Johann Skoceks Aussenspiegel
Der surrealistische Polster
21.000 US-Amerikaner werden zusätzlich zu den dort kämpfenden Truppen in den Irak geschickt. Das ist ungefähr die erwachsene Bevölkerung von Wiener Neustadt, wo Österreichs Militärakademie zuhause ist. Im Februar 1967 veröffentlichten Jefferson Airplane ihr zweites Album „Surrealistic Pillow“. Die Musik machte die Atmosphäre von San Francisco zu einem Exportartikel. Jefferson Airplane bereiteten den Summer of Love 1967 vor und den Boden für Bands wie Creedence Clearwater Revival, Grateful Dead, Sly & The Family Stone, Santana, Big Brother & The Holding Company (Leadsängerin: Janis Joplin) und Quicksilver Messenger Service. Wer sich der Autorität des Rhythm’n’Blues und des Rock’n’Roll nicht unterwerfen wollte, fiel dem hypnotisierenden Einfluss dieser insistierend schmeichelnden Stimme Amerikas zum Opfer.
Auf diesem Polster ließ sich die Welt für fast ein Jahrzehnt entspannt nieder, bis 1975 der letzte US-Helikopter aus Vietnam abflog. Die Welt erwachte und erkannte, dass die USA nicht nur den Vietnamkrieg, sondern auch in den Augen der Kinder ihre Unschuld verloren hatten. Viele Jahre und die Unterstützung vieler Unrechtsregimes später interveniert die letzte verbliebene Großmacht auf dem Boden von Henry Kissingers Theorie des „begrenzten Krieges“ und des Supremats der USA, die allein das Chaos der Diplomatie beseitigen könnten, wo und wie und wann sie wollen. Und zwar eigener Meinung nach zu Recht.Der Klang der fremden Stimme ist ein Teil von uns; wer in den Fünfzigern geboren wurde, hörte mehr auf John Lennon und Mick Jagger als auf die Eltern. Lennon ist tot, Jagger ein alter Hampelmann, aber die Show funktioniert noch immer.
Die USA sind die Welt in der Welt, diese hermetische Illusion konnte nicht einmal George W. Bush beenden. Auch seine schärfsten Kritiker sind mit ihm der Meinung, dass Amerika (in den Augen der USA sind die USA Amerika, nicht bloß ein Teil davon) der Welt einen entscheidenden Schritt voraus ist: Es sagt selbst, was los und zu tun ist. Doch es fehlt nicht an Nachahmern. Deutschlands Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) hat ein Gesetz propagiert, das die Leugnung des Holocaust in allen EU-Staaten unter Strafe stellt. Auf dem surrealistischen Polster des Verbots soll Europa den Wahn ausschlafen und mit der Vernunft aufwachen. Die „Endlösung der Judenfrage“, die Vernichtung von Millionen aus „rassischen“ Gründen in den Lagern des deutschen Nazi-Regimes ist ein singuläres Verbrechen. Es muss die Aufgabe jeder Regierung sein, die Fakten nie mehr leugnen zu lassen.
Der britische Publizist und Historiker Timothy Garton Ash hat in der Zeitung Guardian die Frage aufgeworfen, ob so ein zweifellos gut gemeintes Gesetz tatsächlich die Vernunft und Wahrheit befördere oder vielmehr Holocaust-Leugner wie den in Österreich verurteilten David Irving zu Märtyrern der Meinungsunfreiheit hochstilisiere. Was würde es bringen, die Trunkenheitsrülpser von Mel Gibson, Juden seien für alle Kriege in der Welt verantwortlich, strafrechtlich zu verfolgen? Und würden nicht Russen und Balten, die unter Stalins Säuberungen litten, sich über Doppelmoral beklagen und ähnliche Gesetze einfordern? Und die Armenier, die von den Türken dezimiert wurden? Die Indianer, die von den weißen Siedlern Amerikas nahezu ausgerottet wurden?
