Best of Blogging
Die besten Weblogeinträge des Monats, ausgewählt von Don Dahlmann und präsentiert in Kooperation mit mindestenshaltbar.net
ROSA STRAUCH
von Glamourdick
Er betreibt seine Informationskunst als Glamourdick seit zwei Jahren. Bevor das Ganze ein Blog war, hat er einfach nur so geschrieben und veröffentlicht oder auch nicht. Er lebt als Blogger und (Geister-)Schreiber in Berlin.
Wenn wir im Sommer draußen spielten, kam sie mit frisch gebuttertem Zwieback vorbei. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem es mehrere Generationen und sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr viele Frauen gab. Über die Nachteile dieser Auslieferung habe ich bereits geschrieben, aber es gab auch einen Vorteil: meine Tante Rosa. Ausnahmsweise werde ich mal einen Namen nicht ändern, weil ihr Name so poetisch und zeichentrickfilmmäßig war, dass mir kein adäquates Pseudonym einfällt. Meine Großtante hieß nämlich Rosa Strauch. Tante Rosa hatte ihren Mann und Sohn im Krieg verloren und bewohnte dank Witwenrente ein kleines Einfamilienhaus mit Garten.
Tante Rosa hatte den Grünen Daumen. Bei ihr wuchs und gedieh alles, nur der Geraniengeruch im Wohnzimmer im Winter war etwas, auf das ich gerne hätte verzichten können. Tante Rosa wurde nicht von allen Kindern gemocht, und das hatte seine Gründe: Sie bevorzugte mich aufs Extremste. Wenn wir im Sommer draußen spielten, kam sie mit frisch gebuttertem Zwieback vorbei – selbstverständlich nur für mich, nicht für die Nachbarskinder. Die mochte sie nicht, wie auch sonst keine Kinder, mit denen sie nicht verwandt war. Tante Rosa drohte fremden Kindern mit Prügeln, wenn sie sich mir gegenüber schlecht verhielten. Und da sie aufgrund ihres strengen Auftretens eine Respektsperson war, brachte sie den bösen Kindern Ehrfurcht bei.
Tante Rosa bezog diverse Magazine: das Goldene Blatt, die Frau im Spiegel, die Neue Revue. Da sie nichts wegwarf, war ihr Dachboden mein Paradies – dort las ich Berichterstattungen über Hollywoodpartys zu Zeiten, als Marilyn noch lebte.
Ich erinnere mich, mit Tante Rosa über Zeitschriften gebrütet zu haben, als Romy Schneider heiratete. „Dieser Biasini – das wird doch nichts. Und rauchen hat sie auch nicht in Deutschland gelernt.“ Einmal sah sie mich mit verschränkten Händen sitzen und sagte: „Siehst du – du betest DOCH!“ (Sie war sehr katholisch, ich schon sehr früh sehr ungläubig.) Anfang der Achtziger stand Rosa eines Tages in ihrem Garten und gestikulierte dem Nachbarn. Ihr Gesicht wirkte verzweifelt, und sie brachte nur ein Wort hervor – den Namen meines Vaters. Als er mit dem Arzt eintraf, stellte sich heraus, dass sie einen Schlaganfall erlitten hatte. Der Name meines Vaters war das Letzte, was sie jemals aussprach. Ein paar Wochen sah es bedenklich aus – sie lag im Krankenhaus, und uns war klar, dass sie sterben würde.
Ich habe sehr viel geweint damals, und als es ihr plötzlich besser ging, waren wir erstaunt und erleichtert. Sie bezog ein Zimmer in einem katholischen Altenheim, von dem sie das ganze Dorf beobachten konnte. Tante Rosa mochte vielleicht nicht mehr sprechen können, aber zuhören und verstehen klappte noch prima. Und Magazine lesen sowieso. Sie eignete sich hervorragende mimische und gestische Fähigkeiten an, und so gelang es ihr sogar, mich gegenüber meinen Eltern zu verpfeifen, weil sie mich aus ihrem Panoramafenster heraus hatte rauchen sehen. Als sie einige Jahre später starb, wurde die Welt noch ein wenig dunkler, als sie schon geworden war, als der liebe Gott die liebe Rosa vom Mittel der Sprache befreit hatte. Diese Geschichte hat keine Pointe.
