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Wolfram Eckert ist gerade einmal 24. Und mischt als DJ marfloW trotzdem schon seit Jahren erfolgreich im weltweiten Clubgeschehen mit. Wie ihm dabei geschieht, versteht der Kärntner nach wie vor nicht so recht.

Text: Gerhard Stöger
Fotografie: Martin Fuchs
Wolfram Eckert (DJ marfloW)Zwei Minuten vor dem vereinbarten Interviewtermin trifft eine SMS von Wolfram Eckert alias DJ marfloW ein. Ob man ihn ohne seine Micky-Maus-Maske denn erkennen würde, fragt er. Tatsächlich fällt der 24-Jährige im Café auch ohne die Identifikationshilfe seines Pressefotos sofort als der leicht wirr anmutende Typ auf, der da alleine vor seinem Laptop sitzt und nachmittags um zwei über sein Frühstück nachdenkt. Eine Stunde wollten wir uns Zeit nehmen, um über seine marfloW-Welt zu sprechen. Drei Stunden später ist der Gesprächsstoff noch immer nicht ausgegangen.
Mit dem typischen musikjournalistischen Frage-Antwort-Spiel hat das nur bedingt zu tun; aus einer Abschweifung heraus erzählt Eckert etwa schon nach wenigen Minuten offenherzig und detailgenau, wie seine Eltern einander einst kennen und lieben lernten. Coolness, wie sie im professionellen Nachtleben zum täglichen Geschäft gehört, geht in ihrer typischen Erscheinungsform definitiv anders. Fast hat es etwas Kindliches, wie er über die Dinge staunt, die sich da rund um ihn und sein Alter Ego marfloW ereignen, und wie er ohne jegliches Kalkül über diese Dinge spricht.

Das einflussreiche Online-Musikmagazin Pitchfork hat „I’ll Be By Your Side“ von Sally Shapiro, dem aktuellen Projekt seines Plattenlabels, Ende letzten Jahres auf Platz 27 der hundert besten Singles des Jahres 2006 gewählt; von der New Yorker Village Voice wurde Shapiros neues Album „Disco Romance“ mit einem euphorischen Artikel bedacht. Gleichzeitig ist marfloWs eigene neue Vinylmaxi „Boing, Boom, Jack“ jüngst beim renommierten deutschen Clubmusiklabel Gomma erschienen; für ein neues Album der Siebziger-Disco-Ikone Amanda Lear produziert er gerade ein Stück, und auch DJ-technisch geht es dahin: Am Tag nach dem Interview legt er in München auf, die Woche darauf in Berlin, wenige Tage später in Warschau. Ein professioneller Booker sorgt dafür, dass bei all der Nightlife-Action die Finanzen stimmen.

Einordnen und erklären kann Eckert das alles nicht so recht; aber er kann sich mit glänzenden Augen darüber freuen. „Ich bin kein wirklich talentierter Typ, aber ich habe scheißviel Glück“, sagt er, und da steckt zwar ein bisschen gar viel Understatement, aber auch eine gewisse Wahrheit drin. Eckerts Mutter ist 16 Jahre alt, als sein späterer Vater in ihr Leben tritt – in Klein St. Paul im Kärntner Görtschitztal, wohin es ihn seiner eigenen Mutter wegen verschlagen hatte; einer deutschen Ärztin, die über Umwege in der Kärntner Provinz gelandet war.

