Inhalt

zur Navigation

Hilf dir doch selbst!

Beinahe unbemerkt packen drei Millionen Deutsche in bis zu 100.000 Gruppen ihre Probleme selbst an. Von den schwulen Alkoholikern bis zu den Schüchternen: Deutschland, eine Selbsthilfegruppe.

Text: Stephanie Lehner
Illustration: Thomas Hamann
SH1

SPD-Mitglied Helmut Schibath diskutiert gerne, welche politischen Fehler Deutschlands Ex-Kanzler Gerhard Schröder begangen hat. Oder er erzählt als Hobbyastrologe davon, dass die Nationalsozialisten Astrologen in Konzentrationslager schickten. Nur montags dreht sich bei dem 55-Jährigen alles um ein Thema: „Mein Name ist Helmut, ich bin Alkoholiker.“ Ein schwuler Alkoholiker. Weshalb er seit zehn Jahren zur Selbsthilfegruppe Schwule Alkoholiker Hamburg geht – der ersten dieser Art in ganz Deutschland. „Als ich aufhörte, wurde mir klar, dass mein Alkoholproblem mit meiner Homosexualität zusammenhing“, sagt er. Aus Angst vor Ablehnung ging Schibath auch nicht zu einer Alkoholikergruppe, in der das Thema Sex ausgeklammert wird. Erst durch seine schwule Gruppe konnte er seine 20-jährige Trinkerkarriere beenden. Das war vor zehn Jahren. Helmut Schibath ist damit nicht allein. Die Schwulen Alkoholiker Hamburg sind nur eine von 70.000 bis 100.000 Selbsthilfegruppen in Deutschland. Von Geburtshilfegeschädigten bis zu destruktiven Kulten, von Aussteigern aus der neuapostolischen Kirche bis zu Personen mit vermehrter Körperbehaarung, von Behandlungsfehlern über gemeinschaftliches Wohnen bis zu Schwierigkeiten mit Kopfläusen – wöchentlich versammeln sich Millionen zum gemeinsamen Problemlösen. Rund jeder zwanzigste Deutsche zwischen 18 und 80 Jahren gehört einer solchen Gruppe an – Deutschland ist damit Rekordhalter in Europa, weit vor Österreich. Eine genaue Zahl gibt es nicht. Denn die Gruppen können, müssen sich aber nirgends registrieren.

Jeden Montagabend fährt Schibath mit der S-Bahn von seiner Wohnung in das Beratungszentrum für Schwule und Lesben an der U-Bahn-Station Borgweg in Hamburg. 16 Männer mit mindestens einem Problem treffen sich hier. Einerseits sind sie irgendwann am Alkohol hängen geblieben. Andererseits sind sie mit ihrer sexuellen Orientierung nicht von Anfang an zurechtgekommen. Viele Probleme konnten in der Gruppe gelöst werden. Trotzdem kommen manche schon seit 16 Jahren in den lieblos eingerichteten, aber hellen und bequemen Kellerraum. Denn die entstandenen Freundschaften verpflichten. „Es ist präventiv und strukturiert die Woche“, sagt Jürgen. „Und ich bin mir nicht sicher, ob ich ohne die Gruppe nicht rückfällig würde“, meint Joachim, der seit acht Jahren dabei ist.

Dass die Selbsthilfegruppen wirken, beschreiben Studien und viele Erfahrungsberichte. Die Mitglieder leiden weniger unter Depressionen, sind selbstständiger und selbstbewusster. Chronisch Kranke nehmen ihre Leiden an. Der Staat jedenfalls dürfte die finanzielle Entlastung der Gruppen für das Gesundheitssystem zu schätzen wissen: Seit zwei Jahren fließen pro Versicherten 0,56 Euro in die Förderung der Selbsthilfe. „Das Ziel ist nicht, unser Schicksal zu beweinen“, sagt Wolf Hartfrost von der Gruppe Prostatakrebs Bielefeld. „Wir wollen mit unserer Krankheit zurechtkommen.“ Und wer über seine Krankheit und die Behandlungsmöglichkeiten besser informiert ist, kann ärztliches Handeln besser verstehen. Und kritisieren. In der ehemaligen DDR scheint das Bedürfnis nach Kritik weniger ausgeprägt zu sein: Entfallen in den alten Bundesländern 5,2 Selbsthilfekontaktstellen auf eine Million Einwohner, sind es in den neuen Bundesländern lediglich 2,9. Auch die Zahl der Selbsthilfegruppen ist in den alten Bundesländern viel höher. Ehemals kommunistisch-sozialistische Gesellschaftsordnungen sind kein guter Nährboden für Selbsthilfegruppen.

