen Profiligen haben ihren Reiz im fixen Einkommen, das auch weitgehend garantiert wird, sollte eine Verletzung zur Pause zwingen. Die Spanne der Einkommen reicht von 300 bis 500 Dollar (230 bis 380 Euro) Wochenlohn für noch unbekannte Wrestler bis zu rund 2,5 Millionen Dollar (1,9 Millionen Euro) garantiertem Jahreseinkommen für die Stars der Branche. Zudem sind die Athleten an Merchandising und werden bei manchen Großevents prozentuell am Gewinn beteiligt.
Über die Höhe der Gagen in Österreich will kaum ein aktiver Wrestler sprechen. Was unter anderem daran liegt, dass die gleiche Leistung oft unterschiedlich entlohnt wird. Als Richtwert darf laut Kovac eine Durchschnittsgage von 300 bis 600 Euro pro Kampf angenommen werden. Dies gelte aber nur für erfahrene und bekannte Wrestler. Bei internationalen Athleten kommen die Kosten für Anreise und Unterkunft hinzu. „Früher, bei den großen Turnieren, war’s so: Wenn du nicht im Ring gestanden bist, hast du kein Geld bekommen. Ich hab mir am Heumarkt einmal eine Rippe gebrochen. Am nächsten Tag war ich wieder im Ring und hab mir die zweite gebrochen. Da habe ich mich lange gequält, bis das verheilt war. Aber das war früher halt so“, erzählt Kovac.

In Österreich gilt der Heumarkt als Synonym für die goldene Ära des Catchens. Von jener Zeit erzählt das Privatarchiv von Gernot Freiberger. Ein kleiner Raum im ersten Stock eines unscheinbaren Einfamilienhauses in Wien-Stadlau birgt Memorabilia aus jener Periode, in der noch jedes Wiener Kind die Namen der Catcher kannte: Gerahmte Plakate, die längst ausgerungene Begegnungen in Österreich, Deutschland, Frankreich und sogar in Afrika ankündigen, schmücken die Wände. Auf den Regalen stehen unzählige Siegerpokale von Catchern, die längst in Vergessenheit geraten sind. Gernot Freiberger, von Beruf Güterzugdisponent bei den ÖBB, hat diese Exponate in zwanzigjähriger Arbeit zusammengetragen. Heute freut es den 41-Jährigen, dass sich jemand dafür interessiert: „Denn was nützt die größte Sammlung, wenn sie keiner sieht?“
Als Freiberger Ende der Achtziger von seiner niederösterreichischen Heimatstadt Waidhofen/Ybbs nach Wien pendelte, lag das Catchen am Heumarkt bereits im Sterben. Freibergers Sammelleidenschaft konzentriert sich daher vor allem auf jene Ära in den Sechzigern und Siebzigern, welche die besten Ringer Europas und der Welt nach Wien brachte. Die Saison im Sommer dauerte damals über zwei Monate. Sechs Tage die Woche wurde gerungen, nur am Montag war Ruhetag. Freiberger zieht einen dicken Ordner aus dem Regal. In Klarsichthüllen bewahrt er sorgfältig ausgeschnittene Zeitungsartikel auf. Eines der Fotos zeigt einen Mann von der Statur eines Kleiderschranks in Sakko und Krawatte. Seine untere Gesichtshälfte gleicht der einer Bulldogge und über den freundlichen, ein wenig traurig dreinblickenden Augen prangt eine stattliche Halbglatze.
Es ist der Wiener Georg Blemenschütz, der den Heumarkt 1957 übernommen hatte und dessen Name noch heute untrennbar mit der Geschichte des Wrestlings in Österreich verbunden ist. Blemenschütz’ Geschäftsprinzip war einfach: Er zahlte seine Catcher gut und pünktlich. Er holte die Besten und pochte auf die Einhaltung der Etikette, in- und außerhalb des Rings. Wer dabei sein wollte, hatte auf sein Aussehen zu achten und dazu gehörten auch die obligatorischen weißen Schuhbänder der Ringerstiefel, ohne die man erst gar nicht anzutanzen brauchte. Schlechte Karten hatte aber, wer Blemenschütz, der oft selbst zu einem der beliebten Massenkämpfe in den Ring stieg, im Eifer des Gefechts zu Boden brachte. Der Unglücksvogel konnte in der Regel anschießend die Koffer packen. Der „Gentleman“ unter den Catchern war ein Stehkämpfer und landete nur ungern am Gesäß. Der Erfolg aber gab seinem strengen Regime Recht.
Vom Bürgermeister bis zum Rotlichtbaron – am Heumarkt (der schon 1418 als Heugries bekannt war und seinen heutigen Namen seit 1862 trägt, weil die Bauern dort über Jahrhunderte ihr Heu verkauften) waren damals alle anzutreffen. Nicht, um Blut zu sehen, sondern wegen des Spektakels, das Blemenschütz ihnen bot. „Das war ein Paradies für Sozialforscher. Da waren die Doktoren, nur um einmal schreien und schimpfen zu können. Da konnte jeder so sein, wie er es sonst nicht durfte“, erzählt Freiberger. Die Schimpftiraden, die Persönlichkeiten, das Bieranschütten: Die damalige Atmosphäre ist längst zum Mythos geworden.
Als seinerzeit einziger Ort in Europa bot der Heumarkt die Möglichkeit, Veranstaltungen dieser Art unter freiem Himmel und mitten in der Stadt auszutragen. Das Treiben im Sommer kam auch der winterlichen Nutzung des Geländes zugute: Von den Einnahmen ging ein Gutteil als Miete an den Wiener Eislauf-Verein. Mit der Zeit wurde Wrestling zu einer wichtigen Finanzierungsquelle des Eislaufsports in Wien. Das Geld, das die starken Männer vom Heumarkt einspielten, leistete so indirekt einen Beitrag zu den Olympia- und Weltmeisterschaftsmedaillen österreichischer Eisläufer in den 60er und 70er Jahren. „Auf den Heumarkt bin ich Anfang der Sechziger immer mit meinen Eltern gegangen und ich war ganz erstaunt darüber, dass beide so enthusiastisch waren. Ich selber hab es nicht so gemocht, mich hat die Brutalität abgeschreckt“, erzählt Beatrix „Trixi“ Schuba, Olympiasiegerin im Eiskunstlauf 1972 in Sapporo.
Während im Wrestling-Mutterland USA der Sport in den Achtzigern dank nationaler Austrahlung im Fernsehen endgültig zum Massenphänomen aufstieg, erlebte der Heumarkt in dieser Dekade seinen ersten Niedergang. 1981 fand die letzte Veranstaltung unter Georg Blemenschütz statt, der es in den Jahren zuvor vernachlässigt hatte, einen Nachfolger aufzubauen. Schließlich übernahm der damals bereits erfolgreiche Catcher und Promoter „Big“ Otto Wanz Mitte der Achtziger die Organisation. Der Steirer hatte mit seiner Catch Wrestling Association (CWA) bereits eine angesehene europäische Liga aufgebaut und Turniere in Linz, Graz und Deutschland organisiert.
In den ersten Jahren nach der Übernahme sorgte er am Heumarkt für ein hohes Niveau, eine gute Auslastung und sogar für bundesweite Aufmerksamkeit in den Musikcharts (Battle Royal, eine von ihm gegründete Wrestler-Combo, schaffte es mit „Young, strong and healthy“ in die Top Ten der Ö3-Hitparade). An die legendären Kämpfe aber, wie etwa jenen zwischen Wanz und einem etwas übermotivierten Toni Polster im Jahr 1990 erinnert sich heute nur noch, wer selbst dort gewesen ist. Wanz zahlte seinen Wrestlern damals zwischen tausend und 2.000 Schilling (rund 70 bis 140 Euro) am Tag. Gegen Ende waren es bereits 3.000 bis 4.000 (200 bis 300 Euro). „Die Kosten eines Kampftages am Heumarkt beliefen sich zuletzt auf rund 100.000 Schilling (7.300 Euro). Gewinn schaute zum Schluss kaum mehr heraus“, sagt Wanz. Das schleichende Ende konnte er noch bis 1997 hinauszögern. Dann war endgültig Schluss.
