Shopocalypse now
Globalisierungskritik in Amerika sieht etwas anders aus als in Europa. Mit Gospelchor und Exorzismusübungen kämpft Reverend Billy in New York gegen den täglichen Konsumrausch – und gegen George W. Bush.

Text und Fotografie: Sebastian Heinzel
Bei seinem Gottesdienst verzichtet Reverend Billy auf Begrüßungen oder einleitende Worte: „Ihr seid alle Sünder!“, brüllt er vom Podium aus die Besucher an, die in der ehrwürdigen Halle der Cooper-Union-Schule in Downtown Manhattan Platz genommen haben. „Die Shopokalypse steht bevor!“, warnt er, noch während der Gospelchor, in knallrote Roben gehüllt, die letzten Takte des Stop-Shopping-Songs singt. Reverend Billy trägt einen cremefarbenen Anzug und den steifen Kragen der Geistlichen.
Mit seinem zerfurchten, aber jugendlichen Gesicht und seinen blondierten Haaren, die im Ansatz längst dunkel nachwachsen, könnte er leicht als Bandmitglied der Toten Hosen durchgehen. Und so ähnlich benimmt er sich in den folgenden zwei Stunden auch: Er steppt, tanzt, tobt von links nach rechts über die Bühne und wieder zurück, wirft die Arme hoch, ruft seine Botschaften hinaus und schüttelt Schweißperlen von sich. „Starbucks ist der Teufel!“, schreit er mit verzerrtem Gesicht. Willkommen bei der „Church of Stop Shopping“.
Die Zuschauer applaudieren und biegen sich vor Lachen. Alle wissen, dass Reverend Billy kein echter Geistlicher ist, sondern ein Performancekünstler namens Bill Talen, der ursprünglich aus South Dakota stammt. Der Kämpfer gegen Konsum, Kaufhausketten und Konzerne gehört seit mittlerweile zehn Jahren zum fixen Inventar von New York City: Mal predigt er an einer Straßenecke im East Village, mal besetzt er mit seinen Jüngern lautstark ein Kaufhaus, mal demonstriert er zu Fuß für mehr Fahrradwege. Auch verhaftet wird Reverend Billy immer wieder, was sich hervorragend für Märtyrerposen eignet.
Wenige Tage vor der Show las Reverend Billy in einem kleinen alternativen Buchgeschäft zwischen Werken von Noam Chomsky und „Ich habe abgetrieben“-T-Shirts aus seinen eigenen Büchern („Was würde Jesus kaufen?“).
„Hier in den USA sind wir konsumsüchtig. Mein Ziel ist es, den Konsum zumindest zu verlangsamen“, erklärte er anschließend im Gespräch. „Dazu habe ich mir die Methoden der Televangelisten angeeignet und sie ins Ironische verkehrt.“ Die Televangelisten, das sind jene Showprediger im Süden und Mittelwesten der USA, die mit ihren Erweckungsbotschaften über eigene Fernsehkanäle Millionen Amerikaner bannen – und Europäer, die zufällig über ihre jenseitigen Sendungen stolpern, in perplexem Unglauben zurücklassen.
Während die rechten Fernsehprediger die Macht haben, bisweilen sogar Wahlen zu entscheiden, scheint Reverend Billys Kampf gegen die Ausbreitung von Starbucks und Co aussichtslos. „Ich habe schon viele Schlachten verloren“, lächelt er gequält. „Es ist Donquixoterie, ein Kampf gegen Windmühlen.“ Heute sind mehr als 300 Menschen Reverend Billys Ruf in die Cooper-Union-Halle gefolgt. Gerne haben sie zehn Dollar Eintritt bezahlt, um dem alltäglichen Kaufrausch auf New Yorks Straßen zu entkommen und hier das Fest der Verweigerer zu feiern, den Gottesdienst der Atheisten.
