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Vor der neuen Bibliothek in Alexandria sollen demnächst mehrere Fast-Food-Restaurants eröffnen. Ein ägyptischer Student versuchte dies zu verhindern. Chronologie eines erwartbaren Scheiterns.

Text & Fotografie: Gerald Drißner
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Nun, da er den Kampf verloren hat, denkt Ismail El-Sayed darüber nach, wie man einen Big Mac mit Pommes in ein aufgeschlagenes Buch drücken kann; so, dass es auch richtig eklig aussieht. Eine Skulptur soll es werden, aus hartem Gestein, die das Drama einer Kultur manifestiert. Die den Menschen sagen soll: Wir haben euch gewarnt! Nicht alle waren dafür! Oder zumindest: Habt ein schlechtes Gewissen, wenn ihr in euren Burger beißt! Am liebsten würde Ismail das Kunstwerk vor den Eingang zur Bibliothek in Alexandria stellen. Mitten auf den Vorplatz, dort, wo jetzt das massive Gebäude aus Beton und Glas steht, „dieses Symbol für Kapitalismus, Konsumwahn und amerikanischen Imperialismus“. Sogar nachts brennt dort noch Licht und man sieht Arbeiter, die Kabel verlegen und Küchengeräte anschließen. Sie bauen Tische und Bänke auf und installieren Leuchtreklame. Vier Fast-Food-Ketten, so haben es die Verwalter der Bibliothek beschlossen, sollen in das neue Gebäude einziehen. „Und das an dem Ort, der mit Euklid und Aristoteles verbunden ist“, sagt Ismail. „Müll, Lärm, Drogen und Huren werden wir hier haben.“ Monatelang hat er dafür gekämpft, dass die Bibliothek eine Bibliothek bleibt. Er wollte zeigen, dass den Ägyptern ihre Kultur wichtig ist und zog gegen den Klotz los, der so viel Platz braucht wie drei Tennisplätze.

Dass er es am Ende nicht geschafft hat, ist keine Heldentragödie. Es ist vielmehr eine Geschichte aus dem modernen Ägypten. Einem Land, in dem die Nicht-Kultur allmählich zur Kultur wird. Das nicht mehr viel mit dem zu tun hat, für das es früher gerühmt wurde: Hochkultur und Bauchtanz, Tausendundeine Nacht. Einem ziemlich komplizierten Land, in dem sich die Menschen bis heute nicht einig sind, ob westliche Werte oder ein islamischer Gottesstaat die Lösung für ihre vielen Probleme wären.

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Ismail El-Sayed hat kurze, dunkle Haare, ein rundes Gesicht und trägt Baumwollhosen und Schuhe, die für seine 26 Jahre eigentlich viel zu altmodisch sind. Er studiert Medienwissenschaften in Alexandria und wird so lange bei seinen Eltern wohnen, bis er heiratet, so gehört es sich in Ägypten. Wenn er aus seinem Leben erzählt, erfährt man, dass er seit fünf Jahren kein Coca-Cola mehr getrunken hat. Er hatte gelesen, dass das Unternehmen Geld nach Israel schickt. Täglich liest er im Koran, an der er fest glaubt. Es passiert nicht sehr viel in Ismails Welt, und so macht er sich eben Gedanken über das, was in der anderen Welt draußen geschieht: die Schweinegrippe, Fußball, den Mord an einer Ägypterin in Dresden. Er schreibt einen Blog im Internet und nennt sich „Alexandrani“. Weil er möchte, dass aus seiner Stadt wieder was wird.

Alexandria war einmal die Hauptstadt der antiken Welt, wo der berühmte Leuchtturm stand und die Gelehrten versuchten, das Wissen der Menschheit in der Bibliothek zu speichern. Das war vor 2.300 Jahren. Dann fielen die Römer ein, die Araber, die Türken. Die Bibliothek zerfiel, ein Erdbeben ließ den Leuchtturm einstürzen. Den Rest erledigten Kriege. Und das Bisschen, was noch an die große Zeit erinnerte, wurde in den vergangenen Jahren durch funktionale, nahöstliche Architektur zubetoniert. Auffallend viele Männer in Alexandria haben eine „Zabiba“ auf der Stirn, einen dunklen Flecken Hornhaut, der sich beim Niederwerfen auf den Gebetsteppich bildet.

