Der Fall Vesna V.
Sie überlebte einen Flugzeugabsturz aus mehr als 10.000 Metern Höhe. Danach war die Stewardess Vesna Vulovic eine Nationalheldin des vereinten Jugoslawien. Heute ist sie Serbiens letztes lebendes Weltwunder – und trotzdem kann sich fast keiner mehr an sie erinnern.
Text: Thomas Goiser
Fotografie: JAT Archiv, airchive.com
Der Countdown läuft. Drei Monate noch, um sich ein Denkmal zu setzen. Dann geht die neue, 54. Ausgabe des „Guinness Buch der Rekorde“ in Druck, das Ende September erscheinen wird. Für ein bisschen Ruhm tun manche Menschen alles: Sie schlucken Schwerter, lassen sich die Fingernägel meterlang wachsen oder üben, so laut wie möglich zu rülpsen. Die Konkurrenz schläft nicht: Wer 2007 noch als Weltmeister galt, kann 2008 längst Geschichte sein. Jedes Jahr geht es höher, länger, weiter, lauter. Doch ein Rekord bleibt seit jeher unangetastet. Jener von Vesna Vulovic.
Die heute 58-jährige Pensionistin braucht die Konkurrenz nicht zu fürchten. Sie ist ein Weltwunder. Am 26. Jänner 1972 stürzte Vesna Vulovic, damals Stewardess, über der Tschechoslowakei mit einer DC-9 der jugoslawischen Luftlinie JAT ab. Das Flugzeug war in der Luft von einer Bombe zerrissen worden. Der Anschlag forderte 28 Tote. Nur eine überlebte: Vesna Vulovic. „Im ‚Guinness Buch der Rekorde‘ steht mein Rekord unter ‚menschliche Leistungen‘. Ich habe gekämpft, um zu überleben. Nach den Operationen im Prager Militärspital meinten die Ärzte, sie hätten noch nie einen so starken Organismus gesehen“, erzählt heute die Serbin, die erst Mitte der Achtziger von Guinness World Records, dem Herausgeber des „Buch der Rekorde“, einen Preis für ihre „Leistung“ bekam – überreicht von Ex-Beatle Paul McCartney.
Als sie abstürzte, war sie noch Jugoslawin. Josip Broz Tito war auf dem Zenit seiner Macht, und von einem unabhängigen Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina oder gar Kosovo war noch keine Rede. Es gab noch kein Massaker von Srebrenica und keine Prozesse im UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Und es war die Zeit, in der ganz Jugoslawien vereint war im Zittern um das Überleben von Vesna Vulovic. Aus einer Höhe von 10.160 Metern war Vulovic am Boden aufgeschlagen, eingeschlossen in einem Wrackteil in einem Waldstück nahe dem nordtschechischen Dorf Srbská Kamenice. Von Ljubljana bis Skopje erzählten Eltern ihren Kindern vom Todesflug der blonden Stewardess. Viereinhalb Stunden lang war sie klinisch tot.

„Nachdem ich wiederbelebt worden war, lag ich vier Wochen im Koma. Meine Wirbelsäule, Arme und Beine und mein Schädel waren gebrochen“, sagt Vulovic. Die Presse berichtete monatelang von dem blutigen Bündel Mensch, das an der Absturzstelle gefunden worden war. Nach 17 Monaten, zahllosen Operationen und Therapien war Vulovics Körper wiederhergestellt. Ein Star war geboren. Oder eher wiedergeboren: Sie trat im Fernsehen auf, machte Werbung für Geräte, die gegen Wirbelsäulenschmerzen helfen sollen. Warum ausgerechnet sie als Einzige den Absturz überlebt hat, erklärt sie sich so: „Wegen meinem niedrigen Blutdruck habe ich nach der Explosion schnell das Bewusstsein verloren, und mein Herz ist nicht zerplatzt wie bei allen anderen Passagieren.“
Eigentlich hätte Vulovic nie Stewardess werden dürfen. Den niedrigen Blutdruck hat sie mit viel Kaffee überwunden und konnte sich so durch die Aufnahmeuntersuchungen schummeln. Ihre Berufung war es nicht. „Eigentlich wollte ich Sprachwissenschaftlerin werden.“ Nach der Matura 1971 war die Philologiestudentin nach London gezogen, um ihre Englischkenntnisse zu verbessern. Das war der offizielle Grund – insgeheim wollte sie endlich einmal in die Heimat ihrer Lieblingsband: der Beatles. In London lernte sie ihren Freund kennen, mit dem sie anschließend nach Stockholm zog.
