Klassenkämpfer
Motivator, Kuschelersatz, Integrationsarbeiter: Um den Forderungen der Zeit gerecht zu werden, müssen Österreichs Lehrer längst mehr tun, als ihr Wissen weiterzugeben. Nur eine Kaste hat das noch immer nicht mitbekommen: Die Politiker.

Text: Peter Draxler, Florian Niederndorfer
Fotografie: Martin Fuchs
Podcast (vollständiger Text)
Weil du die Welt retten willst!“, platzt es aus dem Achtjährigen heraus. „Damit du die Menschheit klüger machen kannst!“, rät ein anderer. Anna Holzeis lächelt, aber schüttelt den Kopf. Seit acht Uhr morgens steht die 52-Jährige in der 3B. Und jetzt, kurz vor der Zwölf-Uhr-Pause, blicken sie 18 Augenpaare ratlos an. „Na, was glaubt ihr, warum bin ich Lehrerin geworden?“, fragt Holzeis noch einmal und senkt dabei ihre Stimme, bis sie nur noch flüstert. Sie tut das immer, wenn sie etwas ernst meint. „Weil du gescheit bist!“, ruft einer aus der letzten Reihe nach vorne. „Nicht herausschreien!“, mahnt Holzeis, diesmal laut. „Weil du kinderlieb bist!“ Jackpot.
Die gebürtige Kärntnerin hat selber zwei Söhne großgezogen. Ihre Zuneigung gilt aber auch den je neun Buben und Mädchen der 3B der Volksschule Galileigasse in Wien-Alsergrund. Nach dem Ratespiel nimmt sie wieder zwischen den Kindern Platz. „Das Tunwort heiß Tunwort, weil man etwas tut.“ Es ist Zeit für die so genannte „freie Lernphase“. Während dieser soll das eben Gelernte wiederholt und vertieft werden. Anna Holzeis setzt sich zu ihren Schülern und erklärt den Achtjährigen noch einmal die Grundregeln der Grammatik.
Mit seinen 121.326 Lehrern und Lehrerinnen zählt das österreichische Schulsystem zu den größten Arbeitgebern im Land. Kaum ein Thema wird heute in der Öffentlichkeit so heftig und ausgiebig diskutiert wie die Situation an den Schulen. PISA-Schock, Gesamtschule versus Status quo, mangelnde Integration von Kindern mit nicht deutscher Muttersprache: kaum ein Bürger, der nicht mindestens eine Meinung dazu hätte. Schließlich ist jeder einmal selber in die Schule gegangen. Für Politiker bildet das Thema seit jeher ein beliebtes Feld zur billigen Profilierung. So prägt der alte Spruch vom Traumjob („Im Winter Maurer, im Sommer Lehrer“) bis heute die Wahrnehmung der Österreicher vom Lehrerberuf: wenige Arbeitsstunden, ein staatlich abgesicherter Arbeitsplatz ohne Leistungsdruck, viel Freizeit. Aber wie ist es um die Lebenswirklichkeit der Lehrerinnen und Lehrer in diesem Land heute wirklich bestellt?
„Wir waren schon einmal viel weiter“, sagt Anna Holzeis. „Vor zehn Jahren haben wir wirklich gute Bedingungen gehabt. Seither wird immer mehr weggenommen.“ Das Klagelied einer pragmatisierten Beamtin oder das Ergebnis einer falschen Schulpolitik? Tatsächlich wurde den österreichischen Lehrern im vergangenen Jahrzehnt ein Rattenschwanz an zusätzlichen Aufgaben übertragen. Nicht zwangsläufig vonseiten der Politik, sondern von den Zwängen einer sich wandelnden Gesellschaft, die Fragen aufwirft, auf die sie keine Antworten mehr findet. So finden sich die Lehrer heute mit Aufgaben betraut, die in früheren Zeiten den Eltern vorbehalten waren.
Was das bedeutet, erfährt Anna Holzeis jeden Wochentag buchstäblich am eigenen Leib. „Die Kinder zupfen ständig an meiner Bluse und wollen umarmt werden“, sagt sie. Viele Kinder der 3B suchten in der Schule, was ihnen zuhause abgeht. Die körperliche Nähe ist aber rechtlich gesehen problematisch. „Eigentlich“, sagt Holzeis, „darf ich meine Schüler überhaupt nicht berühren.“ Bei ihr als Frau sei das kein so großes Problem. „Aber wenn ein Mann einen seiner Schüler umarmt, nennt man ihn gleich einen Grabscher.“ Die meisten Kinder hätten zuhause keine männliche Bezugsperson und sehnten sich geradezu nach einem Vaterersatz. An keinem anderen Ort werden familiäre Fehlentwicklungen so unmittelbar schlagend wie in den Schulen. In Zeiten steigender Scheidungsraten und überforderter Familien bleibt immer mehr von jener Erziehungsarbeit, die eigentlich die Eltern leisten sollten, an den Pädagogen hängen.
Aber nicht nur auf diese Entwicklung hält die Lehrerausbildung heute keine befriedigenden Antworten mehr bereit. Auch der wachsende Anteil von Kindern mit nicht deutscher Muttersprache findet in den Kursen und Seminaren bisher keinen ausreichenden Niederschlag. Nur ein Beispiel, warum den Lehrern immer weniger Zeit und Konzentration für ihre eigentliche Arbeit bleiben: das Unterrichten.
„Eigentlich bin ich damals Lehrer geworden, weil ich gedacht habe, man könnte etwas am System verändern“, sagt Peter Apfl. Heute muss er manchen Schülern erst einmal klar machen, dass sie zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten sein müssen. Der 51-jährige Hauptschullehrer erfährt die Verschiebung der Erziehungskompetenz am eigenen Leib. Etwa bei den Schutzimpfungen, deren Ablauf er an der Hauptschule Pernitz organisiert. Die rund dreißig Kilometer westlich von Wiener Neustadt gelegene Schule gehört mit 280 Kindern zu den größeren im Bezirk. Man sei an seiner Schule mittlerweile dazu übergegangen, die Impfpässe der Schüler dauerhaft einzusammeln.
„Weil wir gemerkt haben, dass die Eltern oft keine Ahnung haben welche Impfungen ihre Kinder schon bekommen haben und welche nicht.“
Die Zeit, als Apfl noch das System verändern wollte, waren die späten Siebziger. Seine Outfits bilden bis heute eine Reminiszenz an diese Zeit. Die Füße stecken in kunstvoll geschusterten braunen Cowboystiefeln, die großteils von dunkelblauen Jeans verdeckt sind. Über einem schlichten, grob karierten Baumwollhemd trägt er ein in die Jahre gekommenes Cordsakko, in dessen Brusttasche der berüchtigte Rotstift steckt. Anders als seinen alten Feinden, dem österreichischen Schulsystem und seinen Trägern, die sich stets erfolgreich gegen allzu große Veränderungen zu wehren wussten, sind Apfl die vielen Jahre im Klassenzimmer anzusehen. Das hagere Gesicht steckt hinter ungezähmten braunen Locken und einem imposanten Vollbart, die grauen Strähnen am Kinn lassen sich nicht verbergen.