Das erste Treffen findet im Dorfmarkt statt. „Sie hat hinter der Wursttheke gearbeitet und gleich gemerkt, was da läuft“, erzählt Eckert die Kennenlernversion seiner Mutter. „Dieser Typ ist immer wieder ins Geschäft gekommen, hat blöd geschaut und ist lange bei den Regalen herumgestanden, ohne je etwas zu finden. Sie wurde dann schon immer rot, wenn er aufgetaucht ist, fand ihn aber lieb. Und so hat sie ihn irgendwann gefragt, ob sie ihm helfen kann, als er wieder einmal deppert bei einem Regal gestanden ist.“

Wolfram Eckert (DJ marfloW)

Die Reaktion von Eckerts Vater: Er läuft rot an – und fährt erst einmal zurück zu seiner Bildhauerlehre, nach Salzburg. Beim nächsten Kärntenbesuch liegt der Mut auf seiner Seite. Diesmal sagt sie nein. Ein halbes Jahr später klappt es schließlich doch. Nach einem komplikationsreichen Plot wie in einem Sonntagabend-Fernsehfilm sind die beiden ein Paar und landen in der zweiten Hälfte der Siebziger zum Hausbauen in St. Veit an der Glan. Nicht der schlechteste Ort, wenn es einen schon ins Kärntnerland verschlagen muss.

Knapp 13.000 Einwohner hat St. Veit heute, die Stadt strahlt eine gewisse ökonomische Vitalität aus, gewählt wird – Haider hin, Orangen her – traditionell rot, die absolute Mehrheit des SPÖ-Bürgermeisters scheint unantastbar. Klagenfurt ist nicht weit entfernt und Wien per direkte Südbahnanbindung in knapp vier Stunden erreichbar. Wolfram Eckert maturiert 2001 und zieht dann nach Wien, um eine Tontechnikerausbildung zu machen; seitdem lebt er in einer Ein-Zimmer- Altbauwohnung unweit vom Naschmarkt. Ein Bett hat darin Platz, ein Tisch, ein Computer, eine Stereoanlage, zwei Plattenregale, ein Synthesizer.

Die Boxen seiner Anlage fallen nicht nur durch ihren exzellenten Klang, sondern auch durch ihre außergewöhnliche Optik auf. Gebaut hat sie der Mann mit der Wurstthekenaffinität, der überhaupt schuld ist an marfloWs Liebe zur elektronischen Musik und ihn schon als Kind mit Künstlern wie Kraftwerk, Jean-Michel Jarre, Giorgio Moroder, David Bowie, Art Of Noise, Roxy Music und Kitaro vertraut machte.

„Papa war ein High-End-Freak und hat sich seine Boxen selber gebaut. Für meine Mama waren das aber nur schwarze Ungetüme, die sie nicht im Wohnzimmer haben wollte. Damit er seine Musik auch dort hören kann, fing er an, sie zu designen, wobei diese stylishen, ellipsenförmigen Boxen entstanden, die einen irrsinnigen Lärm gemacht haben. Da gab es nicht nur mit der Mama, sondern auch mit den Nachbarn immer wieder Streit – denen war’s zu laut, obwohl ihr Haus zwanzig Meter weit entfernt ist.“

Wolfram Eckert

Während alle Welt – auch St. Veit – Nirvana und den Folgen lauscht, setzt Eckert auf Papas Plattensammlung und den elektronischen Krawall damals aktueller Bands wie Prodigy. „Nirvana fand ich okay, aber dem Grunge-Lifestyle habe ich mich nie hingegeben. In St. Veit ging es damals nicht nur um die Liebe zur Musik, sondern Grunge hieß: Wir saufen uns tot und geben uns die Drogen. Ich habe aber noch nicht einmal geraucht, weil mir davon nur schwindlig wurde.“ Die Nikotinablehnung hält bis heute an und geht mit einer generellen Anti-Drogen-Praxis einher, wie sie für Vertreter des hedonistischen Nachtlebens nicht eben alltäglich ist: „Wenn ich trinke, haut es mich gleich um, und vom Kiffen bekomme ich Paranoia. Irgendwann habe ich in Chicago pures Weed geraucht. Für mich als Nichtraucher war das zuerst einmal viel angenehmer, aber nach ein paar Minuten habe ich Herzflattern bekommen und mich angespieben, das war’s dann.“

