Drinnen vor der Tür
Serbiens Jugend hat heute nicht viel zu lachen: Keine Arbeit, wenig Geld – und das Gefühl, im eigenen Land gefangen zu sein. Eine Reportage vom nahen Rand Europas.
Text und Fotografie: Nicole Bojar
Nachts wird in Belgrad alles gut. Wenn sich die Dunkelheit über hässliche Häuserfassaden und verbeulte Uraltautos legt und das partyfrohe Jungvolk auf die Straßen strömt, beginnt die Stadt zu glitzern und glänzen. Die lang gezogene Strahinjica Bana im Stadtviertel Dorcol präsentieren die Einheimischen als ihr ganz eigenes Silicon Valley: Üppige Oberweiten in tief dekolletierten Shirts werden hier allabendlich in den vielen Lokalen zur Schau getragen. Eine Liveband hat sich in eine der Bars gezwängt und spielt Coverversionen bekannter Popsongs. Das Publikum wogt als geschlossene Einheit mit, mehr Bewegung ist kaum möglich, so voll ist es.Eine schwarzhaarige Schönheit beginnt, auf der Bar zu tanzen; unter Pfeifen und Johlen machen es ihr andere nach und bewegen sich gekonnt zwischen den Lampenschirmen, die von der Decke hängen. Unter ihnen nippen Menschen in engen Jeans und knappen Oberteilen an Cocktails in exotischen Farben. Auf den Stehtischchen schwanken leere Gläser, die Aschenbecher quellen über. Rauchen ist ein beliebtes Laster in Serbien, obwohl eine Packung Zigaretten mit umgerechnet einem Euro für serbische Verhältnisse nicht gerade billig ist. Marija Jovicic genießt ihre Züge, lacht, singt mit. „Das Nachtleben in Belgrad ist einzigartig“, sagt sie. Die Bars und Clubs und Cafés der Hauptstadt Serbiens sind schick und immer voll. Für einen Kaffee, für ein Bier ist immer noch Geld da. Egal wie schlecht man dran ist. Und gut geht es den serbischen Jugendlichen nicht: zu wenige Jobs, zu wenig Geld, keine Reisefreiheit und bislang keine Aussicht auf Besserung.
Die Parlamentswahl im vergangenen Jänner hat keine einschneidenden Veränderungen gebracht, nur die Fronten haben sich verhärtet: Mit den antieuropäischen, ultranationalistischen Radikalen steht das Land mit einem Fuß noch in der Vergangenheit, mit den demokratischen Parteien will es einen Schritt weiter in Richtung Europäische Union. Irgendwo dazwischen träumen die Jungen von einem besseren Leben. Sie sind in der Isolation aufgewachsen und haben bis heute nicht herausgefunden.
Am Tag nach der anstrengenden Partynacht nippt Marija in einem der schicken Cafés der Innenstadt an ihrer Limonade. Die Pelzjacke vom Vortag hat sie durch einen roten Mantel ersetzt, der farblich perfekt auf ihren Rollkragenpullover abgestimmt ist. Die Absätze sind nicht weniger hoch als am vergangenen Abend. Ihre Ohrringe funkeln mit den Weihnachtsgirlanden um die Wette, die sich um ein Geländer winden. Aussehen ist wichtig in Belgrad. Kaum ein Mädchen oder Bursche ist auf den Straßen nicht in modischer Kleidung anzutreffen. Das wichtigste Accessoire: ein Handy in extravagantem Design.
Auf Belgrads Flaniermeile, der Kneza Mihailova, täuscht die starke Präsenz internationaler Marken zumindest in den Auslagen der Geschäfte europäische Normalität vor. „Nach allem, was wir durchgemacht haben, wollen wir jetzt einfach auch Schönes haben, erleben. Die Neunziger haben das Wertesystem in unserer Gesellschaft total verdreht“, sagt Marija. „Aber wenn alle immer nur feiern, wer wird dann das Land vorwärts bringen?“

Marija spricht perfekt Deutsch. Mit ihrer Familie hat sie sechs Jahre im südhessischen Darmstadt verbracht. 1993 ist sie zurückgekommen und hat sich plötzlich in den beginnenden Balkankriegen wiedergefunden. „Das war ein Schock für mich“, sagt sie. Damals war sie neun. „Aber so bin ich wenigstens in der Realität aufgewachsen. Hier lebt man das richtige Leben. In Deutschland war alles so einfach.“ Jetzt arbeitet die 22-Jährige als Deutschlehrerin in einem Fremdspracheninstitut. Mit Politik kann Marija gar nichts anfangen, sagt sie. „Darüber mache ich mir wirklich keine Gedanken.“
Die als Lektorin an der Uni Wien tätige Politikwissenschaftlerin und Serbien-Expertin Silvia Nadjivan erklärt sich solche Haltungen mit „der politischen Apathie, in die die Leute in Serbien verfallen sind“. Seit den Achtzigern halten sich hartnäckig dieselben Gesichter in der politischen Landschaft. Nur die Namen der Parteien haben sich geändert. „Die politischen Institutionen haben deswegen ihre Glaubwürdigkeit verloren“, sagt Nadjivan.