Von der heutigen hiesigen Wrestling-Szene will Otto Wanz nichts mehr wissen. Er hat noch in einer anderen Liga gespielt: „Ich hatte damals fast so viele Ordner wie die heute Zuschauer haben.“ Der 65-Jährige organisiert heute so genannte „Strongman“-Wettbewerbe, bei denen sich Männer unter anderem darin messen, wer schneller einen PKW über eine bestimmte Distanz ziehen kann. Bis heute ist Otto Wanz der einzige Österreicher, der in Amerika einen Weltmeisterschaftstitel im Wrestling holen konnte. 1982 errang er den Weltmeistertitel der American Wrestling Association (AWA) und hielt ihn etwas über einen Monat. Man braucht nicht einmal eine ganze Hand, um die Europäer abzuzählen, die das geschafft haben.
Die Zukunft des Sports in Österreich sieht er heute skeptisch. „Eins können Sie mir glauben: Wenn ich irgendwo eine Chance sehen würde, das Wrestling wieder zu aktivieren, hätte ich bestimmt noch die besten Möglichkeiten, das zu tun. Aber die Menschen wollen heute anders unterhalten werden.“
Wie so vieles andere ist auch das Catchen in Österreich vom Zusammenrücken der Welten erdrückt worden. Wer nicht anpassungsfähig oder innovativ genug ist, hat es schwer. „Früher hat es FS1 und FS2 gegeben. Heute haben sie tausend Sender. Und wenn sie die großen Sportshows sehen, sehen sie New York und Tokio und dort und da, und wer geht denn noch auf den Platz bei uns, wenn es heißt, da sind 600 Leute und da spielt der Johann gegen den Helmut? Trotzdem bin ich kein Reich-Ranicki, der sagt, es wäre alles scheiße. Ist mir auch zu blöd“, sagt Wanz. Für Chris Raaber findet Wanz hingegen nur warme Worte. Um gleichzeitig eine Warnung auszusprechen: „Die wirkliche Herausforderung ist in der WWE, drin zu bleiben. Das ist ein Hyänenkäfig, dort ist jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Ich weiß, dass er ein sehr loyaler und netter Mensch ist. Ob er sich da behaupten kann, werden wir sehen.
Als ich ein paar Monate drüben war, war ich immer nur der ,Fuckin’ Austrian‘.“ Jener Mann, der vor der Sensation steht, wohnt keine Autostunde von Graz entfernt. Chris Raaber, besser bekannt als „Chris the Bambikiller“, hat sein Handwerk bei Michael Kovac gelernt und wird künftig als erster deutschsprachiger Wrestler in der größten und populärsten Liga der Welt kämpfen. „So einen Schritt zu machen, auf den tausende Wrestler hinarbeiteten, macht mich natürlich stolz. Als ich ein Bub war und Wrestling im Fernsehen gesehen hab und beim Otto Wanz am Heumarkt, hab ich gewusst: Das will ich machen und nichts anderes“, sagt der 27-Jährige. Im November vergangenen Jahres hat er in Leoben seine eigene Schule samt Fitnessstudio gegründet, das „Catch-Wrestling Dojo“.
Raaber hat mit 15 Jahren begonnen zu trainieren und seitdem 650 Kämpfe absolviert. Die Stempel in seinem Reisepass erzählen eine Erfolgsgeschichte: USA, Ägypten, Kolumbien, Kuwait, Nigeria – weltweit hat er bis heute in 23 Ländern gekämpft. In Norwegen zog er sich einmal einen Muskelriss zu – und flog trotzdem direkt weiter nach Italien, um ein Engagement wahrzunehmen. Danach war sein Oberschenkel schwarz, der Muskel ist heute noch verhärtet. Der Preis des Erfolgs. Nach der Eroberung des Schwergewichts-Weltmeistertitels der in Wien beheimateten European Wrestling Association (EWA) in Japan 2006 – den er bis heute hält – hatte es Glückwunschschreiben vom Bundeskanzler abwärts geregnet.
„Den Wrestling-Boom durch die WWE spürt man auch bei uns. Die Zuschauerzahlen steigen wieder und alles deutet darauf hin, dass es wieder aufwärts gehen könnte. Die EWA und die Riotgas Wrestling Association (RWA) bieten in Österreich hohe Qualität und gute Organisation. Als ich mit dem Wrestling anfing, gab es in dieser Hinsicht fast gar nichts. Außderdem haben wir heute, im Vergleich zu Deutschland beispielsweise, einen guten Nachwuchs“, sagt Raaber. „Das mit dem Chris ist eine tolle Geschichte, wer sonst, wenn nicht er. Er hat mich Mitte der Neunziger am Heumarkt angesprochen, ob ich ihn nicht trainieren könnte. Das hat mich am Ende dazu gebracht, meine eigene Schule zu eröffnen. Er hat die besten Voraussetzungen und das Charisma, das die dort suchen“, sagt Michael Kovac, der sich durch den Aufstieg seines Freundes mehr Aufmerksamkeit und ein besseres Geschäft verspricht.
Mitschneiden an der Entwicklung will auch Gerhard Hradil, der 1998 die Wrestling School Austria (WSA) mitbegründet hat und bis heute deren Geschäfte führt. „Heutzutage reicht es nicht mehr, dass du zehn Minuten lang einen Griff hältst und die Leute jubeln. Da schlafen sie dir nach zehn Sekunden ein“, sagt er. In Hradils Wrestlingschule im Souterrain eines Hauses in Wien-Leopoldstadt finden mehrmals wöchentlich Trainingseinheiten statt, seit kurzem auch für Frauen und Kinder. Der Ring macht ob seiner ungespannten Seile einen eher traurigen Eindruck. Die Ziegelwände sind mit dem Bild eines großen, roten Drachen und dem eines roten Tigers verziert. Auch auf Hradils Glatze sind zwei Drachen eintätowiert.
Die prägenden Jahre seiner Kindheit verbrachte der 44-Jährige in Japan, wo er erstmals mit Kampfsport in Berührung kam. Zurück in Österreich verdingte sich Hradil lange Jahre als Bodyguard und Securitymann für diverse Rockbands im In- und Ausland. Aus dieser Zeit trägt er gut ein halbes Dutzend Andenken in Form von Narben. Sie gehen auf Messerstechereien und Pistolenkugeln zurück, „die aber nicht für mich bestimmt gewesen waren“, sagt er. Im vergangenen Jahr hat Hradil das legendäre Heumarkt-Catchen nach mehr als zehn Jahren Pause wieder ins Leben gerufen. Im Juni plant er dort erstmals wieder ein fünftägiges Turnier durchzuführen. „Dabei bin ich selbst nicht mal Wrestling-Fan“, sagt Hradil. Er schaut sich weder die Kämpfe im Fernsehen an, noch geht er zu den Veranstaltungen der Konkurrenz, um sich nach Talenten umzusehen.
Hradil sieht sich als Geschäftsmann: „Ich mache fast alles für Geld. In jedem Profisport machst du für Geld alles.“ Für die WSA organisiert er Shows, bucht die Wrestler und führt die hauseigene Schule. Die Shows der WSA werden einmal im Monat über den kleinen Kabel-TV-Sender Okto ausgestrahlt. Hradil geht es um das Schauspiel im Ring und um eine gute Geschichte: „Das Schöne am Wrestling ist, dass es Gute und Böse gibt. Leute, die sagen: Wir sind böse, oder spielen die Bösen und die anderen, die sagen: Wir sind die Guten, oder wir spielen die Guten. Alleine aus diesen Gruppierungen entstehen einfach total nette und witzige Storylines“, sagt er.
