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Bauernkönig

Vom verhinderten Hoferben zu einem der mächtigsten Männer der Republik. Und Ludwig Scharinger hat noch nicht genug. Portrait eines Machtmenschen.

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Text: Martin Langeder
Fotografie: Gianmaria Gava
"Schaun’s. Wenn etwas unklar ist, notieren Sie sich bitte ein Stichwort. Und genieren Sie sich nicht, nachzufragen.“ Samstag, kurz nach elf Uhr vormittag. Im fensterlosen Sitzungszimmer 1 im dritten Stock der Raiffeisenlandesbank (RLB) in Linz findet eine Pressekonferenz statt. Über das Gesagte wird man in den Zeitungen aber nichts zu lesen bekommen.

Ludwig Scharinger trägt eine rahmenlose Brille, am Revers seines schwarzen Nadelstreifanzugs steckt ein goldenes Giebelkreuz. Sein heutiges Thema lautet „Die Raiffeisenlandesbank als Innovationsdrehscheibe“. Scharinger nimmt sich Zeit. Geduldig beantwortet er Fragen über Eigenmittelquote, Zinsspanne, den „Heimmarkt“ Süddeutschland und die Zufriedenheit der Kunden.

scharinger

Obwohl elektronische Monitore am ovalen Tisch dafür sorgen, dass jeder Teilnehmer das Gesprochene auch am Bildschirm mitverfolgen kann, hält Scharinger regelmäßig Zettel hoch. Einer dieser Laserprints hat das Format A3. Es ist der größte Zettel von allen. „Die wesentlichen Beteiligungen der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich im Überblick“ steht links oben geschrieben.

Auf ihm entfaltet sich das, was die Finanzwelt ein Imperium nennt. Die Beteiligungen sind in Farben unterteilt. Blau steht für Banken, hellblau für Leasinggesellschaften. Rot steht für Holdings, gelb für „banknahe Dienstleistungen“ und „Outsourcing“. Grün für Immobilien. Weiß für Nahrungsmittel, orange für „Chancen-/Partnerkapital“. Es stehen wirklich nur die wesentlichen Beteiligungen darauf. 123 Unternehmen. 100 Prozent an der Salinen Austria Aktiengesellschaft, 40 Prozent an der Landesverlag Holding GmbH, 14,66 Prozent an der voestalpine AG, 0,07 Prozent an der Nationalbank. Eine Bank als Mischkonzern. Insgesamt ist die Raiffeisenlandesbank Oberösterreich heute an 394 Unternehmen beteiligt. Rund 65.000 Menschen arbeiten mehr oder weniger direkt für Ludwig Scharinger.

„Es ist mir ein Anliegen, dass das volkswirtschaftliche Rad in Bewegung bleibt“, sagt Scharinger. „Die Amerikaner tun nur abzocken. Ich lege Wert auf Nachhaltigkeit.“ Oder: „Es ist nicht die intelligenteste Bankdienstleistung, den Zinsenzähler einzuschalten und zu warten, bis das Geld zurückkommt.“ Wenn sich Begriffe wie „Debitorenziel“ in seinen Vortrag schwindeln, entschuldigt er sich für das „Bankenchinesisch“ und liefert eilig die Erklärung nach: „Debitorenziel meint, wie lange es dauert, bis das investierte Geld wieder herinnen ist.“ In Oberösterreich nennen sie den Bauernsohn aus Arnreit wahlweise „Luigi Moneti“ oder, ehrfürchtiger, „König Ludwig“. Bis 2009 hat ihn der Vorstand bestellt. Vorerst.

Die 18 Frauen und vier Männer, keiner von ihnen älter als dreißig, lauschen Scharingers Worten in andächtiger Haltung. Die Pressekonferenz dient ihnen nur zur Übung. In den schwarzen Lederdrehsesseln sitzen die Teilnehmer des Grundkurses der Oberösterreichischen Journalistenakademie. Später sollen die drei besten Artikel, die über den Inhalt der simulierten Pressekonferenz geschrieben werden, ausgezeichnet werden. Für den ersten Platz gibt es 300 Euro. „Sollte es zwei Erste geben, dann werden wir das auch berappen können“, sagt Ludwig Scharinger und lächelt väterlich in die Runde.

scharingerEs ist ein Heimspiel. Die Journalistenakademie wird unter anderem von der Diözese Linz, dem Land Oberösterreich und der Industriellenvereinigung gesponsert. Und natürlich von der Raiffeisenlandesbank. „Ich bin einer, der auf Menschen gerne zugeht. Vor allem bin ich sehr offen und denke mich immer in das Gegenüber hinein. Das schafft Vertrauen. Man lässt sich gerne helfen. Ich bin immer gerne in der Rolle des Helfenden“, sagt Ludwig Scharinger. Er weiß um den Charme der Bescheidenheit. Einer wie er, der heute zu den mächtigsten Männern der Republik zählt, hat es nicht nötig, sich jeden Tag aufs Neue aufzuplustern, um sich seiner Rolle gewahr zu werden. Hat man Scharingers Macht, kuschen die Leute von alleine.

