DER PRINZ … trifft Bernhard Rieder
Bernhard Rieder will im Speerwurf bei Olympia 2008 antreten. Sonst hat der junge Haubenkoch nicht viele andere Sorgen.
Foto: Teresa Zötl
Am Tag danach habe ich ein Loch in meiner Hose, eine kleine Wunde auf der Hand und soll mit H. laufen gehen. Vielleicht erst um 15 statt schon um 13 Uhr, smse ich ihm. Kein Problem, antwortet er, alles klar. Bei mir nicht. Doch immerhin bleiben noch zwei Stunden Schlaf, bis das andere Telefon läutet, wie in den letzten Tagen öfter. Der Festnetzanschluss, von dem eigentlich nur wenige die Nummer haben. Hob ich dann ab, war meist nur ein Atmen in meinem Ohr. Ich hebe nicht ab, bleibe liegen.
Da fällt mir ein, dass ich in der Früh X. aus dem Taxi angerufen habe. X. heißt eigentlich A., doch da sie vergangenen Winter an unserem ersten Morgen nur einen Zettel mit ihrer Nummer auf dem Esszimmertisch hinterlassen hatte, nicht jedoch ihren Namen, den ich mir angesichts der Stunden davor merken hätte sollen, heißt sie in meinem Handy immer noch X. Erneut läutet das Festnetztelefon. X. hat die Nummer nicht. Nach dem heutigen Morgen ist das auch gut. Währenddessen wälzen sich Sätze und Überlegungen durch meinen Kopf, wie ich die Kolumne über das Treffen mit Bernhard Rieder beginnen könnte. Nur leider mag meine Hand nicht und nicht zum Stift und jenen Notizzetteln greifen, die für solche Einfälle immer in Bettnähe liegen.

Vielleicht auch, da mir vorkommt, gerade die Olympiageschichte des Zwei-Hauben- Kochs nicht zum ersten Mal gehört zu haben. Ganz gleich, ob er wirklich versucht, im Speerwurf das Olympialimit für Peking zu schaffen, oder von seiner Überzeugung, gleich beim ersten Antreten eine Weite von 65 Meter erzielen zu können, nur erzählt, weil er sonst nichts preisgeben will. Doch auch das ist mir an diesem Morgen recht. Manchmal muss man nehmen, was man bekommt. Und schließlich ist es ja keine schlechte Geschichte, wenn ein bekannter junger Koch beim Österreichischen Leichtathletikverband anruft, um sich gratis als Mannschaftskoch anzubieten, weil er 2008 unbedingt nach China will. Das sei jedoch aufgrund bürokratischer Schwierigkeiten abgelehnt worden. Also habe er die Sekretärin gefragt, wie er denn sonst, ohne dafür zahlen zu müssen, nach Peking komme. Ganz einfach, indem er ein Olympialimit erbringe, sei die lapidare Antwort gewesen.
Worauf er sich auf der Stelle erkundigt habe, in welcher Disziplin die Österreicher derzeit am schwächsten seien. Im Speerwurf. Und Speerwurf, das sei angesichts seiner Konstitution doch die ideale Möglichkeit für ihn. Wogegen sich nichts sagen ließe. Zweifelhafter erschien da schon, dass er derzeit angeblich nur mit Holzlatten trainiere, um sich den Wurf mit einem richtigen Speer für die ersten offiziellen Versuche aufzuheben. Dass das Training am letzten Arbeitsplatz in der Krieau hingegen leichter gewesen sei als jetzt im Immofinanz-Turm am Wienerberg, leuchtet mir wiederum ein. Nur als er Stunden später mit ebensolcher Überzeugung behauptete, er laufe 25 Kilometer unter einer Stunde, war es vorbei mit meinem Glauben. Nicht weil er damit um einiges schneller wäre als ich; sondern weil es Weltrekord bedeuten würde. Was sonst geblieben ist?
Eigentlich nur, dass sein schwarzes Haarband das Strumpfband seiner derzeitigen Freundin ist. Jetzt läutet das Telefon wieder. Ich gehe ins Badezimmer, begutachte die Abschürfungen an den Fingern und entdecke zusätzliche blaue Flecken auf dem linken Handballen und dem rechten Knie. Doch wenn schon nicht zurück ins Erinnerungsvermögen, so lässt sich damit immerhin eine Verbindung vom Knie zum Loch in der Hose herstellen. Zurück im Wohnzimmer findet sich auf meinem Handy das Symbol eines unbeantworteten Anrufs: X. Ich rufe besser nicht zurück. Stattdessen fällt mir eine Frage ein, die Bernhard Rieder gestern der Fotografin gestellt hat: „Stehst auf Männer?“ Und während Rieders Frage anders gemeint war: Heute ist sie plötzlich grundsätzlich.