Wir haben heute eine Generation zu unterrichten, die mit Computer und Game Boy aufgewachsen ist,“ sagt Apfl. Was das bedeutet, erfährt er täglich. Seit 28 Jahren unterrichtet er an der Hauptschule im 3.000-Einwohner-Marktflecken Pernitz; hauptsächlich Deutsch, Englisch, Geometrisches Zeichnen, Geschichte und Wirtschafts- und Sozialkunde; aber auch Leibesübungen und andere Fächer, für die er keine Lehramtsprüfung abgelegt hat. „Bis auf Mathematik und Biologie habe ich eigentlich alles schon einmal unterrichtet.“
Was sich in fast drei Jahrzehnten vorne am Pult seiner Meinung nach am meisten geändert hat? „Der Förderbedarf hat sehr zugenommen, weil es viele Kinder gibt, die aus den verschiedensten Gründen dem Unterricht nicht mehr folgen können“, sagt Apfl. „Zudem haben viele Kinder ein, um es neutral zu formulieren, geändertes Sozialverhalten.“ Immer öfter seien die Schüler schlicht und einfach nicht bereit, die Meinungen ihrer Klassenkollegen zu akzeptieren – was bisweilen bis zu Handgreiflichkeiten führt. Bei ihrem Amtsantritt 1995 hatte die bis Jänner dieses Jahres amtierende Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) die „Forcierung der Teamfähigkeit“ der österreichischen Schüler noch als „Schlüsselqualifikation“ angepriesen.

Statistisch manifest werden die von Apfl beschriebenen Defizite bei der von der Organisation für Entwicklungszusammenarbeit (OECD) durchgeführten PISA-Studie. In deren Rahmen werden im Dreijahresabstand Ergebnisse von Klausurarbeiten von je 500 15-jährigen Schülern in verschiedenen Fächern in 27 Ländern erhoben. Die Ergebnisse der Erhebung 2006 werden im Dezember dieses Jahres veröffentlicht. Dann wird es spannend, zu sehen, ob sich ein fataler Trend fortsetzt: Österreich, 2000 noch im oberen Mittelfeld, sackte 2003 um satte zehn Ränge ab. Peter Apfl hat sich angesichts seiner Erlebnisse darüber nicht gewundert. Heute wird an seiner Schule verstärkt „sonderpädagogische Förderung“ gewährt – wenn Schüler hinter die geforderten Leistungsstandards zurückfallen, bekommen sie einen Stützlehrer, der sie wieder an das Niveau der Mitschüler heranführen soll. Kosten darf diese Maßnahme aber nichts. Um dem sonderpädagogischen Förderbedarf gerecht zu werden, streicht man in Pernitz an einer anderen Front: bei den zusätzlichen Deutschstunden für Schüler mit nicht deutscher Muttersprache.
Besonders in den dritten Leistungsgruppen, den untersten in der Bildungspyramide der Hauptschulen, finden sich vermehrt verhaltensauffällige und leistungsschwache Schüler. „Da gibt es Situationen, denen ich eigentlich nicht gewachsen bin“, sagt Apfl in der Pause zwischen zwei Deutschstunden. Der Unterschied zwischen dem Unterricht in der ersten und der dritten Leistungsstufe könnte kaum größer sein. Eben behandelte er noch das Thema Lyrik unter Verwendung der Cut-up-Technik, mit der einst der US-Beatpoet William S. Burroughs berühmt wurde, einer von Apfls Jugendhelden (siehe DATUM 9/05, Anm.).
In der dritten Leistungsgruppe der ersten Klasse bekommt Apfl Verstärkung: Zwei Schüler kommen mit ihrem Stützlehrer. Gleich zu Beginn der Stunde wird ein Kind zur „Überprüfung“ zur Schulpsychologin geschickt: der nächste Kandidat für sonderpädagogischen Förderungsbedarf. Nachdem Apfl das mit Faschingsgirlanden und Bildern der Schüler geschmückte Klassenzimmer betreten hat, muss er sich erst einmal Gehör verschaffen. Obwohl die Stunde längst begonnen hat, kommen manche Schüler erst nach und nach in die Klasse. Die Aktenordner, in denen sie ihre Unterlagen verstaut haben und die in der ersten Leistungsgruppe wie mit dem Lineal ausgerichtet die Tische schmücken, liegen verstreut herum – so sie überhaupt welche mithaben. Auch der Lernstoff ist ein anderer: Nicht Gedichte, sondern sinnverstehendes Lesen steht auf dem Programm.
Die 15 Elfjährigen bekommen einen kurzen Text zu lesen: einen Witz über die Unterhaltung eines kleinen Mädchens mit ihrer Großmutter über Sinn und Widersinn von Körperhygiene. Niemand lacht. Die Schüler müssen die Wörter unterstreichen, die sie nicht verstehen. Vor allem das Wort „Runzeln“ sorgt für Verwunderung. „Wenn jemand alt wird, bekommt er das im Gesicht und auf den Händen“, erklärt Peter Apfl schließlich, nachdem mehrere Schüler sich in geradebrechten Erklärungen versucht haben. Zehn Minuten sind geschafft. Mühsame vierzig liegen noch vor ihm. „Es gibt immer mehr verhaltensauffällige Kinder“, sagt Apfl, „aber keine zusätzlichen Stunden, um diese Kinder zu fördern. Wir werden vollkommen kaputtgespart. Ich versuche, nicht zu jammern, aber das sind Tatsachen.“ Auf die Hilfe der Politik zählt Peter Apfl schon lange nicht mehr.

„Es gab einen großen Einschnitt, als die damalige FPÖ-Chefin Susanne Riess-Passer 2000 die Beamtenagenden übernommen hat. Seit damals werden die Lehrer eher als Belastung für den Staatshaushalt betrachtet denn als Investition in die Zukunft des Landes.“ Spätestens seit Elisabeth Gehrer Kritiker nach einer von ihr verordneten Stundenkürzung 2003 als „professionelle Jammerer“ verunglimpfte, hat er wie viele seiner Kollegen, die sich durch solche Aussagen zu bloßen Kostenfaktoren reduziert sehen, resigniert.
Sich dessen bewusst, versuchte die neue Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) gleich bei ihrer ersten Erklärung vor dem Nationalrat, die Lehrerschaft mit dem Bildungsministerium auszusöhnen. Die Lehrer Österreichs würden „jeden Tag und oft mit totalem Einsatz und großen Opfern einen wertvollen Beitrag für die Zukunft Österreichs“ liefern, sagte sie, zur Unterstützung versprach sie „großzügige Investitionen, daran führt kein Weg vorbei“. Genaue Zahlen blieb sie freilich schuldig. Peter Apfl erwartet sich von ihr deshalb „genau gar nichts. Diese Sprüche kennen wir schon seit Jahren.“
Das neue Regierungsprogramm von Rot-Schwarz liefert kaum Argumente, um seine Skepsis zu widerlegen. Was die Schulen angeht, finden sich darin nicht mehr als vage Absichtserklärungen. Die groß angekündigte Reduktion der Klassenschülerhöchstzahl von derzeit 32 auf 25 entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Richtwert, über dessen Umsetzung die einzelnen Schulen selbst entscheiden sollen. Immerhin ist laut Schmied mit Finanzminister Wilhelm Molterer (ÖVP) bereits abgesprochen, dass die Kosten für die Senkung in den Pflichtschulen und den AHS vom Bund getragen werden. Für Ende dieses Monats plant Schmied zudem einen „Schulgipfel“, bei dem „Betroffene zu Beteiligten gemacht“ und die „Schulpartner intensiv in meine Überlegungen einbezogen werden sollen“.