Fortsetzung unter: http://glamourdick.twoday.net
Mal lieb sein
von belledejour
Belledejour ist eine Frau, die mitten im Großstadtdschungel steckt.
Oh ja, Weihnachten bei meinen Eltern. Ich mag sie sehr, aber man muss ja nicht immer gleich die ganze Dosis Liebe abrufen. Deswegen beschränkt sich die Dauer meines Aufenthaltes zumeist auf wenige Tage. Höchstens vier. Nach vier Tagen fühle ich eine leichte Anspannung in mir wachsen, so eine Verhärtung unter der Bauchdecke, die Kiefermuskeln werden auch hart, während die Schultern langsam, aber sicher nach oben wandern.
Vier Tage mit meiner Mutter zu frühstücken hat allerdings bisher auch noch jeden umgebracht. Was weniger an ihrem Frühstück liegt, sondern an ihrer phänomenalen Eigenschaft, morgens in jedem Zustand wie ein Wasserfall reden zu können. Dabei stört es sie auch in keinster Weise, wenn man die Zeitung weit ausgeklappt vors Gesicht hält und sich quasi dahinter versteckt. Sie redet einfach durch die Zeitung durch, weil sie genau weiß, dass man sich bei dem lauten und enervierenden Geplapper sowieso nicht aufs Lesen konzentrieren kann. Das ist schlimm – besonders, wenn man wie ich morgens eher zu den Menschen gehört, bei denen lautes und unablässiges Reden eine Reihe von imaginären Bildern auslöst, bei denen es um scharfe Messer, sehr viel Blut und eventuell um eine Axt, die in einem Kopf steckt, geht.
Verschärft wird die Situation dann, wenn man am Vorabend mit alten Freunden versackt ist, man ungefähr vier Stunden geschlafen hat, sich noch genügend Wodka in der Blutbahn für ein zweites Besäufnis befindet und zudem langsam, aber sicher die Erinnerung hochkommt, dass man sich von jemandem hat nach Hause fahren lassen, den man fünf Stunden vorher noch nicht kannte, man ihm aber trotzdem (oder deswegen) im Auto noch einen runtergeholt hat, während er vergeblich versuchte, sich bei mir zu revanchieren.
Fortsetzung unter: http://belledejour.antville.org
von Glamourdick
Er betreibt seine Informationskunst als Glamourdick seit zwei Jahren. Bevor das Ganze ein Blog war, hat er einfach nur so geschrieben und veröffentlicht oder auch nicht. Er lebt als Blogger und (Geister-)Schreiber in Berlin.
Wenn wir im Sommer draußen spielten, kam sie mit frisch gebuttertem Zwieback vorbei. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem es mehrere Generationen und sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr viele Frauen gab. Über die Nachteile dieser Auslieferung habe ich bereits geschrieben, aber es gab auch einen Vorteil: meine Tante Rosa. Ausnahmsweise werde ich mal einen Namen nicht ändern, weil ihr Name so poetisch und zeichentrickfilmmäßig war, dass mir kein adäquates Pseudonym einfällt. Meine Großtante hieß nämlich Rosa Strauch. Tante Rosa hatte ihren Mann und Sohn im Krieg verloren und bewohnte dank Witwenrente ein kleines Einfamilienhaus mit Garten.
Tante Rosa hatte den Grünen Daumen. Bei ihr wuchs und gedieh alles, nur der Geraniengeruch im Wohnzimmer im Winter war etwas, auf das ich gerne hätte verzichten können. Tante Rosa wurde nicht von allen Kindern gemocht, und das hatte seine Gründe: Sie bevorzugte mich aufs Extremste. Wenn wir im Sommer draußen spielten, kam sie mit frisch gebuttertem Zwieback vorbei – selbstverständlich nur für mich, nicht für die Nachbarskinder. Die mochte sie nicht, wie auch sonst keine Kinder, mit denen sie nicht verwandt war. Tante Rosa drohte fremden Kindern mit Prügeln, wenn sie sich mir gegenüber schlecht verhielten. Und da sie aufgrund ihres strengen Auftretens eine Respektsperson war, brachte sie den bösen Kindern Ehrfurcht bei.
