Tuntenbilder
Die Fotografin und Künstlerin Paula Winkler geht in ihren Arbeiten der Frage nach, was männlich und weiblich im 21. Jahrhundert überhaupt noch heißt.
Text und Auswahl: Claus Oehler
Fotografie: Paula Winkler

Paula Winkler wurde 1980 in Ostberlin geboren, das einzige Kind relativ junger Eltern, die sich im System der DDR nicht wiederfinden konnten und wollten. Der Vater schaffte es im Sommer 1989, nach Westberlin zu gehen, Mutter und Tochter folgten ihm nach dem Mauerfall im November 1989. Im Westteil Berlins, genauer in Charlottenburg, verbrachte Winkler einen Großteil ihrer Sozialisation (Grundschule, Oberschule, Abitur). Nach einigen Auslandsaufenthalten zwischen 2000 und 2002 – unter anderem in China, Taiwan, Hongkong und New York – absolvierte sie zurück in ihrer Heimatstadt eine zweijährige Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin. Seit 2005 studiert sie Fotografie und Medien an der Fachhochschule in Bielefeld, wo sie zurzeit auch lebt und arbeitet.
Die Fotostrecke „the Tunte in me is the Tunte in you“ entstand in den vergangenen zwei Jahren in Berlin und Hamburg. Seit einigen Jahren interessiert sich die Künstlerin für den Genderdiskurs und speziell für die Rolle der visuellen Repräsentation von Identitäten in diesem Kontext. Gerade die Fotografie ist als machtvolles Medium maßgeblich an der Produktion und Reproduktion von Identitäten beteiligt. Ihre bisherigen Arbeiten, vorwiegend Porträts, bewegen sich alle im Spannungsfeld zwischen Repräsentation und Identität, das Winkler ganz besonders fasziniert und interessiert.

Daphne de Baakel, Tilly Creutzfeld-Jakob
In der vorliegenden Arbeit hat sie Tunten aus dem Partykontext gelöst und in ihrer Wohnumgebung porträtiert. Der private Raum wird zum Raum der Selbstdarstellung und zur Schnittstelle zwischen privat und öffentlich, in die sich die Personen formal, aber auch inhaltlich einfügen. Denn einerseits leben sie ihre persönlichen Inszenierungen, die einen Teil ihrer Identität darstellen, und andererseits gehen damit politische Überzeugungen und Forderungen einher wie zum Beispiel die vom biologischen Körper unabhängige Entscheidung über die eigene Geschlechtsidentität.
Der Begriff der Tunte ist mittlerweile eine selbstbewusste und selbst gewählte Eigenbezeichnung von sich weiblich inszenierenden, meist schwulen Männern. Sie empfinden sich nicht im „falschen Körper“ und streben keine Geschlechtsumwandlung an, sondern parodieren Geschlechterzuschreibungen, indem sie Crossdressing betreiben und den Betrachter hinsichtlich seiner eingefahrenen Wahrnehmungsmuster irritieren.

Pauline Pulver, Tatjana
Tunten präsentieren sich meist auf der Bühne, da es sich im alltäglichen Leben in einer eher binär strukturierten Gesellschaft immer noch als schwierig erweist, Geschlechts- kategorien offensichtlich zu hinterfragen und zu überschreiten. Aber Tunte zu sein ist mehr, als sich in Frauenkleider zu schmeißen, um auf eine Party zu gehen – es ist vielmehr eine Lebenseinstellung. Geschlecht wird als performatives Modell verstanden, bei dem die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ als Aneignung und Wiederholung von Verhaltensweisen verstanden werden und nicht als natürliche oder unausweichliche Materialisierungen, die an einen biologischen Körper geknüpft sind. In ihrer Arbeit geht es Winkler nicht darum, das Exotische zur Schau zu stellen, sondern sie formuliert die These, dass Weiblichkeit stets eine Inszenierung ist, und zwar nicht nur die überinszenierte Weiblichkeit von Tunten, sondern auch die vermeintlich natürliche Weiblichkeit biologischer Frauen.
Winklers Auffassung nach wird Weiblichkeit wie auch Männlichkeit tagtäglich von uns allen produziert, von der Körpersprache bis zu den Umgangsformen. Ihr ist es wichtig, dass „meine Bilder keine Kategorie reproduzieren, deren Grundlage wieder der biologische Geschlechtskörper ist (in diesem Fall Männer in Frauenkleidern). Daher habe ich neben meiner Person auch andere biologische Frauen in hyperfemininer Aufmachung in die Reihe integriert (sogenannte Female Dragqueens oder Bio-Drags).“ Sie stehen ganz selbstverständlich und gleichwertig neben den Tunten.

Gina Tonic

Viola
















viola
lg petra