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„Ich bin kein Alibi“

Wird er seinem Sohn die Studiengebühren zahlen? Wie geht er mit den Altlasten Elisabeth Gehrers um? Und wie ernst nimmt er die ÖH wirklich? Ein Gespräch mit dem neuen Wissenschaftsminister Johannes Hahn.

Johannes Hahn

Interview: Saskia Jungnikl, Klaus Stimeder
Fotografie: Gianmaria Gava
Ganz hat sich die neue Mannschaft noch immer nicht ans Ambiente gewöhnt. „Manchmal denkst du dir, jetzt biegt gleich die Kaiserin Sissi um die Ecke“, sagt eine Mitarbeiterin des neuen Wissenschaftsministers angesichts des imperialen Popanzes, der die Gänge des Gebäudes Minoritenplatz 1 kennzeichnet. Der Weg zum Herrn über die Universitäten führt über eine mit einem weinroten Teppich ausgelegte Steintreppe. An den elfenbeinweißen, holzgetäfelten Wänden hängen Porträts düster dreinblickender Männer, auf den kleinen Tischen im Vorzimmer haben sie sorgfältig Folder rund ums Thema Studium aufgelegt. Der Schreibtisch im Büro des Ministers wirkt da fast wie ein Störfaktor: Er ist aus weißem Fichtenholz, gebogen und steht auf Rollfüßen. Das einzige bewegliche Element in einem nach elf Jahren Gehrer-Regime festgefahrenen Bildungssystem.
Ihrem ÖVP-Parteikollegen Johannes Hahn hat die Ex-Bildungsministerin einen Berg von Problemen hinterlassen: Die EU drängt auf eine Erklärung zu den Zugangs- beschränkungen für Studien wie Medizin. In Sachen Offenheit der Unis für die neuerdings so genannten „bildungsfernen Schichten“ – nichts anderes als Menschen aus armen Verhältnissen, die angesichts ihrer Lage nicht daran denken, sich an einer Hochschule weiterzubilden –, hat sich während der vergangenen zehn Jahre praktisch nichts getan. Von der mangelhaften Finanzierung der Unis in den vergangenen Jahren – über und über belegt durch Studien nationaler und internationaler Institutionen wie dem Institut für Höhere Studien (IHS) und der OECD – ganz zu schweigen.

Darüber hinaus gilt es für Hahn auch noch, das Modell des neuen „Sozialdiensts“ zu erarbeiten, mit dem sich Studenten künftig ihre Studiengebühren abarbeiten dürfen. Arbeit über Arbeit also für den bis zu seiner Bestellung bildungspolitisch eher wenig in Erscheinung getretenen Chef der Wiener ÖVP, der erst zwei Tage vor der Angelobung von seinem neuen Job erfuhr.


Herr Minister Hahn, Ihr Sohn ist Jahrgang 1988. Werden Sie ihm die Studiengebühren zahlen, wenn er sich für den Gang an die Uni entscheidet?

Vermutlich. Aber das wird noch dauern. Er maturiert heuer, dann geht er zum Bundesheer, als Leistungssportler wird er die Heeressport- und Nahkampfschule besuchen. Das heißt, er wird vermutlich erst im Wintersemester 2008/09 inskribieren.


Noch einmal: Werden Sie ihm die Studiengebühren zahlen?

Ja, ich werde sie ihm zahlen.

Wenn Ihr Sohn sein Studium beginnt, wird es die Möglichkeit geben, sich die Studiengebühren mit einem – noch nicht näher definierten – „Sozialdienst“ zurückzuverdienen. Werden Sie ihm dann nahe legen, diese Möglichkeit zu nutzen?

Nachdem er hauptberuflich Handballer ist, schätze ich nicht, dass er daneben noch Zeit für Sozialdienste haben wird.

Sie haben erzählt, dass Sie während des Studiums regelmäßig gearbeitet haben. Aber nie, was genau. Wie haben Sie sich als Student Ihr Geld verdient?