In einer Band spielt Eckert seine ganze Jugend lang nicht; stattdessen gibt’s – zumindest bis zum Beginn der Pubertät – klassischen Klavierunterricht. „Heute würde ich das weit mehr schätzen, aber wenn ich mit 13 einmal etwas anderes als Klassik spielen wollte, hat mir meine 72-jährige Klavierlehrerin ein Boogie-Woogie-Buch gegeben. Was auch nicht gerade cool war.“ Sein Instrument sollten ohnedies die zwei Plattenspieler werden. Ins Haus kommen sie über den Umweg eines weihnachtlichen Familieneklats. Eckerts Eltern stehen an jenem schicksalsträchtigen 24. Dezember romantisch vorm Christbaum und lauschen einer „Stille Nacht“-Schallplatte – bis der pubertierende Junior zum Gaudium seines älteren Bruders unvermittelt auf die Platte greift und zu scratchen versucht. „Es hat furchtbar geklungen: ‚Sti-i-i-i-i-le Nacht’. Papas Blick machte klar, dass ich das bleiben lassen soll. Aber wenn der große Bruder etwas cool findet, macht man es natürlich wieder.“

Nach dem dritten Griff auf den Plattenteller ist Schluss mit lustig und Eckert kassiert die erste und einzige Watschen seines Lebens. „Dann hörte man nur mehr die Haustür schlagen. Mein Bruder hat auch nicht mehr gelacht, Mama ist in die Küche verschwunden und ich bin plötzlich alleine vorm Christbaum gestanden und dachte nur noch: Scheiße, jetzt habe ich Weihnachten versaut.“ An der Haustür wartet er kleinlaut auf seinen Vater. Einer gegenseitigen Entschuldigung folgen eine tränenreiche Versöhnung und ein letztlich doch noch harmonisches Weihnachtsfest; ein Jahr später findet der Teenager zwei DJ-Turntables unterm Christbaum.

Auf den Plattentellern landen Papas alte Scheiben, aber auch neuer Elektronikstoff, den der spätere DJ via Mailorder aus dem Wiener Fachgeschäft Black Market bestellt. Das nötige Kleingeld dafür verdient er sich durch Ferialjobs als hausinterner Postbote bei der Raiffeisen Landesbank und als Hackler beim St. Veiter Holzfaserplattenwerk Funder; außerhalb der eigenen vier Wände legt Eckert aber nie auf.

Auch in Wien wäre der charmante Wirrkopf womöglich ein Bedroom-DJ geblieben, hätte ihn seine damalige Freundin nicht zur Anfertigung einer Mix-CD überredet, die umgehend zu einem Auftritt als „Newcomer“ in der FM4-Clubmusiksendung „La Boum de Luxe“ führt. „Sie fanden den Mix gut und wollten, dass ich live bei ihnen spiele. Übers dazugehörige Interview lachen sie bei FM4 heute noch. Die Fragen waren ganz simpel zu beantworten, und ich habe in meiner Aufregung immer die kürzeste Variante genommen und nur ja oder nein gesagt. Beim Auflegen habe ich gezittert, obwohl ich das Set zuhause genau trainiert hatte.“

Wolfram Eckert

Der erste Clubauftritt findet im Rahmen einer „Langen Nacht der Musik“ im Wiener Museumsquartier statt. Der junge Kärntner ist gemeinsam mit Klaus Biedermann gebucht, dem Entdecker von DJ Ötzi und Bruder der Wiener Plattendreher-Ikone DSL. „Er hatte aber nur ein Tascherl mit CDs dabei und ist gleich wieder gegangen, weil es keine CD-Player gab. Also habe ich weiter aufgelegt.“

Bei dieser Gelegenheit steht auch erstmals „marfloW“ auf dem Flyer. „Als sie mich fragten, was sie draufschreiben sollen, fiel mir nichts Besseres ein, als Wolfram rückwärts zu nehmen. Und da es schon einmal am Flyer stand, bin ich auch gleich dabei geblieben. Aber ich denke mir oft: Was für ein Scheißname, da muss sich doch jeder fragen, was das bloß für ein HipHop-Typ ist!“ Mit HipHop hat marfloW tatsächlich nichts am Hut. Seine Leidenschaft gehört entlegeneren Spielarten der elektronischen Musik wie Disco, Elektro, Achtzigerjahre-Italo-Sounds und alten Synthesizerproduktionen. Viele Platten aus seiner DJ-Tasche sind längst vergriffene Flohmarkt- oder Internetkäufe, wobei einzelne Maxisingles schon einmal achtzig Euro kosten können.

