Vergesst Integration!
Schluss mit Evaluierungen, Kommissionen und Berichten: Zuwanderer brauchen keine Integration, sondern Chancengleichheit.
Patrick Volf ist Politikwissenschaftler, Journalist und Autor des Buches
„Wege zur Integration“ (Drava, 2001). Er arbeitet als Pressesprecher im Parlamentsklub der Grünen.
In Douglas Adams’ Kultroman „Per Anhalter durch die Galaxis“ versuchen schlaue Bewohner dieser (oder einer anderen) Galaxis die Antwort auf die Frage nach „dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ zu finden. Sie tüfteln und erfinden einen Computer, der nach aberhunderttausenden Jahren der Hin- und Herrechnerei tatsächlich eine Antwort findet, die zur Verblüffung der Beteiligten „42“ lautet. Fatalerweise müssen die Bewohner feststellen, dass sie einen entscheidenden Fehler begangen haben: Sie haben in der Zeit, als der Computer rechnete, vergessen, wie genau eigentlich die Frage gelautet hatte.
Ähnlich verhält es sich in Österreich mit dem Begriff Integration, der seit gut zwei Jahrzehnten die Antwort auf alle Fragen zu sein scheint, an deren Ausgangspunkt Einwanderung steht. Bemerkenswerterweise besteht hier sogar weitgehend nationale Einigkeit (mit einigen unterschiedlichen Interpretationen, was denn Integration so sein mag) von den Hobbyintegrierern auf den Regierungsbänken und Parlamentsrängen über die Teilzeitintegrierer unter den Wissenschaftlern bis hin zu den Profiinte- grierern der Nichtregierungsorganisationen, Beratungsstellen und Hilfswerke. Seit Jahren werden Programme ins Leben gerufen, Offensiven gestartet, Kampagnen lanciert, Fonds gegründet und Stadträte installiert. Und allem wird „Integration“ vorangestellt.
Den bisher letzten Beitrag in dieser endlosen Liste von Publikationen lieferte ein Bericht des Innenministeriums mit dem Titel „gemeinsam kommen wir zusammen“. Es geht dabei nicht um das schlichte Nebenher von Menschen im Rahmen des normalen, täglichen, staatsbürgerlichen Verhaltens (Gleichgültigkeit gegenüber dem anderen, Meinungsverschiedenheiten, Schreiduelle am Hausgang, Nachbarschaftsstreit und Ähnliches). Das genügt den Ansprüchen der professionellen Integrierer nicht: Die Harmoniebedürftigkeit verlangt nach einem „Gemeinsam“, „Miteinander“, „Seid nett zueinander“. Die Menschen sollen keine Konflikte haben, einander lieb haben und im besten Fall so tun, als ob es gar keine Konflikte gäbe.
In jüngster Zeit hat die Integrationsdebatte noch eine besondere Konnotation erfahren: die Fokussierung von gesellschaftlichen Herausforderungen auf die soziale Kategorie Einwanderer und die Umdeutung von realen Problemen in Einwandererdaten. Ein Beispiel bietet die Debatte über Kindergärten: Schlechtes Angebot, zu teuer, lautet die Analyse. Gesetzlich festgelegt wurde am Ende: Kinder, die in die Volksschule kommen, müssen die deutsche Unterrichtssprache beherrschen. Der Kindergarten bleibt trotzdem teuer, das Angebot schlecht.
Ähnlich die Schuldebatte, in deren Mittelpunkt „Kinder mit nichtdeutscher Mutter- sprache“ stehen. Dasselbe gilt für Wohnen, wo es weniger um erschwinglich oder nicht erschwinglich geht als um Ghettobildung durch Migranten. Die Reihe lässt sich in Stichworten weiterführen: Kriminalität (ausländische Straftäter, Zwangs- heiraten, Genitalverstümmelung), Sozialsystem (Einwanderer mit Ansprüchen, rumänische Bettler, Sozialschmarotzer, Asylwerber etc.), Arbeitsmarkt (ausländische Arbeits- kräfte), Kultur („Parallelgesellschaft“).