Johannes "Gio" HahnIch habe mit krankheitsbedingten Unterbrechungen (siehe „Frage an die Maus“, Anm.) bei Rechtsanwälten gejobbt, weil ich ja ursprünglich Jus studiert habe. Einen Gutteil meiner Zeit habe ich als Funktionär in der JVP verbracht, aber dort hab ich nix kassiert. 1982 habe ich bei der Wirtschaftskammer begonnen, kurze Zeit später war ich dann Mitarbeiter beim Michael Graff (damals ÖVP-Generalsekretär, Anm.). Zu dieser Zeit war ich, wie man heute wohl sagen würde, ein Werksstudent.



Ihr Vater war Reifenhändler. War von Anfang an klar, dass die Eltern Sie nicht finanziell würden unterstützen können und Sie sich das Studium selbst finanzieren müssen?

Das war bei uns zuhause nie eine Diskussion, das war ganz klar. Ich kann mich auch nicht erinnern, während dieser Zeit ein Taschengeld bekommen zu haben. Aber weil ich immer bescheiden gelebt habe – ich bin nie auf Urlaub gefahren oder so –, habe ich trotzdem nie Geldsorgen gehabt.

In einem Interview mit der Presse haben Sie in Bezug auf „Sozialdienst“ gesagt, dass man „Freiwilligenarbeit nicht in Geld umlegen kann, sondern dass in einer solchen Tätigkeit Herzblut dabei sein muss“. Hätten Sie das Herzblut aufgebracht oder einen Job vorgezogen, bei dem Sie mehr Geld verdient hätten?

Ich habe bedauert, dass am Beginn der Diskussion nur der finanzielle Aspekt im Mittelpunkt gestanden ist, es geheißen hat: Mit sechs Euro und ein paar Zerquetschten pro Stunde kann man das abarbeiten. Jemand, der Sozialdienst macht oder sogar Freiwilligenarbeit – das ist ein weiter gefasster Begriff –, der macht das immer aus einem Antrieb heraus, der mit Geld nichts zu tun hat. Ich denke, wir sind als Gesellschaft gut beraten, wenn wir die Idee der freiwilligen Arbeit aufrechterhalten.

Die Bereiche, in denen Studenten diesen „Sozialdienst“ ausüben können, werden also sehr eng gefasst werden?

Ja. Wenn wir jetzt damit anfangen, Freiwilligenarbeit zu definieren nach dem Motto, das erkennen wir an und das nicht, habe ich das ganze Jahr Diskussionen, weil ständig überall neue Ideen auftauchen. Da muss man einen Cut machen.


Aber wäre eine möglichst weit gefasste Definition dieser Bereiche nicht die Verwirklichung der von Andreas Khol einst präsentierten Idee der „Bürgergesellschaft“?

Na ja, die Bürgergesellschaft haben wir ja schon. Was ich damit sagen will: Freiwilligenarbeit muss in Zukunft bleiben, was sie heute ist: ein freiwilliger, ehrenamtlicher Dienst an der Gemeinschaft. Und daher soll man da auch nicht irgendeinen Bereich rausbrechen und sagen, für diese oder jene Tätigkeit gibt es plötzlich Geld. Dann wird die Sache uferlos. Es gibt in Österreich hunderttausende Menschen, die aus unterschiedlichen Motiven unentgeltlich etwas für die Gemeinschaft tun. Wenn wir beginnen, das in Geld umzulegen, können wir zusperren.


Sie haben mehrmals Ihre Studienrichtung gewechselt …

Da wissen Sie mehr als ich. Ich hab darüber gar nicht so viel nachgedacht …

Sie haben als Student dreimal das Fach gewechselt: zuerst kurz Germanistik, dann Rechtswissenschaft, abgeschlossen haben Sie in Philosophie …

Ich hab herumgedoktert. Die Germanistikgeschichte erzähle ich immer gerne, weil das für mich so ein Erlebnis war, dass ich da gleich einmal in eine Vorlesung über den deutschen Ritterroman hineingeraten bin … Das war nicht so ganz meines.