Inspiration holt sich Hradil von der ganz großen Bühne: Neben seinem Job als Promoter arbeitet er als Komparse am Wiener Burgtheater. Momentan ist er dort in den „Rosenkriegen“ und im „König Lear“ von Shakespeare zu sehen. Manchmal übernimmt er dabei die Choreografie der Kampfszenen.
Im Zuge dessen hat er ein paar seiner Kämpfer von der WSA ebenfalls als Komparsen im Burgtheater untergebracht. Vom Kämpfen allein kann kaum jemand leben. Auch Hradil nicht, wenn er unter dem Kampfnamen „Humungus“ selbst in den Ring steigt – der Name des Ober-Bösewichts aus dem Endzeit-Epos Mad Max II. Sein Gegner sieht sich dann mit einer imposanten Gestalt konfrontiert, denn Humungus ist nicht nur auf der Glatze, sondern am gesamten Körper tätowiert. „Ich kenne massenhaft Wrestler, die Super-Techniker sind, die mehr können als ich“, sagt er. Dennoch seien sie für ihn „nicht zu gebrauchen, weil sie keine Show mehr machen können, keine Ausstrahlung haben und ausschauen wie der 08/15-Typ auf der Straße“. Dementsprechend lautet Hradils Geschäftsphilosophie: „Die Leute wollen Freaks sehen.“

Bei der bislang letzten von ihm am Heumarkt organisierten Show, die Ende September vergangenen Jahres stattfand, war auch Andreas Wofinger dabei. Allerdings nicht als Kämpfer, sondern als Demonstrant. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe anderer Wrestler tauchte er am Gelände des Wiener Eislauf-Vereins auf, wo die Veranstaltung stattfinden sollte. Bewaffnet waren sie mit Transparenten – mit Neonschrift bedruckte Holzplatten im A0-Format –, auf denen geschrieben stand: „Die Wrestling-Szene Österreichs distanziert sich von dieser Show. Sie hat nichts mit Catch-Wrestling in Österreich zu tun.“ Weil Wofinger alias „Slash Power“ und seine Mitstreiter ihre Demo aber an einem anderen Eingang abhalten wollten, als an jenem, der mit der Polizei abgesprochen worden war, wurde ihnen der Einlass verwehrt. So mussten sie wieder abziehen, ohne ihren Unmut äußern zu können über Hradils Versuch, das Heumarkt-Catchen wiederzubeleben.
„Wir wollten den Leuten zeigen, dass sich die Wrestling-Szene in Österreich von dieser Show distanziert“, sagt Wofinger. Er sieht das Erbe des Heumarkt-Catchens durch das Treiben der WSA gefährdet: „Alle sagen: ,Da müssen jetzt die Besten Österreichs und der ganzen Welt sein.‘ Aber wenn ich so eine Würschtlpartie sehe, dann vergeht’s mir einfach“, sagt er. Hradil spricht er ab, professionelles Wrestling zu betreiben: „Die WSA hat nicht einmal drei Seile am Ring. Sie trainieren nur auf Matten. Dadurch haben sie keine Ringübersicht.“
Ein harsches Urteil, das Chris Raaber bestätigt: „Mit unserem Sport hat die WSA nicht viel zu tun. Sie schadet ihm sogar. Die Leute dort haben keinen wirklichen Background und werden nicht richtig trainiert. Und wenn die Zuseher so etwas sehen, richtet das einen Schaden an, der nur schwer wieder gut zu machen ist. Bei Leuten wie dem Andreas Wofinger kann man sich sicher sein, dass man nicht verarscht wird. Die amerikanischen Ringer zum Beispiel, die er für die Events anwirbt, sind dann auch wirklich aus Amerika und haben einen nachvollziehbaren Hintergrund.“
Wie es so weit kommen konnte, dass Andreas Wofinger gegen die öffentliche Ausübung seines Sports demonstrieren wollte, liegt auch in einer professionellen Rivalität zwischen ihm und Hradil alias Humungus begründet.
Ihren Höhepunkt erreichte diese 2006 in der Westernstadt „No Name City“ im niederösterreichischen Wöllersdorf im Rahmen eines eher kuriosen Kampfes, in dessen Verlauf eine Computertastatur auf dem Kopf von Humungus zu Bruch ging. Die Frage, was so ein Gerät neben dem Ring zu suchen hatte, beantwortet Wofinger mit einem breiten Grinsen, das die Augen verengt. Wofinger führt gemeinsam mit seiner Frau Andrea eine Trafik im 20. Wiener Gemeindebezirk, Brigittenau. Eine wie jede andere, hinge da nicht an der Eingangstür das Schild mit der Aufschrift „Wer hier klaut, stirbt!“ Mit seiner Stoppelglatze, dem zu einem langen Zopf gebundenen Bart und seinen Muskelbergen macht der 34-Jährige aber ohnehin nicht den Eindruck, dass er die hinter seiner Kassa installierte Überwachungskamera zur Abschreckung von Dieben benötigt.
Im Zeitschriftenhalter findet sich neben einer Fachzeitschrift für Tätowierer und einer für Aquariumsliebhaber auch die deutsche Ausgabe des WWE Magazins, der offiziellen Zeitschrift des größten und wichtigsten Wrestlingverbands der Welt. Während die Kollegen in den USA Millionen scheffeln, investieren Wofinger und Co. viel Zeit und Geld in ihren Sport, obwohl es sich kaum rentiert. 2003 gründete Wofinger gemeinsam mit seinem Kollegen „Sexy Peter White“ die „Riotgas Wrestling Association“ (RWA). Der Name spielt auf jenes Tränengas an, das von der Polizei in anderen Ländern gern zum Auflösen von Demos eingesetzt wird.
Die am 8. Februar in der Stadthalle steigende, von ihm mitorganisierte Show „RWA-Live“ ist für Wofinger ein teurer Spaß: „Sponsoren gibt es natürlich. Aber du kannst die Leute nur mit hoher Qualität und niedrigen Eintrittspreisen hinterm Ofen hervorlocken.“ Alleine Flüge und Gagen – wie viel er jeweils bezahlt, will er nicht sagen, nur dass sich das gesamte Budget für die Kämpfer auf 15.000 Euro beläuft – kosten laut Wofinger „ein Vermögen. Aber wir möchten das groß aufziehen und da braucht man halt viel Geld dafür. Du brauchst ein Herz, damit etwas weitergeht, wie bei jedem Hobby.“

Über zwei Flachbildschirme in der Trafik laufen nonstop die Highlights der bisherigen „RWA-Live“-Kämpfe. Durchschnittlich 800 bis 1.000 Zuseher erleben die Shows, die in der Regel dreimal im Jahr stattfinden – am Brigittenauer Allerheiligenplatz, im niederösterreichischen Enzersfeld und jetzt eben in der Stadthalle. Für europäische Verhältnisse ist das viel. Wofinger, heute gleichzeitig Chef und amtierender Meister seines Verbandes, begann seine sportliche Karriere als Radrennfahrer. Zum Catchen kam er um die Jahrtausendwende und legte daraufhin von 85 auf 120 Kilogramm Körpergewicht zu. „Das wichtigste Kriterium in der RWA ist das Gewicht. Du musst über hundert Kilo haben, wenn du bei uns mitmachen willst“, sagt Hofinger. „Wenn einer von uns in ein Lokal geht, schauen die Leut‘. Es muss einfach so sein, dass ein Catcher auffällt.“
Mitten im Gespräch entschuldigt sich Wofinger und verschwindet ins Hinterzimmer. Mit einem Glas Milch und einem Kübel gefüllt mit rosa Pulver kehrt er hinter die Kassa zurück und beginnt die beiden Substanzen in einem Barshaker zu mischen. Das Ergebnis riecht nach Erdbeeren. „Für die Proteine“, sagt er und grinst. Die Kraftnahrung gehört genauso zur täglichen Routine, wie wöchentlich bis zu fünf Besuche im Fitnessstudio, um das Gewicht und die Muskelmasse zu halten.