Wie die Rhetorik mit Inhalten gefüllt werden soll, stand bis Redaktionschluss noch nicht fest. Die geplante „Aufwertung von Kindergärten und Vorschulen“ ist im rot-schwarzen Programm ebenso wenig konkret formuliert wie die Forderung nach einem Ausbau der Tagesbetreuung. Hier begnügt sich die Regierung mit Beamtenmikado für Fortgeschrittene, Motto: „Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründ ich einen Expertenkreis.“ In solchen Gremien sollen bis 2010 Zukunftskonzepte erarbeitet werden. Währenddessen drohen die österreichischen Schüler im internationalen Vergleich immer weiter zurückzufallen, weil nicht genug Geld investiert wird. Wie die Daten der jüngst von der OECD präsentierten Studie „Education at a Glance“ zeigen, machten die Ausgaben für Schulen 1999 noch 4,2 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. 2003 waren es nur mehr 3,8 Prozent.
Zwar stieg das jährlich veranschlagte Schulbudget während der sieben Jahre dauernden schwarz-blau-orangen Regierung von 5,28 Millionen Euro auf sechs Millionen Euro – mit der Entwicklung des BIP konnte es aber nicht mithalten. Während in Budgetreden vor dem Nationalrat stets von zusätzlichen Investitionen in die Bildung der Jugend gesprochen wurde, stiegen die tatsächlichen Aufwendungen in den acht Jahren zwischen 1995 und 2003 lediglich um acht Prozent. Zum Vergleich: Die nordischen Länder Finnland und Dänemark – beide in der PISA-Studie 2003 an Spitzenplätzen gereiht –, erhöhten die Ausgaben für ihre Schulen im selben Zeitraum um 32 beziehungsweise 27 Prozent. Als Hauptproblem des PISA-Debakels glaubte Bildungsministerin Gehrer damals den hohen Anteil an Schülern mit nicht deutscher Muttersprache zu erkennen, den sie mit durchschnittlich zehn Prozent bezifferte. In manchen Gegenden des Landes ein utopischer Wert.
Das Einzugsgebiet des Gymnasiums am Henriettenplatz im 15. Wiener Gemeindebezirk erstreckt sich über die Bezirke Neubau, Meidling, Rudolfsheim-Fünfhaus und Ottakring. Fast 250.000 Menschen wohnen in den dicht verbauten Bezirken am Gürtel. Nirgendwo in Wien liegt der Migrantenanteil höher als hier. 85 Prozent der Schüler des Gymnasiums haben Eltern nicht deutscher Muttersprache. Es sind Schulen wie diese, die bei blauen und orangen Populisten immer wieder als abschreckende Beispiele für die „Ausländerflut“ in Österreich herhalten.
„Natürlich wirken sich solche Verhältnisse auf das Niveau des Unterrichts aus“, sagt die am Henriettenplatz tätige Werklehrerin Michaela Huber. Ihre Kollegen beklagen die Leseschwierigkeiten vieler Schüler, für die selbst die in einfacher Sprache gehaltenen Lehrbücher zu anspruchsvoll seien. „Das Problem bei vielen Migrantenkindern ist auch, dass ihnen Stolz als ganz wichtiger Wert mitgegeben wird. Die zeigen dann nicht auf und fragen, wenn sie etwas nicht verstehen.“ Die 29-Jährige unterrichtet seit vier Jahren Technisches und Textiles Werken in den Kellerräumen des 130 Jahre alten Schulgebäudes.
Die Junglehrerin fällt mit ihren 1,85 und dem dem Nasenpiercing auf, wenn sie durch die Gänge des Jugendstilgebäudes geht. Auch noch im vierten Jahr. „Wilde Werkerin“ steht auf der Rückseite ihres tannengrünen Arbeitsmantels. Mit ihren breit gestreiften lila-graue-weißen Strümpfen und Gamaschen hebt sich die 29-Jährige unweigerlich vom Rest des Lehrkörpers ab. „Jung und dynamisch“ sei sie, sagt Friedrich Weinhofer, der als Direktor über die Belange von 45 Lehrern und knapp 450 Schülern wacht. Ein wenig Ratlosigkeit klingt dabei durch. Für den Schulleiter ist sie vielleicht ein bisschen zu dynamisch.
„Super!“, ruft Michaela Huber so laut, dass es alle hören. „Wenigstens bei dir passt die Mausefalle ins Auto!“ Der elfjährige Bub rückt die Brille auf seiner Nase gerade und strahlt übers ganze Gesicht. Er nimmt sein Werk – einen knallgelben Sportwagen aus dünnen Sperrholzplatten samt integrierter Mausefalle – und läuft zu seinem Platz zurück. Der Rest der Buben und Mädchen der 1B tut sich schwer an diesem Morgen: Entweder die Mausefalle passt nicht ins Auto oder die Räder erweisen sich für eine Probefahrt als untauglich. Traurig stehen sie da, aufgefädelt rund um die drei großen Eichenholztische, die den wohnzimmergroßen Werksaal im Kellergeschoß dominieren.
Draußen, wo die Fenster den Blick auf den Henriettenplatz mit seinem für die Gegend rund um den Gürtel charakteristischen Fußballkäfig freigeben, stehen ein halbes Dutzend Oberstufenschülerinnen und blasen gelangweilt Rauchringe in die Luft. Drinnen wird die Stimmung auch nicht besser. Die Stunde ist beinahe vorüber und der Großteil der hölzernen Autos fährt noch immer nicht. Gespielt wird trotzdem damit. „Ihr tut’s euch noch weh!“, zetert Huber und greift zu einem Trick, „den ich immer anwende, wenn alle Stricke reißen“, wie sie nachher erzählt. „Aufpassen!“, sagt sie und klatscht in die Hände. „Jetzt basteln wir Papierflieger!“
„Erfolgreicher Unterricht hängt in erster Linie davon ab, inwieweit die Eltern Interesse an der Bildung ihrer Kinder zeigen“, sagt Huber. „Das ist bei uns recht wenig der Fall.“ Bei aller Aufgeschlossenheit scheitere ein vernünftiger Kontakt zu den Eltern oft schon allein an deren schlechten Deutschkenntnissen. Für Heraus- forderungen dieser Art fühlt sich Michaela Huber, die im 4.800-Seelen-Städtchen Altheim im oberen Innviertel aufgewachsen ist, keineswegs ausreichend ausgebildet.
Mit diesem Manko steht sie schon lange nicht mehr alleine da. Gertrud Nachbauer, Leiterin der Abteilung für interkulturelle Fort- und Weiterbildung am Linzer Pädagogischen Institut (PI), diagnostiziert schon in der Ausbildung der Junglehrer „große Mängel hinsichtlich des Umgangs mit Migranten“. Das Versäumte nachzuholen sei angesichts der knappen finanziellen Mittel schwer möglich. Von den 128 Lehrern, die sich letztes Jahr mit diesbezüglichen Schwierigkeiten an sie wandten, hätten lediglich 25 in entsprechenden Fortbildungsseminaren Platz gefunden. Am Henriettenplatz stellt die mangelnde Integration aber bei weitem nicht das einzige Problem dar. Michaela Huber erzählt von Armut, aber auch von Wohlstands- verwahrlosung, die ihr in der Schule unterkomme. Erst vor kurzem sei ein Dreizehnjähriger der Schule verwiesen worden, weil er mehrere Laptops gestohlen und im Second-Hand-Laden verkauft hatte.

