Elternsprechtäglich
Das Lehrerkind wird Revoluzzer oder – wahrscheinlicher – Diplomat. Unternehmer in der Regel nicht. Erklärungsversuche aus erster Hand.
Text: Thomas Weber
Foto: Martin Fuchs
Manche meinen beobachtet zu haben, dass Töchter und Söhne von Ärzten medizinisch unterversorgter heranwachsen als alle anderen Kinder. Begründung: In einem Umfeld gesunder Skepsis gegenüber den Segnungen der Schulmedizin seien diese oft auf Gedeih und Verderb ihrem Immunsystem und dessen natürlichen Abwehrkräften ausgesetzt. Ich kann diesbezüglich mit keinen Erfahrungen aufwarten, mir das aber ganz gut vorstellen. Als Kind zweier heute noch berufstätiger Lehrer weiß ich um das besondere Dasein eines durch familiäre Verstrickungen Vorbelasteten Bescheid.
Man ist als Kind selbst unterrichtender Erziehungsberechtigter in mancher Hinsicht privilegiert – das nur, um den Eindruck zu entkräften, es ginge hier darum, Leidensgeschichten loszuwerden. (Sie merken schon, bei mir hat der alle Eventualitäten berücksichtigende Diplomat durchgeschlagen, weniger der Revoluzzer.) Die Nachteile bleiben jedenfalls im Rahmen.

Vom ersten Schultag an befindet sich das Lehrerkind in einer Doppelrolle. In eine Klasse geworfen, weiß es als Einziges von gewissen systemimmanenten Abläufen – weil diese ja schon seit Jahren zuhause Thema waren. Es kennt den Jargon und sieht Herrn oder Frau Lehrer nicht allein als hierarchisch vor einen Gesetzten, sondern auch als Menschen mit Sorgen und Alltagsproblemen. Das Lehrerkind sitzt also physisch inmitten seiner Mitschüler, psychisch aber zwischen den Stühlen und wird so über Jahre geschult, beide Seiten zu verstehen, sich „hineinzuversetzen“. Der Weg des Diplomaten zwischen den Fronten scheint also vorgegeben.
Da ist einerseits das Bewusstsein um die Bedürfnisse der sich oft ungerecht behandelt fühlenden Gleichaltrigen; andererseits das Wissen um die – von den Kindern oft nachgeplapperten – Dummheiten mancher Eltern, die glauben, bloß weil sie selbst über eine Schulvergangenheit verfügen, mit der Gegenwart automatisch bestens vertraut zu sein. Da bleibt einem, will man nicht zum Außenseiter werden, nur das offensive Vermitteln zwischen den Welten. Spätestens gegen Ende der Schulpflicht weicht diese Neutralität der Pubertät, in der auch dem Lehrerkind der Mehrfrontenkrieg nicht erspart bleibt. Da wird es verdammt nervig, wenn Mama und Papa die im Lehrplan festgeschriebenen Unterrichtsziele der jeweiligen Schulstufe genau kennen, zumindest einer von beiden bis in die Oberstufe jeden Elternsprechtag besucht: Man hat sich gegen einen verbündet, weil es ja alle nur gut meinen.
Blöd, dass man schon ein paar Schulnachrichten später zur eigenen Sicht der Dinge auf Distanz geht; im Wissen, dass an all dem schon was dran sein könnte. Das Matura- zeugnis schließlich in der Tasche, fühlt man sich an der Uni wunderbar vogelfrei und unbeobachtet. Doch die Schulzeit geht – halt im Privaten – auch hier weiter. Das Schulsystem bleibt weiter im Blick, zusehends durch die alles andere als rosarote Brille des elterlichen Lehrkörpers.
