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UNTER PRÖLLS

Von ihm und durch ihn und mit ihm wird Niederösterreich seit 15 Jahren regiert. Und daran wird auch die Landtagswahl nichts ändern. Eine Spurensuche nach dem Erfolgsgeheimnis von Erwin Pröll in seinem Heimatdorf Radlbrunn.

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Text: Christoph Zotter
Fotografie: Martin Fuchs
Erwin Pröll ist schon so gut wie tot. Regungslos liegt er auf dem Acker. Eine gebrochene Rippe hat den rechten Lungenflügel durchbohrt, ein blutiger Striemen zieht sich von der Schulter über die Brust bis zur Hüfte. Dort, wo das schmale Speichenrad über ihn drübergerollt ist, nachdem er vom Pferdefuhrwerk gefallen ist. Der Vater hat ein Schlagloch übersehen, jetzt muss die herbeigeeilte Mutter mit dem geschundenen Körper des Buben in den Armen in den Ort laufen. Es ist der 22. April 1952. Jener Tag, an dem der sechs Jahre alte Erwin Pröll beinahe auf einem Weinfeld gestorben wäre. Heute steht auf dem brachliegenden Feld ein drei Meter hohes Marterl: ein Ziegeldach auf zwei Säulen, darunter eine Granitplatte, in die das Bild der Jungfrau Maria eingraviert ist.

Es ist ein Geschenk der Innung der Baumeister Niederösterreichs an den Ort Radlbrunn. Den Geburtsort jenes Mannes, der als Landeshauptmann das flächenmäßig größte Bundesland Österreichs so lange regiert wie keiner vor ihm: 15 Jahre sind es heuer. Und wenn nichts Besonderes passiert, wird er das auch die kommenden fünf tun. Am 9. März findet in Niederösterreich die Landtagswahl statt, und niemand, nicht einmal die politischen Gegner, glaubt daran, dass Erwin Pröll dabei vom Thron gestoßen wird. Ja nicht einmal daran, dass die absolute Mehrheit, mit der die ÖVP seit 2003 regiert, ernsthaft gefährdet werden kann. Und wenn es wider Erwarten doch passieren sollte, dann verhält es sich in Niederösterreich genau umgekehrt wie anderswo: Dann muss nicht der Landeshauptmann die Partei fürchten, die ihn für die Niederlage verantwortlich macht, sondern die Partei den Zorn des Landeshauptmanns.

Erwin Pröll ist ein österreichisches Phänomen, der „letzte wahre Landesfürst“, wie ihn die Infoillustrierte News jüngst – wieder einmal rechtzeitig vor einer Wahl – im Rahmen einer Homestory feierte. Gegner hat der 61-jährige Sammler von Keramikenten praktisch keine; und wenn, dann vereinnahmt er sie so lange, bis sie kuschen. Seine größten Fans sitzen dort, wo er seine Basis hat: am Land, in den tausenden kleinen Dörfern zwischen Wald- und Industrieviertel. In Niederösterreich gibt es keine Ballungszentren; die Hauptstadt St. Pölten ist mehr eine zu groß geratene Marktgemeinde als eine pulsierende Landesmetropole.

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Wie das Land politisch und gesellschaftlich tickt, zeigt sich deshalb viel mehr in Orten wie jenem, in dem Erwin Pröll aufgewachsen ist und wo er bis heute im Haus Nummer 93 lebt: Radlbrunn, einem 440-Seelen-Dorf im Weinviertler Bezirk Hollabrunn, eine halbe Autostunde nordwestlich von Wien. Dort, wo Erwin Pröll nur „der Erwin“ ist und wo ihm zufolge auch seine „schärfsten Kritiker“ wohnen. Und wo sein Neffe, der heutige Landwirtschafts- und Umweltminister, der ebenfalls hier seine Wurzeln hat, nur „der Pepi“ ist.

Heute führt am einstigen Unglücksacker ein schmaler Schotterweg vorbei, der in eine der zwei Kellergassen von Radlbrunn mündet. Hier haben die Weinbauern des Ortes vor nicht einmal 20 Jahren noch Trauben gepresst, gekeltert und den Saft dann zum Reifen gelagert. Heute soll die jüngst teilrenovierte Kellergasse Touristen anlocken. Über den nicht einmal mannshohen Toren der Weinkeller hängen kleine Bretter, die den Besitz markieren. „Brandl“, „Endler“ oder „Zimmermann“ haben die Weinbauern in das gewachste Holz gelötet. Und „Pröll“.

„Ich halte es für gescheit, in der Politik informell zusammenzusitzen. Und ein Weinkeller ist dafür wie geschaffen“, erzählte Josef Pröll der Wiener Stadtzeitung Falter im vergangenen Jahr. Groß genug ist das Weingut der Familie Pröll dafür. 13 Hektar Weinbaufläche, was gut 20 Fußballfelder gäbe, dazu noch einmal so viel an Ackerland für alles, was man sonst anbauen kann: Seit Mitte der Neunziger kaufen die Prölls Rebfläche zu, heute sind sie die größten Weinbauern Radlbrunns. Dank Andreas Pröll, dem Neffen des Landeshauptmanns und einzigen Bruder von Josef Pröll.