Johannes "Gio" Hahn

Heute ist es nicht so einfach, die Studienrichtung zu wechseln – man verliert eventuell sein Stipendium, muss Studiengebühren zahlen. Hatte diese Möglichkeit des leichten Wechselns nicht auch etwas Gutes? Dass man sich ausprobieren konnte, sich erst dann entscheiden, was zu einem passt und was nicht …

Genau deswegen ist es eines unserer Ziele, Initiativen zur Senkung der Drop-out-Rate zu entwickeln. Wir wollen eine Struktur ins Leben rufen, die vorsieht, dass höhersemestrige Studenten an die Schulen gehen und über die jeweiligen Studienfächer genau informieren. Ein Gutteil der Drop-out-Rate ist darauf zurückzuführen, dass die Leute oft eine vollkommen falsche Vorstellung von ihrem Studium haben. Das schließt aber nicht aus, dass man nicht weiter herumschnuppern kann. Das sind aus meiner Warte zwei verschiedene Paar Schuhe.

Glauben Sie nicht, dass es vielen Ex-Studenten – ob sie ihren Abschluss gemacht haben oder nicht – beim Erwachsenwerden geholfen hat, sich verschiedene Studien angeschaut zu haben?

Natürlich sollten gerade wir Humanisten den Geist der Universitas aufrechterhalten. Der Martin Luther war ja Doctor artium, das war halt noch was, in jener Zeit konnte man noch Reformator werden. Aber ist nicht gerade das die interessante Herausforderung heute, dass man seinen Weg zwischen einem gewissen ökonomischen Diktat und dem Geist der universalen Lehre findet? Man muss auch verstehen, dass ich als Wissenschaftsminister nicht sagen kann: Freunde, jetzt gibt es erst mal ein Schnuppersemester für die nächsten drei Jahre, schaut’s euch zuerst um, und erst dann sehen wir weiter.

Sie sind zum Zeitpunkt dieses Gesprächs erst ein paar Wochen im Amt. Vorher sind Sie nicht gerade als Bildungsexperte aufgefallen …

Ich hatte vorher eine Spezialistin an meiner Seite, Katharina Cortolezis-Schlager. Deshalb habe ich mich nicht so viel dazu geäußert.

Wir wollen auf etwas anderes hinaus. Unsere These lautet: Ist es heutzutage für einen Politiker nicht wurscht, in welches Ministerium er kommt – weil in erster Linie Managementqualitäten gefragt sind und nicht inhaltliche Kompetenz?

Jedes Ministerium ist inhaltlich so breit, dass es a priori keinen einzelnen Fachmann oder eine Fachfrau gibt, der oder die wirklich alle Segmente abdeckt. Wenn ich einen meiner beiden Sektionschefs hernehme, die hochgradige Fachleute sind, dann decken die im günstigsten Fall auch nur fünfzig Prozent ab – das andere Wissen müssen sie sich zukaufen. Da ist in hohem Maße die Qualität eines Menschen gefordert, der imstande ist, eine große Bandbreite von Themen insofern zu beherrschen, als er gemeinsam mit einem Team Dinge entwickeln kann.

Das Wesentliche ist, dass du die Fähigkeit hast – und die nehme ich für mich in Anspruch –, dich relativ schnell in eine Materie einzuarbeiten, und letztlich ein politisches Gespür dafür hast, was machbar ist. Viele meiner Fachleute, die viel mehr wissen als ich, kommen mit Ideen daher, wo ich sofort merke: Das ist politisch nicht wirklich umsetzbar. So ist halt das Geschäft.

Wie schätzen Sie das derzeitige Klima an den Unis ein?

Johannes "Gio" HahnDas ist für einen Minister ehrlich gesagt schwer einzuschätzen, weil du natürlich gefilterte Botschaften bekommst. Ich kann ja nicht, so wie im Märchen, verkleidet an den Unis herumrennen. Aber vielleicht wäre das einmal eine spannende Übung. Ich schneid mir den Bart ab, ohne dass ich dafür was kriege, und schau dort einmal herum … Aber im Ernst: Mit dem Universitätsgesetz (UG) 2002 und der damit einhergehenden Autonomie hat ein dramatischer Sprung stattgefunden. Ich glaube, dass dieser Autonomiegedanke kulturell noch nicht zu hundert Prozent verarbeitet ist. Die Unis freuen sich zwar mittlerweile mehr als vor fünf Jahren, dass sie selbstständig sind. Aber jetzt sind wir in einer Art Trotzphase, so nach dem Motto: Die guten Seiten an der Selbstständigkeit nutze ich, die schlechten soll mir das Ministerium lösen. Da muss man dann halt auch sagen dürfen: Ein bissl schwanger sein geht nicht.

