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Franz Schuh: Verbrechen und Strafe

Die Zwei

SCHUH
Der Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld – das ist ein wunderbares Buch. Wunderbar nicht zuletzt aus dem Grund, der auf der Hand liegt und der bereits dementsprechend abgegriffen ist: So ein Briefwechsel dokumentiert ein Duell, in das zwei der anerkannten Größen des Literaturbetriebs verwickelt waren. Die Zwei versuchten es miteinander, traten also auch gegeneinander an, und der Leser kann all die verdammten Tricks studieren, die in unserer Gesellschaft gang und gäbe sind, wenn einer von einem anderen was will (und wenn jeder von ihnen was zu geben hat): Schmeichelei, wohlgesetztes Lob, wechselseitige Versicherung der jeweiligen, aber besonders der eigenen Einzigartigkeit, vorsichtige Einwände, entschiedene Abwendungen (die man bei er nächsten Drehung wieder aufgibt), das Maskenspiel der Genien, auf populäre, leicht primitive Art, denn es geht oft ums Geld – wenngleich nicht so oft, wie man nach einigen Rezensionen den Eindruck haben könnte.

Einmal liest man vom Triumph, den der Dichter empfand, weil er seinem unternehmerischen Gegenüber eine hohe Summe abgeluchst hatte; er brauchte es für ein Domizil. Ich gebe zu, dass mir der Zusammenhang von Dichtung und dem Aufkauf von Landgütern schon damals im 20. Jahrhundert absurd, hoffnungslos veraltet vorkam, aber ich denke, dieses in meinen Augen seltsam Veraltete, das Bodenständige, Immobile war eine der Produktivkräfte Thomas Bernhards, eine der Quellen seiner Stärke, die auf einem unnachahmlichen Gemisch von beharrenden und aggressiv-modernen Motiven beruhte. Ich komme ohne Auswege aus der Stadt und diese sich in Briefen offenbarende Schlauheit des Landmenschen Bernhard erinnert mich an Erzählungen meiner Eltern, die in Zeiten des Hungers aufs Land fuhren, um dort allerhand Geräte gegen Nahrungsmittel einzutauschen; sie stießen auf das gewiss berechtigte Misstrauen der Bauern, und wie so ein ländlicher Virtuose des Misstrauens kommt mir der briefwechselnde Thomas Bernhard manchmal vor. Vertrauenskundgebungen wechseln ab mit harschem Verhalten gegen alles Vertrauen, und weil ich das Ganze lese wie einen herrlichen Trivialroman, identifiziere ich mich mit den handelnden Personen, nehme ich Partei – für Unseld, der all die Jahre so was von einer ritterlichen Treue an den Tag legte, dass man sich für die ganze Welt solche Feudalverhältnisse wünscht, die zwischen Verleger und Autor noch herrschen können.

Wer weniger amüsiersüchtig ist als ich, erkennt sofort, worin die Wichtigkeit des Buches besteht, nämlich darin, dass es die Soziologie des Verhältnisses von Verleger und Autor aus der Praxis beschreibt. Unseld definiert in einem Brief an Bernhard die Rolle des Verlegers als die eines Mannes, „der gewohnt ist, sich täglich neu von den Überlegungen, Imaginationen und Wünschen seiner Autoren überraschen zu lassen.“ Unseld realisiert sich als Verleger, indem er Thomas Bernhard „hat“, und Bernhard wird durch diesen Verleger zum Schriftsteller, der von Berufs wegen nichts anderes als das sein muss.

Amüsant ist das Buch, weil die Überraschungen, die Bernhard seinem Verleger bereitete, oft über das hinausgingen, was Unseld professionell gewohnt war. Man kann darin eine persönliche Sache der Beteiligten sehen, aber ich vermute, dass der Briefwechsel mit seinen Übersteigerungen auch ein Indiz für das Ende der traditionellen Verleger-Autor-Beziehung ist. Egon Ammann, eine andere traditionelle Autorität auf diesem Gebiet (Unseld vergleichbar, weil er als Person für das einstand, was er verlegte), hat angesichts neuer Umstände und Zwänge überhaupt aufgegeben. Andere Typen werden den Job machen, und zwar ganz auf der Grundlage, über die Bernhard seinen Verleger nicht im Unklaren lässt: „Ein Autor ist etwas ganz und gar erbärmliches und lächerliches und so betrachtet ist es ein Verleger auch. Aber ein Verleger ist letztenendes noch mehr mit dem Teufel im Bunde ein größerer Anonymus und dadurch nicht ganz von einer solchen zierlichen Lächerlichkeit wie der Autor, der ganz und gar zierlich ist.“