Der 34-Jährige führt die Weinbautradition der Familie fort. Er hat das seit 1705 bestehende Familiengut im Ortszentrum um- und ausgebaut. Und er hat den Bauern im Ort in den vergangenen Jahren sukzessive ihre Rebflächen abgekauft. „Für den Andreas war klar, dass er nicht in die Politik geht wie die anderen“, sagt Michaela Pröll, die Ehefrau und Mutter der gemeinsamen drei Kinder.

In Bluejeans und dünnem, grauem Wollpullover steht sie im ehemaligen Stall des Weingutes, der heute als Verkostungsraum dient: Der Boden ist mit lehmroten Ziegeln verfliest, Stühle, Tische und Schank in hellem Naturholz stehen sauber angeordnet. An den Wänden hängen Fotos, von denen Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser, ÖVP-Klubobmann und Ex-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Ex-Kulturstaats- sekretär Franz Morak lächeln – sie haben hier nicht nur einmal ein Gläschen verkostet. End sie stehen für die Politik, in die Andreas Pröll nie wollte, der er aber gerne einschenkt.

Während er Anfang der Neunziger in Klosterneuburg noch Weinbau lernte, war der ältere Bruder schon mit seinem Studium an der Wiener Universität für Bodenkultur (Boku) fertig und auf dem Weg zum Landwirtschafts- und Umweltminister. Vor zwei Jahren hat Josef Pröll sogar die 27 EU-Agrarminister nach dem Treffen in Wien über die Horner Bundesstraße ins 60 Kilometer entfernte Radlbrunn fahren lassen. „Zwei Busse mit Ministern, jede Menge schwarzer Security-Limousinen und eine Menge Aufregung“ sei das damals gewesen, erzählen die Leute im Ort heute ehrfürchtig.

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Michaela Pröll redet lieber vom Weinbau als von der Politik. Der Rote geht zurück, der Weiße ist stark im Kommen, die neuen Alutanks sind viel hygienischer als die alten Fässer, in denen die Traubenreste lagern. Gerade einmal zwei Holzfässer stehen noch im Weingut Pröll: Das eine hat der Schwiegervater Josef Pröll senior, der Bruder von Erwin, einst zum 50. Geburtstag bekommen. Das andere war ein Hochzeitsgeschenk. Damals, im Jahr 1999, hat Michaela auch ihren Beruf als Krankenschwester im Spital von Hollabrunn aufgegeben. Ein Jahr später kam das erste Kind. „Ich wollte zu Hause bleiben und meinem Mann beim immer hektischer werdenden Weingeschäft helfen.“

Es hat sich ausgezahlt. Seit der Pröll’sche Wein in den vergangenen Jahren mehrmals in den Falstaff-Guide der besten Weine Österreichs aufgenommen worden ist, brummt das Geschäft. „Ich helfe meinem Mann gerne, und auf die Kinder passe ich auch gerne auf. Aber eigentlich geht mir das Krankenhaus schon ab“, sagt die 33-Jährige.

In Radlbrunn ist der Weinbau heute alles, was vom einstigen Bauernreichtum übrig geblieben ist. Lebten vor dem Zweiten Weltkrieg noch 380 Ortsbewohner von dem, was die Ackerböden des Schmidatales abwarfen, sind es heute gerade noch um die 20. Die Dorforganisation hat sich ihre bäuerlichen Strukturen trotzdem erhalten. In Radlbrunn ist die schwarze Welt noch so, wie sie sein sollte: Sein Konto hat man bei der Raiffeisenlandesbank, am Sonntag geht man in die Kirche, und am Wahltag gibt es nur eines: Pröll, Volkspartei. In dieser Reihenfolge. Bei der letzten Landtagswahl 2003 haben ihn 211 von 268 Radlbrunnern gewählt. Das einzige Wort, das hier im Zusammenhang mit dem Urnengang fällt, lautet „Siegerehrung“.

FUM2008018G0208-0128In Radlbrunn darf sich Erwin Pröll nicht nur Landeshauptmann, sondern auch Präsident nennen. Diese Funktion übt er im heimischen Musikverein aus. Ohne Vereinsmitglied- schaft geht in Radlbrunn gar nichts: 13 Vereine gibt es insgesamt. Einen für die Musiker, einen für die Jäger, einen für die Radfahrer; je einen für die katholischen Männer und Frauen, einen für die Dorferneuerer; einen für das Heimatbuch, einen für die Jugend, einen für die Feuerwehr, einen für die Weinbauern, einen für die Bäuerinnen, einen für den Kirchenchor, einen für die Sparer – auch eine eigene katholische Burschenschaft, der Verein „Eintracht“, bestand in den 15 Jahren vor dem „Anschluss“ an Nazi-Deutschland 1938.