„Unter Zoran Djindjic wäre alles anders geworden, aber den haben sie ja erschossen“, meint Jovica Velickovio. Mit der Ermordung des westlich orientierten Premiers im März 2003 ist für den 29-Jährigen auch die Hoffnung gestorben: „Die Wahlen bringen absolut nichts.“ Gerade ist das letzte Menschenrudel mit einem Kaffee im Pappbecher wieder aus der Tür verschwunden, um sich damit dem Morgenverkehr auf der Kralja Milana zu stellen. Dort herrscht Hektik, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit.
Manchmal macht es den Eindruck, als ob alle 1,6 Millionen Einwohner Belgrads dort gleichzeitig unterwegs wären: zu Fuß, per Bus, per Auto. Eine endlose Blechschlange schiebt sich über die lange Gerade im Zentrum; Zastavas und Yugos, einst Stolz der sozialistischen Kleinwagenindustrie, versuchen, sich gegen die neuen, funkelnden Westmodelle durchzusetzen. Die Hemmschwelle, von der Hupe Gebrauch zu machen, ist niedrig. Im kleinen, blau-grün getäfelten Lokal der Kaffeehauskette Greenet mit der kitschigen Blumentapete dagegen herrscht wohltuende Ruhe.
Jovica hat Zeit für eine Pause. Seit eineinhalb Jahren serviert er dort Kaffee. Mal vierzig, mal sechzig und mehr Stunden die Woche. „Bei uns gibt es keine Regeln“, sagt er und lacht. „Das Leben in Belgrad ist hart.“ Immerhin, Jovica hat Arbeit. Viele seiner Freunde haben dieses Privileg nicht, erzählt er, trotz abgeschlossenen Universitätsstudiums. 40,4 Prozent der Jugendlichen zwischen 15 und 29 Jahren waren laut statistischem Zentralamt in Serbien 2005 arbeitslos.
„Bei uns ist es besser, gute Kontakte zu haben als eine gute Ausbildung. Alles funktioniert über Beziehungen. Das liegt wohl in unserer Natur“, sagt Jovica. Eigentlich ist er ausgebildeter Physiotherapeut. Gearbeitet hat er in diesem Beruf noch nie – „zu wenig Verdienst“. Als Kellner bekomme er mehr als den Durchschnittslohn. Der liegt bei 14.041 Dinar im Monat, umgerechnet etwa 200 Euro. Damit ist es fast unmöglich, sein Leben zu bestreiten; viele müssen sich mit Zweit- und Drittjobs über Wasser halten.
Wir leben hier nicht, wir überleben“, sagt Una Senic. Die 24-Jährige kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit des studentischen Kulturzentrums (SKC) in der Innenstadt. Daneben plant sie eine Musikfernsehshow für den öffentlich-rechtlichen Sender RTS2. „Die soll ‚Massentherapie‘ heißen und die Leute von dieser ganzen kommerziellen Scheiße heilen, die auf den Privatsendern läuft.“ Vor allem die Sendergruppe Pink, einst im Besitz von Mira Markovic, der Ehefrau des verstorbenen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic, steht heute im Ruf, den schlechten Geschmack im Land kultiviert zu haben.
