Günter Brus: Datumsgrenze
Silvester

Und wieder wurden Milliarden zu Silvester in die Luft geflitzt, um den ewig gleichen, ewig bunten Sternenkrawall in die Nacht zu pulvern. Hat es eine Jahreswende verdient, dass solche Terrorakte gegen Mensch und Tier inszeniert werden? Winterschläfer werden aus dem Schlaf geschreckt, das Rotwild läuft in die Irre, Katzen und Hunde jaulen jämmerlich oder verdrücken sich – wie unsere Katze Momo stumm gleich einer Flunder in den Keller. Die Feuerwehr muss ausrücken und die Rettung hat Hochbetrieb, um die zerfetzten Körperteile einzusammeln.Woher kommen die Gelder in einer sogenannten Krisenjahreswende? Oder sind diese Explosionen etwa der himmelschreiende Ausdruck der Krise?
Die Straßen sind am nächsten Morgen von zerfetzten Relikten der Knallkörper übersäht, darüber die Heiligen Drei Könige schreiten, um Spenden für die Ärmsten der Dritten Welt zu sammeln. Welch eine perverse Paradoxie. Die obersten Millionen lassen ihren Champagner knallen und der Mittelstand, den die Politiker bei jeder Rede fördern wollen, hält es mit den Schweizer Krachern. Geknallt wird auf jeden Fall, sogar bei den unteren Millionen, die mit Knallfröschen ihr Auslangen finden müssen, da sie die von der Wirtschaftskrise am meisten Betroffenen sind.
Und jene wenigen, die an diesem astronomischen Brimborium nicht teilnehmen wollen, fragen sich, warum sie keinen Knall haben. So also bringen die Feldherren der Pyromanie Licht ins Dunkel. Es sind jene, die wegen der Steuer aus der Kirche austreten und nicht aus ethischen Gründen. Es sind jene, die eine 40 cm hohe Porzellandogge zu Weihnachten als Geschenk einpacken. Es sind jene, die vorschlagen, aus der Europäischen Union auszutreten, da die Geldverschwendung in Brüssel nicht mehr zu ertragen ist. Und nicht zuletzt sind es jene, die stundenlang auf einem Barhocker kauernd den Spielautomaten umsonst zum Klingeln bringen. Aber pervers ist, dass der Silvesterkrawall zumindest einen Teil der Wirtschaft auf Trab hält, wenn auch Alkoholismus und Pyrotechnik nicht das Ende der Krise bewirken können. Karl Valentin, frei aus dem Gedächtnis zitiert: Feuerwerk – „Grün, blau, rot, herrlich, aber stinken tut’s doch.“
Bisher erschienene „Datumsgrenzen“ finden Sie hier.
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