Und Reverend Billy versteht sein Showgeschäft. Er pirscht durch das Publikum, auf der Suche nach dem Bösen. Ein Pärchen in der zweiten Reihe lässt seine Starbucks-Becher gerade noch rechtzeitig verschwinden, da ist der Prediger schon fündig geworden: Im T-Shirt-Label eines kurzhaarigen Mädchens steht „Made in China“. „Ahh, ein Produkt aus einem Sweatshop in einem Billiglohnland“, triumphiert er und schreitet umgehend zum Exorzismus. Er legt ihr die Hand auf, sein Gesicht verformt sich zur Grimasse, der hypnotische Singsang des Chors steigert sich zu einem dramatischen Höhepunkt – und Reverend Billy stürzt, von wilden Zuckungen durchpeitscht, zu Boden. Mehrere Chormitglieder werfen sich auf ihn, um ihn zu bändigen, das Publikum quietscht vor Vergnügen.
Auch im Rahmen seiner jüngsten Kampagne betreibt Reverend Billy Exorzismus – und zwar an den Kassen der Unterwäschekette Victoria’s Secret. Die versendet jeden Tag eine Million Kataloge. „Das Holz für das Papier stammt aus kanadischen Urwäldern“, sagt er. Der polternde Pater und seine Jünger sorgen seit Monaten mit Teufels- austreibungen für Chaos in den Filialen und Verlegenheit in der Konzernchefetage. Bei seiner Show wartet Reverend Billy nun mit einer Überraschung auf: „Victoria’s Secret hat verkündet, dass sie schon in den kommenden Monaten mit dem Abholzen von Urwäldern aufhören werden“, verkündet er. „Und in einem Jahr sollen ihre Kataloge aus achtzig Prozent Altpapier bestehen! Ich bin selbst völlig verblüfft!“ Das Kirchenvolk jubelt und applaudiert.
Doch schon redet sich Reverend Billy wieder in Rage, selbst Chor und Band hören seiner Predigt gebannt zu. Eine verzweifelte Rede gegen den Irakkrieg, das „zweite, so unnötige Vietnam“, bricht aus ihm heraus und die Zuhörer fiebern nun mit. Zustimmende Rufe schallen nach vorne auf die Bühne, die Distanz zum Evangelisten ist aufgehoben, die Ironie verschwunden. Und als Reverend Billy zum Schluss die Heilsbotschaft verkündet und das Ende von George W. Bushs Schreckensherrschaft prophezeit – „Peacellujah!!!“ –, da ist das ganze Publikum auf den Beinen und wippt euphorisiert und jubelnd mit dem Stop-Shopping-Chor mit. Wäre draußen vor der Tür nicht New York – der Unterschied zu einer Baptistenmesse im tiefen Süden wäre kaum noch zu erkennen.
Mit seinem zerfurchten, aber jugendlichen Gesicht und seinen blondierten Haaren, die im Ansatz längst dunkel nachwachsen, könnte er leicht als Bandmitglied der Toten Hosen durchgehen. Und so ähnlich benimmt er sich in den folgenden zwei Stunden auch: Er steppt, tanzt, tobt von links nach rechts über die Bühne und wieder zurück, wirft die Arme hoch, ruft seine Botschaften hinaus und schüttelt Schweißperlen von sich. „Starbucks ist der Teufel!“, schreit er mit verzerrtem Gesicht. Willkommen bei der „Church of Stop Shopping“.
Die Zuschauer applaudieren und biegen sich vor Lachen. Alle wissen, dass Reverend Billy kein echter Geistlicher ist, sondern ein Performancekünstler namens Bill Talen, der ursprünglich aus South Dakota stammt. Der Kämpfer gegen Konsum, Kaufhausketten und Konzerne gehört seit mittlerweile zehn Jahren zum fixen Inventar von New York City: Mal predigt er an einer Straßenecke im East Village, mal besetzt er mit seinen Jüngern lautstark ein Kaufhaus, mal demonstriert er zu Fuß für mehr Fahrradwege. Auch verhaftet wird Reverend Billy immer wieder, was sich hervorragend für Märtyrerposen eignet.
Wenige Tage vor der Show las Reverend Billy in einem kleinen alternativen Buchgeschäft zwischen Werken von Noam Chomsky und „Ich habe abgetrieben“-T-Shirts aus seinen eigenen Büchern („Was würde Jesus kaufen?“).