In einer Analyse zum Zwanzig-Jahre-Jubiläum Scharingers als Generaldirektor Ende 2005 schrieb Dietmar Mascher, der Wirtschaftsressortleiter der Oberösterreichischen Nachrichten: „Kaum ein großes Unternehmen, kaum eine größere Transaktion und kaum eine wichtige gesellschaftliche Veränderung, bei der Ludwig Scharinger nicht seine Finger im Spiel hätte.“

Mittlerweile ist Ludwig Scharingers Macht auch wissenschaftlich belegt. Durchschnittlich 2,8 Handshakes braucht der gebürtige Mühlviertler, um im Schneeballprinzip 9.000 österreichische Manager zu erreichen. So lautet das Ergebnis einer im vergangenen Jahr durchgeführten Netzwerkanalyse von FAS Research. Damit liegt er einsam in Führung. Auch was Leitungsfunktionen in Unternehmen angeht, ist der 63-Jährige absoluter Spitzenreiter: An 34 Einträge im amtlichen Firmenbuch der Republik Österreich kommt sonst keiner heran.

Scharingers Büro gibt eine Ahnung, die diese These stützt. Sechzig Quadratmeter, eigener Waschraum inklusive. Zehn Schritte braucht es von einer der beiden Eingangstüren bis zum riesigen Schreibtisch Scharingers. Das Kreuz an der Wand daneben hat Arnulf Rainer gemalt.

Rechts vom runden Besprechungstisch hängt ein Landschaftsgemälde, das seinen einstigen Schulweg zeigt. An der Fensterfront sprudelt Wasser aus einer mächtigen Keramikskulptur. „Das Wort Macht ist negativ besetzt“, sagt Scharinger. „Ich spreche gerne von der Gestaltungskraft. Damit kann ich mich auch identifizieren. Ich habe viel, sehr viel Gestaltungskraft. Weil ich es immer schnell auf den Punkt bringe, weil ich klare Visionen und einen klaren Blick habe und weil ich ein Gespür habe, was geht und was nicht geht.“ Gegen dieses Selbstbewusstsein wirkt Wolfgang Schüssel wie ein Messdiener.

„Je größer seine Macht und sein Einfluss, umso mehr polarisiert Scharinger auch. Vielen Politikern und Unternehmern ist seine Machtfülle zu groß. Es gibt Firmen, die seinen direkten Zugriff als Finanzier auf das Geschäft fürchten. Wer Scharinger wählt, bekommt mehr als eine lose Bankverbindung. Im positiven Sinne Unterstützung, im negativen Sinn bei schlechtem Geschäftsverlauf den Verlust der Eigenständigkeit“, schreibt Dietmar Mascher. Ein Außenstehender, der immer wieder mit dem RLB-Chef zu tun hat und anonym bleiben möchte, sagt: „Ich möchte nicht bei ihm arbeiten. Mit Mitarbeitern springt er um wie mit Sklaven.“ Scharinger sagt: „Spitzenkräfte müssen natürlich auch am Wochenende erreichbar sein, wenn man etwa ein ganz dringendes Projekt zu realisieren hat. Das ist Usus bei uns. Wer eine Spitzenkraft sein will, muss da mithalten können.“ Von potenziellen Führungskräften erwartet er „ordentliches Auftreten“.