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Die meisten Frauen tragen Kopftuch oder sind bis auf einen Schlitz um die Augen mit Textil umhüllt. Heute leben in Alexandria fünf Millionen Menschen, die täglich über Lautsprecher informiert werden, dass Allah der Größte ist. Die Metropole am Mittelmeer hat die kulturelle Infrastruktur einer bayerischen Kleinstadt. Es gibt ein gezähltes Theater und ausreichend Örtlichkeiten, um Gott zu danken und ihn zu preisen. Einen Schachklub sucht man in Alexandria hingegen vergebens.

Vor zwanzig Jahren regte die UNESCO einen kulturellen Neubeginn an: den Bau einer großen Bibliothek. Die ägyptische Regierung, arabische Öl-Scheichs und der Westen spendierten viel Geld, umgerechnet 200 Millionen Euro. Die Architekten stellten sich ein Haus vor, das „eine Atmosphäre von Erhabenheit und Ruhe schafft“. So kam am Ende ein futuristisch anmutendes Gebäude heraus, das aussieht wie ein Ufo, das auf die Erde prallte. Im Oktober 2002 wurde das neue Wahrzeichen der Stadt eröffnet.

An einem Frühlingstag im März des vergangenen Jahres geht Ismail an der Küstenstraße spazieren. Als er an der Bibliothek vorbeikommt, beobachtet er, wie ein paar Männer schwere Absperrungen auf den Vorplatz schleppen. „Das ist bestimmt für eine neue Ausstellung“, denkt er sich. Tage später bekommt er einen Anruf. Ein Freund erzählt, dass er gesehen habe, „wie Männer mit Baggern und Schaufeln Löcher in den Vorplatz gruben“. Ismail startet eine Telefonkette und erfährt, dass die Arbeiter den Auftrag haben, einen „Food-Court“ zu errichten. So nennt man einen Ort, an dem sich Fast-Food-Ketten gemeinsam niederlassen. Die Ägypter haben dieses englische Wort in ihren arabischen Dialekt übernommen. 350 Gäste sollen dort Platz finden. Bauherr: die Bibliothek. Ismail hört, dass auch McDonald’s Interesse zeige. McDonald’s ist für den Studenten mehr als ein Burger-Laden. Er ist ein „Symbol des amerikanischen Imperialismus“. Er befürchtet, dass der letzte Ort für die Intellektuellen der Stadt „dem Kapitalismus zum Opfer fällt“. Der Direktor der Bibliothek hat in Harvard studiert und 26 Jahre lang bei der Weltbank in hoher Position gearbeitet.

Ismail ist überzeugt, dass dieser Mann für Geld alles täte. Er möchte etwas unternehmen: die Leute informieren. Wachrütteln. Nicht einfach hinnehmen, was da in der Stadt fast unbemerkt passiert. Doch er weiß nicht wie. Zur Lokalzeitung kann er nicht gehen, weil es in Alexandria keine Lokalzeitung gibt. Demonstrationen werden in Ägypten prinzipiell nicht genehmigt und Intellektuelle, die ihn unterstützen könnten, haben den Status einer bedrohten Minderheit. So sieht er, wie die Arbeiter graben und betonieren und das Gebäude wächst, Woche für Woche. Bis er Ende Juli plötzlich eine Idee hat. Er steigt in Facebook ein, jenes soziale Netzwerk im Internet, in das viele junge Ägypter flüchten, um auszuleben, was sie auf der Straße nicht dürfen: daten, flirten, ihre Meinung sagen. Eine virtuelle Welt, die weit weg ist von sozialen Zwängen und der Mukhabarat, der ägyptischen Geheimpolizei. Ismail eröffnet eine Gruppe: „Gegen McDonald’s in der Bibliothek“. Schickt Einladungen an seine Freunde. Möchte die Welt informieren, was in Alexandria passiert. Er träumt von tausend Mitgliedern. Dann könnte er die Medien informieren. Dann könnte er das Gebäude vielleicht noch verhindern.