Ein Aufwand, den er gerne in Kauf nimmt: „Mir taugt das einfach irrsinnig, wenn ich das Publikum zum Lachen bring. Wenn es mit mir leidet, mit mir schreit.“ „Ob eine Show gut ist oder nicht, entscheidet das Publikum. Für mich ist Wrestling Geschäft, das unterscheidet ihn und mich vielleicht“, sagt Gerhard Hradil. Ihm hätte es nach eigener Aussage sogar „gefallen, wenn die Demonstranten damals geblieben wären. Allein schon wegen des Werbeeffekts.“ Seine eigene Show hatte sich nicht als Publikumsmagnet erwiesen: Rund 200 Zuschauer wollten Ende September die starken Männer aus seinem Stall sehen. Dauerregen hatte die Zahl der auf nur einen Tag anberaumten Freiluftveranstaltung zusammenschrumpfen lassen. Das soll dieses Jahr anders werden. Durch die Veranstaltungsdauer von fünf Tagen am Stück will sich Hradil witterungsunabhängiger machen.
Den Grund für Wofingers Aktion glaubt Hradil heute zu kennen: „Sie waren dagegen, dass wir am Heumarkt veranstalten. Aber ich habe mit denen keinen Kontakt“, sagt er. Wofingers Kampfnamen „Slash Power“ verwendet er nur in der deutschen Übersetzung und nennt ihn augenzwinkernd „Schlitzkraft“. Weiter schüren möchte Hradil den Streit nach eigenem Bekunden dennoch nicht: „Ich glaube, dass wir zusammen mehr auf die Beine bekommen könnten. Es bringt nichts, wenn man sich um einen Kuchen streitet, der eh so klein ist.“
Frage an die Maus: Was ist Wrestling beziehungsweise Catchen?
Im Gegensatz zu anderen Kampfsportarten geht es beim Wrestling („Catchen“) vor allem um die Show. Der Ausdruck leitet sich von der Phrase„Catch-as-catch-can“ ab („Greife, was zu greifen ist“). Ursprünglich war Catch-Wrestling ein in den USA des 19. Jahrhunderts auf Jahrmärkten entwickelter Ringstil, der sich insofern vom Griechisch-Römischen Stil oder Freistil unterschied, als es praktisch keine Regeln gab. Alle Griffe waren erlaubt, bis auf beißen, spucken und In-die- Augen-stechen. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde dieser Modus auch in Europa populär. Seitdem wird auch hier das Pro-Wrestling, das möglichst verletzungsfrei, aber mit viel Spektakel über die Bühne gehen soll, Catchen genannt. Allerdings lagen die europäischen Wurzeln des Sports im klassischen Ringsport, weswegen man auch von einer Art Parallelbewegung zu Amerika sprechen kann.
Die Catcher waren immer auch Ringer und speziell in Deutschland wurde auf die Bezeichnung „Berufsringer“ lange großer Wert gelegt. Wie in allen Sportarten gibt es im Wrestling Verbände, die auch Promotions genannt werden. Wie im Boxen gibt es viele verschiedene Promotions und entsprechend viele Welt- und Europameistertitel. Ihr Wert hängt davon ab, wie populär und finanzstark die ausschreibende Promotion ist. Die weltweit populärste ist die US-World Wrestling Entertainment (WWE, vormals WWF). Sie ist ein börsenotiertes Unternehmen und erwirtschaftete 2007 einen Jahresumsatz von 485 Millionen Dollar. Durch das Aufkaufen kleinerer Ligen ist es ihr gelungen, ihre marktbeherrschende Stellung zu festigen. Daneben hat sich die Promotion National Wrestling Association (NWA) zu einem weltweiten Dachverband für unabhängige Ligen entwickelt. Obwohl nirgends so populär wie in den USA, ist Wrestling heute ein weltweites Phänomen: In Westeuropa und Japan gibt es zahlreiche Verbände und Ligen, genauso wie im Nahen Osten. Weitere Länder mit aktiven Ligen sind unter anderem Russland, Australien, Südafrika, Nigeria sowie Mexiko, Kolumbien und Ecuador. Im Spanischen wird Wrestling oft als „Lucha Libre“ (Freier Kampf) bezeichnet. Die 1933 in Mexiko gegründete Consejo Mundial de Lucha Libre (CMLL) ist die älteste noch aktive Wrestling-Promotion der Welt.
Ohne entsprechende Ausbildung sind solche Aktionen brandgefährlich. Pro-Wrestling, Catch-Wrestling oder schlicht Catchen heißt der Sport, den Michael Kovac seinen Schülern im „Powerplexx“ beizubringen versucht. Für die Kunden der benachbarten Indoor-Golfanlage im Budocenter, einer Mehrzwecksportanlage in Wien-Favoriten, klingen das Geschrei und die Klatschgeräusche aus der ehemaligen Squash-Halle mittlerweile vertraut. Wenn sie am Gang den starken Männern begegnen, dämmert auch Uneingeweihten, dass hier längst nicht mehr das Racket geschwungen wird. Ein blau bespannter Ring füllt den rund 50 Quadratmeter großen Raum fast vollständig aus. Hier, zwischen Kleingärten, Billig-Supermarkt und Lagerhallen, hat der 37-jährige Kovac Platz für seine Wrestling-Schule gefunden.
Ein bescheidenes Quartier für einen Profikämpfer, dessen Sportart weltweite Popularität genießt. In der Wrestling-Hochburg USA werden Millionenumsätze in dreistelliger Höhe erzielt, in Japan zweistellige; in Mexiko gehört Wrestling zur nationalen Folklore und in Europa gibt es ebenfalls in fast jedem Land Verbände. Auch in Österreich, besonders in Wien, war Catchen jahrzehntelang ein populäres Freizeitvergnügen. In den Sechzigern und Siebzigern fanden sich manchmal bis zu 15.000 Menschen am Heumarkt auf dem Gelände des Wiener Eislauf-Vereins (WEV) ein, wo die Profi-Catcher regelmäßig ihre Zelte aufschlugen. Erst in den frühen Neunzigern erlahmte das Interesse. Seitdem besuchen nur noch ein paar hundert Unentwegte die sporadisch ausgetragenen Kämpfe der hiesigen Szene.
Dieser Tage erlebt das Spektakel aber eine unerwartete Renaissance: Anfang Februar feiert die Riotgas Wrestling Association (RWA) in der Halle B der Wiener Stadthalle die 18. Auflage von „RWA live“ mit 18 Kämpfern aus dem In- und Ausland. Bis zu 1.500 Zuschauer werden erwartet. Zusätzlich das Interesse anfachen wird der mehrfach preisgekrönte Film „The Wrestler“, der Ende des Monats in den heimischen Kinos anläuft und in dem Mickey Rourke einen abgehalfterten Wrestlingamateur gibt.