Was die persönliche Lebens- und Arbeitssituation der Studierenden angeht, hängt die sicher in hohem Maße von ihrem Studium ab. Natürlich gibt es Massenfächer, bei denen du in einer Vorlesung am Boden sitzt – ich bin damals auch am Boden gesessen. Aber auf der anderen Seite gibt es Fächer, die nahezu händeringend nach Studenten suchen.

Wenn man sich unter Bildungsexperten umhört, kommen fast alle zum gleichen Schluss: Der Hahn wirkt nach der Gehrer ja ganz nett, aber was wird er schon großartig ausrichten? Der Wissenschaftsfonds (FWF), Österreichs zentrale Einrichtung zur Förderung der Grundlagenforschung, ist zu SPÖ-Infrastrukturminister Werner Faymann gewandert, die Budgets für die Unis für die nächsten drei Jahre standen schon vor Ihrem Amtsantritt fest. Wie schätzen Sie Ihren Handlungsspielraum ein?

Welche Möglichkeiten des Nachjustierens bei den Budgets bestehen, schaue ich mir gerade an. Abgesehen davon ist es eine wesentliche Aufgabe – klingt nicht spannend, ist es aber –, in dieser Periode das UG 2002 zu evaluieren und dort, wo es notwendig ist, nachzubessern. Auch bei der Frage von Berufungen und Habilitationsverfahren gibt es Handlungsbedarf. In den nächsten vier Jahren gehen 40 Prozent der in Österreich tätigen Professoren und Professorinnen in Pension. Das wird eine Zäsur, und die Frage, wie und wer künftig berufen wird, ist alles andere als unspannend. Das ist nicht misszuverstehen: Ich bin froh, dass ich nicht derjenige bin, der die Leute auszuwählen hat. Aber die Rahmenbedingungen dafür zu legen ist eine große Aufgabe.

Ein Beispiel: Viele verlangen heute etwa, dass bei Berufungen der Anteil der Ausländer in den dafür zuständigen Kommissionen dramatisch gesteigert wird. Da gibt es Diskussionen darüber, wie man das anlegt und inwieweit man hier den Unis oder sogar den einzelnen Fakultäten eine größere Autonomie gibt – wofür ich Verständnis hätte.

Was die Forschung angeht: Man muss fairerweise sagen, dass es unter Gehrer einen ziemlichen Schub gegeben hat, was die Internationalisierung der Forschungsarbeit angeht. Ich meine, dass die Pakistani jetzt bei uns eine ganze Universität in Auftrag geben und dafür zahlen, finde ich eine tolle Sache. Die zahlen sowohl für die Hardware wie für die „Software“ der Strukturierung ihrer Universität. (Pakistan hat bei der Forschungssektion des Bildungsministeriums ein Konzept für die Infrastruktur einer Universität in Lahore in Auftrag gegeben. Die Umsetzung des Projekts startet im Wintersemester 2008, österreichische Professoren werden vor Ort tätig sein, Anm.) Was ich sagen will: Du kannst heute in der Forschung nur reüssieren, wenn du internationale Netzwerke hast.

Sie reden – wie Ihre Parteifreunde – gern von den Herausforderungen der Globalisierung, für die wir uns wappnen müssten. Okay: Korea gibt 2,6 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für seine Universitäten aus, Österreich 1,1 Prozent. Uns ist klar, dass Sie in Ihrem Job neu sind – aber ihre Partei sitzt seit 30 Jahren in der Regierung, und das ist die Bilanz? Warum steckt der österreichische Staat nicht längst mehr Geld in die Schulen und in die Unis?

Natürlich kann man sagen, es kann nie genug sein. Ich kann Ihnen nur eines sagen: Mein Selbstverständnis ist das eines Anwalts der Interessen der Lehrenden und der Studierenden. Wir haben erkannt, dass es einen Aufholbedarf gibt. Wir buttern jetzt mehr in die Forschung, was letztlich zum Teil auch wieder an den Universitäten landen wird. Aber die jetzige Regierung – ich kann das ohne second thoughts sagen, weil ich ja nicht mitverhandelt habe – hat sich als Schwerpunkt den Ausbau der Investitionen in Bildung, Wissenschaft und Forschung gesetzt.