„Die meisten Leute, die sich für diese Musik interessieren, sind zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt. Mit denen habe ich in diversen Internetforen viel zu tun, aber die gehen die Sache ganz anders an. Sie zahlen auch so viel für rare Platten, bewahren sie aber in Luftschutzhüllen auf und sind für gewöhnlich nie in Clubs unterwegs. Ich bin da ein bisschen faul und habe die Platten auch nicht alphabetisch sortiert, sondern weiß nur ungefähr, was wo steht.“

Parallel zu seinen ersten öffentlichen DJ-Auftritten beginnt marfloW, das vom holländischen DJ und Produzenten I-f unter www.cbs.nu betriebene Internetradio Cybernetic Broadcasting System mit DJ-Mixes zu beliefern. I-f, eine zentrale Größe der europäischen Elektroszene, ist angetan und lässt sich beim Aufbau seiner Datenbank mit rarer Synthesizermusik helfen und den Wahlwiener neue Versionen alter Disco- und Synthiepoptitel basteln. „Es gibt viele tolle Discoproduktionen, die aber furchtbar werden, sobald der Gesang einsetzt. Da musst du die guten Teile dann eben am Computer verlängern und den Gesang herausschneiden.“

2004 verschlägt es marfloW nach New York, schuld daran ist eine Verkettung glücklicher Umstände. Auf einer Party hatte er zufällig die Wiener TechnoIkone Patrick Pulsinger wieder getroffen, die er nur Wochen zuvor kennen gelernt hatte. Pulsinger steht selbst kurz vor einem DJ-Ausflug nach New York – und nimmt das junge Talent kurzerhand als Co-DJ mit. Die ausgefallenen Platten des Kärntners kommen im Big Apple derart gut an, dass ihm gleich ein mehrmonatiges Fixengagement angeboten wird. Letztlich dauert das Abenteuer New York ein halbes Jahr, marfloW legt in dieser Zeit bis zu viermal pro Woche in unterschiedlichen Szeneschuppen auf und zählt internationale Popgrößen wie Björk sowie die Modeschickeria der Stadt zu seinen Gästen.

„Da habe ich halt alle möglichen Leute kennen gelernt“, meint er. „Meine komische Musik war das eine, aber ich bin dort wohl einfach als Paket ganz gut angekommen. Durch meine teils arge Kleidung und so. New York war super, in seiner extremen Oberflächlichkeit aber auch komisch. Auf alle Fälle hat mir die Zeit dort sehr geholfen, die elektronische Musik und das ganze Partygeschehen etwas lockerer zu sehen. Wäre ich in Wien geblieben, wäre ich heute vermutlich technisch perfekter und als DJ cooler und anspruchsvoller unterwegs. In New York sind der Spaßfaktor und die Party als solche aber weit wichtiger als die neuesten, ärgsten Platten.“

Zurück in Österreich hat marfloW diverse alte Ikonen und junge Styler neu in seinem Adressbuch stehen und beginnt, diese im Rahmen seiner trashig-leidenschaftlichen Partys unter dem Titel „Electro-Nix Gang Bang“ nach Wien einzuladen. Von etablierten Clubs bis zum Partykeller einer Pizzeria werden unterschiedlichste Orte bespielt – mit Folgen: Noch heute zählen die unregelmäßig abgehaltenen „Electro Nix Gang Bang“-Abende zu den buntesten Hunden im Wiener Partygeschehen.