Es ist Österreich gelungen, in linkem Alarmismus wie in rechtem Obrigkeitsdenken den Alltag in Kategorien von Ausländer (wahlweise Einwanderer, Asylwerber, Kriminal- tourist) und Nicht-Ausländer zu erzählen. Mit den Lebensumständen der Einwanderer hat all dies nichts zu tun. Dabei hat sich daran in den letzten 20 Jahren kaum Entscheidendes verändert: Einwanderer leben überproportional häufig an der Armutsgrenze, sie arbeiten in der Regel unter ihrem Ausbildungsniveau, haben schlecht bezahlte Jobs, schlechte Arbeitsbedingungen, kaum innerbetriebliche Aufstiegschancen, leben in miserablen Wohnverhältnissen und haben kein Recht auf politische Vertretung. Eine gesetzliche Quote verhindert, dass sie mit ihren Familien zusammenleben können, eine andere bestimmt, ob sie arbeiten dürfen oder nicht.
Und es ist keineswegs gesichert, dass, wer in Österreich Kindheit oder Jugend verbringt, hier auch weiterhin legal leben darf. Der Besuch höherer Schulen von Kindern der zweiten und dritten Einwanderergeneration ist nach wie vor die Ausnahme und nicht die Regel. Vom Aufstieg in den gesellschaftlichen Mittelstand folglich ganz zu schweigen. Fazit: Jeder soundsovielte Bürger der Republik wird aufgrund seiner Abstammung diskriminiert. Aufgrund des Aussehens werden es wohl noch mehr sein.
Am Anspruch, Integration „machen“ zu wollen, kann Politik unter diesen Bedingungen nur scheitern, und das liegt nicht bloß an dem absurden Versuch, eine Gruppe von Menschen in jene Gesellschaft eingliedern zu wollen, in der sie sich schon längst befindet. Der tägliche Konflikt kennt keine Streitschlichtung jenseits individueller Konfliktfähigkeit. Das „Gemeinsam“ gerät dort zur Farce, wo Einwanderern von großen Teilen der Mehrheitsbevölkerung grundsätzlich die Berechtigung abgesprochen wird, in Österreich zu leben, und ethnische Minderheiten bestenfalls Duldung aus exotischen Gründen erfahren – solange sie nicht zu präsent sind, denn auch Österreich hat seine Leitkultur.
Einwanderung gilt dank jahrelang anhaltender Realitätsverweigerung noch immer als allgemeines Bedrohungsszenario, dem fast schon reflexartig die politische Antwort als Realitätsverkehrung folgt: Man müsse der Bevölkerung ihre Ängste nehmen. Als ob die Predigt, es gebe „berechtigte Ängste“, dieselben hemmen würde. Der einzige Beitrag der Politik zu dem, was sie unter Integration verstanden wissen will, ist, Einwande- rung als Tatsache zu akzeptieren und sie den Bürgern als Teil der gesellschaftlichen Realität darzulegen. Hier geht es um Gleichbehandlung, um Emanzipation, um Antidiskriminierung; anders gesagt um Bürgerrechte. Es geht darum, die gesetzlichen Hindernisse zu beseitigen, die Einwanderern ein gleichberechtigtes Leben unmöglich machen und verhindern, dass sie ihre Interessen selbst vertreten können.
Die sind sattsam bekannt, dazu braucht es keine weiteren Integrationsberichte und Evaluierungen mehr. Einwanderer werden erst dann als Teil der Gesellschaft betrachtet werden, wenn sie nicht mehr dazu aufgefordert werden, sich zu integrieren. Das bedeutet auch Einbürgerung und keine Lobeshymnen, wenn die Einbürgerungszahlen wie im vergangenen Jahr um fast 50 Prozent zurückgehen. Zukunftsmusik? Fantasterei? Ohne Analogien aus anderen Ländern heranzuziehen, vermittelt der Ausblick die beruhigende Sicherheit, dass bestimmte Entwicklungen der Gesellschaft noch immer an der Politik vorlaufen.
Einwanderung ist eine solche. Selbst wenn wir daher in 20 Jahren immer noch von „Gemeinsam“ und „Zusammenleben“ sprechen, Angebote machen, statt Forderungen wahrzunehmen, werden wir über eine Republik sprechen, die längst ihr Gesicht verändert hat und in der Diskriminierung und Gleichberechtigung die Themen sein werden.Also: Vergessen wir Integration! Zurück zu Douglas Adams’ findigen Bewohnern unserer (oder einer anderen) Galaxis: Sie stellten sich dem Problem auf originelle Weise und bauten einen weiteren Computer, der die Größe eines ganzen Planeten hatte, um die Frage auf die Antwort zu finden. Dieser Computer war nichts anderes als unser kleiner blauer Planet terra, die Erde. Gar nicht schlecht, oder? Aber damit wir nicht ein paar Jahrmillionen warten müssen, ein kleiner Tipp: Wie wäre es mit Chancengleichheit und sozialer Durchlässigkeit? Da gibt es genug zu tun.