Es wäre ein kleiner Sieg in einem Kampf, der im Nahen Osten längst verloren ist. Westliches Fast Food ist in der islamischen Gesellschaft angekommen: von Bahrain bis Marokko gibt es 450 Filialen von Kentucky Fried Chicken, 125 von Pizza Hut und, allein in Ägypten, 60 von McDonald’s. Viele Ägypter sorgen sich um ihre traditionellen Imbisse, die Shawarma, Falafel und Bohnenbrei verkaufen. Und über allem steht letztendlich die Angst, dass sich schlechte Dinge in die Gesellschaft schleichen. Es ist ein bisschen so wie mit dem Internet. Ausgerechnet in islamischen Ländern wird am häufigsten nach Sex gegoogelt; Pakistan führt die Rangliste an, Ägypten ist unter den Top Ten. Ein einheimischer Taxifahrer erklärt dieses Phänomen so: Pornos sind im Islam verboten. Ägypter schauen Pornos, weil der Westen die Filme ins Land schickt. Würde der Westen keine Pornos produzieren, würden die Ägypter keine schauen. Dann wäre die Welt besser, sagt der Taxifahrer. Deshalb ist der Westen schuld daran, dass der Ägypter Pornos schaut. Und amerikanisches Fast Food isst. So wie der Taxifahrer denken viele Menschen in Ägypten.

Für die Jugendlichen, die mit den Traditionen ihres Landes nicht mehr klarkommen, sind die Läden ein Ort, wo sie ihre Probleme ein paar Stunden lang vergessen können. Wo sie sich hineinträumen in eine Welt aus Popmusik und YouTube-Videos. Wo sie sich gegenseitig mit dem Handy filmen und vor allem das machen können, was sonst verboten ist: gemeinsam am Tisch sitzen, Mädchen und Jungs, ohne dass sich jemand daran stört.

Es gibt aber auch Leute wie Ismail, die sich gegen all das wehren. Weil westliches Fast Food die eigene Kultur zerstöre, die Sitten und die Moral. Der Student befürchtet, dass der Food-Court ein „Pick-up-Place für Teenager“ werde. Es gebe schon zwei Plätze in der Stadt, die von Fast-Food-Läden umgeben seien. „Dort gibt es Drogen und Huren“, sagt er. Es dauert nur wenige Tage, bis Ismail bemerkt, dass er nicht allein ist mit seinen Sorgen. Seine Aktion im Internet hat sich schnell herumgesprochen. Täglich treten mehrere hundert Facebook-Nutzer seiner Gruppe bei. Sogar Leute aus Brasilien melden sich, Deutsche, Afrikaner, auch Amerikaner. Sie eint der Kampf gegen die globalisierte Welt. Treten bei, weil „McDonald’s für kulturellen und monetären Imperialismus in seiner aggressivsten Form“ stehe. „Vielfalt vernichtet“. Manche schreiben: „Menschen verödet“. Auch Mitarbeiter aus der Bibliothek melden sich und stecken ihm geheime Informationen zu. Eine Liste mit Unternehmen, die einziehen wollen: Mr. Ice-Cream und Cinnabon. Cilantro und Mo'men, die ägyptischen Kopien von Starbucks und Subway. Auch Burger King und McDonald’s seien im Gespräch. Ismail fühlt sich bereit, den Kampf gegen die mächtige Bibliothek aufzunehmen.

Es ist ein sehr schöner und seltener Ort, an dem der Food-Court in Beton gefasst wird. Freier Blick auf das Meer, Palmen, Bänke zum Verweilen, in der Mitte das beleuchtete Planetarium. Als die Architekten die Bibliothek entwarfen, dachten sie an einen offenen Raum, „getragen von dem Gedanken, dass es in Alexandria sowie im gesamten arabischen Raum relativ wenige öffentliche Plätze gibt“.

Die Verwalter der Bibliothek sind der Meinung, das neue Gebäude sei auf einem großen Areal, das nicht genutzt werde. Man habe deshalb beschlossen, „dass es das Beste ist, diesen freien Platz zu nutzen“. Die Kostenrechner haben andere Sorgen, als über den architektonischen Wert einer unbebauten Fläche zu diskutieren. Sie wissen bald nicht mehr, wie sie die Löhne bezahlen sollen. „Hier arbeiten mehr als 1.250 Menschen“, sagt eine Mitarbeiterin. An jeder Tür, an jedem Kopierer, vor jedem Lift, an jedem Schild, das irgendwie wichtig aussieht, stehen Angestellte.