Am Ende des Tages werden wir gemeinsam daran zu messen sein, ob wir das einhalten. Ich glaube aber prinzipiell, dass wir in Österreich viele Ausbildungen haben, die nicht universitär sind, die von der Qualität her aber mit universitären Ausbildungen in anderen Ländern mithalten können.


Wirklich? Egal ob das heimische Institut für Höhere Studien (IHS), die neue OECD-Studie „Education at a Glance 2006“ oder das US-amerikanische Education Policy Institute – in puncto Bildungsausgaben kommen alle zum selben Schluss: Österreich steckt zu wenig Geld in seine Unis. Ihre Partei hat im vergangenen Wahlkampf noch plakatieren lassen: „Österreich. Hier geht’s uns gut“.

Man soll nie zufrieden sein. Aber wenn die Zahl der Studierenden binnen sechs Jahren um 30 Prozent zunimmt, kannst du in der Geschwindigkeit weder Infrastruktur noch Personal auf dieses Niveau anheben. Aber diese Studien sind immer mit Vorsicht zu genießen. Das hochgelobte Finnland zum Beispiel ist bei all diesen Rankings immer ganz oben. Andererseits haben die Finnen eine extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit.

Sie kennen die kürzlich präsentierten Zahlen der Rektorenkonferenz. 30 Prozent der rund 220.000 heimischen Studenten leiden demnach unter „ungünstigen“, weitere 30 Prozent unter „extrem ungünstigen Betreuungsverhältnissen“. Ist Ihnen das auch nicht aussagekräftig genug?

Diese Zahlen werden wir uns sehr genau anschauen müssen. Ich vermute aber, dass in manchen Betreuungsverhältnissen die absoluten Inskribientenzahlen drinnen sind und nicht nur die jener, die wirklich studieren.

Sie meinen damit die so genannten Karteileichen? Leute, die noch inskribiert sind, aber gar nicht mehr studieren?

Ja.

Wir dachten, die gibt es seit der Einführung der Studiengebühren nicht mehr? Damit hat sich Ihre Vorgängerin des Öfteren gebrüstet.

Es könnte auch umgekehrt der Schluss zulässig sein, dass die Höhe der Studiengebühren noch nicht hinreichend abschreckend ist. Schauen Sie: Im internationalen Vergleich sind unsere Studiengebühren sehr niedrig. Und es gibt ja Gott sei Dank nur wenige Fächer, wo wir mit dem Problem einer Massenuniversität zu kämpfen haben. Beispiel Psychologie: Warum müssen jedes Jahr wirklich so viele Leute anfangen, Psychologie zu studieren?

Deswegen auch der Ansatz, an die Schulen zu gehen und zu versuchen, dort herauszuarbeiten, was die Leute wirklich interessiert. In Fächern wie Betriebswirtschaft oder Jus wird es immer einen Mörderandrang geben, da brauchen wir uns keinen Illusionen hinzugeben. Ein Spezialthema ist auch die Human- und Zahnmedizin: Da gibt es, jedenfalls soweit ich Europa überblicke, überall Zugangsbeschränkungen, weil die Zahl der Ausbildungsplätze ganz einfach limitiert ist.

In einem Punkt sind sich alle einschlägigen Erhebungen einig: In Österreich gehen Kinder von Akademikern in der Regel ebenfalls an die Uni, während Kinder von Eltern mit weniger Bildung und weniger Geld praktisch nie diesen Weg einschlagen. Daran hat sich weder vor noch nach der Einführung der Studiengebühren etwas geändert. Was werden Sie tun, damit mehr Kinder armer Leute Zugang zu höherer Bildung erhalten?

Wenn ich ketzerisch wäre, würde ich behaupten, dass weder die Abschaffung der Studiengebühren in den Siebzigern noch die Wiedereinführung Anfang des Jahrhunderts in diesem Zusammenhang etwas verändert hat. Und es gibt Leute wie den Professor Hans Pechar (Leiter des Instituts für Hochschulforschung an der Uni Klagenfurt, Anm.), der bei der jüngsten Rektorenkonferenz gemeint hat, dass der freie Unizugang an sich zu dieser Art von negativer Selektion führe. Das sagt der, nicht ich!