„Wege zur Integration“ (Drava, 2001). Er arbeitet als Pressesprecher im Parlamentsklub der Grünen.
In Douglas Adams’ Kultroman „Per Anhalter durch die Galaxis“ versuchen schlaue Bewohner dieser (oder einer anderen) Galaxis die Antwort auf die Frage nach „dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ zu finden. Sie tüfteln und erfinden einen Computer, der nach aberhunderttausenden Jahren der Hin- und Herrechnerei tatsächlich eine Antwort findet, die zur Verblüffung der Beteiligten „42“ lautet. Fatalerweise müssen die Bewohner feststellen, dass sie einen entscheidenden Fehler begangen haben: Sie haben in der Zeit, als der Computer rechnete, vergessen, wie genau eigentlich die Frage gelautet hatte.
Ähnlich verhält es sich in Österreich mit dem Begriff Integration, der seit gut zwei Jahrzehnten die Antwort auf alle Fragen zu sein scheint, an deren Ausgangspunkt Einwanderung steht. Bemerkenswerterweise besteht hier sogar weitgehend nationale Einigkeit (mit einigen unterschiedlichen Interpretationen, was denn Integration so sein mag) von den Hobbyintegrierern auf den Regierungsbänken und Parlamentsrängen über die Teilzeitintegrierer unter den Wissenschaftlern bis hin zu den Profiinte- grierern der Nichtregierungsorganisationen, Beratungsstellen und Hilfswerke. Seit Jahren werden Programme ins Leben gerufen, Offensiven gestartet, Kampagnen lanciert, Fonds gegründet und Stadträte installiert. Und allem wird „Integration“ vorangestellt.
Den bisher letzten Beitrag in dieser endlosen Liste von Publikationen lieferte ein Bericht des Innenministeriums mit dem Titel „gemeinsam kommen wir zusammen“. Es geht dabei nicht um das schlichte Nebenher von Menschen im Rahmen des normalen, täglichen, staatsbürgerlichen Verhaltens (Gleichgültigkeit gegenüber dem anderen, Meinungsverschiedenheiten, Schreiduelle am Hausgang, Nachbarschaftsstreit und Ähnliches). Das genügt den Ansprüchen der professionellen Integrierer nicht: Die Harmoniebedürftigkeit verlangt nach einem „Gemeinsam“, „Miteinander“, „Seid nett zueinander“. Die Menschen sollen keine Konflikte haben, einander lieb haben und im besten Fall so tun, als ob es gar keine Konflikte gäbe.
In jüngster Zeit hat die Integrationsdebatte noch eine besondere Konnotation erfahren: die Fokussierung von gesellschaftlichen Herausforderungen auf die soziale Kategorie Einwanderer und die Umdeutung von realen Problemen in Einwandererdaten. Ein Beispiel bietet die Debatte über Kindergärten: Schlechtes Angebot, zu teuer, lautet die Analyse. Gesetzlich festgelegt wurde am Ende: Kinder, die in die Volksschule kommen, müssen die deutsche Unterrichtssprache beherrschen. Der Kindergarten bleibt trotzdem teuer, das Angebot schlecht.
Ähnlich die Schuldebatte, in deren Mittelpunkt „Kinder mit nichtdeutscher Mutter- sprache“ stehen. Dasselbe gilt für Wohnen, wo es weniger um erschwinglich oder nicht erschwinglich geht als um Ghettobildung durch Migranten. Die Reihe lässt sich in Stichworten weiterführen: Kriminalität (ausländische Straftäter, Zwangs- heiraten, Genitalverstümmelung), Sozialsystem (Einwanderer mit Ansprüchen, rumänische Bettler, Sozialschmarotzer, Asylwerber etc.), Arbeitsmarkt (ausländische Arbeits- kräfte), Kultur („Parallelgesellschaft“).
Es ist Österreich gelungen, in linkem Alarmismus wie in rechtem Obrigkeitsdenken den Alltag in Kategorien von Ausländer (wahlweise Einwanderer, Asylwerber, Kriminal- tourist) und Nicht-Ausländer zu erzählen. Mit den Lebensumständen der Einwanderer hat all dies nichts zu tun. Dabei hat sich daran in den letzten 20 Jahren kaum Entscheidendes verändert: Einwanderer leben überproportional häufig an der Armutsgrenze, sie arbeiten in der Regel unter ihrem Ausbildungsniveau, haben schlecht bezahlte Jobs, schlechte Arbeitsbedingungen, kaum innerbetriebliche Aufstiegschancen, leben in miserablen Wohnverhältnissen und haben kein Recht auf politische Vertretung. Eine gesetzliche Quote verhindert, dass sie mit ihren Familien zusammenleben können, eine andere bestimmt, ob sie arbeiten dürfen oder nicht.