Ash warnt vor dem nanny state, der den Bürger wie ein Kindermädchen behütet und ihm die Mühe und das Risiko der verantwortlichen Lebensführung in Freiheit abnimmt. Die Einschränkung der Bürgerrechte im Namen der Sicherheit und Terrorbekämpfung sei im Gefolge der Anschläge vom 11. September 2001 eine international übliche Praxis geworden, da sei die Beschneidung der Redefreiheit das Letzte, was sinnvoll sei. Nicht Gesetze gegen die Freiheit der Meinung seien gefragt, zitiert Ash den früheren Generalstaatsanwalt von Indien, Soli Sorabjee, sondern mehr freier Diskurs, um Bigotterie zu bekämpfen und Toleranz zu befördern.
Doch kann sich gerade der demokratisch verwaltete Staat die Freiheit erlauben, den Gurkendieb beim Billa einzusperren, aber den Verhöhner der Opfer von Auschwitz und der Würde der Nachgeborenen strafrechtlich ungeschoren zu lassen? Die Bilder aus der burschikosen Vergangenheit von Heinz-Christian Strache erinnern daran, wie nah die FPÖ beim Rechtsradikalismus angesiedelt ist.
Was ist zu tun, wenn die freie Auseinandersetzung nicht lebt, die argumentative Bewegungsfreiheit in vielen gesellschaftlichen Bereichen vielmehr von Tabus eingeschränkt wird? Wenn Hermann Nitsch Tiere schlachtet, um ihre Kadaver im Burgtheater aufzuhängen, erstickt jede Diskussion darüber in der Drohung, Widerspruch gefährde die Freiheit der Kunst. Wenn Bernd Marin die Erhöhung des Pensionsalters fordert, hört sich jede Debatte darüber angesichts der leeren Kassen auf. Aber wer bringt die Seite der Staatseinnahmen zur Sprache? Die beginnende Auseinandersetzung um die höhere Besteuerung der Gutverdienenden und die Einführung der Vermögenssteuer wird gerade von so genannten Liberalen mit dem (auf das eigene Geldbörsel schielenden) Reflex erstickt, der „Anti-Reiche-Reflex“ sei ungustiös.
Die öffentliche Meinung sitzt auf einem bequemen Polster der Meinungsverführung, und wenn es fad wird, lehnt sich der Medienkonsument zurück und erinnert sich an die heroische Zeit der Befreiungskriege gegen Kirche, Kommunismus und Kolonialismus. George W. Bush ist der letzte Profiteur dieser Stimmung, an seiner Person und Politik wird deutlich, dass die alten Platten endgültig abgespielt sind. Es wird Zeit, sich vom Polster zu erheben und mit einer neuen Bewegung anzufangen.
Bisher erschienene Aussenspiegel finden Sie hier.
Auf diesem Polster ließ sich die Welt für fast ein Jahrzehnt entspannt nieder, bis 1975 der letzte US-Helikopter aus Vietnam abflog. Die Welt erwachte und erkannte, dass die USA nicht nur den Vietnamkrieg, sondern auch in den Augen der Kinder ihre Unschuld verloren hatten. Viele Jahre und die Unterstützung vieler Unrechtsregimes später interveniert die letzte verbliebene Großmacht auf dem Boden von Henry Kissingers Theorie des „begrenzten Krieges“ und des Supremats der USA, die allein das Chaos der Diplomatie beseitigen könnten, wo und wie und wann sie wollen. Und zwar eigener Meinung nach zu Recht.Der Klang der fremden Stimme ist ein Teil von uns; wer in den Fünfzigern geboren wurde, hörte mehr auf John Lennon und Mick Jagger als auf die Eltern. Lennon ist tot, Jagger ein alter Hampelmann, aber die Show funktioniert noch immer.