Da kriegt man plötzlich mit, wie auf dem Rücken eines Berufsstandes, der gern für nahezu alle gesellschaftlichen Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht wird, Parteipolitik gemacht, Schultypen heruntergewirtschaftet, Sinnvolles verklausuliert und ins Absurde verdreht wird. Wer weiß schon, dass auf den Zeugnissen manche Hauptschule als „College“ mit bewusst schwammig formulierter „Schwerpunktsetzung Teamfähigkeit“ ausgewiesen wird? Dass verwahrloste Heranwachsende für unterbliebene schulische Leistungen belohnt – und somit auf ihrem Weg bestätigt – werden, indem manche Fächer gar nicht im Zeugnis aufscheinen?
Schulpolitiker sind für gewöhnlich nicht darauf bedacht, dergleichen in der Öffentlichkeit breitzutreten. Die Eltern glauben – so sie sich überhaupt für den Nachwuchs interessieren –, davon zu profitieren, dass die Zeugnisse und damit die Lebensläufe ihrer Kinder geschönt werden. Auch sie werden sich also hüten, etwas gegen die herrschenden Verhältnisse zu tun. Und der einfache Lehrer, die einfache Lehrerin hat nach außen hin sowieso nichts zu melden; oder wird, so sie es doch tut, von der Obrigkeit mundtot gemacht. Lehrerkinder gehören zu den wenigen Menschen, die solche Entwicklungen ungefiltert mitbekommen. Und wundern sich deshalb auch nicht, dass sich viele Privatschulen des Ansturms von Kindern besorgter Eltern kaum erwehren können.
Dass Schulabgänger allen populistischen Versprechungen der Spitzenpolitik zum Trotz keine Lehrstelle finden, während gleichzeitig Unternehmen beklagen, keine brauchbaren, sprich verlässlichen, interessierten und verantwortungsbewussten Auszubildenden zu finden. Womit ich bei der letzten meiner – einzig auf persönlichen Erfahrungen und Gesprächen mit Schicksalsgenossen beruhenden – Thesen angelangt bin: dem Unternehmertum. Unter Lehrerkindern genießt es Seltenheitsstatus. Als Gründe dafür darf man wohl ein Aufwachsen im pragmatisierten Beamtenselbst- verständnis und dem damit verbundenen Sicherheitsdenken annehmen. An den Ergebnissen einer Studie über die Zusammenhänge zwischen einem Dasein als Lehrerkind und der Ausprägung von Risikobereitschaft und Unternehmergeist wäre ich jedenfalls schwer interessiert.
Thomas Weber, 29, ist Chefredakteur des Popmagazins The Gap und der Wiener Stadtzeitung City. Rund zehn Jahre war er selbst als Pfadfinderleiter in der Jugendbetreuung aktiv.
Man ist als Kind selbst unterrichtender Erziehungsberechtigter in mancher Hinsicht privilegiert – das nur, um den Eindruck zu entkräften, es ginge hier darum, Leidensgeschichten loszuwerden. (Sie merken schon, bei mir hat der alle Eventualitäten berücksichtigende Diplomat durchgeschlagen, weniger der Revoluzzer.) Die Nachteile bleiben jedenfalls im Rahmen.

Vom ersten Schultag an befindet sich das Lehrerkind in einer Doppelrolle. In eine Klasse geworfen, weiß es als Einziges von gewissen systemimmanenten Abläufen – weil diese ja schon seit Jahren zuhause Thema waren. Es kennt den Jargon und sieht Herrn oder Frau Lehrer nicht allein als hierarchisch vor einen Gesetzten, sondern auch als Menschen mit Sorgen und Alltagsproblemen. Das Lehrerkind sitzt also physisch inmitten seiner Mitschüler, psychisch aber zwischen den Stühlen und wird so über Jahre geschult, beide Seiten zu verstehen, sich „hineinzuversetzen“. Der Weg des Diplomaten zwischen den Fronten scheint also vorgegeben.