Aber wir sind uns hoffentlich darüber einig, dass es kein wünschenswerter Zustand ist, wenn es vom Geld oder von der sozialen Stellung abhängt, ob jemand studieren kann oder nicht …

Ja. Wir werden uns in diesem Zusammenhang genau anschauen, wie die das in Großbritannien und in Australien machen. In diesen Ländern gibt es Projekte, bei denen es mittels eines offensiven Herangehens an das Problem gelungen ist, diese Relation zu verbessern. Dort gibt es Programme, im Rahmen derer die Unis dazu ermuntert werden, eine bestimmte Anzahl von Studentinnen und Studenten aus sozial schwächeren Familien aufzunehmen.

Sie können sich vorstellen, dass es bei uns eine Art „affirmative action“ für Schüler aus armen Familien gibt? Wie in den USA, wo es an manchen Unis Quoten für die Aufnahme von Menschen gibt, die Minderheiten angehören?

Ja. Wobei die natürlich fachlich qualifiziert sein müssen! Nach dem, was ich gehört habe, werden in Großbritannien und Australien die Unis, die das machen, mit einer Art incentives auch finanziell belohnt. Wenn das Modelle sind, die bei uns umsetzbar sind, glaube ich, dass ich da etwas gestalten kann. Bei Migranten zum Beispiel ist der Zugang zu Bildungseinrichtungen extrem unterentwickelt, das habe ich immer wieder beobachtet.

Johannes "Gio" HahnIch erzähle Ihnen eine Geschichte: Bei uns im Landtagsklub haben wir eine junge türkischstämmige Mitarbeiterin, die hat, glaube ich, schon zwei akademische Abschlüsse. Die hat mir erzählt, dass sie in der Volksschule die Beste war, aber ihre Eltern hatten daran überhaupt kein Interesse. Sie ging zuerst in die Hauptschule und kam dann erst – immer noch eher gegen den Willen der Eltern – an ein Gymnasium. Dort war sie dann wieder die Beste. Was ich daraus ableite: Wir müssen gerade im Migrantenmilieu den Wert und die Notwendigkeit von Bildung forcieren, speziell bei Frauen.

Im ZIB2-Interview mit Armin Wolf haben Sie gesagt: „Ich bin ein Garant dafür, dass alle Studienfächer gleich behandelt werden.“ Warum sollten Sie das eigentlich tun? Sogar die zwölf Mitglieder des Wissenschaftsrats, des zentralen Beratungsgremiums Ihres Ministeriums und der Universitäten, sagen, wir brauchen zwei bis drei Unis, die international mithalten können, das reicht.

Ich bin Universalist. Das Phänomen ist: In die geisteswissenschaftlichen Fächer buttern wir sehr wenig hinein und haben dafür sehr viele Studenten. Bei allem Respekt vor meiner eigenen Profession und davor, dass der Wissenschaftler des Jahres auch ein Philosoph ist (Konrad Paul Liessmann, Anm.): Im naturwissenschaftlichen Bereich haben wir mehr Leute von hoher internationaler Reputation. Es ist eine Spezialvision des Gio Hahn, dass wir von denen künftig auch im geisteswissenschaftlichen Bereich mehr haben.

Stichwort Österreichische Hochschülerschaft: Ihre Vorgängerin hat die Studentenvertreter stets ignoriert. Wie werden Sie mit der ÖH umgehen?

Einer meiner ersten Termine nach der Angelobung war mit den beiden ÖH-Damen (Barbara Blaha und Lina Anna Spielbauer, Anm.). Diese Gespräche werde ich fortführen.

Warum sollte man eine Interessenvertretung wie die ÖH ernst nehmen, die nicht einmal von einem Drittel der Wahlberechtigten legitimiert ist?

Das sind für mich die Repräsentanten der Studentinnen und Studenten! Auch wenn die Beteiligung an den ÖH-Wahlen nicht hoch ist. Das ist halt ein ewiges Thema, das war schon zu meiner Studienzeit so, als die Wahlbeteiligung noch bei 40 Prozent lag. Da muss man gnädig sein.