Und es ist keineswegs gesichert, dass, wer in Österreich Kindheit oder Jugend verbringt, hier auch weiterhin legal leben darf. Der Besuch höherer Schulen von Kindern der zweiten und dritten Einwanderergeneration ist nach wie vor die Ausnahme und nicht die Regel. Vom Aufstieg in den gesellschaftlichen Mittelstand folglich ganz zu schweigen. Fazit: Jeder soundsovielte Bürger der Republik wird aufgrund seiner Abstammung diskriminiert. Aufgrund des Aussehens werden es wohl noch mehr sein.
Am Anspruch, Integration „machen“ zu wollen, kann Politik unter diesen Bedingungen nur scheitern, und das liegt nicht bloß an dem absurden Versuch, eine Gruppe von Menschen in jene Gesellschaft eingliedern zu wollen, in der sie sich schon längst befindet. Der tägliche Konflikt kennt keine Streitschlichtung jenseits individueller Konfliktfähigkeit. Das „Gemeinsam“ gerät dort zur Farce, wo Einwanderern von großen Teilen der Mehrheitsbevölkerung grundsätzlich die Berechtigung abgesprochen wird, in Österreich zu leben, und ethnische Minderheiten bestenfalls Duldung aus exotischen Gründen erfahren – solange sie nicht zu präsent sind, denn auch Österreich hat seine Leitkultur.
Einwanderung gilt dank jahrelang anhaltender Realitätsverweigerung noch immer als allgemeines Bedrohungsszenario, dem fast schon reflexartig die politische Antwort als Realitätsverkehrung folgt: Man müsse der Bevölkerung ihre Ängste nehmen. Als ob die Predigt, es gebe „berechtigte Ängste“, dieselben hemmen würde. Der einzige Beitrag der Politik zu dem, was sie unter Integration verstanden wissen will, ist, Einwande- rung als Tatsache zu akzeptieren und sie den Bürgern als Teil der gesellschaftlichen Realität darzulegen. Hier geht es um Gleichbehandlung, um Emanzipation, um Antidiskriminierung; anders gesagt um Bürgerrechte. Es geht darum, die gesetzlichen Hindernisse zu beseitigen, die Einwanderern ein gleichberechtigtes Leben unmöglich machen und verhindern, dass sie ihre Interessen selbst vertreten können.
Die sind sattsam bekannt, dazu braucht es keine weiteren Integrationsberichte und Evaluierungen mehr. Einwanderer werden erst dann als Teil der Gesellschaft betrachtet werden, wenn sie nicht mehr dazu aufgefordert werden, sich zu integrieren. Das bedeutet auch Einbürgerung und keine Lobeshymnen, wenn die Einbürgerungszahlen wie im vergangenen Jahr um fast 50 Prozent zurückgehen. Zukunftsmusik? Fantasterei? Ohne Analogien aus anderen Ländern heranzuziehen, vermittelt der Ausblick die beruhigende Sicherheit, dass bestimmte Entwicklungen der Gesellschaft noch immer an der Politik vorlaufen.
Einwanderung ist eine solche. Selbst wenn wir daher in 20 Jahren immer noch von „Gemeinsam“ und „Zusammenleben“ sprechen, Angebote machen, statt Forderungen wahrzunehmen, werden wir über eine Republik sprechen, die längst ihr Gesicht verändert hat und in der Diskriminierung und Gleichberechtigung die Themen sein werden.Also: Vergessen wir Integration! Zurück zu Douglas Adams’ findigen Bewohnern unserer (oder einer anderen) Galaxis: Sie stellten sich dem Problem auf originelle Weise und bauten einen weiteren Computer, der die Größe eines ganzen Planeten hatte, um die Frage auf die Antwort zu finden. Dieser Computer war nichts anderes als unser kleiner blauer Planet terra, die Erde. Gar nicht schlecht, oder? Aber damit wir nicht ein paar Jahrmillionen warten müssen, ein kleiner Tipp: Wie wäre es mit Chancengleichheit und sozialer Durchlässigkeit? Da gibt es genug zu tun.
0 Kommentare - Kommentar verfassen -