Wolfram Eckert

Mitte 2005 wächst die marflow-Welt um das Plattenlabel Diskokaine und der DJ wird selbst zum Musikproduzenten. Die Debütveröffentlichung „Lick The Alphabet“ entsteht gleich einmal in Kooperation mit Concetta Kirschner alias Princess Superstar, die als Rapperin, Plattendreherin und Performerin seit Jahren zu den markantesten Figuren der New Yorker Musikszene gehört. Regie führt einmal mehr der Zufall. „Ich hatte ihr die Rohversion einer Produktion gegeben, die sie selbst dann immer aufgelegt und auch anderen DJs weitergegeben hat.“

So kommt es, dass marfloW bei einem Wienbesuch des belgischen DJ-Duos The Glimmers im Club seinen eigenen unfertigen Track vorgespielt bekommt. Princess Superstar hilft ihrem Wiener Kumpel in der Folge nicht nur durch ihren Gesangsbeitrag, sondern auch durch ihren prominenten Namen weiter; mit der fertigen Platte im Gepäck ziehen die beiden durch Europa und Amerika. „Seit ich so viel herum komme, bin ich irgendwie viel fauler geworden“, sagt marfloW, der sich heute als Gelegenheitsstudent an der Wiener Akademie für bildende Kunst herumtreibt.

„Letztlich ist das einfach ein Adrenalindings. Unter Druck mixt man nicht nur schneller, sondern auch besser. Und am Anfang war ich halt immer unter Druck – egal wie viele Leute da waren und wie die Party gelaufen ist.“

Wolfram EckertOb sich die unterschiedlichen Städte durch ein unterschiedliches Publikum auszeichnen? „Auf alle Fälle. In Berlin gehen die Leute immer voll ab. Aber ich halte es überhaupt nicht aus, wie die drauf sind. Manche stellen sich extra den Wecker auf sieben in der Früh, um dann erst wegzugehen. Wenn ich bis sechs auflege, will ich anschließend aber heim und zu keiner Afterhour, wo ich wegbreche, während die anderen Party machen. Und jeder ist Künstler in Berlin, kommt mir vor. Partykünstler halt. Warschau ist immer wieder fantastisch. Die scheinen diese Musik dort noch viel mehr zu schätzen und trinken obendrein nur Wodka. Und wenn du hochprozentig unterwegs bist, bist du einfach anders drauf, als wenn du den ganzen Abend Bier saufst. In New York ist es öfters passiert, dass beim Auflegen jemand kam und mir kein Getränk gab, sondern eine Line hingelegt hat und zwinkernd wieder gegangen ist.“

Hinter Sally Shapiro, dem aktuellen Projekt seines Labels Diskokaine, steckt wiederum keine Party-, sondern eine Internetbekanntschaft. In einem Spezialistenforum lernt marfloW Johan Age-björn kennen, einen schwedischen Synthiemusik-Liebhaber. Die beiden vereinbaren eine Zusammenarbeit und liefern gemeinsam ein Musterbeispiel für die Produktion elektronischer Popmusik im Zeitalter globaler Vernetzung sowie allgemeiner Verfügbarkeit von Produktionsmitteln und popkulturellem Wissen. Aus Schweden kommt ein an sich fertiger, aber noch nicht ganz richtig klingender Song gemailt, in Wien wird er auf die vereinbarte Soundästhetik getrimmt. Unterm Weihnachtsbaum merkt Agebjörn dann, mit seiner Freundin eine passable Sängerin zur Hand zu haben. Sie steuert den unschuldig gehauchten Gesang bei, und fertig ist das wunderbar melancholische Tanzbodenrührstück „I’ll Be By Your Side“, das als Vinylmaxisingle in einer Auflage von gerade einmal 500 Stück erscheint.