Gemeinsam mit dem Rapper Juice sitzt Una im Café des SKC und geht die Einladungslisten für ein Konzert am Abend durch. Aus dem unteren Stockwerk dringen verschwommene Bässe und Sprechgesang herauf. An den grau-gelb bemalten Wänden hängen Plakate, die Veranstaltungen mit viel versprechenden Namen ankündigen: Napalm Death, Therion, Grave Digger und eine Gangsta Friday Party. Das SKC versteht sich seit seiner Gründung 1972 als Zentrum der Subkultur. In seinen Räumlichkeiten stellen junge Künstler aus, proben Bands, macht ein Webradio Programm. Seit den Achtzigern hat auch der HipHop im SKC ein Zuhause gefunden, als eine der Gegenbewegungen zu den volkstümlichen Klängen des Turbofolk: nationalistischen Hochgeschwindigkeitsschlagern, die mit traditionellen Instrumenten unterlegt sind.
Der größte Star, den diese Richtung je hervorgebracht hat, heißt Ceca. Sie ist die Ex-Ehefrau des mutmaßlichen Kriegsverbrechers und einstigen Milosevic-Günstlings Zeljko Raznatovic, besser bekannt als „Arkan, der Tiger“. Die unter seiner Führung stehenden Spezialeinheiten werden vom Kriegsverbrechertribunal in Den Haag unter anderem beschuldigt, 1992, im ersten Jahr des Kriegs in Bosnien, 250 Patienten aus dem Krankenhaus von Vukovar verschleppt und getötet zu haben. Seine Auslieferung erlebte er nicht mehr. Im Jahr 2000 wurde Raznatovic vor dem Hotel Intercontinental in Belgrad von bis heute unbekannten Tätern ermordet.

„Regimemusik“ nennen die Jungen den Turbofolk deshalb. Nichts ist unpolitisch in Serbien. Juice textet über das Leben in Belgrad in den Neunzigern, über seine Jugend, über eine Kultur, die er „Diesel-Power“ nennt und die ihn „sehr geprägt hat. Diesel-Power, das heißt schnelles Leben, immer am Gas. Wir wollten zeigen, dass wir nicht mit dem System untergehen.“ Juice spricht, als würde er rappen, jedem seiner Sätze schiebt er ein „ya know?“ hinterher. Wie alle anderen im Café trägt auch er die Standarduniform aus Trainingshosen und Nike-Turnschuhen, um seinen Hals eine Silberkette, daran baumelt ein fettes Medaillon, auf dem sein Künstlername eingraviert ist. Im richtigen Leben heißt er Ivan Ivanovic und ist Damenfriseur. Allein mit seiner Musik kann er sich nicht über Wasser halten.
„Ein EU-Beitritt kann auch nicht die Lösung für all das sein“, sagt Una. „Warum sollten wir unsere Kultur aufgeben und uns nach ihren Regeln richten? Die wollen uns ja doch nicht dorthaben.“ In Brüssel gilt die Losung: Serbien, bitte warten. Die Verhandlungen mit Serbien für den Stabilisierungs- und Assoziierungsspakt – eine Vorstufe zum EU-Beitritt – waren bis vergangenen Monat ausgesetzt. Hauptproblem der EU: Ratko Mladic. Ohne die Auslieferung des Ex-Generals der bosnischen Serben, der Anfang der Neunziger für die Ermordung tausender Zivilisten verantwortlich war, nach Den Haag gibt es keine Rückkehr an den Verhandlungstisch. So bleibt Europa bis heute nur eine Chiffre für etwas, das jenseits der Landesgrenzen passiert.
„Eine große Enttäuschung für uns“, sagt Dusan Pavlovic, Assistenzprofessor am Belgrader Institut für Politikwissenschaft. „Noch vor zwei Jahren war die Zustimmung zu einem EU-Beitritt in der Bevölkerung sehr groß. Das ändert sich jetzt langsam.“
1,1 Millionen Serben gaben dem Anti-Europa-Kurs der Radikalen Partei Serbiens (SRS), deren Chef Vojislav Seselj wegen Kriegsverbrechen in Den Haag einsitzt, bei der Wahl im Jänner ihre Stimme; 100.000 mehr als noch vor vier Jahren. Die Visapolitik der EU stößt bei den jungen Serben auf Unverständnis. „Ich verstehe das nicht“, sagt Una. „Ich will das gleiche Recht wie alle anderen auch und einfach reisen dürfen. Ich frage mich, wofür ich meinen blauen Pass überhaupt habe. Mit dem kann ich ja doch nichts anfangen.“ Una ist Teil einer Generation, die praktisch nur mit dem eigenen Kulturkreis vertraut ist.