Als sie sich bei einem Telefonat mit den Eltern über ihren Aufenthaltsort verplapperte, musste sie zurück nach Belgrad. Ihre Eltern hatten befürchtet, dass die „lockere schwedische Sexualmoral“ ihre Tochter beeinflussen würde. Zurück in Belgrad wurde Vulovic Stewardess – sie brauchte einen Job, bei dem sie möglichst rasch wieder nach Stockholm reisen konnte. Acht Monate später folgte der Flugzeugabsturz. Ende Jänner 1972 stieg sie in die mit einer Zeitzünderbombe beladene Maschine, die von Stockholm über Kopenhagen nach Belgrad fliegen sollte. Eine Verwechslung mit ihrer Kollegin Vesna Nikolic im Dienstplan hatte dazu geführt, dass Vesna Vulovic dem Flug zugeteilt wurde. „Mir war das sehr recht, denn unsere Crew war im Sheraton untergebracht. Ich wollte immer schon in dieses Hotel, war dann aber enttäuscht, weil ich als Einzige ein kleines Zimmer bekam.“
Die Maschine kam verspätet aus Schweden an. Bis heute erwähnt sie immer wieder einen Mann, der ihr beim Aussteigen aus der Maschine aufgefallen war. Er soll „bleich, nervös und zittrig“ gewesen sein. Ihrer Meinung nach könnte er zu denen gehört haben, die den Sprengsatz ins Flugzeug schmuggelten. Die Sicherheitsbestimmungen waren damals noch lückenhaft; systematische Koffer- und Handgepäckskontrollen wurden erst später eingeführt. Das Letzte, woran sich Vulovic bis heute erinnert, ist, wie sie in die Maschine eingestiegen ist. Unmittelbar nach dem Absturz behaupteten kroatische Emigranten in Stockholm, die Bombe im Flugzeug versteckt zu haben. Erst ein Jahr zuvor hatten Anhänger der rechtsradikalen kroatischen Separatistenbewe- gung Ustascha den jugoslawischen Botschafter Vladimir Rolovic in der schwedischen Hauptstadt erschossen.
Der Bombenanschlag 1972 galt dem jugoslawischen Ministerpräsidenten Djemal Bijedic, der zu dieser Zeit in Kopenhagen beim Begräbnis des dänischen Königs Frederik IX. war. Der hatte aber eine frühere Maschine genommen und war so dem Anschlag entgangen. Nachdem die wahren Täter nicht eruiert werden konnten, befürchtete die Polizei nach dem Bekanntwerden ihres Überlebens ein Attentat auf Vesna Vulovic – schließlich war sie die einzige Zeugin. „Tag und Nacht haben Polizisten vor meinem Krankenbett Wache gehalten“, sagt sie. Am Ruhm, der danach folgte, war Vulovic nach eigenem Bekunden „nie interessiert. Ich wollte nur weiterfliegen.“ Doch die JAT wollte sie lieber am Boden sehen, in einem sicheren Bürojob. 18 Jahre lang erledigte sie Buchungen für von Jugoslawien ins Ausland entsandte Fachkräfte. Es wurde still um die einstige Nationalheldin.

Erst Anfang der Neunziger erschien sie plötzlich wieder auf der Bildfläche. Nicht als Überlebende, sondern als lautstarke Kritikerin des Regimes von Slobodan Milosevic. „Als während der Belagerung Sarajevos 1992 auf Radio B92 diskutiert wurde, wie die Bevölkerung in Belgrad reagieren soll, rief ich an und schlug vor, dass auch Belgrad tot sein müsse: Jeder prominente Schauspieler, Sportler, Künstler solle seine Arbeit einstellen. Ich habe geglaubt, wenn nichts mehr stattfindet, wird das die Leute aufrütteln“, erzählt sie. Ihr politisches Engagement kostete die damals 42-Jährige den Job. Vulovic hatte als eine der Ersten in Slobodan Milosevic jenen gefährlichen Populisten erkannt, der er war – und fortan versucht, auch ihre Kollegen davon zu überzeugen.