„Die meisten wissen gar nicht, warum sie hier sind“, sagt die Mitarbeiterin. „Das ist eine sinkende Titanic.“ Vielleicht musste das ja alles so kommen, weil die Bibliothek von Beginn an etwas Fremdes war, mit dem die Ägypter nicht viel anfangen konnten. Da kam etwas aus dem Westen ins Land geflogen, das nach westlichen Ideen und Idealen entworfen wurde. Und lag dann einfach da. Irgendwann bemerkten die Leute, dass sich Touristen dafür interessieren. Touristen bringen Geld. So wurde aus einer wissenschaftlichen Einrichtung über die Jahre eine Touristenattraktion.

Ursprünglich sollte es die größte Büchersammlung Afrikas und der arabischen Welt werden. Die Architekten schufen Platz für acht Millionen Bücher – heute, nach acht Jahren, zählt die Bibliothek weniger als 500.000 Stück. Die aber dürfen nicht mal ausgeliehen werden, so wie es auch verboten ist, Bücher mit in die Bibliothek zu nehmen. Nur Handy, Geldbörse und Fotoapparat sind erlaubt. Studenten und Besucher müssen Eintritt bezahlen. Stündlich finden Führungen für Touristen, die mit Bussen ankommen, statt. Mehr als eine Million Gäste jährlich, die sich Relikte aus der antiken Zeit versprechen und nicht viel mehr zu sehen bekommen als ein modernes, europäisches Gebäude, in dem junge Studenten an Tischen sitzen, lernen – oder flirten.

Mitte August zählt die Facebook-Gruppe mehr als 5.000 Mitglieder, die Arbeiter betonieren weiter und Ismail schreibt in seinem Blog: „Es geht um Geld, Geld, Geld.“ Er spürt, dass es an der Zeit ist, etwas zu tun. Er informiert die Medien. Am 26. August erscheint in der britischen Tageszeitung The Guardian ein bissiger Artikel. Tage später schreiben auch zwei ägyptische Journalisten darüber. Ismail hört von seinen Quellen in der Bibliothek, dass die Verantwortlichen nervös werden. Der Pressesprecher verteidigt sich in den Medien und sagt, man müsse den Besuchern etwas bieten. Es gebe nur ein Café neben der Bibliothek, das reiche nicht. Ein paar Wochen später erfährt Ismail, dass McDonald’s nicht in das Gebäude einziehen werde. Er hat einen ersten Sieg errungen.

Für den Pressesprecher ist der Streit damit zu Ende. Auf die Frage, ob es noch Proteste gebe, lässt er Journalisten ausrichten: „No, it’s over“. Man habe die Gegner mit Argumenten überzeugen können, die Stimmung habe sich um 180 Grad gedreht. Jetzt sei alles in Ordnung. Außerdem werde ein kleiner Buchladen einziehen, der Literatur in vier verschiedenen Sprachen anbiete. Der Direktor der Bibliothek lässt weiterbauen. Er weiß, dass die Ägypter ganz andere Sorgen haben, als den Bau eines Food-Courts. Ende Oktober steht der Rohbau, im November ziehen Arbeiter die ersten Kabel ein. Auf Ismails Facebook-Seite wird es in den nächsten Wochen ruhig. „Die Leute hier haben plötzlich aufgegeben“, sagt er. Das sei immer so in Ägypten. „Keiner glaubt daran, etwas verändern zu können.“

Ein paar Wochen später, es ist ein Mittwochabend im Januar, sitzt Ismail in einem Café und trinkt eine heiße Schokolade. Er hat acht Monate lang gekämpft und gehofft – und verloren. Das Gebäude steht da, unverrückbar. Im Frühjahr soll es eröffnet werden, „möglichst still“, hört man aus der Bibliothek. Was Ismail dazu sagt, interessiert in Alexandria niemanden mehr. Er denkt nun darüber nach, wie man einen Big Mac mit Pommes in ein aufgeschlagenes Buch drücken kann. Die Skulptur soll dem Besucher zeigen, was hier passiert ist, dass nicht alle für diesen Food-Court waren. Und ihm ein schlechtes Gewissen geben, auch.

Ein Freund sagte ihm neulich, er hätte diesen Kampf nicht gewinnen können. Er kenne nicht die richtigen Leute in Ägypten. Und selbst wenn, hätte er nicht genügend Geld, um sie ordentlich zu schmieren. Ägypten funktioniere eben so. Außerdem, sagte ihm der Freund noch, müsse er eines wissen: „Schau dich um in der Stadt. Beton, so scheint es, ist in diesem Land stärker als jede noch so gute Idee.“



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