In den Neunzigern hat die EU die Reisefreiheit für serbische Staatsbürger aufgehoben – eine Boykottmaßnahme während des Bosnienkriegs, die sich bis heute hält. Das Staatenkonglomerat aus Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Albanien, Montenegro und Serbien, das die Europäische Union unter dem Begriff „Westbalkan“ zusammenfasst, ist seitdem vom Rest Europas abgeschottet.
Die Verhandlungen über etwaige Reiseerleichterungen, die seit Ende vergangenen Jahres im Gange sind, nennt Hedvig Morvai-Horvath von der Organisation Citizenspact „eine Augenauswischerei: Die betreffen dann gerade einmal ein halbes Prozent der Gesamtbevölkerung.“ So wachsen die jungen Leute in Serbien isoliert vom Weltgeschehen auf. Andere Länder und Kulturen kennen sie nur aus dem Fernsehen und aus den Erzählungen Verwandter. Laut einer Studie der serbischen Studentenunion haben siebzig Prozent der Studenten noch nie die Landesgrenzen überschritten. „Zudem ist rund die Hälfte der 7,5 Millionen Serben nicht einmal im Besitz eines Reisepasses“, sagt Morvai-Horvath. Bestätigungen von staatlicher Seite gibt es für diese Zahlen keine.
Seit 2002 engagiert sich Morvai-Horvath für eine Lockerung der Visabestimmungen. Bisherige Erfolge: null. Um sich die derzeitige Lage zu vergegenwärtigen, genügt ein Blick auf die Landkarte: Serbien grenzt an Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Mazedonien, Albanien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina und Kroatien. Mit der EU-Erweiterung 2004 ist nun auch für die Einrese nach Ungarn ein Visum Pflicht. Rumänien und Bulgarien werden folgen – die Schlinge um Serbien zieht sich zu. Die EU verteidigt das Visaregime als Schutzmaßnahme gegen das organisierte Verbrechen. „Blödsinn“, sagt Morvai-Horváth. „Glauben die wirklich, organisierte Kriminelle suchen um ein Visum an? Also: Was soll das wirklich?“
Natürlich liegt es auch in unserem Interesse, dass die serbische Bevölkerung außerhalb ihres Landes die famosen europäischen Standards kennen lernt, von denen stets die Rede ist. Die Leute sollen sehen, wie eine europäische Gesellschaft funktioniert“, sagt Gerhard Jandl, der österreichische Botschafter in Belgrad. Aber: „Serbien ist noch nicht so weit.“ Einen Vorgeschmack auf diese „famosen europäischen Standards“ können sich die Leute in den Warteschlangen vor den Botschaften der EU-Staaten holen. Wochentags scharen sich dutzende Leute vor dem gelben Gebäude der österreichischen Botschaft in der Sime Markovica in der Altstadt.
Sie kommen aus dem ganzen Land. Für ein Visum brauchen sie Zeit, Nerven und vor allem Geld. Um überhaupt einen Fuß außer Landes zu bekommen, sind 35 Euro für einen Antrag nötig. Für die Einreise nach Österreich braucht ein Serbe mindestens fünf Dokumente, darunter eine Kranken- oder Unfallversicherung mit einer Deckungssumme von 30.000 Euro für die Dauer des Aufenthalts. Je nach Art des Visums (Besucher-, Urlaubs-, Geschäfts-, Durchreisevisum) kommen dann noch zwischen zwei und neun Dokumente dazu.
Nach Deutschland ist Österreich das zweitbegehrteste Ausreiseland: 47.000 Visa hat die österreichische Botschaft im vergangenen Jahr ausgestellt. „Wir haben 2006 lediglich sechs Prozent der Anträge abgelehnt“, sagt Jandl, sichtlich bemüht um die Reputation seines Hauses. Der Ruf ist angeschlagen, seit aufflog, dass Botschaftsmitarbeiter die Not vieler Serben ausnutzten und die Vergabe von Visa über Jahre als einträgliches Nebengeschäft betrieben. Die Unregelmäßigkeiten kamen 2002 in fast allen österreichischen Auslandsvertretungen in Osteuropa ans Licht. Im Fall von Belgrad war von rund 400 unrechtmäßig ausgestellten Visa die Rede. Bis heute dürften mehrere tausend Menschen auf diese Weise illegal nach Österreich eingereist sein; die begehrten Visa wurden sogar in Zeitungsinseraten angeboten. Seit Anfang Februar sitzt deshalb der ehemalige Vizekonsul der österreichischen Botschaft in Belgrad, Nenad Stojadinovic, in Wien in Untersuchungshaft.