Es war die Zeit unmittelbar nachdem Milosevic seine Rede auf dem Amselfeld im Kosovo gehalten hatte, in der er der serbischen Minderheit in der mehrheitlich albanischen Provinz „Schutz“ versprach. Kurz darauf schränkte er die Autonomie des Kosovo stark ein. Daheim in Belgrad setzte er Soldaten ein, um Proteste gegen seine Politik zu unterdrücken. Und begann Kriege gegen Slowenien, Kroatien und später Bosnien- Herzegowina, die sich für unabhängig von Jugoslawien erklärt hatten. Vulovic war „von Anfang an“ gegen den Krieg. Zu lange hatten in ihren Augen Kroaten, Bosnier und Serben derselben Nation angehört. Fast 20 Jahre war sie Tochter und Heldin Jugoslawiens gewesen – und nicht nur der Serben. 1997 trat sie der Demokratischen Partei von Zoran Djindjic bei, jenem Politiker, der nach Milosevics Entmachtung 2001 serbischer Premier wurde.
Zwei Jahre später wurde Djindjic von Mitgliedern der Zemun-Mafia, benannt nach einem Belgrader Stadtviertel, in dem diese ihre Hochburg hatte, erschossen. In seinem Auftrag war Vulovic in Belgrad von Haus zu Haus gegangen und hatte die Leute aufgefordert, gegen Milosevic auf die Straße gehen. Der Staat sah sie aber lieber weiter im Abendprogramm als Vorzeigeüberlebende anstatt auf Demos gegen die Regierung. Die Antwort auf ihren Aktivismus folgte prompt. Regimetreue Zeitungen rollten den Flugzeugabsturz von 1972 auf und spekulierten über ein mögliches Geheimdienstkomplott. Demnach sollte Vulovic in das Attentat involviert gewesen sein, was auch erklären würde, warum sie überlebt hatte.
Trotzdem lieh Vulovic weiter der Protestbewegung ihr Gesicht. Am 5. Oktober 2000 feierte sie ihren letzten großen Triumph. „Mögest du mit dem Flugzeug abstürzen, wenn du aus unserem Land flüchtest!“, schrie Vesna Vulovic vom Balkon des Belgrader Rathauses. Tausende Menschen jubelten ihr an diesem Tag zu. Ihr Fluch galt dem soeben entmachteten Milosevic, der sich im darauffolgenden April dem UNO-Kriegs- verbrechertribunal in Den Haag stellen musste. 2006 erlag er einem Herzinfarkt. Am 11. März jährt sich sein Todestag zum zweiten Mal. Vulovic hat Milosevic auf ihre Weise besiegt – gescheitert scheint sie dennoch zu sein.
„Meine heutigen Probleme sind die gleichen wie die von allen fünf Millionen Serben: Wie finde ich Arbeit, komme mit meiner Pension aus, wie leiste ich mir Medizin und Lebensmittel“, sagt Vesna Vulovic. Heute lebt sie in Belgrad alleine mit ihren drei Katzen von einer kleinen Pension. Und hat nur noch einen Traum: „Ich möchte in Europa sein, frei reisen können. So wie in meiner Jugend.“
Die heute 58-jährige Pensionistin braucht die Konkurrenz nicht zu fürchten. Sie ist ein Weltwunder. Am 26. Jänner 1972 stürzte Vesna Vulovic, damals Stewardess, über der Tschechoslowakei mit einer DC-9 der jugoslawischen Luftlinie JAT ab. Das Flugzeug war in der Luft von einer Bombe zerrissen worden. Der Anschlag forderte 28 Tote. Nur eine überlebte: Vesna Vulovic. „Im ‚Guinness Buch der Rekorde‘ steht mein Rekord unter ‚menschliche Leistungen‘. Ich habe gekämpft, um zu überleben. Nach den Operationen im Prager Militärspital meinten die Ärzte, sie hätten noch nie einen so starken Organismus gesehen“, erzählt heute die Serbin, die erst Mitte der Achtziger von Guinness World Records, dem Herausgeber des „Buch der Rekorde“, einen Preis für ihre „Leistung“ bekam – überreicht von Ex-Beatle Paul McCartney.
Als sie abstürzte, war sie noch Jugoslawin. Josip Broz Tito war auf dem Zenit seiner Macht, und von einem unabhängigen Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina oder gar Kosovo war noch keine Rede. Es gab noch kein Massaker von Srebrenica und keine Prozesse im UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Und es war die Zeit, in der ganz Jugoslawien vereint war im Zittern um das Überleben von Vesna Vulovic. Aus einer Höhe von 10.160 Metern war Vulovic am Boden aufgeschlagen, eingeschlossen in einem Wrackteil in einem Waldstück nahe dem nordtschechischen Dorf Srbská Kamenice. Von Ljubljana bis Skopje erzählten Eltern ihren Kindern vom Todesflug der blonden Stewardess. Viereinhalb Stunden lang war sie klinisch tot.