Und das nicht etwa, weil er es nötig gehabt hätte: Seine Eltern führen ein gut gehendes Lokal im dritten Bezirk. Es habe ihm schlicht und einfach an elterlicher Aufsicht gemangelt. Es gibt laut Huber aber auch Schüler, „denen du am liebsten einen alten Pullover in die Hand drücken willst“, weil ihre Eltern sich einen neuen offenbar nicht leisten können. Huber hat sich einen Filter verordnet, „sonst läuft man ja dauerdeprimiert herum. Da helfen oft nur mehr drei Folgen ,Simpsons‘ am Stück und dabei zehn Minuten schlafen.“
Nicht allen Lehrern fällt es so leicht, Probleme an ihrem Arbeitsplatz zurückzulassen. „Junge Lehrer tun sich oft schwer, ihre Rolle in der Klasse zu finden“, sagt Hildegund Bauer-Polt, Koordinatorin des LehrerInnenberatungszentrums des Pädagogischen Instituts Wien. „Und die älteren Kollegen laufen zunehmend Gefahr, mit den geänderten Rahmenbedingungen nicht mehr klarzukommen, und das massiv.“ Bauer-Polt, selbst Philosophielehrerin an einem Wiener Gymnasium, arbeitet als Supervisorin jedes Jahr mit vierzig Wiener Lehrern, die am Rande eines Burn-out-Syndroms stehen oder den entscheidenden Schritt schon getan haben. Weitere 400 Pädagogen, schätzt sie, nehmen alleine in Wien Beratungsgespräche an ihren eigenen Schulen in Anspruch.
Die Volksschullehrerin Anna Holzeis musste bisher nicht auf solche Angebote zurückgreifen. Trotz ihrer 52 ist sie nach eigener Aussage „noch immer voll bei der Sache“. Wie lange sie ihren Full-Contact-Job aber noch in dieser Form ausüben kann, weiß sie nicht. „Es ist nicht so, dass ich Angst habe vor dem Arbeiten. Aber davor, ob ich den Kindern mit 65 noch zumutbar bin.“ Heutzutage, wo sich die Eltern die Schule ihrer Kinder fast wie auf dem freien Markt aussuchen könnten, komme es immer mehr auf den persönlichen Eindruck an. Die Schulwahl entwickle sich mehr und mehr zu einem Beliebtheitswettbewerb. „Man fühlt sich beinahe so wie früher die Tiere bei Edith Klingers ,Wer will mich?‘“, sagt Holzeis. Allzu große Konkurrenz droht ihr allerdings nicht. Das Durchschnittsalter der österreichischen Lehrerschaft beträgt mittlerweile laut einer Statistik des Bundeskanzleramts 45,4 Jahre.
Damit sind die Lehrer, die tagein, tagaus mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, die Methusalems unter allen öffentlich Bediensteten Österreichs. Und das, obwohl die 13 heimischen Unis, die Lehramtsstudien für die AHS anbieten, jährlich rund 1.000 Absolventen ausspucken, die für den Nachwuchs in Volks-, Haupt- und Berufsschulen zuständigen Pädagogischen Akadamien rund 4.600. Mit elf Jahren verließ Anna Holzeis einst das Mölltal an den Ausläufern des Großglockners, „weil unser Volksschuldirektor schon immer jemanden nach Wien ins Internat bringen wollte. Ich war sein Opfer.“ Heute verbringt sie so viel Zeit wie möglich in ihrer alten Heimat. Die 52-Jährige sieht ihr Lehrerinnendasein „nicht als Job. Schon gar nicht als einen, von dem man das Privatleben isolieren kann.“ Als ihr Sohn Christoph, heute 28, selbst einer ihrer Schüler war, fiel Holzeis das besonders schwer. Den gemeinsamen Heimweg zur nahe gelegenen Wohnung erlebte Christoph meist als „Schweigemarsch“.
Nach den oft turbulenten Vormittagsstunden braucht sie immer zehn Minuten, „um wieder zu mir zu kommen“. Je älter sie wird, umso längere Erholungsphasen benötigt sie. Deswegen bleibt sie heute nach dem Unterricht meist noch bis drei Uhr nachmittags in der Schule, verbessert Hausübungen, bereitet sich auf den nächsten Tag vor, trifft sich mit Kolleginnen zum Kaffee. Erst dann lässt sie den Lehrerinnenalltag hinter sich und verbringt Zeit mit ihrem Ehemann. Der, als Mitarbeiter einer Werbeagentur auf andere Art volksbildnerisch tätig, habe dafür Verständnis, dass sie Erlebnisse vom Vormittag auch abends im trauten Heim nicht immer loslassen: „Dann ist es schon wichtig, dass einem jemand zuhört“ sagt sie. „Wenn ich daheim dauernd Zores hätte, wäre für die Schule keine Kraft mehr da.“
Peter Apfl hat seine Berufswahl nie bereut, auch wenn er sich manchmal einen Job wünscht, „bei dem ich ein Werkstück um fünf Uhr hinlegen, die Tür hinter mir zumachen und alles bis zum nächsten Morgen um neun vergessen kann“. Gerade gegen Ende eines Schuljahres stößt er immer wieder an die Grenzen der Belastbarkeit. Erst nach etwa zwei Wochen Ferien schafft er es, den Schulalltag hinter sich zu lassen und damit zu beginnen, seine Akkus aufzuladen.
Unterm Strich, sagt er, überwiegen trotzdem die Vorteile des Jobs: allen voran die langen Ferien und der hohe Anteil an freier Zeiteinteilung. „Außerdem bleibt man als Lehrer relativ unbehelligt, wenn man nicht besonders auffällig wird“, sagt Peter Apfl. Wenn man das System schon nicht ändern kann, so lässt es einen wenigstens in Ruhe.
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Was verdienen Lehrer und was leisten sie?
Ex-Bundeskanzler Fred Sinowatz (SPÖ) hätte seine Freude an den Gehaltsschemata der 121.326 österreichischen Lehrer. Es ist nämlich wirklich„alles sehr kompliziert“. Das Bezügegesetz kennt zwölf verschiedene Gehaltsstufen, die von der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) in den Kollektivvertragsverhandlungen jedes Jahr aufs Neue ausgehandelt werden. Das Gesetz unterscheidet zwischen beamteten Lehrern und Vertragslehrern. „Bundeslehrer“ (AHS, BHS, Pädak) und „Landeslehrer“ (Volksschule, Hauptschule, Sonderschule, Polytechnische Schule, Berufsschule) erhalten seit 1. Jänner 2007 als Einstiegsgehalt je nach Ausbildung zwischen 1.346 und 2.193,1 Euro brutto im Monat. Alle zwei Jahre rücken sie automatisch eine Gehaltsstufe nach oben.
Der Plafond ist nach 38 Dienstjahren erreicht. Das maximale Gehalt eines beamteten Lehrers beträgt dann derzeit 5.303,1 Euro, jenes für Vertragslehrer 5.426,8 Euro. Volks- und Hauptschullehrer müssen dafür eine Jahresnorm erfüllen, bis zu 1.502 Stunden pro Jahr, wobei 792 Stunden auf Unterricht entfallen, 660 auf Vor- und Nachbereitung und weitere 50 auf verpflichtende Fortbildung. Die beamteten Lehrer haben nach dem Beamtendienstrecht inklusive Vor- und Nachbereitung ein Arbeitspensum von 40 Wochenstunden zu absolvieren. Dem gegenüber stehen 14 Wochen Jahresurlaub, genannt Ferien. Wenn Volks-, Haupt- und Berufsschullehrer für Kollegen einspringen, bekommen sie erst ab der elften Stunde im Jahr extra Geld.