Martin Prinz ist Schriftsteller in Wien.
Bisher erschienen:
DER PRINZ … trifft Hermes Phettberg
DER PRINZ … trifft Claudia Unterweger
DER PRINZ … trifft Bernhard Rieder
DER PRINZ … trifft Laila Daneshmandi
DER PRINZ … trifft Peter Pilz
DER PRINZ … trifft Josef Hickersberger
Da fällt mir ein, dass ich in der Früh X. aus dem Taxi angerufen habe. X. heißt eigentlich A., doch da sie vergangenen Winter an unserem ersten Morgen nur einen Zettel mit ihrer Nummer auf dem Esszimmertisch hinterlassen hatte, nicht jedoch ihren Namen, den ich mir angesichts der Stunden davor merken hätte sollen, heißt sie in meinem Handy immer noch X. Erneut läutet das Festnetztelefon. X. hat die Nummer nicht. Nach dem heutigen Morgen ist das auch gut. Währenddessen wälzen sich Sätze und Überlegungen durch meinen Kopf, wie ich die Kolumne über das Treffen mit Bernhard Rieder beginnen könnte. Nur leider mag meine Hand nicht und nicht zum Stift und jenen Notizzetteln greifen, die für solche Einfälle immer in Bettnähe liegen.

Vielleicht auch, da mir vorkommt, gerade die Olympiageschichte des Zwei-Hauben- Kochs nicht zum ersten Mal gehört zu haben. Ganz gleich, ob er wirklich versucht, im Speerwurf das Olympialimit für Peking zu schaffen, oder von seiner Überzeugung, gleich beim ersten Antreten eine Weite von 65 Meter erzielen zu können, nur erzählt, weil er sonst nichts preisgeben will. Doch auch das ist mir an diesem Morgen recht. Manchmal muss man nehmen, was man bekommt. Und schließlich ist es ja keine schlechte Geschichte, wenn ein bekannter junger Koch beim Österreichischen Leichtathletikverband anruft, um sich gratis als Mannschaftskoch anzubieten, weil er 2008 unbedingt nach China will. Das sei jedoch aufgrund bürokratischer Schwierigkeiten abgelehnt worden. Also habe er die Sekretärin gefragt, wie er denn sonst, ohne dafür zahlen zu müssen, nach Peking komme. Ganz einfach, indem er ein Olympialimit erbringe, sei die lapidare Antwort gewesen.
Worauf er sich auf der Stelle erkundigt habe, in welcher Disziplin die Österreicher derzeit am schwächsten seien. Im Speerwurf. Und Speerwurf, das sei angesichts seiner Konstitution doch die ideale Möglichkeit für ihn. Wogegen sich nichts sagen ließe. Zweifelhafter erschien da schon, dass er derzeit angeblich nur mit Holzlatten trainiere, um sich den Wurf mit einem richtigen Speer für die ersten offiziellen Versuche aufzuheben. Dass das Training am letzten Arbeitsplatz in der Krieau hingegen leichter gewesen sei als jetzt im Immofinanz-Turm am Wienerberg, leuchtet mir wiederum ein. Nur als er Stunden später mit ebensolcher Überzeugung behauptete, er laufe 25 Kilometer unter einer Stunde, war es vorbei mit meinem Glauben. Nicht weil er damit um einiges schneller wäre als ich; sondern weil es Weltrekord bedeuten würde. Was sonst geblieben ist?
Eigentlich nur, dass sein schwarzes Haarband das Strumpfband seiner derzeitigen Freundin ist. Jetzt läutet das Telefon wieder. Ich gehe ins Badezimmer, begutachte die Abschürfungen an den Fingern und entdecke zusätzliche blaue Flecken auf dem linken Handballen und dem rechten Knie. Doch wenn schon nicht zurück ins Erinnerungsvermögen, so lässt sich damit immerhin eine Verbindung vom Knie zum Loch in der Hose herstellen. Zurück im Wohnzimmer findet sich auf meinem Handy das Symbol eines unbeantworteten Anrufs: X. Ich rufe besser nicht zurück. Stattdessen fällt mir eine Frage ein, die Bernhard Rieder gestern der Fotografin gestellt hat: „Stehst auf Männer?“ Und während Rieders Frage anders gemeint war: Heute ist sie plötzlich grundsätzlich.
Martin Prinz ist Schriftsteller in Wien.
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