Persönlich trifft sich das Trio hinter Sally Shapiro auch während der Produktion des Albums „Disco Romance“ nie, die Kommunikation verläuft wie der künstlerische Austausch ausschließlich übers Netz. „Wir haben uns an alten Italo-Projekten orientiert, wo mit italienischem Akzent auf Englisch davon gesungen wird, mit dem Cadillac durch Beverly Hills zu kurven, du beim Hören aber sofort weißt: Der Typ war noch nie in Beverly Hills. In Wirklichkeit gibt es natürlich keine Sally Shapiro. Johans Freundin heißt anders, studiert Biologie, ist gerade schwanger und hatte vor der Plattenaufnahme noch nie professionell gesungen.“ Auf dem stilgetreu gestalteten Retro-Plattencover ist im Gegensatz zu vielen Italo-Vorbildern aber tatsächlich dieselbe Frau zu sehen, die man auch auf der Platte hört. „Wäre es nach uns gegangen, hätten wir da irgendein sexy Bunny draufgegeben, sie wollte aber nun einmal unbedingt am Cover sein.“

Sally ShapiroWie er die Platte, auf die es medial bisher nur positive Reaktionen gab, im größeren Stil unter die Leute bringen soll, weiß der Labelmacher nicht wirklich. Sein bisheriger Vertrieb Clone bedient einen globalen Nischenmarkt, ist für den Popbereich aber nicht gewappnet. Ben Watt vom britischen Popduo Everything But The Girl hat bereits Interesse bekundet, „Disco Romance“ in England und Amerika für sein eigenes Label Buzzin’ Fly Records zu lizensieren. Eckert träumt aber von einem Majordeal, durch den sich das Phantom Sally Shapiro global aufbereiten lässt.

„Im Endeffekt entwickelt es sich eh von selbst, wenn es wirklich gut ist“, meint er, einmal mehr auf sein Glück vertrauend. Gegenwärtig arbeitet marfloW schon wieder an neuer Musik. Stilistisch würde sich darin seine neu entdeckte Leidenschaft für frühe Technoproduktionen niederschlagen, sagt er. „Sally Shapiro lässt sich nicht mehr toppen. Ich habe gerade auch gar keine Lust auf so viel Melodien, sondern möchte es eher düster und geradlinig, eventuell auch mit einem gewissen Industrial-Einschlag.“

Seinen Eltern hat Eckert den in Arbeit befindlichen neuen Track beim letzten Kärntenbesuch bereits vorgespielt. Der Vater hat ihn für gut befunden und eine deutliche Verlängerung der zur Steigerung der Dynamik eingebauten Unterbrechung der Musik – im Fachsprech „Break“ genannt – angeregt; die Mama hat das Ergebnis aber nicht wirklich goutiert: „Sie dachte beim Hören, der Song sei schon aus. Daraufhin haben Papa und ich das Break wieder etwas kürzer gemacht.“

Wirkliche Vorbilder hat der 24-Jährige keine; Respekt nötigt ihm aber Stuart Price alias Jacques Le Cont ab („Ein Wahnsinnsproducer!“). Price ist noch keine 30 und feiert trotzdem sowohl als Musiker (Zoot Woman, Les Rhythmes Digitales) wie als Studiofuchs schon seit Jahren große Erfolge. Dabei schafft der Brite problemlos den Spagat zwischen Kommerz und Credibility und arbeitet obendrein auch noch seit einiger Zeit als Produzent und musikalischer Direktor für Madonna. Wie marfloW selbst auf eine Anfrage des größten lebenden Popstars unserer Zeit reagieren würde?

„Ich würde sofort ja sagen, aber auch gleich erklären, dass meine Produktionen nicht annähernd so fett klingen, wie sie es gewohnt ist. Bei mir klingt es eher“, und dann bricht er den Satz kurz ab, um ihn grinsend zu vollenden, „viele sagen charmant.“ Angst haben würde er vor der Überikone Madonna also nicht? „Natürlich würde ich mich anscheißen. Aber das habe ich vor meinem ersten Auftritt bei FM4 damals auch getan.“



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