„Hier in den USA sind wir konsumsüchtig. Mein Ziel ist es, den Konsum zumindest zu verlangsamen“, erklärte er anschließend im Gespräch. „Dazu habe ich mir die Methoden der Televangelisten angeeignet und sie ins Ironische verkehrt.“ Die Televangelisten, das sind jene Showprediger im Süden und Mittelwesten der USA, die mit ihren Erweckungsbotschaften über eigene Fernsehkanäle Millionen Amerikaner bannen – und Europäer, die zufällig über ihre jenseitigen Sendungen stolpern, in perplexem Unglauben zurücklassen.
Während die rechten Fernsehprediger die Macht haben, bisweilen sogar Wahlen zu entscheiden, scheint Reverend Billys Kampf gegen die Ausbreitung von Starbucks und Co aussichtslos. „Ich habe schon viele Schlachten verloren“, lächelt er gequält. „Es ist Donquixoterie, ein Kampf gegen Windmühlen.“ Heute sind mehr als 300 Menschen Reverend Billys Ruf in die Cooper-Union-Halle gefolgt. Gerne haben sie zehn Dollar Eintritt bezahlt, um dem alltäglichen Kaufrausch auf New Yorks Straßen zu entkommen und hier das Fest der Verweigerer zu feiern, den Gottesdienst der Atheisten.
Und Reverend Billy versteht sein Showgeschäft. Er pirscht durch das Publikum, auf der Suche nach dem Bösen. Ein Pärchen in der zweiten Reihe lässt seine Starbucks-Becher gerade noch rechtzeitig verschwinden, da ist der Prediger schon fündig geworden: Im T-Shirt-Label eines kurzhaarigen Mädchens steht „Made in China“. „Ahh, ein Produkt aus einem Sweatshop in einem Billiglohnland“, triumphiert er und schreitet umgehend zum Exorzismus. Er legt ihr die Hand auf, sein Gesicht verformt sich zur Grimasse, der hypnotische Singsang des Chors steigert sich zu einem dramatischen Höhepunkt – und Reverend Billy stürzt, von wilden Zuckungen durchpeitscht, zu Boden. Mehrere Chormitglieder werfen sich auf ihn, um ihn zu bändigen, das Publikum quietscht vor Vergnügen.
Auch im Rahmen seiner jüngsten Kampagne betreibt Reverend Billy Exorzismus – und zwar an den Kassen der Unterwäschekette Victoria’s Secret. Die versendet jeden Tag eine Million Kataloge. „Das Holz für das Papier stammt aus kanadischen Urwäldern“, sagt er. Der polternde Pater und seine Jünger sorgen seit Monaten mit Teufels- austreibungen für Chaos in den Filialen und Verlegenheit in der Konzernchefetage. Bei seiner Show wartet Reverend Billy nun mit einer Überraschung auf: „Victoria’s Secret hat verkündet, dass sie schon in den kommenden Monaten mit dem Abholzen von Urwäldern aufhören werden“, verkündet er. „Und in einem Jahr sollen ihre Kataloge aus achtzig Prozent Altpapier bestehen! Ich bin selbst völlig verblüfft!“ Das Kirchenvolk jubelt und applaudiert.
Doch schon redet sich Reverend Billy wieder in Rage, selbst Chor und Band hören seiner Predigt gebannt zu. Eine verzweifelte Rede gegen den Irakkrieg, das „zweite, so unnötige Vietnam“, bricht aus ihm heraus und die Zuhörer fiebern nun mit. Zustimmende Rufe schallen nach vorne auf die Bühne, die Distanz zum Evangelisten ist aufgehoben, die Ironie verschwunden. Und als Reverend Billy zum Schluss die Heilsbotschaft verkündet und das Ende von George W. Bushs Schreckensherrschaft prophezeit – „Peacellujah!!!“ –, da ist das ganze Publikum auf den Beinen und wippt euphorisiert und jubelnd mit dem Stop-Shopping-Chor mit. Wäre draußen vor der Tür nicht New York – der Unterschied zu einer Baptistenmesse im tiefen Süden wäre kaum noch zu erkennen.
0 Kommentare - Kommentar verfassen -