Meint dieser zierliche Autor seine Selbstdefinition ernst oder verspottet er bloß den, der so was glauben soll? Das kann, so wie‘s gesagt ist, keiner entscheiden. Aber es ist in eine richtige, scharfsinnig formulierte Erkenntnis eingebettet. Sicher ist, dass derjenige, der bestimmt, was lächerlich ist – auch dann, wenn er sich selbst damit meint – beansprucht, von der Lächerlichkeit wenigstens Urlaub genommen zu haben. Dahinter steckt nicht nur eine interessante Geschicklichkeit, sondern auch ein Machtkalkül: Wer so spricht, gewinnt gegen jeden, der mit ihm redet. Das Einzige, das gegen diese Art von manipulativer Kommunikation hilft, ist ihr Abbruch. Am Ende haben die beiden es doch wieder geschafft, aber es war knapp; sie schafften die Versöhnung möglicherweise auch aus Schlauheit, weil der Dichter in einen Trennungsbrief noch eine schöne Wendung des Respekts („Ihr Sie sehr respektierender Thomas Bernhard“) eingebaut hatte.

Kurz davor war sich Unseld wohl als ein Ritter von der traurigen Gestalt erschienen, der gegen das windmühlenartige Umsichschlagen des Dichters nichts zu unternehmen vermochte. In einer vom Verleger geführten, den Briefwechsel im Buch ergänzenden Chronik, stehen dann Sätze, die Thomas Bernhard dem bekannten Intelligenzblatt „Basta“ in einem Interview zur Verfügung gestellt hatte. „Ich weiß gar nicht, was dem Unseld, dem Teppen, gestern im Fernsehen eingefallen ist“, hatte Bernhard da gesagt. Es war in den heldenhaften Kämpfen um „Heldenplatz“ im Burgtheater, und es ging so weiter: „Der war ja auch so blöd. Ein Schauerkerl ist das. Dem Mann geht es auch nur um sein kleines und niedriges Geschäfterl, ohne Rücksicht auf irgendwas. Natürlich könnte ich sagen, ich red nie wieder ein Wort mit ihm und wechsle den Verlag. Aber im nächsten ist es genauso grauslich.“

Und Unseld hatte in seiner Chronik diese Stelle, diesen rüden, dümmlich überheblichen Anwurf mit den Worten kommentiert: „Hier blitzt bei Bernhard etwas auf, was er wirklich denkt ....“ Das ist wichtig, auch weil die besten der Anhänger Bernhards einige seiner Attitüden nur ertragen, indem sie zu Apologeten werden. Sie sagen zum Beispiel, Bernhard sei ein Schauspieler gewesen, der alle in die Falle lockte, die glaubten, das von ihm Gezeigte, also auch das Offensichtliche, wäre von ihm wirklich so gemeint. Gewiss hat Bernhard in der höfischen Gesellschaft des Literaturbetriebs mit starken Inszenierungen gearbeitet, hinter denen aber immer wieder (auch gegen seinen Willen) aufblitzte, was er wirklich dachte. Und in diesem wunderbaren Buch steht vieles davon drin; es ist ein Buch in Briefen, großartig (also sachlich-nüchtern) kommentiert mit Anmerkungen zur Orientierung des Lesers – ein Buch, durch das der Lebensernst eines Menschen aufblitzt, der sich von seinem Lebensernst einerseits nichts anmerken lassen wollte und der anderseits die ganze Welt von nichts mehr als von diesem persönlichen Lebensernst zu überzeugen trachtete, und sei es mit Mitteln der Komödie.

Es blitzen also auf sowohl das von Nietzsche so genannte Allzumenschliche, die Lächerlichkeiten, Verkleidungen, Verklemmungen, und ebenso eine gewisse, ach bei Bernhards Anhängern so beliebte Größe in der Niedertracht. Aber es kommt auch heraus – dieser allgemeinmenschliche Lebensernst: dass man sich bemüht, anstrengt, sich behauptet, sich überfordert und erst recht die anderen – so lange eben, bis einen der Tod von alledem scheidet.

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