Eine junge Frau im Hosenanzug war jüngst gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch beim Generaldirektor vorgelassen worden. Beim neuen Termin habe sie tunlichst im Kostüm zu erscheinen, hatte ihr die Vorzimmerdame barsch mitgeteilt. Allergisch reagiert Scharinger auch, wenn er Mitarbeiter mit den Händen in der Hosentasche erwischt. Wundern oder gar aufregen tut das in Linz heute keinen mehr. Ludwig Scharinger gilt als unantastbar. Ein Status, der seinem Erfolg geschuldet ist.

raikaUnter seiner Ägide entwickelte sich sein Arbeitgeber von der belächelten Bauernbank zur größten Regionalbank Österreichs, die mittlerweile – entgegen dem Regionalitätsprinzip – nicht nur die Salzburger Hypo übernommen hat, sondern auch Dependancen in Bayern und Tschechien unterhält. Seit der Eröffnung des „OberÖsterreich.Haus“ gleich hinter der Wiener Staatsoper mischt Scharinger auch am Finanzparkett der Bundeshauptstadt mit, was bei den dortigen Raiffeisengranden Walter Rothensteiner und vor allem Christian Konrad gar nicht gut ankommen soll.

Es gilt heute als offenes Geheimnis, dass die Machtmenschen Scharinger und Konrad, als Chef des Raiffeisenverbandes oberstes Prüforgan der Raiffeisenfamilie, wenig miteinander anzufangen wissen. Zu der „Feier im kleinen Kreis“ zu Scharingers Zwanzig-Jahr-Jubiläum als Generaldirektor im November 2005 kamen mehr als zweitausend Leute. Konrad fehlte. Demonstrativ? Scharinger wiegelt ab: „Er musste kurzfristig mit Landeshauptmann Erwin Pröll nach Russland reisen.“ Gemeinsam auf die Pirsch haben es die Jäger Konrad und Scharinger erst ein einziges Mal geschafft.

Allzu viel dürften sie dort nicht miteinander gesprochen haben: „Ich weiß nicht, ob er etwas geschossen hat“, sagt Scharinger. Vielleicht liegt es aber auch wirklich daran, dass sich Ludwig Scharinger weniger im Lodenmantel als in Gummistiefeln wohl fühlt.
„Er geht immer in den Stall. Da kann er noch so schön angezogen sein. Und fragt mich, wie viel ich für die Viecher bekomme und welches Milchkontingent ich habe“, sagt sein Bruder Josef Scharinger, der heute den elterlichen Hof führt. Eine Aufgabe, für die eigentlich sein älterer Bruder bestimmt war.

Ludwig Scharinger wird 1942 als ältestes von sieben Kindern in Arnreit geboren, einem Nest vierzig Kilometer von Linz. Nach sieben Jahren Volksschule arbeitet er am Bauernhof der Eltern. Sein Weg ist vorgezeichnet. Er soll später den 29-Hektar-Betrieb mit Rindern, Pferden und Schweinen übernehmen. Scharinger lebt das Leben jener jungen Menschen in der Provinz, deren Perspektiven nicht über das nächste Dorf hinausreichen. Aber er ist ehrgeizig. Scharinger wird Jungscharführer, nach der Sonntagsmesse lernt er Trompete.

Zwei Winter lang besucht er die Landwirtschaftsschule in Schlägl. Mit 19 muss er zum Bundesheer nach Freistadt. Er hat zwei Wochen Grundausbildung hinter sich, als er nach einem Auftritt mit seiner Tanzband „Die jungen Arnreiter“ in Altenfelden mit dem Motorrad zurück in die Kaserne fährt.

Er ist übermüdet. Das Motorrad gerät außer Kontrolle. Scharinger, einen Bandkollegen auf dem Sozius, kollidiert mit dem Randstein und stürzt. Der rechte Unterschenkel ist komplett zersplittert. Zehn Wochen lang liegt Scharinger im Krankenhaus. Dreieinhalb Monate lang muss er Gips tragen. Bis heute zieht er den rechten Fuß leicht nach. Während sein Freund unversehrt bleibt, hat der Unfall für Scharinger weit reichende Folgen: Für die schwere Arbeit am Hof taugt er jetzt nicht mehr. „Die ersten Wochen waren schlimm. Ich habe gemerkt: Da fällt jetzt alles zusammen. Aber ich habe mich schnell neu orientiert.“

Scharinger macht die Aufnahmeprüfung an der HLBLA Francisco Josephinum Wieselburg, einer traditionsreichen Schmiede für jenen Bauernnachwuchs, der nach Höherem strebt. „Da haben einige gestaunt. Ich hatte bis dahin ja nur sieben Jahre Volksschule hinter mir.“ Mit 21 Jahren ist er in dem von ihm belegten Fachbereich Landtechnik der Zweitälteste. „Ich war immer schon der Leithammel“, sagt er heute. In den Sommerferien fährt er nach England, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern.