Lehrer an höheren Schulen müssen eine Stunde pro Woche gratis supplieren, für jede weitere bekommen sie zwischen 22,6 und 29,9 Euro. Zusätzliches Einkommen versprechen Sonderaufgaben wie Klassenvorstand, das Verwalten der unterschiedlichen Lehrmittelsammlungen (Kustodiat) und das Amt des Direktors. So erhalten Klassenvorstände je nach Einstufung eine „Abgeltung“ zwischen 133,3 und 152,4 Euro im Monat für die „Führung der Klassenvorstandsgeschäfte“. Ein Kustodiat bringt je nach Fach und Ausbildung zwischen 83,8 und 121,9 Euro monatlich. Der vom Landesschulrat bestellte Direktor verdient, abhängig von Ausbildung, Dienstalter und Schulgröße, eine Zulage zwischen 526 und 851,6 Euro im Monat.
Die gebürtige Kärntnerin hat selber zwei Söhne großgezogen. Ihre Zuneigung gilt aber auch den je neun Buben und Mädchen der 3B der Volksschule Galileigasse in Wien-Alsergrund. Nach dem Ratespiel nimmt sie wieder zwischen den Kindern Platz. „Das Tunwort heiß Tunwort, weil man etwas tut.“ Es ist Zeit für die so genannte „freie Lernphase“. Während dieser soll das eben Gelernte wiederholt und vertieft werden. Anna Holzeis setzt sich zu ihren Schülern und erklärt den Achtjährigen noch einmal die Grundregeln der Grammatik.
Mit seinen 121.326 Lehrern und Lehrerinnen zählt das österreichische Schulsystem zu den größten Arbeitgebern im Land. Kaum ein Thema wird heute in der Öffentlichkeit so heftig und ausgiebig diskutiert wie die Situation an den Schulen. PISA-Schock, Gesamtschule versus Status quo, mangelnde Integration von Kindern mit nicht deutscher Muttersprache: kaum ein Bürger, der nicht mindestens eine Meinung dazu hätte. Schließlich ist jeder einmal selber in die Schule gegangen. Für Politiker bildet das Thema seit jeher ein beliebtes Feld zur billigen Profilierung. So prägt der alte Spruch vom Traumjob („Im Winter Maurer, im Sommer Lehrer“) bis heute die Wahrnehmung der Österreicher vom Lehrerberuf: wenige Arbeitsstunden, ein staatlich abgesicherter Arbeitsplatz ohne Leistungsdruck, viel Freizeit. Aber wie ist es um die Lebenswirklichkeit der Lehrerinnen und Lehrer in diesem Land heute wirklich bestellt?
„Wir waren schon einmal viel weiter“, sagt Anna Holzeis. „Vor zehn Jahren haben wir wirklich gute Bedingungen gehabt. Seither wird immer mehr weggenommen.“ Das Klagelied einer pragmatisierten Beamtin oder das Ergebnis einer falschen Schulpolitik? Tatsächlich wurde den österreichischen Lehrern im vergangenen Jahrzehnt ein Rattenschwanz an zusätzlichen Aufgaben übertragen. Nicht zwangsläufig vonseiten der Politik, sondern von den Zwängen einer sich wandelnden Gesellschaft, die Fragen aufwirft, auf die sie keine Antworten mehr findet. So finden sich die Lehrer heute mit Aufgaben betraut, die in früheren Zeiten den Eltern vorbehalten waren.
Was das bedeutet, erfährt Anna Holzeis jeden Wochentag buchstäblich am eigenen Leib. „Die Kinder zupfen ständig an meiner Bluse und wollen umarmt werden“, sagt sie. Viele Kinder der 3B suchten in der Schule, was ihnen zuhause abgeht. Die körperliche Nähe ist aber rechtlich gesehen problematisch. „Eigentlich“, sagt Holzeis, „darf ich meine Schüler überhaupt nicht berühren.“ Bei ihr als Frau sei das kein so großes Problem. „Aber wenn ein Mann einen seiner Schüler umarmt, nennt man ihn gleich einen Grabscher.“ Die meisten Kinder hätten zuhause keine männliche Bezugsperson und sehnten sich geradezu nach einem Vaterersatz. An keinem anderen Ort werden familiäre Fehlentwicklungen so unmittelbar schlagend wie in den Schulen. In Zeiten steigender Scheidungsraten und überforderter Familien bleibt immer mehr von jener Erziehungsarbeit, die eigentlich die Eltern leisten sollten, an den Pädagogen hängen.
Aber nicht nur auf diese Entwicklung hält die Lehrerausbildung heute keine befriedigenden Antworten mehr bereit. Auch der wachsende Anteil von Kindern mit nicht deutscher Muttersprache findet in den Kursen und Seminaren bisher keinen ausreichenden Niederschlag. Nur ein Beispiel, warum den Lehrern immer weniger Zeit und Konzentration für ihre eigentliche Arbeit bleiben: das Unterrichten.
„Eigentlich bin ich damals Lehrer geworden, weil ich gedacht habe, man könnte etwas am System verändern“, sagt Peter Apfl. Heute muss er manchen Schülern erst einmal klar machen, dass sie zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten sein müssen. Der 51-jährige Hauptschullehrer erfährt die Verschiebung der Erziehungskompetenz am eigenen Leib. Etwa bei den Schutzimpfungen, deren Ablauf er an der Hauptschule Pernitz organisiert. Die rund dreißig Kilometer westlich von Wiener Neustadt gelegene Schule gehört mit 280 Kindern zu den größeren im Bezirk. Man sei an seiner Schule mittlerweile dazu übergegangen, die Impfpässe der Schüler dauerhaft einzusammeln. „Weil wir gemerkt haben, dass die Eltern oft keine Ahnung haben welche Impfungen ihre Kinder schon bekommen haben und welche nicht.“
Die Zeit, als Apfl noch das System verändern wollte, waren die späten Siebziger. Seine Outfits bilden bis heute eine Reminiszenz an diese Zeit. Die Füße stecken in kunstvoll geschusterten braunen Cowboystiefeln, die großteils von dunkelblauen Jeans verdeckt sind. Über einem schlichten, grob karierten Baumwollhemd trägt er ein in die Jahre gekommenes Cordsakko, in dessen Brusttasche der berüchtigte Rotstift steckt. Anders als seinen alten Feinden, dem österreichischen Schulsystem und seinen Trägern, die sich stets erfolgreich gegen allzu große Veränderungen zu wehren wussten, sind Apfl die vielen Jahre im Klassenzimmer anzusehen. Das hagere Gesicht steckt hinter ungezähmten braunen Locken und einem imposanten Vollbart, die grauen Strähnen am Kinn lassen sich nicht verbergen.
Wir haben heute eine Generation zu unterrichten, die mit Computer und Game Boy aufgewachsen ist,“ sagt Apfl. Was das bedeutet, erfährt er täglich. Seit 28 Jahren unterrichtet er an der Hauptschule im 3.000-Einwohner-Marktflecken Pernitz; hauptsächlich Deutsch, Englisch, Geometrisches Zeichnen, Geschichte und Wirtschafts- und Sozialkunde; aber auch Leibesübungen und andere Fächer, für die er keine Lehramtsprüfung abgelegt hat. „Bis auf Mathematik und Biologie habe ich eigentlich alles schon einmal unterrichtet.“
Was sich in fast drei Jahrzehnten vorne am Pult seiner Meinung nach am meisten geändert hat? „Der Förderbedarf hat sehr zugenommen, weil es viele Kinder gibt, die aus den verschiedensten Gründen dem Unterricht nicht mehr folgen können“, sagt Apfl. „Zudem haben viele Kinder ein, um es neutral zu formulieren, geändertes Sozialverhalten.“ Immer öfter seien die Schüler schlicht und einfach nicht bereit, die Meinungen ihrer Klassenkollegen zu akzeptieren – was bisweilen bis zu Handgreiflichkeiten führt. Bei ihrem Amtsantritt 1995 hatte die bis Jänner dieses Jahres amtierende Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) die „Forcierung der Teamfähigkeit“ der österreichischen Schüler noch als „Schlüsselqualifikation“ angepriesen.