Da ist einerseits das Bewusstsein um die Bedürfnisse der sich oft ungerecht behandelt fühlenden Gleichaltrigen; andererseits das Wissen um die – von den Kindern oft nachgeplapperten – Dummheiten mancher Eltern, die glauben, bloß weil sie selbst über eine Schulvergangenheit verfügen, mit der Gegenwart automatisch bestens vertraut zu sein. Da bleibt einem, will man nicht zum Außenseiter werden, nur das offensive Vermitteln zwischen den Welten. Spätestens gegen Ende der Schulpflicht weicht diese Neutralität der Pubertät, in der auch dem Lehrerkind der Mehrfrontenkrieg nicht erspart bleibt. Da wird es verdammt nervig, wenn Mama und Papa die im Lehrplan festgeschriebenen Unterrichtsziele der jeweiligen Schulstufe genau kennen, zumindest einer von beiden bis in die Oberstufe jeden Elternsprechtag besucht: Man hat sich gegen einen verbündet, weil es ja alle nur gut meinen.
Blöd, dass man schon ein paar Schulnachrichten später zur eigenen Sicht der Dinge auf Distanz geht; im Wissen, dass an all dem schon was dran sein könnte. Das Matura- zeugnis schließlich in der Tasche, fühlt man sich an der Uni wunderbar vogelfrei und unbeobachtet. Doch die Schulzeit geht – halt im Privaten – auch hier weiter. Das Schulsystem bleibt weiter im Blick, zusehends durch die alles andere als rosarote Brille des elterlichen Lehrkörpers.
Da kriegt man plötzlich mit, wie auf dem Rücken eines Berufsstandes, der gern für nahezu alle gesellschaftlichen Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht wird, Parteipolitik gemacht, Schultypen heruntergewirtschaftet, Sinnvolles verklausuliert und ins Absurde verdreht wird. Wer weiß schon, dass auf den Zeugnissen manche Hauptschule als „College“ mit bewusst schwammig formulierter „Schwerpunktsetzung Teamfähigkeit“ ausgewiesen wird? Dass verwahrloste Heranwachsende für unterbliebene schulische Leistungen belohnt – und somit auf ihrem Weg bestätigt – werden, indem manche Fächer gar nicht im Zeugnis aufscheinen?
Schulpolitiker sind für gewöhnlich nicht darauf bedacht, dergleichen in der Öffentlichkeit breitzutreten. Die Eltern glauben – so sie sich überhaupt für den Nachwuchs interessieren –, davon zu profitieren, dass die Zeugnisse und damit die Lebensläufe ihrer Kinder geschönt werden. Auch sie werden sich also hüten, etwas gegen die herrschenden Verhältnisse zu tun. Und der einfache Lehrer, die einfache Lehrerin hat nach außen hin sowieso nichts zu melden; oder wird, so sie es doch tut, von der Obrigkeit mundtot gemacht. Lehrerkinder gehören zu den wenigen Menschen, die solche Entwicklungen ungefiltert mitbekommen. Und wundern sich deshalb auch nicht, dass sich viele Privatschulen des Ansturms von Kindern besorgter Eltern kaum erwehren können.
Dass Schulabgänger allen populistischen Versprechungen der Spitzenpolitik zum Trotz keine Lehrstelle finden, während gleichzeitig Unternehmen beklagen, keine brauchbaren, sprich verlässlichen, interessierten und verantwortungsbewussten Auszubildenden zu finden. Womit ich bei der letzten meiner – einzig auf persönlichen Erfahrungen und Gesprächen mit Schicksalsgenossen beruhenden – Thesen angelangt bin: dem Unternehmertum. Unter Lehrerkindern genießt es Seltenheitsstatus. Als Gründe dafür darf man wohl ein Aufwachsen im pragmatisierten Beamtenselbst- verständnis und dem damit verbundenen Sicherheitsdenken annehmen. An den Ergebnissen einer Studie über die Zusammenhänge zwischen einem Dasein als Lehrerkind und der Ausprägung von Risikobereitschaft und Unternehmergeist wäre ich jedenfalls schwer interessiert.
Thomas Weber, 29, ist Chefredakteur des Popmagazins The Gap und der Wiener Stadtzeitung City. Rund zehn Jahre war er selbst als Pfadfinderleiter in der Jugendbetreuung aktiv.
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