Die USA sind die Welt in der Welt, diese hermetische Illusion konnte nicht einmal George W. Bush beenden. Auch seine schärfsten Kritiker sind mit ihm der Meinung, dass Amerika (in den Augen der USA sind die USA Amerika, nicht bloß ein Teil davon) der Welt einen entscheidenden Schritt voraus ist: Es sagt selbst, was los und zu tun ist. Doch es fehlt nicht an Nachahmern. Deutschlands Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) hat ein Gesetz propagiert, das die Leugnung des Holocaust in allen EU-Staaten unter Strafe stellt. Auf dem surrealistischen Polster des Verbots soll Europa den Wahn ausschlafen und mit der Vernunft aufwachen. Die „Endlösung der Judenfrage“, die Vernichtung von Millionen aus „rassischen“ Gründen in den Lagern des deutschen Nazi-Regimes ist ein singuläres Verbrechen. Es muss die Aufgabe jeder Regierung sein, die Fakten nie mehr leugnen zu lassen.
Der britische Publizist und Historiker Timothy Garton Ash hat in der Zeitung Guardian die Frage aufgeworfen, ob so ein zweifellos gut gemeintes Gesetz tatsächlich die Vernunft und Wahrheit befördere oder vielmehr Holocaust-Leugner wie den in Österreich verurteilten David Irving zu Märtyrern der Meinungsunfreiheit hochstilisiere. Was würde es bringen, die Trunkenheitsrülpser von Mel Gibson, Juden seien für alle Kriege in der Welt verantwortlich, strafrechtlich zu verfolgen? Und würden nicht Russen und Balten, die unter Stalins Säuberungen litten, sich über Doppelmoral beklagen und ähnliche Gesetze einfordern? Und die Armenier, die von den Türken dezimiert wurden? Die Indianer, die von den weißen Siedlern Amerikas nahezu ausgerottet wurden?
Ash warnt vor dem nanny state, der den Bürger wie ein Kindermädchen behütet und ihm die Mühe und das Risiko der verantwortlichen Lebensführung in Freiheit abnimmt. Die Einschränkung der Bürgerrechte im Namen der Sicherheit und Terrorbekämpfung sei im Gefolge der Anschläge vom 11. September 2001 eine international übliche Praxis geworden, da sei die Beschneidung der Redefreiheit das Letzte, was sinnvoll sei. Nicht Gesetze gegen die Freiheit der Meinung seien gefragt, zitiert Ash den früheren Generalstaatsanwalt von Indien, Soli Sorabjee, sondern mehr freier Diskurs, um Bigotterie zu bekämpfen und Toleranz zu befördern.
Doch kann sich gerade der demokratisch verwaltete Staat die Freiheit erlauben, den Gurkendieb beim Billa einzusperren, aber den Verhöhner der Opfer von Auschwitz und der Würde der Nachgeborenen strafrechtlich ungeschoren zu lassen? Die Bilder aus der burschikosen Vergangenheit von Heinz-Christian Strache erinnern daran, wie nah die FPÖ beim Rechtsradikalismus angesiedelt ist.
Was ist zu tun, wenn die freie Auseinandersetzung nicht lebt, die argumentative Bewegungsfreiheit in vielen gesellschaftlichen Bereichen vielmehr von Tabus eingeschränkt wird? Wenn Hermann Nitsch Tiere schlachtet, um ihre Kadaver im Burgtheater aufzuhängen, erstickt jede Diskussion darüber in der Drohung, Widerspruch gefährde die Freiheit der Kunst. Wenn Bernd Marin die Erhöhung des Pensionsalters fordert, hört sich jede Debatte darüber angesichts der leeren Kassen auf. Aber wer bringt die Seite der Staatseinnahmen zur Sprache? Die beginnende Auseinandersetzung um die höhere Besteuerung der Gutverdienenden und die Einführung der Vermögenssteuer wird gerade von so genannten Liberalen mit dem (auf das eigene Geldbörsel schielenden) Reflex erstickt, der „Anti-Reiche-Reflex“ sei ungustiös.
Die öffentliche Meinung sitzt auf einem bequemen Polster der Meinungsverführung, und wenn es fad wird, lehnt sich der Medienkonsument zurück und erinnert sich an die heroische Zeit der Befreiungskriege gegen Kirche, Kommunismus und Kolonialismus. George W. Bush ist der letzte Profiteur dieser Stimmung, an seiner Person und Politik wird deutlich, dass die alten Platten endgültig abgespielt sind. Es wird Zeit, sich vom Polster zu erheben und mit einer neuen Bewegung anzufangen.
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