„Nachdem ich wiederbelebt worden war, lag ich vier Wochen im Koma. Meine Wirbelsäule, Arme und Beine und mein Schädel waren gebrochen“, sagt Vulovic. Die Presse berichtete monatelang von dem blutigen Bündel Mensch, das an der Absturzstelle gefunden worden war. Nach 17 Monaten, zahllosen Operationen und Therapien war Vulovics Körper wiederhergestellt. Ein Star war geboren. Oder eher wiedergeboren: Sie trat im Fernsehen auf, machte Werbung für Geräte, die gegen Wirbelsäulenschmerzen helfen sollen. Warum ausgerechnet sie als Einzige den Absturz überlebt hat, erklärt sie sich so: „Wegen meinem niedrigen Blutdruck habe ich nach der Explosion schnell das Bewusstsein verloren, und mein Herz ist nicht zerplatzt wie bei allen anderen Passagieren.“
Eigentlich hätte Vulovic nie Stewardess werden dürfen. Den niedrigen Blutdruck hat sie mit viel Kaffee überwunden und konnte sich so durch die Aufnahmeuntersuchungen schummeln. Ihre Berufung war es nicht. „Eigentlich wollte ich Sprachwissenschaftlerin werden.“ Nach der Matura 1971 war die Philologiestudentin nach London gezogen, um ihre Englischkenntnisse zu verbessern. Das war der offizielle Grund – insgeheim wollte sie endlich einmal in die Heimat ihrer Lieblingsband: der Beatles. In London lernte sie ihren Freund kennen, mit dem sie anschließend nach Stockholm zog.
Als sie sich bei einem Telefonat mit den Eltern über ihren Aufenthaltsort verplapperte, musste sie zurück nach Belgrad. Ihre Eltern hatten befürchtet, dass die „lockere schwedische Sexualmoral“ ihre Tochter beeinflussen würde. Zurück in Belgrad wurde Vulovic Stewardess – sie brauchte einen Job, bei dem sie möglichst rasch wieder nach Stockholm reisen konnte. Acht Monate später folgte der Flugzeugabsturz. Ende Jänner 1972 stieg sie in die mit einer Zeitzünderbombe beladene Maschine, die von Stockholm über Kopenhagen nach Belgrad fliegen sollte. Eine Verwechslung mit ihrer Kollegin Vesna Nikolic im Dienstplan hatte dazu geführt, dass Vesna Vulovic dem Flug zugeteilt wurde. „Mir war das sehr recht, denn unsere Crew war im Sheraton untergebracht. Ich wollte immer schon in dieses Hotel, war dann aber enttäuscht, weil ich als Einzige ein kleines Zimmer bekam.“
Die Maschine kam verspätet aus Schweden an. Bis heute erwähnt sie immer wieder einen Mann, der ihr beim Aussteigen aus der Maschine aufgefallen war. Er soll „bleich, nervös und zittrig“ gewesen sein. Ihrer Meinung nach könnte er zu denen gehört haben, die den Sprengsatz ins Flugzeug schmuggelten. Die Sicherheitsbestimmungen waren damals noch lückenhaft; systematische Koffer- und Handgepäckskontrollen wurden erst später eingeführt. Das Letzte, woran sich Vulovic bis heute erinnert, ist, wie sie in die Maschine eingestiegen ist. Unmittelbar nach dem Absturz behaupteten kroatische Emigranten in Stockholm, die Bombe im Flugzeug versteckt zu haben. Erst ein Jahr zuvor hatten Anhänger der rechtsradikalen kroatischen Separatistenbewe- gung Ustascha den jugoslawischen Botschafter Vladimir Rolovic in der schwedischen Hauptstadt erschossen.
Der Bombenanschlag 1972 galt dem jugoslawischen Ministerpräsidenten Djemal Bijedic, der zu dieser Zeit in Kopenhagen beim Begräbnis des dänischen Königs Frederik IX. war. Der hatte aber eine frühere Maschine genommen und war so dem Anschlag entgangen. Nachdem die wahren Täter nicht eruiert werden konnten, befürchtete die Polizei nach dem Bekanntwerden ihres Überlebens ein Attentat auf Vesna Vulovic – schließlich war sie die einzige Zeugin. „Tag und Nacht haben Polizisten vor meinem Krankenbett Wache gehalten“, sagt sie. Am Ruhm, der danach folgte, war Vulovic nach eigenem Bekunden „nie interessiert. Ich wollte nur weiterfliegen.“ Doch die JAT wollte sie lieber am Boden sehen, in einem sicheren Bürojob. 18 Jahre lang erledigte sie Buchungen für von Jugoslawien ins Ausland entsandte Fachkräfte. Es wurde still um die einstige Nationalheldin.