Statistisch manifest werden die von Apfl beschriebenen Defizite bei der von der Organisation für Entwicklungszusammenarbeit (OECD) durchgeführten PISA-Studie. In deren Rahmen werden im Dreijahresabstand Ergebnisse von Klausurarbeiten von je 500 15-jährigen Schülern in verschiedenen Fächern in 27 Ländern erhoben. Die Ergebnisse der Erhebung 2006 werden im Dezember dieses Jahres veröffentlicht. Dann wird es spannend, zu sehen, ob sich ein fataler Trend fortsetzt: Österreich, 2000 noch im oberen Mittelfeld, sackte 2003 um satte zehn Ränge ab. Peter Apfl hat sich angesichts seiner Erlebnisse darüber nicht gewundert. Heute wird an seiner Schule verstärkt „sonderpädagogische Förderung“ gewährt – wenn Schüler hinter die geforderten Leistungsstandards zurückfallen, bekommen sie einen Stützlehrer, der sie wieder an das Niveau der Mitschüler heranführen soll. Kosten darf diese Maßnahme aber nichts. Um dem sonderpädagogischen Förderbedarf gerecht zu werden, streicht man in Pernitz an einer anderen Front: bei den zusätzlichen Deutschstunden für Schüler mit nicht deutscher Muttersprache.
Besonders in den dritten Leistungsgruppen, den untersten in der Bildungspyramide der Hauptschulen, finden sich vermehrt verhaltensauffällige und leistungsschwache Schüler. „Da gibt es Situationen, denen ich eigentlich nicht gewachsen bin“, sagt Apfl in der Pause zwischen zwei Deutschstunden. Der Unterschied zwischen dem Unterricht in der ersten und der dritten Leistungsstufe könnte kaum größer sein. Eben behandelte er noch das Thema Lyrik unter Verwendung der Cut-up-Technik, mit der einst der US-Beatpoet William S. Burroughs berühmt wurde, einer von Apfls Jugendhelden (siehe DATUM 9/05, Anm.).
In der dritten Leistungsgruppe der ersten Klasse bekommt Apfl Verstärkung: Zwei Schüler kommen mit ihrem Stützlehrer. Gleich zu Beginn der Stunde wird ein Kind zur „Überprüfung“ zur Schulpsychologin geschickt: der nächste Kandidat für sonderpädagogischen Förderungsbedarf. Nachdem Apfl das mit Faschingsgirlanden und Bildern der Schüler geschmückte Klassenzimmer betreten hat, muss er sich erst einmal Gehör verschaffen. Obwohl die Stunde längst begonnen hat, kommen manche Schüler erst nach und nach in die Klasse. Die Aktenordner, in denen sie ihre Unterlagen verstaut haben und die in der ersten Leistungsgruppe wie mit dem Lineal ausgerichtet die Tische schmücken, liegen verstreut herum – so sie überhaupt welche mithaben. Auch der Lernstoff ist ein anderer: Nicht Gedichte, sondern sinnverstehendes Lesen steht auf dem Programm.
Die 15 Elfjährigen bekommen einen kurzen Text zu lesen: einen Witz über die Unterhaltung eines kleinen Mädchens mit ihrer Großmutter über Sinn und Widersinn von Körperhygiene. Niemand lacht. Die Schüler müssen die Wörter unterstreichen, die sie nicht verstehen. Vor allem das Wort „Runzeln“ sorgt für Verwunderung. „Wenn jemand alt wird, bekommt er das im Gesicht und auf den Händen“, erklärt Peter Apfl schließlich, nachdem mehrere Schüler sich in geradebrechten Erklärungen versucht haben. Zehn Minuten sind geschafft. Mühsame vierzig liegen noch vor ihm. „Es gibt immer mehr verhaltensauffällige Kinder“, sagt Apfl, „aber keine zusätzlichen Stunden, um diese Kinder zu fördern. Wir werden vollkommen kaputtgespart. Ich versuche, nicht zu jammern, aber das sind Tatsachen.“ Auf die Hilfe der Politik zählt Peter Apfl schon lange nicht mehr.

„Es gab einen großen Einschnitt, als die damalige FPÖ-Chefin Susanne Riess-Passer 2000 die Beamtenagenden übernommen hat. Seit damals werden die Lehrer eher als Belastung für den Staatshaushalt betrachtet denn als Investition in die Zukunft des Landes.“ Spätestens seit Elisabeth Gehrer Kritiker nach einer von ihr verordneten Stundenkürzung 2003 als „professionelle Jammerer“ verunglimpfte, hat er wie viele seiner Kollegen, die sich durch solche Aussagen zu bloßen Kostenfaktoren reduziert sehen, resigniert.
Sich dessen bewusst, versuchte die neue Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) gleich bei ihrer ersten Erklärung vor dem Nationalrat, die Lehrerschaft mit dem Bildungsministerium auszusöhnen. Die Lehrer Österreichs würden „jeden Tag und oft mit totalem Einsatz und großen Opfern einen wertvollen Beitrag für die Zukunft Österreichs“ liefern, sagte sie, zur Unterstützung versprach sie „großzügige Investitionen, daran führt kein Weg vorbei“. Genaue Zahlen blieb sie freilich schuldig. Peter Apfl erwartet sich von ihr deshalb „genau gar nichts. Diese Sprüche kennen wir schon seit Jahren.“
Das neue Regierungsprogramm von Rot-Schwarz liefert kaum Argumente, um seine Skepsis zu widerlegen. Was die Schulen angeht, finden sich darin nicht mehr als vage Absichtserklärungen. Die groß angekündigte Reduktion der Klassenschülerhöchstzahl von derzeit 32 auf 25 entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Richtwert, über dessen Umsetzung die einzelnen Schulen selbst entscheiden sollen. Immerhin ist laut Schmied mit Finanzminister Wilhelm Molterer (ÖVP) bereits abgesprochen, dass die Kosten für die Senkung in den Pflichtschulen und den AHS vom Bund getragen werden. Für Ende dieses Monats plant Schmied zudem einen „Schulgipfel“, bei dem „Betroffene zu Beteiligten gemacht“ und die „Schulpartner intensiv in meine Überlegungen einbezogen werden sollen“.
Wie die Rhetorik mit Inhalten gefüllt werden soll, stand bis Redaktionschluss noch nicht fest. Die geplante „Aufwertung von Kindergärten und Vorschulen“ ist im rot-schwarzen Programm ebenso wenig konkret formuliert wie die Forderung nach einem Ausbau der Tagesbetreuung. Hier begnügt sich die Regierung mit Beamtenmikado für Fortgeschrittene, Motto: „Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründ ich einen Expertenkreis.“ In solchen Gremien sollen bis 2010 Zukunftskonzepte erarbeitet werden. Währenddessen drohen die österreichischen Schüler im internationalen Vergleich immer weiter zurückzufallen, weil nicht genug Geld investiert wird. Wie die Daten der jüngst von der OECD präsentierten Studie „Education at a Glance“ zeigen, machten die Ausgaben für Schulen 1999 noch 4,2 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. 2003 waren es nur mehr 3,8 Prozent.