Ein Problem, das auch Antoaneta Slavova nur zu gut kennt. Die bulgarische Sozialpsychologin versucht seit zwei Jahren vergeblich, eine Gruppe für Migrantinnen mit Gewalterfahrung aufzubauen. Die Gruppensprache Deutsch und der Frauennotruf von Langenhagen, einer 51.000-Einwohner-Stadt nördlich von Hannover, als Träger dürften die Zielgruppe verschreckt haben. „Migrantinnen besprechen ihre Probleme in der Familie – und vor allem wird davor immer gekocht. Ich wollte das anders machen. Aber offensichtlich sind die Migranten noch nicht bereit dazu. Das ist ihnen einfach zu privat.“ Obwohl 18,4 Prozent der Bevölkerung in Deutschland laut Statistischem Bundesamt einen Migrationshintergrund haben, fanden bis heute viele von ihnen nicht zur Selbsthilfe als einer Art der Alltagsbewältigung. Etwa ein Sechstel der Selbsthilfekontaktstellen bietet bereits fremdsprachige Unterstützungsangebote an, genutzt werden sie kaum.

Bei Helmut Schibaths Schwule-Alkoholiker-Gruppe dagegen läuft alles perfekt eingespielt. Begleitet von den Proben des schwulen Männerchors im Raum darüber sagt jeder eingangs und zum Schluss, wer er ist und wie er hergekommen ist. Und mit welchen Gefühlen er wieder geht. Dazwischen werden Rückfälle, Beziehungsprobleme, Selbstakzeptanz, Konflikte im Job und das Coming-out besprochen. Mindestens alle zwei Wochen kommen Neue dazu. Die aber oft wieder gehen, weil sie mit dem Gruppencredo „Schwul leben – nüchtern leben“ nicht zurechtkommen. „Vor allem die 20- bis 25-Jährigen können sich nicht vorstellen, so wie wir gar nichts mehr zu trinken. Doch das ist das Geheimnis“, sagt Claus. Er muss es wissen. Seit 1978 ist der 75-jährige Gruppengründer trocken. „Trotzdem können hier die Leute ohne Begründung kommen und gehen, wann immer sie das auch wollen.“

Deutschlands Selbsthilfegruppen sind zweifellos europäischer Tabellenführer. Das liegt zum einen an den vielen Kontaktstellen. Je mehr es davon in einem Land gibt, desto mehr Gruppen entstehen auch. Mehr als 270 Selbsthilfekontaktstellen unterstützen beim Gruppenaufbau, sind Anlaufstellen für Selbsthelfer und Fachstellen. Sie lobbyieren im Gesundheitssystem, bieten aber auch Supervision an. Von den Krankenkassen erhalten sie ein Budget, das sie an ihre regionalen Selbsthilfegruppen verteilen. Auch von ihren Bundesländern bekommen sie Geld. Die Selbsthilfegruppen sind ein Player im deutschen Gesundheitssystem geworden sind – lange nicht so stark wie die Pharmaindustrie, aber für eine Grassroots-Bewegung kann sich das Lobbying sehen lassen. Andere sind von Lobbying noch weit entfernt – es fehlt ihnen schlicht der Mut dazu. „Selbsthilfegruppen sind ein rotes Tuch. Wenn man da dabei ist, steht man mit einem Bein schon im Irrenhaus“, sagt K., eine 26-jährige Studentin mit Soziophobie. Sie ist deshalb stolz auf ihre wöchentliche Gruppe Selbstbewusst Hannover.

Die fünf Teilnehmer haben alle unterschiedliche Probleme, aber ein Ziel: die eigene Schüchternheit vertreiben. Vor Leuten sprechen, sich durchsetzen, Auseinandersetzungen sinnvoll lösen, keine Angst vor der Welt da draußen haben – all das wird hier geübt. Heute war der Umgang mit Misserfolgen dran. K. hatte ihre stationäre Behandlung gutgetan, sie wollte ihr Problem noch besser in den Griff bekommen. Auf der Suche nach einem geeigneten Therapeuten stieß sie aber nur auf Anrufbeantworter und monatelange Wartelisten. „Irgendwann war ich zu frustriert, mir wieder eine Absage einzuholen.“ In der Gruppe kann sie ihre Probleme einfach auf den Tisch legen. Sie wird zwar auch hier nicht immer verstanden. Aber sie wird akzeptiert, wie sie ist.

Formen der Selbsthilfe waren schon in den Zusammenschlüssen mittelalterlicher Kaufleute bekannt, den Gilden und Hansen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzen dann Genossenschaften Selbsthilfe um – in erster Linie, um die Armut zu bekämpfen. Nach 1935 entstehen in Amerika die ersten Gruppen von Alkoholkranken: die Anonymen Alkoholiker. Das löst eine globale Welle von anonymen Gruppen aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründen sich Selbsthilfeorganisationen, die seither Kranke und Menschen mit Behinderungen vertreten.