Erst Anfang der Neunziger erschien sie plötzlich wieder auf der Bildfläche. Nicht als Überlebende, sondern als lautstarke Kritikerin des Regimes von Slobodan Milosevic. „Als während der Belagerung Sarajevos 1992 auf Radio B92 diskutiert wurde, wie die Bevölkerung in Belgrad reagieren soll, rief ich an und schlug vor, dass auch Belgrad tot sein müsse: Jeder prominente Schauspieler, Sportler, Künstler solle seine Arbeit einstellen. Ich habe geglaubt, wenn nichts mehr stattfindet, wird das die Leute aufrütteln“, erzählt sie. Ihr politisches Engagement kostete die damals 42-Jährige den Job. Vulovic hatte als eine der Ersten in Slobodan Milosevic jenen gefährlichen Populisten erkannt, der er war – und fortan versucht, auch ihre Kollegen davon zu überzeugen.
Es war die Zeit unmittelbar nachdem Milosevic seine Rede auf dem Amselfeld im Kosovo gehalten hatte, in der er der serbischen Minderheit in der mehrheitlich albanischen Provinz „Schutz“ versprach. Kurz darauf schränkte er die Autonomie des Kosovo stark ein. Daheim in Belgrad setzte er Soldaten ein, um Proteste gegen seine Politik zu unterdrücken. Und begann Kriege gegen Slowenien, Kroatien und später Bosnien- Herzegowina, die sich für unabhängig von Jugoslawien erklärt hatten. Vulovic war „von Anfang an“ gegen den Krieg. Zu lange hatten in ihren Augen Kroaten, Bosnier und Serben derselben Nation angehört. Fast 20 Jahre war sie Tochter und Heldin Jugoslawiens gewesen – und nicht nur der Serben. 1997 trat sie der Demokratischen Partei von Zoran Djindjic bei, jenem Politiker, der nach Milosevics Entmachtung 2001 serbischer Premier wurde.
Zwei Jahre später wurde Djindjic von Mitgliedern der Zemun-Mafia, benannt nach einem Belgrader Stadtviertel, in dem diese ihre Hochburg hatte, erschossen. In seinem Auftrag war Vulovic in Belgrad von Haus zu Haus gegangen und hatte die Leute aufgefordert, gegen Milosevic auf die Straße gehen. Der Staat sah sie aber lieber weiter im Abendprogramm als Vorzeigeüberlebende anstatt auf Demos gegen die Regierung. Die Antwort auf ihren Aktivismus folgte prompt. Regimetreue Zeitungen rollten den Flugzeugabsturz von 1972 auf und spekulierten über ein mögliches Geheimdienstkomplott. Demnach sollte Vulovic in das Attentat involviert gewesen sein, was auch erklären würde, warum sie überlebt hatte.
Trotzdem lieh Vulovic weiter der Protestbewegung ihr Gesicht. Am 5. Oktober 2000 feierte sie ihren letzten großen Triumph. „Mögest du mit dem Flugzeug abstürzen, wenn du aus unserem Land flüchtest!“, schrie Vesna Vulovic vom Balkon des Belgrader Rathauses. Tausende Menschen jubelten ihr an diesem Tag zu. Ihr Fluch galt dem soeben entmachteten Milosevic, der sich im darauffolgenden April dem UNO-Kriegs- verbrechertribunal in Den Haag stellen musste. 2006 erlag er einem Herzinfarkt. Am 11. März jährt sich sein Todestag zum zweiten Mal. Vulovic hat Milosevic auf ihre Weise besiegt – gescheitert scheint sie dennoch zu sein.
„Meine heutigen Probleme sind die gleichen wie die von allen fünf Millionen Serben: Wie finde ich Arbeit, komme mit meiner Pension aus, wie leiste ich mir Medizin und Lebensmittel“, sagt Vesna Vulovic. Heute lebt sie in Belgrad alleine mit ihren drei Katzen von einer kleinen Pension. Und hat nur noch einen Traum: „Ich möchte in Europa sein, frei reisen können. So wie in meiner Jugend.“
















Hübsche Geschichte...
Gruß aus Belgrad,
Dr. Boris Pecarevic