„Die Botschaften brüsten sich mit niedrigen Ablehnungsquoten – aber von der Vielzahl von Leuten, die von diesem unwürdigen Prozedere abgeschreckt und deswegen nie einen Antrag stellen werden, ist nicht die Rede“, sagt Morvai-Horvath. Viele junge Serben haben die nächste sich ihnen bietende Möglichkeit genutzt, über Auslandsstipendien oder Verwandte außer Landes zu kommen. Laut einer aktuellen Erhebung der serbischen Tageszeitung Blic haben in den vergangenen 15 Jahren rund 400.000 Serben das Land verlassen. Ein Phänomen, das landläufig unter Brain-Drain firmiert: 300.000 davon waren zwischen 20 und 35 Jahre alt und gut ausgebildet.
„Entweder wir gehen jetzt endlich Reformen an oder wir gehen unter“, sagt deshalb Uros Radenkovic. Für diese Reformen hätte sich der 22-jährige Soziologiestudent eine Koalition aus Demokraten und Liberalen gewünscht; seit der Parlamentswahlen ist klar, dass sich das nicht ausgehen wird: Gemeinsam kommen die Demokratische Partei (DS) des serbischen Präsidenten Boris Tadic und das liberale Bündnis von Cedomir Jovanovic (LDP) gerade einmal auf 28 Prozent – gleich viel, wie die Radikale Partei auf sich alleine vereinigen konnte. Zudem lähmt die offene Frage der Zukunft des Kosovo die Regierungsverhandlungen, die im besten Fall eine breite Koalition von Liberalen, G17+ und den demokratischen Parteien DS und DSS mit sich bringen werden. Aber auch eine Regierungsbeteiligung der Radikalen ist möglich.
„Serbien ist wie ein Gefängnis. Aber wenn die Radikalen in die Regierung kommen, werde ich alles dafür tun, das Land zu verlassen“, sagt Uros. Vor sechs Jahren begann er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder aufzulegen; mittlerweile verdient er sich als DJ seinen Lebensunterhalt. „Hier in Belgrad ist das etwas ganz anderes als in der Provinz. Mit deiner Musik gibst du auch immer etwas an die Leute weiter. In den kleineren Städten und Dörfern saugen sie meine Musik richtig auf.“ Das Problem seiner Landsleute sieht Uros im fehlenden Willen zur Selbstkritik: „Ihr Motto ist: Gott schütze die Serben. Ich hasse diesen nationalistischen Scheiß. Wir sind nicht die Opfer, das müssen wir endlich einsehen. Nicht wegen der EU, sondern wegen uns selbst.“
Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, kann er die Sanktionen gegen sein Land verstehen. Sinisa Kuzmanovic sieht das anders: „Natürlich verstehen sich die Menschen hier in gewisser Weise als Opfer. Aber es ist einfach unfair von der Europäischen Union, uns für das geradestehen zu lassen, was unsere Politiker versaut haben.“ Der 29-jährige Tontechniker lebt in Novi Sad, etwa siebzig Kilometer nordwestlich von Belgrad. Novi Sad ist die Hauptstadt von Serbiens nördlichster Provinz, der Vojvodina. „Die Leute kommen hierher zum Exit und merken dann: Hey, ihr seid ja gar nicht mehr im Krieg!“ Sinisa schüttelt den Kopf. Das Exit Noise Summer Fest ist seit sieben Jahren das Aushängeschild von Novi Sad und lockt auch internationale Gäste an.
„Letztes Jahr kamen zwei Ungarinnen aus Kecsemet hierher. Eine von ihnen hat erzählt, sie hätten wirklich Angst vor dieser Reise gehabt, davor, dass wir hier wie die Tiere leben.“ Sinisa wirkt betroffen darüber – vor allem weil Kecsemet nur 150 Kilometer von Novi Sad entfernt liegt. „Eigentlich hat doch niemand eine Ahnung von Serbien.“ Trotz der geografischen Nähe – Novi Sad liegt näher bei Wien als Bregenz – ist für viele Europäer der Westbalkan heute ein schwarzes Loch auf der Landkarte. „In den Neunzigern war das Wort ,Serbe‘ ja beinahe ein Schimpfwort“, sagt die Politologin Silvia Nadjivan.