Traditionelle bundesweite Organisationen sind der Bundesverband der Kehlkopflosen (seit 1973) und der Bundesselbsthilfeverband Kleinwüchsiger Menschen (seit 1969). Im Suchtbereich sind Organisationen wie das Blaue Kreuz teils über 100 Jahre alt. Zu den jüngeren Beispielen gehört das Netzwerk Stimmenhören (seit 1997). Seit Ende der Siebzigerjahre gibt es schließlich Selbsthilfegruppen. Zwei Drittel sind gesundheitlich, ein Drittel sozial orientiert. „Falco war ein Bipolarer, Churchill, Monroe, Goethe – lauter große Menschen.“ Jens-Uwe Pagel lacht viel. Wenn er gerade kann. Als Manisch-Depressiver kann der 44-Jährige das nicht immer steuern. „Die Krankheit hat eine ungeheure Tragik. Die Stigmatisierung spüre ich vor allem beruflich.“ Der Hartz-IV-Empfänger darf nur vier Stunden die Woche als Vertretungslehrer an einer Grundschule in Hannover arbeiten. Dabei hat er ein Studium der Geschichte, Philosophie, Germanistik und Politikwissenschaften abgeschlossen.

Die Diagnose kam spät – mit 27. Bis dahin bescherte ihm der Wechsel zwischen Manie und Depression – manchmal im Minutentakt – ein turbulentes Leben: ein Gerichtsverfahren, weil er sich als Polizist ausgab; finanzielle Notlagen, weil er manchmal gleich zwei Autos kaufte. Wie jeder DDR-Bürger hatte auch er die Fernsehserie „Miami Vice“ gesehen. Pagel aber musste unbedingt direkt zu den Drehorten. Dass sein Auto am gefährlichen Hafen von Miami nicht überfallen wurde, war Zufall. Dem Wagen vor ihm konnte er dabei zusehen. Zufall auch, dass er seine vier Selbstmordversuche überlebte. All das kann er in seiner Selbsthilfegruppe mit anderen Betroffenen besprechen. Seit 14 Jahren trifft sich die von ihm gegründete Gruppe im Sozialpsychiatrischen Dienst in Hannovers Südstadt.

Sechs bis zwölf Frauen und Männer von Ende 20 bis Mitte 60 gehören dazu. Zwei Mitglieder haben sich bisher umgebracht. „Gerade ist wieder einer in stationärer Behandlung. Wir besuchen die Betroffenen dann immer dort oder gießen ihre Blumen. Auf unsere Solidarität sind wir stolz“, sagt Pagel. Er moderiert die Gruppe, führt durch die Wochenberichte, durch Lachen, Weinen, Verzweiflung. Etwa ein bis drei Prozent der Deutschen sind manisch-depressiv. Aber die wenigsten gehen in eine Selbsthilfegruppe, sagt Pagel. „Wir sind nicht in der Gesellschaft verankert. Fast wie eine Parallelgesellschaft.“ Welche Folgen die Tabuisierung haben kann, zeigt der Fall von J. K. Er probiert seit langem, durch Selbsthilfegruppen auf einen grünen Zweig zu kommen. „Nächste Woche versuche ich eine andere Gruppe: Redeangst.“ Der Student Ende 20 zweifelt an seiner Diagnose Autismus. Geschadet hat sie ihm in jedem Fall.

Seine Eltern erzogen ihn zur Unselbstständigkeit. „Bis ich zehn Jahre alt war, konnte ich mir kein Brot schmieren“, erzählt er. Außerdem isolierten ihn die Einzeltherapien von anderen Kindern. Seine Gruppe aber inspirierte ihn zu einer Software, die ihm Aufgaben setzen kann. Ein wichtiges Ziel konnte er damit schon erreichen: Er hat einen Inventurjob gefunden. Helmut Schibath ist derweil am Ende seiner Sitzung angelangt. Bevor sich die Runde nach eineinhalb Stunden auflöst, nimmt er noch die anderen im Kreis an den Händen und sagt mit ihnen den Spruch der Anonymen Alkoholiker auf: „Gebe mir die Gelassenheit, Dinge zu akzeptieren, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Und schiebt sich vorbei am schwulen Kellner in der Bar des Beratungszentrums und am Männerchor, hinaus in eine weitere Woche ohne Alkohol.



Navigation

zum Inhalt

  • Aktuelle Ausgabe
  • Bisher erschienen
  • Über Datum
  • Events
  • Wo gibts Datum
  • Lesergalerie
  • Kontakt
  • Hajek Blog
  • Godany Blog
  • Best of Datum 50
  • Trotzdem

Abonnements

Abonnements

Podcast

Start Podcast-Player

MIT iTUNES ABONNIEREN

RSS 2.0 Feed

Archivsuche

Credits

twoday.net
  • xml version of this page
  • xml version of this page (with comments)

zum Inhalt