Noch dazu schafft jetzt ein österreichischer Wrestler den Sprung nach ganz oben: Ab diesem Monat wird der gebürtige Leobener Chris Raaber als erster deutschsprachiger Wrestler überhaupt bei der größten und populärsten Liga der Welt unter Vertrag stehen – für die World Wrestling Entertainment (WWE) in den Vereinigten Staaten. Wenn alles glatt läuft, wird er schon Mitte April zurückkommen, um im Rahmen der „Wrestlemania Revenge“-Welttournee, die in Salzburg und Wien Halt macht, mit den Stars der Branche den Ring zu teilen. Nicht weniger als eine Sensation in einem Land, in dem die meisten Leute Catchen nicht einmal den Status einer Randsportart zuerkennen. Der gebürtige Linzer Kovac, der sich nach der Matura drei Jahre beim Bundesheer verpflichtete um dann seine Wrestlerkarriere zu starten, ist einer der Wenigen, die in Österreich von ihrem Sport leben können. Seit 16 Jahren kassiert er Schläge und lässt sich aus großer Höhe auf die Bretter werfen.Das ist nur für einen Untrainierten schmerzhaft“, sagt er. Wrestlern geht es nicht darum, ihre Gegner zu verletzen, sondern um eine gute Show. Unter den Ringern existiert deshalb ein informeller Ehrenkodex, der besagt, sich gegenseitig nicht unverhältnismäßig weh zu tun. Verstöße gegen dieses ungeschriebene Gesetz werden heute wie gestern nach dem Kampf in der Garderobe „besprochen“. Dementsprechend nahe liegt es zu glauben, dass alle Kämpfe abgesprochen seien, Schläge nicht wirklich träfen und Wrestler vielmehr Schauspielern als Ringern ähnelten. Die offensichtlichen Schmerzen, die Nachwuchswrestler Rene Redlinger im Ring spürt, nachdem ihn Kovac abermals auf die Bretter geknallt hat, sprechen eine andere Sprache.
„Zu Beginn war’s schwierig, aber nach zwei Monaten gewöhnt sich der Körper daran“, sagt der 24-jährige Innviertler, der sein Geld beim Flugzeugteile-Erzeuger FACC in Ried/Innkreis verdient und alle zwei Wochen die zweieinhalbstündige Fahrt in die Hauptstadt auf sich nimmt, um bei Kovac trainieren zu können. „Ich hab mir im Ring schon Gehirnerschütterungen geholt. Das steckst du genauso weg wie Zerrungen und Quetschungen. Damit verdienen wir schließlich unser Geld“, sagt Kovac. „Blöd wird es, wenn du dir einen Arm oder Fuß brichst und Pause machen musst.“ Im Gegensatz zu den meisten anderen Kampfsportbewerben wird beim Wrestling die Gage vor dem Kampf vereinbart; unabhängig davon, wer gewinnt. Die Bezahlung richtet sich nach dem Marktwert des Wrestlers – also vor allem nach der Zuschauerzahl, die er anziehen kann. In Amerika und Japan sind die Gagen aufgrund der Popularität der Sportart naturgemäß weit höher als in Österreich.
Verträge in amerikanischen Profiligen haben ihren Reiz im fixen Einkommen, das auch weitgehend garantiert wird, sollte eine Verletzung zur Pause zwingen. Die Spanne der Einkommen reicht von 300 bis 500 Dollar (230 bis 380 Euro) Wochenlohn für noch unbekannte Wrestler bis zu rund 2,5 Millionen Dollar (1,9 Millionen Euro) garantiertem Jahreseinkommen für die Stars der Branche. Zudem sind die Athleten an Merchandising und werden bei manchen Großevents prozentuell am Gewinn beteiligt.
Über die Höhe der Gagen in Österreich will kaum ein aktiver Wrestler sprechen. Was unter anderem daran liegt, dass die gleiche Leistung oft unterschiedlich entlohnt wird. Als Richtwert darf laut Kovac eine Durchschnittsgage von 300 bis 600 Euro pro Kampf angenommen werden. Dies gelte aber nur für erfahrene und bekannte Wrestler. Bei internationalen Athleten kommen die Kosten für Anreise und Unterkunft hinzu. „Früher, bei den großen Turnieren, war’s so: Wenn du nicht im Ring gestanden bist, hast du kein Geld bekommen. Ich hab mir am Heumarkt einmal eine Rippe gebrochen. Am nächsten Tag war ich wieder im Ring und hab mir die zweite gebrochen. Da habe ich mich lange gequält, bis das verheilt war. Aber das war früher halt so“, erzählt Kovac.

In Österreich gilt der Heumarkt als Synonym für die goldene Ära des Catchens. Von jener Zeit erzählt das Privatarchiv von Gernot Freiberger. Ein kleiner Raum im ersten Stock eines unscheinbaren Einfamilienhauses in Wien-Stadlau birgt Memorabilia aus jener Periode, in der noch jedes Wiener Kind die Namen der Catcher kannte: Gerahmte Plakate, die längst ausgerungene Begegnungen in Österreich, Deutschland, Frankreich und sogar in Afrika ankündigen, schmücken die Wände. Auf den Regalen stehen unzählige Siegerpokale von Catchern, die längst in Vergessenheit geraten sind. Gernot Freiberger, von Beruf Güterzugdisponent bei den ÖBB, hat diese Exponate in zwanzigjähriger Arbeit zusammengetragen. Heute freut es den 41-Jährigen, dass sich jemand dafür interessiert: „Denn was nützt die größte Sammlung, wenn sie keiner sieht?“
Als Freiberger Ende der Achtziger von seiner niederösterreichischen Heimatstadt Waidhofen/Ybbs nach Wien pendelte, lag das Catchen am Heumarkt bereits im Sterben. Freibergers Sammelleidenschaft konzentriert sich daher vor allem auf jene Ära in den Sechzigern und Siebzigern, welche die besten Ringer Europas und der Welt nach Wien brachte. Die Saison im Sommer dauerte damals über zwei Monate. Sechs Tage die Woche wurde gerungen, nur am Montag war Ruhetag. Freiberger zieht einen dicken Ordner aus dem Regal. In Klarsichthüllen bewahrt er sorgfältig ausgeschnittene Zeitungsartikel auf. Eines der Fotos zeigt einen Mann von der Statur eines Kleiderschranks in Sakko und Krawatte. Seine untere Gesichtshälfte gleicht der einer Bulldogge und über den freundlichen, ein wenig traurig dreinblickenden Augen prangt eine stattliche Halbglatze.
Es ist der Wiener Georg Blemenschütz, der den Heumarkt 1957 übernommen hatte und dessen Name noch heute untrennbar mit der Geschichte des Wrestlings in Österreich verbunden ist. Blemenschütz’ Geschäftsprinzip war einfach: Er zahlte seine Catcher gut und pünktlich. Er holte die Besten und pochte auf die Einhaltung der Etikette, in- und außerhalb des Rings. Wer dabei sein wollte, hatte auf sein Aussehen zu achten und dazu gehörten auch die obligatorischen weißen Schuhbänder der Ringerstiefel, ohne die man erst gar nicht anzutanzen brauchte. Schlechte Karten hatte aber, wer Blemenschütz, der oft selbst zu einem der beliebten Massenkämpfe in den Ring stieg, im Eifer des Gefechts zu Boden brachte. Der Unglücksvogel konnte in der Regel anschießend die Koffer packen. Der „Gentleman“ unter den Catchern war ein Stehkämpfer und landete nur ungern am Gesäß. Der Erfolg aber gab seinem strengen Regime Recht.
Vom Bürgermeister bis zum Rotlichtbaron – am Heumarkt (der schon 1418 als Heugries bekannt war und seinen heutigen Namen seit 1862 trägt, weil die Bauern dort über Jahrhunderte ihr Heu verkauften) waren damals alle anzutreffen. Nicht, um Blut zu sehen, sondern wegen des Spektakels, das Blemenschütz ihnen bot. „Das war ein Paradies für Sozialforscher. Da waren die Doktoren, nur um einmal schreien und schimpfen zu können. Da konnte jeder so sein, wie er es sonst nicht durfte“, erzählt Freiberger. Die Schimpftiraden, die Persönlichkeiten, das Bieranschütten: Die damalige Atmosphäre ist längst zum Mythos geworden.