Zwar stieg das jährlich veranschlagte Schulbudget während der sieben Jahre dauernden schwarz-blau-orangen Regierung von 5,28 Millionen Euro auf sechs Millionen Euro – mit der Entwicklung des BIP konnte es aber nicht mithalten. Während in Budgetreden vor dem Nationalrat stets von zusätzlichen Investitionen in die Bildung der Jugend gesprochen wurde, stiegen die tatsächlichen Aufwendungen in den acht Jahren zwischen 1995 und 2003 lediglich um acht Prozent. Zum Vergleich: Die nordischen Länder Finnland und Dänemark – beide in der PISA-Studie 2003 an Spitzenplätzen gereiht –, erhöhten die Ausgaben für ihre Schulen im selben Zeitraum um 32 beziehungsweise 27 Prozent. Als Hauptproblem des PISA-Debakels glaubte Bildungsministerin Gehrer damals den hohen Anteil an Schülern mit nicht deutscher Muttersprache zu erkennen, den sie mit durchschnittlich zehn Prozent bezifferte. In manchen Gegenden des Landes ein utopischer Wert.
Das Einzugsgebiet des Gymnasiums am Henriettenplatz im 15. Wiener Gemeindebezirk erstreckt sich über die Bezirke Neubau, Meidling, Rudolfsheim-Fünfhaus und Ottakring. Fast 250.000 Menschen wohnen in den dicht verbauten Bezirken am Gürtel. Nirgendwo in Wien liegt der Migrantenanteil höher als hier. 85 Prozent der Schüler des Gymnasiums haben Eltern nicht deutscher Muttersprache. Es sind Schulen wie diese, die bei blauen und orangen Populisten immer wieder als abschreckende Beispiele für die „Ausländerflut“ in Österreich herhalten.
„Natürlich wirken sich solche Verhältnisse auf das Niveau des Unterrichts aus“, sagt die am Henriettenplatz tätige Werklehrerin Michaela Huber. Ihre Kollegen beklagen die Leseschwierigkeiten vieler Schüler, für die selbst die in einfacher Sprache gehaltenen Lehrbücher zu anspruchsvoll seien. „Das Problem bei vielen Migrantenkindern ist auch, dass ihnen Stolz als ganz wichtiger Wert mitgegeben wird. Die zeigen dann nicht auf und fragen, wenn sie etwas nicht verstehen.“ Die 29-Jährige unterrichtet seit vier Jahren Technisches und Textiles Werken in den Kellerräumen des 130 Jahre alten Schulgebäudes.
Die Junglehrerin fällt mit ihren 1,85 und dem dem Nasenpiercing auf, wenn sie durch die Gänge des Jugendstilgebäudes geht. Auch noch im vierten Jahr. „Wilde Werkerin“ steht auf der Rückseite ihres tannengrünen Arbeitsmantels. Mit ihren breit gestreiften lila-graue-weißen Strümpfen und Gamaschen hebt sich die 29-Jährige unweigerlich vom Rest des Lehrkörpers ab. „Jung und dynamisch“ sei sie, sagt Friedrich Weinhofer, der als Direktor über die Belange von 45 Lehrern und knapp 450 Schülern wacht. Ein wenig Ratlosigkeit klingt dabei durch. Für den Schulleiter ist sie vielleicht ein bisschen zu dynamisch.„Super!“, ruft Michaela Huber so laut, dass es alle hören. „Wenigstens bei dir passt die Mausefalle ins Auto!“ Der elfjährige Bub rückt die Brille auf seiner Nase gerade und strahlt übers ganze Gesicht. Er nimmt sein Werk – einen knallgelben Sportwagen aus dünnen Sperrholzplatten samt integrierter Mausefalle – und läuft zu seinem Platz zurück. Der Rest der Buben und Mädchen der 1B tut sich schwer an diesem Morgen: Entweder die Mausefalle passt nicht ins Auto oder die Räder erweisen sich für eine Probefahrt als untauglich. Traurig stehen sie da, aufgefädelt rund um die drei großen Eichenholztische, die den wohnzimmergroßen Werksaal im Kellergeschoß dominieren.
Draußen, wo die Fenster den Blick auf den Henriettenplatz mit seinem für die Gegend rund um den Gürtel charakteristischen Fußballkäfig freigeben, stehen ein halbes Dutzend Oberstufenschülerinnen und blasen gelangweilt Rauchringe in die Luft. Drinnen wird die Stimmung auch nicht besser. Die Stunde ist beinahe vorüber und der Großteil der hölzernen Autos fährt noch immer nicht. Gespielt wird trotzdem damit. „Ihr tut’s euch noch weh!“, zetert Huber und greift zu einem Trick, „den ich immer anwende, wenn alle Stricke reißen“, wie sie nachher erzählt. „Aufpassen!“, sagt sie und klatscht in die Hände. „Jetzt basteln wir Papierflieger!“
„Erfolgreicher Unterricht hängt in erster Linie davon ab, inwieweit die Eltern Interesse an der Bildung ihrer Kinder zeigen“, sagt Huber. „Das ist bei uns recht wenig der Fall.“ Bei aller Aufgeschlossenheit scheitere ein vernünftiger Kontakt zu den Eltern oft schon allein an deren schlechten Deutschkenntnissen. Für Heraus- forderungen dieser Art fühlt sich Michaela Huber, die im 4.800-Seelen-Städtchen Altheim im oberen Innviertel aufgewachsen ist, keineswegs ausreichend ausgebildet.
Mit diesem Manko steht sie schon lange nicht mehr alleine da. Gertrud Nachbauer, Leiterin der Abteilung für interkulturelle Fort- und Weiterbildung am Linzer Pädagogischen Institut (PI), diagnostiziert schon in der Ausbildung der Junglehrer „große Mängel hinsichtlich des Umgangs mit Migranten“. Das Versäumte nachzuholen sei angesichts der knappen finanziellen Mittel schwer möglich. Von den 128 Lehrern, die sich letztes Jahr mit diesbezüglichen Schwierigkeiten an sie wandten, hätten lediglich 25 in entsprechenden Fortbildungsseminaren Platz gefunden. Am Henriettenplatz stellt die mangelnde Integration aber bei weitem nicht das einzige Problem dar. Michaela Huber erzählt von Armut, aber auch von Wohlstands- verwahrlosung, die ihr in der Schule unterkomme. Erst vor kurzem sei ein Dreizehnjähriger der Schule verwiesen worden, weil er mehrere Laptops gestohlen und im Second-Hand-Laden verkauft hatte.

Und das nicht etwa, weil er es nötig gehabt hätte: Seine Eltern führen ein gut gehendes Lokal im dritten Bezirk. Es habe ihm schlicht und einfach an elterlicher Aufsicht gemangelt. Es gibt laut Huber aber auch Schüler, „denen du am liebsten einen alten Pullover in die Hand drücken willst“, weil ihre Eltern sich einen neuen offenbar nicht leisten können. Huber hat sich einen Filter verordnet, „sonst läuft man ja dauerdeprimiert herum. Da helfen oft nur mehr drei Folgen ,Simpsons‘ am Stück und dabei zehn Minuten schlafen.“
Nicht allen Lehrern fällt es so leicht, Probleme an ihrem Arbeitsplatz zurückzulassen. „Junge Lehrer tun sich oft schwer, ihre Rolle in der Klasse zu finden“, sagt Hildegund Bauer-Polt, Koordinatorin des LehrerInnenberatungszentrums des Pädagogischen Instituts Wien. „Und die älteren Kollegen laufen zunehmend Gefahr, mit den geänderten Rahmenbedingungen nicht mehr klarzukommen, und das massiv.“ Bauer-Polt, selbst Philosophielehrerin an einem Wiener Gymnasium, arbeitet als Supervisorin jedes Jahr mit vierzig Wiener Lehrern, die am Rande eines Burn-out-Syndroms stehen oder den entscheidenden Schritt schon getan haben. Weitere 400 Pädagogen, schätzt sie, nehmen alleine in Wien Beratungsgespräche an ihren eigenen Schulen in Anspruch.