Zu spät habe Präsident Milosevic erkannt, dass PR-Agenturen die good guys und bad guys während der Balkankriege längst festgelegt hatten, um noch erfolgreich entgegenwirken zu können. „Die Serben kämpfen immer noch mit ihrer Stigmatisierung, vor dem Rest der Welt müssen sie sich immer noch als ‚wir, die bösen Serben‘ fühlen“, sagt Vedran Dzihic, Lektor am Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien mit Schwerpunkt Südosteuropa. Der Großteil der serbischen Jugendlichen hat nämlich mit denen im Rest Europas eines gemeinsam: Sie kennen einander nur aus den Medien – „und dort war in Zusammenhang mit unserem Land immer nur von NATO-Bomben und Kriegsverbrechern die Rede“, sagt Sinisa Kuzmanovic.
Die Serben, ein aggressives Volk von Kriegstreibern: Dieses Vorurteil schmerzt ihn. Dennoch ist er optimistisch. „Das wird sich ändern. Vor allem wegen des Festivals kommen immer mehr Leute nach Novi Sad und sehen, wie es hier wirklich ist.“ Das Leben in der zweitgrößten Stadt Serbiens wirkt beschaulich. Von der Belgrader Hektik ist nicht viel zu merken. Die Leute haben einen Gang zurückgeschalten. Der schmucke Hauptplatz mit Rathaus und katholischer Kirche vermittelt ein wenig österreichische Kleinstadtidylle. Vor dem Ersten Weltkrieg war die Stadt Teil der Donaumonarchie. Die Straßen sind sauber, die Häuser im Zentrum hübsch renoviert. Aber der schöne Schein trügt.
Auch hier sitzen hunderte Leute, die keinen Job finden, apathisch in den Cafés und sagen der Tristesse guten Tag. Laut der Kanadischen Agentur für Entwicklung (CIDA), die sich für eine bessere Gesundheitsvorsorge auf dem Balkan einsetzt, neigen die Jugendlichen hier verstärkt zu Depressionen und haben öfter Selbstmordgedanken als in anderen europäischen Ländern. Drogen und Alkohol gehören zum Alltag dazu. „Wir wollen die Leute da rausholen“, sagt Sinisa, der das alles nicht so hinnehmen will. Er glaubt an eine „bessere Zukunft“ und hat deswegen gemeinsam mit Freunden vor 16 Monaten einen Jugendclub aus dem Boden gestampft, den Omladinski Club. In den zweieinhalb Räumen, die sie in einem Gebäude im Zentrum der Stadt ergattert haben, organisieren sie täglich Workshops und haben eine Beratungsstelle eingerichtet. Siebzig Freiwillige halten den Betrieb am Laufen. Nach eigenen Angaben haben knapp 3.000 Leute das Angebot bisher genutzt: Sprachkurse, Malkurse, Nachhilfestunden – und das alles gratis. „Das ist einzigartig, das gibt es sonst nirgendwo in Serbien“, sagt Nemanja Tenjovic stolz.
Der 21-Jährige studiert Industriemanagement und steckt seine ganze Freizeit in den Club. Seit Oktober 2005 läuft er ohne direkte Unterstützung der Stadt, bisher hält man sich mit Projektförderungen über Wasser. Die Einrichtung ist dementsprechend ein Sammelsurium aus liebevoll zusammengestückelten Möbelrestbeständen. Die Wände sind in schrillen Farben ausgemalt und sollen so etwas wie Lebensfreude vermitteln. Vieles an Privatbesitz aus Jugendzimmern ist hierher gewandert. Aus sechs kaputten Computern hat man zwei funktionierende gebastelt. „Wir sind die Zukunft dieser Stadt, aber niemand schert sich um uns“, sagt Nemanja. An einer der froschgrünen Wände hängt ein Poster. Antoine de Saint-Exupérys „Kleiner Prinz“ in Schwarz-Weiß ist darauf zu sehen, über seinem Mund klebt ein großes rotes Pflaster. „Zasto!? Diskriminacija mladih?“ steht darunter – „Diskriminierung der Jugend? Warum?“
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