Arnreit ist ein Nest geblieben. Eine Versammlung lose verbundener Weiler, die Namen wie Hölling, Stierberg oder Schörsching tragen. Auf der einen Seite der Hauptstraße stehen Volksschule, Gemeindeamt und Wirtshaus. Auf der anderen die Kirche. Gleich neben der lokalen Filiale der Raiffeisenbank. Ein einziges Geschäft versorgt die 1.100 Einwohner mit Butter genauso wie mit Boxershorts, Schultaschen und Spielzeugmähdreschern. Die meisten Arnreiter kaufen in der Bezirkshauptstadt Rohrbach ein. Oder gleich in Linz, wohin viele täglich zur Arbeit pendeln. In Arnreit herrscht Ruhe.

Bis Anfang Dezember 2005 die 2,8 Millionen teure Umfahrungsstraße eröffnet wurde, donnerten täglich bis zu 11.000 Fahrzeuge durch die Gemeinde. Bürgermeister Johann Reiter sitzt im Erdgeschoss des Gemeindeamtes in seinem kleinen Büro, das mitunter auch als Trauungszimmer dient. Der 56-Jährige Silomaurer sagt: „Ludwig Scharinger ist unser Schutzengel und Nothelfer.“

Allein die Erwähnung Arnreits reiche oft, um „bei höheren Stellen“ eine bessere Verhandlungsposition zu haben. Bei der Kirchenrenovierung legte sich Ludwig Scharinger für einen höheren Zuschuss der Diözese ins Zeug. 1999 sorgte er dafür, dass eine Fichte aus Arnreit zur Weihnachtszeit den Linzer Hauptplatz schmückte. 2002 überreichten ihm die Arnreiter den Ehrenring, die zweithöchste Auszeichnung der Gemeinde. Im Gegenzug sponserte Scharinger neue Hüte für die sechzig Mitglieder des Musikvereins.

„Das Dreikönigskonzert des Musikvereins und der Friedhofsgang zu Allerheiligen sind für ihn Pflichttermine“, sagt Reiter. Der Beschriebene hört solch warme Worte wahrscheinlich lieber als jeder andere Banker. Ludwig Scharinger hat die Rolle des gnädigen Helfers in der Finanzierungsnot längst so weit verinnerlicht, dass er selbst daran glaubt. Und die Republik dankt es ihm. Bei der umstrittenen Voest-Privatisierung 2003 sorgte er mit der Schaffung des „Österreich-Fonds“ als Kernaktionär für die von der Politik wie von der Öffentlichkeit einhellig geforderte „österreichische Lösung“.

„Ewig dankbar“ ist ihm der Industrielle Hannes Androsch bis heute, dass ihm Ludwig Scharinger 1994 beim Kauf des Leiterplattenherstellers AT&S mit einem Neunzig-Millionen-Schilling-Kredit aushalf. Bei den Wiener Banken war der Ex-Finanzminister zuvor abgeblitzt. „Scharinger ist sehr gewissenhaft, agiert verantwortlich und schnell, ohne dass er gefährliche Risiken eingeht“, sagt Androsch. Kleinere Wickel wie bei der Standortfrage des Werkneubaus des Flugzeugteilezulieferers FACC, bei der sich der Lokalpatriot Scharinger mit dem Standort Reichersberg am Inn gegen ihn durchsetzte – Androsch hatte das steirische Fohnsdorf favorisiert – fielen da nichts ins Gewicht.

Bis heute verbindet den Mühlviertler Bauernsohn und den einstigen Salonsozialisten aus Döbling eine freundschaftliche Geschäftsbeziehung. „Ich habe wie er keine Abkassiermentalität“, sagt Androsch. Ludwig Scharinger hat sich diese Art von Freundschaften – zu denen neben den Großen und Mächtigen der Republik auch Leute wie Michail Gorbatschow gehören – hart erarbeitet. Dabei half ihm nicht zuletzt sein Blick auf die Welt, der sich in Wahrheit nicht geändert hat, seit er aus Arnreit wegging.

Sein Erfolgsgeheimnis ist stets das Gleiche geblieben: trotz konservativ-katholischer Wurzeln eine unerhörte Wachheit und Neugier, all das gepaart mit einem gerüttelt Maß an sozialer Intelligenz. Die Fleisch gewordene Umsetzung des Prinzips Laptop und Lederhose.