Als seinerzeit einziger Ort in Europa bot der Heumarkt die Möglichkeit, Veranstaltungen dieser Art unter freiem Himmel und mitten in der Stadt auszutragen. Das Treiben im Sommer kam auch der winterlichen Nutzung des Geländes zugute: Von den Einnahmen ging ein Gutteil als Miete an den Wiener Eislauf-Verein. Mit der Zeit wurde Wrestling zu einer wichtigen Finanzierungsquelle des Eislaufsports in Wien. Das Geld, das die starken Männer vom Heumarkt einspielten, leistete so indirekt einen Beitrag zu den Olympia- und Weltmeisterschaftsmedaillen österreichischer Eisläufer in den 60er und 70er Jahren. „Auf den Heumarkt bin ich Anfang der Sechziger immer mit meinen Eltern gegangen und ich war ganz erstaunt darüber, dass beide so enthusiastisch waren. Ich selber hab es nicht so gemocht, mich hat die Brutalität abgeschreckt“, erzählt Beatrix „Trixi“ Schuba, Olympiasiegerin im Eiskunstlauf 1972 in Sapporo.
Während im Wrestling-Mutterland USA der Sport in den Achtzigern dank nationaler Austrahlung im Fernsehen endgültig zum Massenphänomen aufstieg, erlebte der Heumarkt in dieser Dekade seinen ersten Niedergang. 1981 fand die letzte Veranstaltung unter Georg Blemenschütz statt, der es in den Jahren zuvor vernachlässigt hatte, einen Nachfolger aufzubauen. Schließlich übernahm der damals bereits erfolgreiche Catcher und Promoter „Big“ Otto Wanz Mitte der Achtziger die Organisation. Der Steirer hatte mit seiner Catch Wrestling Association (CWA) bereits eine angesehene europäische Liga aufgebaut und Turniere in Linz, Graz und Deutschland organisiert.
In den ersten Jahren nach der Übernahme sorgte er am Heumarkt für ein hohes Niveau, eine gute Auslastung und sogar für bundesweite Aufmerksamkeit in den Musikcharts (Battle Royal, eine von ihm gegründete Wrestler-Combo, schaffte es mit „Young, strong and healthy“ in die Top Ten der Ö3-Hitparade). An die legendären Kämpfe aber, wie etwa jenen zwischen Wanz und einem etwas übermotivierten Toni Polster im Jahr 1990 erinnert sich heute nur noch, wer selbst dort gewesen ist. Wanz zahlte seinen Wrestlern damals zwischen tausend und 2.000 Schilling (rund 70 bis 140 Euro) am Tag. Gegen Ende waren es bereits 3.000 bis 4.000 (200 bis 300 Euro). „Die Kosten eines Kampftages am Heumarkt beliefen sich zuletzt auf rund 100.000 Schilling (7.300 Euro). Gewinn schaute zum Schluss kaum mehr heraus“, sagt Wanz. Das schleichende Ende konnte er noch bis 1997 hinauszögern. Dann war endgültig Schluss.
Von der heutigen hiesigen Wrestling-Szene will Otto Wanz nichts mehr wissen. Er hat noch in einer anderen Liga gespielt: „Ich hatte damals fast so viele Ordner wie die heute Zuschauer haben.“ Der 65-Jährige organisiert heute so genannte „Strongman“-Wettbewerbe, bei denen sich Männer unter anderem darin messen, wer schneller einen PKW über eine bestimmte Distanz ziehen kann. Bis heute ist Otto Wanz der einzige Österreicher, der in Amerika einen Weltmeisterschaftstitel im Wrestling holen konnte. 1982 errang er den Weltmeistertitel der American Wrestling Association (AWA) und hielt ihn etwas über einen Monat. Man braucht nicht einmal eine ganze Hand, um die Europäer abzuzählen, die das geschafft haben.Die Zukunft des Sports in Österreich sieht er heute skeptisch. „Eins können Sie mir glauben: Wenn ich irgendwo eine Chance sehen würde, das Wrestling wieder zu aktivieren, hätte ich bestimmt noch die besten Möglichkeiten, das zu tun. Aber die Menschen wollen heute anders unterhalten werden.“
Wie so vieles andere ist auch das Catchen in Österreich vom Zusammenrücken der Welten erdrückt worden. Wer nicht anpassungsfähig oder innovativ genug ist, hat es schwer. „Früher hat es FS1 und FS2 gegeben. Heute haben sie tausend Sender. Und wenn sie die großen Sportshows sehen, sehen sie New York und Tokio und dort und da, und wer geht denn noch auf den Platz bei uns, wenn es heißt, da sind 600 Leute und da spielt der Johann gegen den Helmut? Trotzdem bin ich kein Reich-Ranicki, der sagt, es wäre alles scheiße. Ist mir auch zu blöd“, sagt Wanz. Für Chris Raaber findet Wanz hingegen nur warme Worte. Um gleichzeitig eine Warnung auszusprechen: „Die wirkliche Herausforderung ist in der WWE, drin zu bleiben. Das ist ein Hyänenkäfig, dort ist jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Ich weiß, dass er ein sehr loyaler und netter Mensch ist. Ob er sich da behaupten kann, werden wir sehen.
Als ich ein paar Monate drüben war, war ich immer nur der ,Fuckin’ Austrian‘.“ Jener Mann, der vor der Sensation steht, wohnt keine Autostunde von Graz entfernt. Chris Raaber, besser bekannt als „Chris the Bambikiller“, hat sein Handwerk bei Michael Kovac gelernt und wird künftig als erster deutschsprachiger Wrestler in der größten und populärsten Liga der Welt kämpfen. „So einen Schritt zu machen, auf den tausende Wrestler hinarbeiteten, macht mich natürlich stolz. Als ich ein Bub war und Wrestling im Fernsehen gesehen hab und beim Otto Wanz am Heumarkt, hab ich gewusst: Das will ich machen und nichts anderes“, sagt der 27-Jährige. Im November vergangenen Jahres hat er in Leoben seine eigene Schule samt Fitnessstudio gegründet, das „Catch-Wrestling Dojo“.
Raaber hat mit 15 Jahren begonnen zu trainieren und seitdem 650 Kämpfe absolviert. Die Stempel in seinem Reisepass erzählen eine Erfolgsgeschichte: USA, Ägypten, Kolumbien, Kuwait, Nigeria – weltweit hat er bis heute in 23 Ländern gekämpft. In Norwegen zog er sich einmal einen Muskelriss zu – und flog trotzdem direkt weiter nach Italien, um ein Engagement wahrzunehmen. Danach war sein Oberschenkel schwarz, der Muskel ist heute noch verhärtet. Der Preis des Erfolgs. Nach der Eroberung des Schwergewichts-Weltmeistertitels der in Wien beheimateten European Wrestling Association (EWA) in Japan 2006 – den er bis heute hält – hatte es Glückwunschschreiben vom Bundeskanzler abwärts geregnet.
„Den Wrestling-Boom durch die WWE spürt man auch bei uns. Die Zuschauerzahlen steigen wieder und alles deutet darauf hin, dass es wieder aufwärts gehen könnte. Die EWA und die Riotgas Wrestling Association (RWA) bieten in Österreich hohe Qualität und gute Organisation. Als ich mit dem Wrestling anfing, gab es in dieser Hinsicht fast gar nichts. Außderdem haben wir heute, im Vergleich zu Deutschland beispielsweise, einen guten Nachwuchs“, sagt Raaber. „Das mit dem Chris ist eine tolle Geschichte, wer sonst, wenn nicht er. Er hat mich Mitte der Neunziger am Heumarkt angesprochen, ob ich ihn nicht trainieren könnte. Das hat mich am Ende dazu gebracht, meine eigene Schule zu eröffnen. Er hat die besten Voraussetzungen und das Charisma, das die dort suchen“, sagt Michael Kovac, der sich durch den Aufstieg seines Freundes mehr Aufmerksamkeit und ein besseres Geschäft verspricht.