Sie gelten ob Ihrer Haltungen – etwa in der Frage der Rechte Homosexueller – als der Alibiliberale der ÖVP. Wie lebt es sich mit diesem Image?

Ich bin kein Alibi, ich bin authentisch. Schauen Sie: Die Leute, die mich politisch seit vielen Jahren kennen, wissen, dass ich schon immer so ticke. Das wurde immer akzeptiert. Und ein bissl was hab ich ja weitergebracht, auch in der Positionierung meiner Parteifreunde.

Nicht wenige altgediente Politikjournalisten sind der Meinung, der Niedergang der Wiener Volkspartei habe begonnen, als Erhard Busek Wissenschaftsminister wurde – weil er dieses und das Amt des Landesobmanns nicht gleichzeitig habe schupfen können. Wie wollen Sie den Spagat bewältigen?

Ich stehe am Beginn meiner diesbezüglichen Karriere, beim Erhard Busek war’s umgekehrt. Er ist nach zwölf oder 13 Jahren als Wiener Obmann Minister geworden – ich bin es nach einem Jahr geworden. Man soll zwar immer aus der Geschichte lernen, aber nicht permanent Parallelen ziehen. Es macht ja auch keinen Sinn, die Fußballnationalmannschaft des Jahres 1978 mit jener des Jahres 2007 zu vergleichen.

maueseFrage an die Maus

Wer ist Johannes „Gio“ Hahn?


Johannes „Gio“ Hahn wird am 2. Dezember 1957 in Wien geboren. Aufgewachsen als Sohn eines Reifenhändlers beginnt er nach seiner Matura 1976 mit dem Jura-Studium. Nach fünf Jahren wechselt er zu Philosophie und promoviert 1987 mit der Arbeit „Perspektiven der Philosophie heute – dargestellt am Phänomen Stadt“. Er bewältigt eine Krebserkrankung, die 1979 erstmals auftritt und ihn zwanzig Jahre lang immer wieder einholt. Hahn tritt in der achten Klasse Gymnasium der ÖVP bei, sein erstes politisches Amt bekleidet er 1980: Er wird Landesobmann der Jungen Volkspartei (JVP), deren Ehrenmitglied er bis heute ist. Drei Jahre später arbeitet er als persönlicher Sekretär des ÖVP-Generals Michael Graff. 1985 wechselt er zur Industriellenvereinigung.

Hahn kommt beruflich schnell voran: Er wird Geschäftsführer des „Wirtschaftsforums der Führungskräfte“ und arbeitet ab 1989 im Management beim Vorläuferkonzern der VA Tech. 1992 macht ihn Landesobmann Bernhard Görg zum Geschäftsführer der ÖVP Wien; Hahn wird Gemeinderat, Gesundheitssprecher und 1999 Bezirksobmann der ÖVP Wieden. Im selben Jahr wird er Vorstandsmitglied des Glücksspielkonzerns Novomatic, den er 2003 als Vorstandsvorsitzender verlässt, um der Wiener ÖVP vorzustehen.

2005 erobert er als Spitzenkandidat bei der Gemeinderatswahl den zweiten Platz von der FPÖ zurück. Am 11. Jänner 2007 wird er als Wissenschaftsminister der rot-schwarzen Regierung angelobt. Hahn, den der Währinger ÖVP-Bezirksobmann Johannes Prochaska wegen seiner gemäßigten Ansichten – unter anderem bei Homorechten – einmal einen „Scheißliberalen“ nannte, war bis zu seiner Bestellung zum Wissenschaftsminister kaum durch bildungspolitische Aussagen aufgefallen. Die Reaktionen auf seine Bestellung fielen dennoch neutral bis positiv aus.

Hahn ist mit Marina Hahn-Bleibtreu verheiratet, die im Sozialministerium im Ressort Gender-Mainstreaming arbeitet. Das Paar hat einen Sohn, Simon, geboren 1988, einen erfolgreichen Handballspieler. Hahn segelt im Sommer auf dem Mittelmeer und fährt im Winter mit seinem Sohn Ski. Sein Spitzname „Gio“ ist die Kurzform der Übersetzung seines Vornamens ins Italienische.



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