Die Verbindungen, die er als Student aufzubauen und zu pflegen begann und die ihm den Start seiner Bankkarriere ermöglichten, waren angesichts dieser – durch und durch österreichischen – Qualitäten nur logische Konsequenz. Nach der 1968 mit Auszeichnung bestandenen Matura inskribiert Scharinger an der neu gegründeten Linzer Universität Sozialwirtschaft. Während in Paris die Studenten auf die Barrikaden steigen und in Wien die Aktionisten die Hörsäle verkoten, tritt Scharinger dem Cartellverband bei (Verbindung Austro-Danubia). Er bekommt den Verbindungsnamen „Wickerl“, innerhalb kurzer Zeit steigt er zum Vizechef der Studentenvertretung auf.

Nebenbei arbeitet er als studentische Hilfskraft am Institut für Agrarpolitik. In seiner 211-seitigen Dissertation analysiert er das „Personalverhalten und die Personalaufgaben in der Landwirtschaftskammer für Oberösterreich“. Heute trägt der größte Hörsaal der Uni Linz den Namen „Raiffeisen“. Ludwig Scharinger ist Vorsitzender des Unirates. Schon während des Studiums freundet sich Scharinger mit zwei Kollegen an, die heute an den Schalthebeln der Macht sitzen. Der eine ist ein Industriellensohn, der schon bald zu Höherem berufen werden wird. Sein Name: Christoph Leitl.

Der zweite heißt Helmut Kukacka, heute ÖVP-Staatssekretär im Infrastrukturministerium. Kukacka lebt seit Jahrzehnten im Linzer Stadtteil Sankt Magdalena mit Scharinger Hausmauer an Hausmauer. Die beiden Reihenhäuser stehen in einer Sackgasse, die Am Sonnenhang heißt und den besten Blick auf Linz bietet.

Kukacka will nicht über Ludwig Scharinger reden. Nachfragen sind zwecklos. Alles, was er über ihn zu sagen gedenke, habe er in seinem Beitrag zur Festschrift „Ludwig Scharinger – Vision und Wirklichkeit“, die anlässlich des sechzigsten Geburtstags des Generaldirektors vor drei Jahren erschien, niedergeschrieben.

Da steht zum Beispiel: „Durch seinen selbstbewussten, erfolgreichen Führungsstil besteht die Gefahr, dass er Kritik nicht mehr an sich heranlässt. Es gibt nur mehr wenige Leute, die in der Lage sind, ihm auch kritisch gegenüberzutreten. Machtbewusste und erfolgverwöhnte Menschen hören Kritik nur ungern. Das trifft wohl auch auf ihn zu.“

Dort blitzt wieder auf, was sich viele Menschen, die mit ihm Umgang pflegen, nur hinter vorgehaltener Hand zu sagen trauen – weil sie entweder feige sind oder sich vor seinem langen Arm fürchten: Scharinger, der begnadete Egomane, dessen Selbstdarstellung regelmäßig in Arroganz umschlägt. Aber es gibt noch eine andere Seite. „Immer, wenn er in der Gegend ist und Zeit hat, schaut er vorbei. Dann trinkt er ein Glas Milch mit etwas Salz und isst dazu ein Stück Brot“, sagt Friederike Scharinger, die Frau seines einzigen Bruders Josef, der in Arnreit geblieben ist.

Der 58-Jährige ist ein bisschen erschöpft. Er hat gerade gemeinsam mit dem Metzger eine Sau abgestochen. Josef Scharinger besitzt sechzig Rinder, davon zwanzig Milchkühe, und bewirtschaftet 35 Hektar Grund, was für gut 55 Fußballfelder reichen würde. Wenn sein Bruder heute heimkommt, reden sie über alles. Außer über Geschäfte. Fragen zu seinem Bruder beanwortet Josef Scharinger mit ernster Miene. Er ist vorsichtig geworden. Wenn er bei einer Versteigerung einen guten Preis für ein Kalb erzielt, muss er sich Sätze anhören wie: „Der hat es eh nicht notwendig, der bekommt das Geld eh vom Bruder.“

Die Leute können es nicht besser wissen. Es gibt schlicht kein Großprojekt in Oberösterreich, bei dem Ludwig Scharinger seine Finger nicht im Spiel hätte: ob Softwarepark in Hagenberg, Therme Geinberg, Landesdienstleistungszentrum oder geplantes Linzer Musiktheater. Bei mehr als 350 Projekten griff die RLB bisher der öffentlichen Hand in Form von Public-Private-Partnerships unter die Arme. Nur bei der schlussendlich 135 Millionen teuren Ebelsberger Umfahrung hatte der Landesrechnungshof offen Kritik geübt, weil seiner Ansicht nach Land Oberösterreich und Stadt Linz zu große Risiken eingegangen waren.