Die Volksschullehrerin Anna Holzeis musste bisher nicht auf solche Angebote zurückgreifen. Trotz ihrer 52 ist sie nach eigener Aussage „noch immer voll bei der Sache“. Wie lange sie ihren Full-Contact-Job aber noch in dieser Form ausüben kann, weiß sie nicht. „Es ist nicht so, dass ich Angst habe vor dem Arbeiten. Aber davor, ob ich den Kindern mit 65 noch zumutbar bin.“ Heutzutage, wo sich die Eltern die Schule ihrer Kinder fast wie auf dem freien Markt aussuchen könnten, komme es immer mehr auf den persönlichen Eindruck an. Die Schulwahl entwickle sich mehr und mehr zu einem Beliebtheitswettbewerb. „Man fühlt sich beinahe so wie früher die Tiere bei Edith Klingers ,Wer will mich?‘“, sagt Holzeis. Allzu große Konkurrenz droht ihr allerdings nicht. Das Durchschnittsalter der österreichischen Lehrerschaft beträgt mittlerweile laut einer Statistik des Bundeskanzleramts 45,4 Jahre.
Damit sind die Lehrer, die tagein, tagaus mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, die Methusalems unter allen öffentlich Bediensteten Österreichs. Und das, obwohl die 13 heimischen Unis, die Lehramtsstudien für die AHS anbieten, jährlich rund 1.000 Absolventen ausspucken, die für den Nachwuchs in Volks-, Haupt- und Berufsschulen zuständigen Pädagogischen Akadamien rund 4.600. Mit elf Jahren verließ Anna Holzeis einst das Mölltal an den Ausläufern des Großglockners, „weil unser Volksschuldirektor schon immer jemanden nach Wien ins Internat bringen wollte. Ich war sein Opfer.“ Heute verbringt sie so viel Zeit wie möglich in ihrer alten Heimat. Die 52-Jährige sieht ihr Lehrerinnendasein „nicht als Job. Schon gar nicht als einen, von dem man das Privatleben isolieren kann.“ Als ihr Sohn Christoph, heute 28, selbst einer ihrer Schüler war, fiel Holzeis das besonders schwer. Den gemeinsamen Heimweg zur nahe gelegenen Wohnung erlebte Christoph meist als „Schweigemarsch“.
Nach den oft turbulenten Vormittagsstunden braucht sie immer zehn Minuten, „um wieder zu mir zu kommen“. Je älter sie wird, umso längere Erholungsphasen benötigt sie. Deswegen bleibt sie heute nach dem Unterricht meist noch bis drei Uhr nachmittags in der Schule, verbessert Hausübungen, bereitet sich auf den nächsten Tag vor, trifft sich mit Kolleginnen zum Kaffee. Erst dann lässt sie den Lehrerinnenalltag hinter sich und verbringt Zeit mit ihrem Ehemann. Der, als Mitarbeiter einer Werbeagentur auf andere Art volksbildnerisch tätig, habe dafür Verständnis, dass sie Erlebnisse vom Vormittag auch abends im trauten Heim nicht immer loslassen: „Dann ist es schon wichtig, dass einem jemand zuhört“ sagt sie. „Wenn ich daheim dauernd Zores hätte, wäre für die Schule keine Kraft mehr da.“
Peter Apfl hat seine Berufswahl nie bereut, auch wenn er sich manchmal einen Job wünscht, „bei dem ich ein Werkstück um fünf Uhr hinlegen, die Tür hinter mir zumachen und alles bis zum nächsten Morgen um neun vergessen kann“. Gerade gegen Ende eines Schuljahres stößt er immer wieder an die Grenzen der Belastbarkeit. Erst nach etwa zwei Wochen Ferien schafft er es, den Schulalltag hinter sich zu lassen und damit zu beginnen, seine Akkus aufzuladen.
Unterm Strich, sagt er, überwiegen trotzdem die Vorteile des Jobs: allen voran die langen Ferien und der hohe Anteil an freier Zeiteinteilung. „Außerdem bleibt man als Lehrer relativ unbehelligt, wenn man nicht besonders auffällig wird“, sagt Peter Apfl. Wenn man das System schon nicht ändern kann, so lässt es einen wenigstens in Ruhe.
Frage an die MausWas verdienen Lehrer und was leisten sie?
Ex-Bundeskanzler Fred Sinowatz (SPÖ) hätte seine Freude an den Gehaltsschemata der 121.326 österreichischen Lehrer. Es ist nämlich wirklich„alles sehr kompliziert“. Das Bezügegesetz kennt zwölf verschiedene Gehaltsstufen, die von der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) in den Kollektivvertragsverhandlungen jedes Jahr aufs Neue ausgehandelt werden. Das Gesetz unterscheidet zwischen beamteten Lehrern und Vertragslehrern. „Bundeslehrer“ (AHS, BHS, Pädak) und „Landeslehrer“ (Volksschule, Hauptschule, Sonderschule, Polytechnische Schule, Berufsschule) erhalten seit 1. Jänner 2007 als Einstiegsgehalt je nach Ausbildung zwischen 1.346 und 2.193,1 Euro brutto im Monat. Alle zwei Jahre rücken sie automatisch eine Gehaltsstufe nach oben.
Der Plafond ist nach 38 Dienstjahren erreicht. Das maximale Gehalt eines beamteten Lehrers beträgt dann derzeit 5.303,1 Euro, jenes für Vertragslehrer 5.426,8 Euro. Volks- und Hauptschullehrer müssen dafür eine Jahresnorm erfüllen, bis zu 1.502 Stunden pro Jahr, wobei 792 Stunden auf Unterricht entfallen, 660 auf Vor- und Nachbereitung und weitere 50 auf verpflichtende Fortbildung. Die beamteten Lehrer haben nach dem Beamtendienstrecht inklusive Vor- und Nachbereitung ein Arbeitspensum von 40 Wochenstunden zu absolvieren. Dem gegenüber stehen 14 Wochen Jahresurlaub, genannt Ferien. Wenn Volks-, Haupt- und Berufsschullehrer für Kollegen einspringen, bekommen sie erst ab der elften Stunde im Jahr extra Geld.
Lehrer an höheren Schulen müssen eine Stunde pro Woche gratis supplieren, für jede weitere bekommen sie zwischen 22,6 und 29,9 Euro. Zusätzliches Einkommen versprechen Sonderaufgaben wie Klassenvorstand, das Verwalten der unterschiedlichen Lehrmittelsammlungen (Kustodiat) und das Amt des Direktors. So erhalten Klassenvorstände je nach Einstufung eine „Abgeltung“ zwischen 133,3 und 152,4 Euro im Monat für die „Führung der Klassenvorstandsgeschäfte“. Ein Kustodiat bringt je nach Fach und Ausbildung zwischen 83,8 und 121,9 Euro monatlich. Der vom Landesschulrat bestellte Direktor verdient, abhängig von Ausbildung, Dienstalter und Schulgröße, eine Zulage zwischen 526 und 851,6 Euro im Monat.
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