Tante Rosa bezog diverse Magazine: das Goldene Blatt, die Frau im Spiegel, die Neue Revue. Da sie nichts wegwarf, war ihr Dachboden mein Paradies – dort las ich Berichterstattungen über Hollywoodpartys zu Zeiten, als Marilyn noch lebte.
Ich erinnere mich, mit Tante Rosa über Zeitschriften gebrütet zu haben, als Romy Schneider heiratete. „Dieser Biasini – das wird doch nichts. Und rauchen hat sie auch nicht in Deutschland gelernt.“ Einmal sah sie mich mit verschränkten Händen sitzen und sagte: „Siehst du – du betest DOCH!“ (Sie war sehr katholisch, ich schon sehr früh sehr ungläubig.) Anfang der Achtziger stand Rosa eines Tages in ihrem Garten und gestikulierte dem Nachbarn. Ihr Gesicht wirkte verzweifelt, und sie brachte nur ein Wort hervor – den Namen meines Vaters. Als er mit dem Arzt eintraf, stellte sich heraus, dass sie einen Schlaganfall erlitten hatte. Der Name meines Vaters war das Letzte, was sie jemals aussprach. Ein paar Wochen sah es bedenklich aus – sie lag im Krankenhaus, und uns war klar, dass sie sterben würde.
Ich habe sehr viel geweint damals, und als es ihr plötzlich besser ging, waren wir erstaunt und erleichtert. Sie bezog ein Zimmer in einem katholischen Altenheim, von dem sie das ganze Dorf beobachten konnte. Tante Rosa mochte vielleicht nicht mehr sprechen können, aber zuhören und verstehen klappte noch prima. Und Magazine lesen sowieso. Sie eignete sich hervorragende mimische und gestische Fähigkeiten an, und so gelang es ihr sogar, mich gegenüber meinen Eltern zu verpfeifen, weil sie mich aus ihrem Panoramafenster heraus hatte rauchen sehen. Als sie einige Jahre später starb, wurde die Welt noch ein wenig dunkler, als sie schon geworden war, als der liebe Gott die liebe Rosa vom Mittel der Sprache befreit hatte. Diese Geschichte hat keine Pointe.
Fortsetzung unter: http://glamourdick.twoday.net
Mal lieb sein
von belledejour
Belledejour ist eine Frau, die mitten im Großstadtdschungel steckt.
Oh ja, Weihnachten bei meinen Eltern. Ich mag sie sehr, aber man muss ja nicht immer gleich die ganze Dosis Liebe abrufen. Deswegen beschränkt sich die Dauer meines Aufenthaltes zumeist auf wenige Tage. Höchstens vier. Nach vier Tagen fühle ich eine leichte Anspannung in mir wachsen, so eine Verhärtung unter der Bauchdecke, die Kiefermuskeln werden auch hart, während die Schultern langsam, aber sicher nach oben wandern.
Vier Tage mit meiner Mutter zu frühstücken hat allerdings bisher auch noch jeden umgebracht. Was weniger an ihrem Frühstück liegt, sondern an ihrer phänomenalen Eigenschaft, morgens in jedem Zustand wie ein Wasserfall reden zu können. Dabei stört es sie auch in keinster Weise, wenn man die Zeitung weit ausgeklappt vors Gesicht hält und sich quasi dahinter versteckt. Sie redet einfach durch die Zeitung durch, weil sie genau weiß, dass man sich bei dem lauten und enervierenden Geplapper sowieso nicht aufs Lesen konzentrieren kann. Das ist schlimm – besonders, wenn man wie ich morgens eher zu den Menschen gehört, bei denen lautes und unablässiges Reden eine Reihe von imaginären Bildern auslöst, bei denen es um scharfe Messer, sehr viel Blut und eventuell um eine Axt, die in einem Kopf steckt, geht.
Verschärft wird die Situation dann, wenn man am Vorabend mit alten Freunden versackt ist, man ungefähr vier Stunden geschlafen hat, sich noch genügend Wodka in der Blutbahn für ein zweites Besäufnis befindet und zudem langsam, aber sicher die Erinnerung hochkommt, dass man sich von jemandem hat nach Hause fahren lassen, den man fünf Stunden vorher noch nicht kannte, man ihm aber trotzdem (oder deswegen) im Auto noch einen runtergeholt hat, während er vergeblich versuchte, sich bei mir zu revanchieren.
Fortsetzung unter: http://belledejour.antville.org
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