Mitschneiden an der Entwicklung will auch Gerhard Hradil, der 1998 die Wrestling School Austria (WSA) mitbegründet hat und bis heute deren Geschäfte führt. „Heutzutage reicht es nicht mehr, dass du zehn Minuten lang einen Griff hältst und die Leute jubeln. Da schlafen sie dir nach zehn Sekunden ein“, sagt er. In Hradils Wrestlingschule im Souterrain eines Hauses in Wien-Leopoldstadt finden mehrmals wöchentlich Trainingseinheiten statt, seit kurzem auch für Frauen und Kinder. Der Ring macht ob seiner ungespannten Seile einen eher traurigen Eindruck. Die Ziegelwände sind mit dem Bild eines großen, roten Drachen und dem eines roten Tigers verziert. Auch auf Hradils Glatze sind zwei Drachen eintätowiert.
Die prägenden Jahre seiner Kindheit verbrachte der 44-Jährige in Japan, wo er erstmals mit Kampfsport in Berührung kam. Zurück in Österreich verdingte sich Hradil lange Jahre als Bodyguard und Securitymann für diverse Rockbands im In- und Ausland. Aus dieser Zeit trägt er gut ein halbes Dutzend Andenken in Form von Narben. Sie gehen auf Messerstechereien und Pistolenkugeln zurück, „die aber nicht für mich bestimmt gewesen waren“, sagt er. Im vergangenen Jahr hat Hradil das legendäre Heumarkt-Catchen nach mehr als zehn Jahren Pause wieder ins Leben gerufen. Im Juni plant er dort erstmals wieder ein fünftägiges Turnier durchzuführen. „Dabei bin ich selbst nicht mal Wrestling-Fan“, sagt Hradil. Er schaut sich weder die Kämpfe im Fernsehen an, noch geht er zu den Veranstaltungen der Konkurrenz, um sich nach Talenten umzusehen.
Hradil sieht sich als Geschäftsmann: „Ich mache fast alles für Geld. In jedem Profisport machst du für Geld alles.“ Für die WSA organisiert er Shows, bucht die Wrestler und führt die hauseigene Schule. Die Shows der WSA werden einmal im Monat über den kleinen Kabel-TV-Sender Okto ausgestrahlt. Hradil geht es um das Schauspiel im Ring und um eine gute Geschichte: „Das Schöne am Wrestling ist, dass es Gute und Böse gibt. Leute, die sagen: Wir sind böse, oder spielen die Bösen und die anderen, die sagen: Wir sind die Guten, oder wir spielen die Guten. Alleine aus diesen Gruppierungen entstehen einfach total nette und witzige Storylines“, sagt er.
Inspiration holt sich Hradil von der ganz großen Bühne: Neben seinem Job als Promoter arbeitet er als Komparse am Wiener Burgtheater. Momentan ist er dort in den „Rosenkriegen“ und im „König Lear“ von Shakespeare zu sehen. Manchmal übernimmt er dabei die Choreografie der Kampfszenen.
Im Zuge dessen hat er ein paar seiner Kämpfer von der WSA ebenfalls als Komparsen im Burgtheater untergebracht. Vom Kämpfen allein kann kaum jemand leben. Auch Hradil nicht, wenn er unter dem Kampfnamen „Humungus“ selbst in den Ring steigt – der Name des Ober-Bösewichts aus dem Endzeit-Epos Mad Max II. Sein Gegner sieht sich dann mit einer imposanten Gestalt konfrontiert, denn Humungus ist nicht nur auf der Glatze, sondern am gesamten Körper tätowiert. „Ich kenne massenhaft Wrestler, die Super-Techniker sind, die mehr können als ich“, sagt er. Dennoch seien sie für ihn „nicht zu gebrauchen, weil sie keine Show mehr machen können, keine Ausstrahlung haben und ausschauen wie der 08/15-Typ auf der Straße“. Dementsprechend lautet Hradils Geschäftsphilosophie: „Die Leute wollen Freaks sehen.“

Bei der bislang letzten von ihm am Heumarkt organisierten Show, die Ende September vergangenen Jahres stattfand, war auch Andreas Wofinger dabei. Allerdings nicht als Kämpfer, sondern als Demonstrant. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe anderer Wrestler tauchte er am Gelände des Wiener Eislauf-Vereins auf, wo die Veranstaltung stattfinden sollte. Bewaffnet waren sie mit Transparenten – mit Neonschrift bedruckte Holzplatten im A0-Format –, auf denen geschrieben stand: „Die Wrestling-Szene Österreichs distanziert sich von dieser Show. Sie hat nichts mit Catch-Wrestling in Österreich zu tun.“ Weil Wofinger alias „Slash Power“ und seine Mitstreiter ihre Demo aber an einem anderen Eingang abhalten wollten, als an jenem, der mit der Polizei abgesprochen worden war, wurde ihnen der Einlass verwehrt. So mussten sie wieder abziehen, ohne ihren Unmut äußern zu können über Hradils Versuch, das Heumarkt-Catchen wiederzubeleben.
„Wir wollten den Leuten zeigen, dass sich die Wrestling-Szene in Österreich von dieser Show distanziert“, sagt Wofinger. Er sieht das Erbe des Heumarkt-Catchens durch das Treiben der WSA gefährdet: „Alle sagen: ,Da müssen jetzt die Besten Österreichs und der ganzen Welt sein.‘ Aber wenn ich so eine Würschtlpartie sehe, dann vergeht’s mir einfach“, sagt er. Hradil spricht er ab, professionelles Wrestling zu betreiben: „Die WSA hat nicht einmal drei Seile am Ring. Sie trainieren nur auf Matten. Dadurch haben sie keine Ringübersicht.“
Ein harsches Urteil, das Chris Raaber bestätigt: „Mit unserem Sport hat die WSA nicht viel zu tun. Sie schadet ihm sogar. Die Leute dort haben keinen wirklichen Background und werden nicht richtig trainiert. Und wenn die Zuseher so etwas sehen, richtet das einen Schaden an, der nur schwer wieder gut zu machen ist. Bei Leuten wie dem Andreas Wofinger kann man sich sicher sein, dass man nicht verarscht wird. Die amerikanischen Ringer zum Beispiel, die er für die Events anwirbt, sind dann auch wirklich aus Amerika und haben einen nachvollziehbaren Hintergrund.“
Wie es so weit kommen konnte, dass Andreas Wofinger gegen die öffentliche Ausübung seines Sports demonstrieren wollte, liegt auch in einer professionellen Rivalität zwischen ihm und Hradil alias Humungus begründet.
Ihren Höhepunkt erreichte diese 2006 in der Westernstadt „No Name City“ im niederösterreichischen Wöllersdorf im Rahmen eines eher kuriosen Kampfes, in dessen Verlauf eine Computertastatur auf dem Kopf von Humungus zu Bruch ging. Die Frage, was so ein Gerät neben dem Ring zu suchen hatte, beantwortet Wofinger mit einem breiten Grinsen, das die Augen verengt. Wofinger führt gemeinsam mit seiner Frau Andrea eine Trafik im 20. Wiener Gemeindebezirk, Brigittenau. Eine wie jede andere, hinge da nicht an der Eingangstür das Schild mit der Aufschrift „Wer hier klaut, stirbt!“ Mit seiner Stoppelglatze, dem zu einem langen Zopf gebundenen Bart und seinen Muskelbergen macht der 34-Jährige aber ohnehin nicht den Eindruck, dass er die hinter seiner Kassa installierte Überwachungskamera zur Abschreckung von Dieben benötigt.