Ludwig Scharinger ficht derlei nicht an: „Ich habe den Eindruck, dass manches vom Landesrechnungshof nicht verstanden wurde. Aber ich tu es denen auch nicht verübeln. Man kann ja nicht alles wissen. Vor allem, wenn man nur schnell hinschaut und einen Kontrollbericht anfertigen soll. Ich habe dann auch im Ausschuss gesagt: Mein Gott, wenn wir so langsam arbeiten täten, dann hätten wir die Kosten nicht halten können bei dieser Umfahrung.“

Laut seiner Frau Anneliese hat Scharinger es sich ab und an überlegt, Politiker zu werden. Durchgezogen hat er es nie. Er hat erkannt, dass er in seiner jetzigen Funktion mehr Macht hat, als sie jeder Landeshauptmann je haben könnte. Scharinger sagt: „Es freut mich, wenn ich den Politikern helfen kann, wenn ich Ihnen dort und da Ratschläge geben kann.“


SPECIAL: Interview mit Anneliese Scharinger



maus1Frage an die Maus
Wie mächtig ist die Raiffeisen?

Laut Raiffeisen-Homepage ist „nahezu jeder zweite Österreicher” Kunde bei Raiffeisen. Im Bilanzsummen-Ranking derNationalbank, das von der Bank Austria Creditanstalt AG angeführt wird, landeten im September 2005 mit der Raiffeisen Zentralbank AG (3.), der RLB Oberösterreich AG (7.) und der RLB Niederösterreich-Wien AG (10.) gleich drei Mitglieder der Raiffeisenfamilie in den Top Ten.

Die Bankengruppe ist in drei Stufen gegliedert: Das Fundament bilden 570 Raiffeisenbanken mit 2.190 Filialen, darüber steht in jedem Bundesland eine Raiffeisenlandesbank. Ausnahme: Wien und Niederösterreich teilen sich eine Landesbank. Als Dach fungiert die Raiffeisenzentralbank (RZB) in Wien mit Generaldirektor Walter Rothensteiner. Zur Revision und Beratung der Landesbanken und Großgenossenschaften gibt es den Raiffeisenverband mit Christian Konrad an der Spitze. Dazu kommen 100 Lagerhausgenossenschaften, 150 sonstige Milchverwertungsgenossenschaften, 15 Molkereien und 700 weitere Genossenschaften.

Urvater Friedrich Wilhelm Raiffeisen war Bürgermeister von mehreren Orten in Rheinland-Pfalz, als er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Darlehenskassenvereine gründete, um die Bauern bei Missernten vor Kredithaien zu schützen.

In Österreich wurde 1886 in Mühldorf in der Wachau die erste Raiffeisenkasse gegründet. Heute ist Raiffeisen längst nicht mehr nur auf den ländlichen Raum und aufs Geldverleihen abonniert, sondern kümmert sich auch um Industrie- sowie Auslandskunden. Zu den prominentesten Beteiligungen gehören: Uniqua-Versicherung, Bauholding Strabag, Mediamil-Komplex, NÖM und Inzersdorfer. Stolz ist die Raiffeisen, für die Sportler wie Hermann Maier und Markus Rogan die Werbetrommel rühren, noch immer auf genossenschaftliche Grundpfeiler wie Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Nachhaltigkeit. Bleibt die Frage nach der Bedeutung des Logos, das ein schwarzes Giebelkreuz auf einem gelben Quadrat zeigt: Das Giebelkreuz wurde früher am Dachgiebel zum Schutz der Bewohner vor Gefahren montiert.


Bisher in der Reihe "Österreichische Wege" erschienen:

Bernhard Lang
Der lange Atem

Christian Fiala
Der Missionar

Willi Langthaler
Freier Radikaler

Thomas Brezina
Kinderarbeiter

Markus Rogan
Angst vor Erbsen

Elke Krystufek
Freikörperkünstlerin

Georg Zellhofer
Lichtgestalt

Franz Prenner
Der Fernsehbauer

Hans Mahr
Die Nummer zwei

Wolfgang Rosam
Der Wolfgang, der nicht schweigt

Heide Schmidt
Die Freiheit, die sie meint

Anton Polster
Polstergeist

Josef Kalina
Der Verkäufer Joe

Georg Sporschill
Menschenfischer

Margit Schmidt
Die Denkmalpflegerin



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