Im Zeitschriftenhalter findet sich neben einer Fachzeitschrift für Tätowierer und einer für Aquariumsliebhaber auch die deutsche Ausgabe des WWE Magazins, der offiziellen Zeitschrift des größten und wichtigsten Wrestlingverbands der Welt. Während die Kollegen in den USA Millionen scheffeln, investieren Wofinger und Co. viel Zeit und Geld in ihren Sport, obwohl es sich kaum rentiert. 2003 gründete Wofinger gemeinsam mit seinem Kollegen „Sexy Peter White“ die „Riotgas Wrestling Association“ (RWA). Der Name spielt auf jenes Tränengas an, das von der Polizei in anderen Ländern gern zum Auflösen von Demos eingesetzt wird.
Die am 8. Februar in der Stadthalle steigende, von ihm mitorganisierte Show „RWA-Live“ ist für Wofinger ein teurer Spaß: „Sponsoren gibt es natürlich. Aber du kannst die Leute nur mit hoher Qualität und niedrigen Eintrittspreisen hinterm Ofen hervorlocken.“ Alleine Flüge und Gagen – wie viel er jeweils bezahlt, will er nicht sagen, nur dass sich das gesamte Budget für die Kämpfer auf 15.000 Euro beläuft – kosten laut Wofinger „ein Vermögen. Aber wir möchten das groß aufziehen und da braucht man halt viel Geld dafür. Du brauchst ein Herz, damit etwas weitergeht, wie bei jedem Hobby.“

Über zwei Flachbildschirme in der Trafik laufen nonstop die Highlights der bisherigen „RWA-Live“-Kämpfe. Durchschnittlich 800 bis 1.000 Zuseher erleben die Shows, die in der Regel dreimal im Jahr stattfinden – am Brigittenauer Allerheiligenplatz, im niederösterreichischen Enzersfeld und jetzt eben in der Stadthalle. Für europäische Verhältnisse ist das viel. Wofinger, heute gleichzeitig Chef und amtierender Meister seines Verbandes, begann seine sportliche Karriere als Radrennfahrer. Zum Catchen kam er um die Jahrtausendwende und legte daraufhin von 85 auf 120 Kilogramm Körpergewicht zu. „Das wichtigste Kriterium in der RWA ist das Gewicht. Du musst über hundert Kilo haben, wenn du bei uns mitmachen willst“, sagt Hofinger. „Wenn einer von uns in ein Lokal geht, schauen die Leut‘. Es muss einfach so sein, dass ein Catcher auffällt.“
Mitten im Gespräch entschuldigt sich Wofinger und verschwindet ins Hinterzimmer. Mit einem Glas Milch und einem Kübel gefüllt mit rosa Pulver kehrt er hinter die Kassa zurück und beginnt die beiden Substanzen in einem Barshaker zu mischen. Das Ergebnis riecht nach Erdbeeren. „Für die Proteine“, sagt er und grinst. Die Kraftnahrung gehört genauso zur täglichen Routine, wie wöchentlich bis zu fünf Besuche im Fitnessstudio, um das Gewicht und die Muskelmasse zu halten.
Ein Aufwand, den er gerne in Kauf nimmt: „Mir taugt das einfach irrsinnig, wenn ich das Publikum zum Lachen bring. Wenn es mit mir leidet, mit mir schreit.“ „Ob eine Show gut ist oder nicht, entscheidet das Publikum. Für mich ist Wrestling Geschäft, das unterscheidet ihn und mich vielleicht“, sagt Gerhard Hradil. Ihm hätte es nach eigener Aussage sogar „gefallen, wenn die Demonstranten damals geblieben wären. Allein schon wegen des Werbeeffekts.“ Seine eigene Show hatte sich nicht als Publikumsmagnet erwiesen: Rund 200 Zuschauer wollten Ende September die starken Männer aus seinem Stall sehen. Dauerregen hatte die Zahl der auf nur einen Tag anberaumten Freiluftveranstaltung zusammenschrumpfen lassen. Das soll dieses Jahr anders werden. Durch die Veranstaltungsdauer von fünf Tagen am Stück will sich Hradil witterungsunabhängiger machen.
Den Grund für Wofingers Aktion glaubt Hradil heute zu kennen: „Sie waren dagegen, dass wir am Heumarkt veranstalten. Aber ich habe mit denen keinen Kontakt“, sagt er. Wofingers Kampfnamen „Slash Power“ verwendet er nur in der deutschen Übersetzung und nennt ihn augenzwinkernd „Schlitzkraft“. Weiter schüren möchte Hradil den Streit nach eigenem Bekunden dennoch nicht: „Ich glaube, dass wir zusammen mehr auf die Beine bekommen könnten. Es bringt nichts, wenn man sich um einen Kuchen streitet, der eh so klein ist.“
Frage an die Maus: Was ist Wrestling beziehungsweise Catchen?

Im Gegensatz zu anderen Kampfsportarten geht es beim Wrestling („Catchen“) vor allem um die Show. Der Ausdruck leitet sich von der Phrase„Catch-as-catch-can“ ab („Greife, was zu greifen ist“). Ursprünglich war Catch-Wrestling ein in den USA des 19. Jahrhunderts auf Jahrmärkten entwickelter Ringstil, der sich insofern vom Griechisch-Römischen Stil oder Freistil unterschied, als es praktisch keine Regeln gab. Alle Griffe waren erlaubt, bis auf beißen, spucken und In-die- Augen-stechen. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde dieser Modus auch in Europa populär. Seitdem wird auch hier das Pro-Wrestling, das möglichst verletzungsfrei, aber mit viel Spektakel über die Bühne gehen soll, Catchen genannt. Allerdings lagen die europäischen Wurzeln des Sports im klassischen Ringsport, weswegen man auch von einer Art Parallelbewegung zu Amerika sprechen kann.
Die Catcher waren immer auch Ringer und speziell in Deutschland wurde auf die Bezeichnung „Berufsringer“ lange großer Wert gelegt. Wie in allen Sportarten gibt es im Wrestling Verbände, die auch Promotions genannt werden. Wie im Boxen gibt es viele verschiedene Promotions und entsprechend viele Welt- und Europameistertitel. Ihr Wert hängt davon ab, wie populär und finanzstark die ausschreibende Promotion ist. Die weltweit populärste ist die US-World Wrestling Entertainment (WWE, vormals WWF). Sie ist ein börsenotiertes Unternehmen und erwirtschaftete 2007 einen Jahresumsatz von 485 Millionen Dollar. Durch das Aufkaufen kleinerer Ligen ist es ihr gelungen, ihre marktbeherrschende Stellung zu festigen. Daneben hat sich die Promotion National Wrestling Association (NWA) zu einem weltweiten Dachverband für unabhängige Ligen entwickelt. Obwohl nirgends so populär wie in den USA, ist Wrestling heute ein weltweites Phänomen: In Westeuropa und Japan gibt es zahlreiche Verbände und Ligen, genauso wie im Nahen Osten. Weitere Länder mit aktiven Ligen sind unter anderem Russland, Australien, Südafrika, Nigeria sowie Mexiko, Kolumbien und Ecuador. Im Spanischen wird Wrestling oft als „Lucha Libre“ (Freier Kampf) bezeichnet. Die 1933 in Mexiko gegründete Consejo Mundial de Lucha Libre (CMLL) ist die älteste noch aktive Wrestling-Promotion der Welt.
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