In der vor drei Jahren errichteten Mehrzweckhalle „Dorfzentrum“ steht der Sänger Peppino am Keyboard und schmachtet den deutschen Schlager „Ein Bett im Kornfeld“ in den mit rund 80 Menschen gut gefüllten Raum. Eine Bühne wurde aufgebaut, eine kleine Kühlvitrine in die hintere Ecke geschoben, es gibt Brote mit hausgemachten Aufstrichen. Der Musikverein hat zum traditionellen Faschingsfest geladen, erstmals am Samstag statt am Faschingsdienstag, damit die Radlbrunner länger feiern können. Die Kinder rennen als Piraten, Clowns oder Cowboys verkleidet zwischen den Tischreihen herum, an denen die Alten sitzen und Wieselburger aus Flaschen trinken.

Alle, die in Radlbrunn wichtig sind, sind gekommen: der schweigsame Feuerwehr- kommandant mit dem sorgfältig gestutzten Schnauzer, der Ortsvorsteher mit dem Cowboyhut, um dessen Job sich nicht viele reißen, „weil er sich fast nur mit Nachbarschaftsstreitigkeiten auseinandersetzen muss“, wie es heißt; der Kapellmeister des Musikvereins mit dem weiß geschminkten Gesicht, der sich sorgt, dass der Nachwuchs lieber bei der Gemeindekapelle im zwei Kilometer entfernten Ziersdorf spielt als bei der dorfeigenen.

Auch Josef Pröll senior ist da. Mit Wollpullover, Wohlstandsbauch und einem Weißweinglas sitzt der 68-Jährige an einem der Tische auf der Balustrade im ersten Stock und muss schreien, um die Musik zu übertönen. „Der Erwin war der erste Pröll und der erste Radlbrunner, der ins Gymnasium nach Tulln gefahren ist“, erzählt der um sieben Jahre ältere Bruder des Landeshauptmanns und Vater des Landwirtschafts- ministers. Er selbst hat nach dem Hauptschulabschluss daheim mitgearbeitet und in den Siebzigern den Hof übernommen, „den jetzt so schlecht laufenden Rotwein angebaut, das Geschäft auf Vordermann gebracht“. Ortsvorsteher ist er auch gewesen, von 1995 bis vor drei Jahren. In dieser Zeit wurde auch das „Dorfzentrum“ errichtet. Eigentlich wollte er ja nur ein Haus für den Musikverein bauen, dem die Familie traditionell angehört. Sein Sohn Josef hat dort Klarinette gespielt.

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„Der Erwin hat dann aber gemeint: Sei nicht deppert, bau gleich ein Haus für den ganzen Ort“, sagt Josef Pröll senior. Ein Vorhaben, für das der seit der Gemeinden- zentralisierung 1971 für Radlbrunn zuständige Bürgermeister der Großgemeinde Ziersdorf zuerst kein Geld hatte. „Da muss ich schon sagen, da hab ich’s ein bisschen einfacher mit meinem Bruder“, sagt Pröll. Der habe den sparsamen Bürgermeister einfach angerufen, und plötzlich sei das Budget für den Bau gestanden. Im Austausch sucht der mächtige Bruder bei Josef Pröll senior hin und wieder Rat, weil von St. Pölten aus die Stimmung im Volk nur schwer zu greifen sei: „Ich sag’s ihm halt immer grad rein, wenn was nicht passt. Der Erwin ist ja sonst nur von Leuten umgeben, die buckeln.“

Josef Pröll senior nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Nicht, wenn es um seinen Bruder, und nicht, wenn es um Frauen geht: „Ist ja nichts Schlechtes, wenn man mal einer fremden Frau auf die Brust greift. Die von der eigenen kenn ich ja schon.“ Er sieht sich als „ganz normalen Radlbrunner, so wie mein Bruder einer ist. Ab und zu merkt man halt ein bisserl den Neid.“ Wie bei einem Bekannten, der tischlert und einen anderen Radlbrunner beschuldigt hat, dass dieser nur deswegen ohne rechtliche Konsequenzen bei den Prölls pfuschen dürfe, weil es eben die Familie des Landeshaupt- manns sei. „Obwohl das nicht stimmt“, sagt Josef Pröll senior und lächelt. Er kann mit solchen Sticheleien gut leben. Zu viel hat sein Bruder seinem Heimatort Gutes getan, als dass sich irgendjemand trauen würde, offen das Wort zu erheben. 1988 wurde Radlbrunn in den Dorferneuerungsplan des Landes Niederösterreich aufgenommen.

Da hatte Erwin Pröll bereits eine steile Karriere hinter sich: Studium der Landwirt- schaft an der Wiener Boku, von 1980 bis 1981 Agrarlandesrat, dann Finanzlandesrat und Landeshauptmann-Stellvertreter. 1993, im selben Jahr, in dem man Pröll erstmals zum obersten Niederösterreicher wählte, wurde die Radlbrunner Ortsdurchfahrt erneuert. Kurze Zeit später wurde der Kinderspielplatz umgebaut und der baufällige Brandlhof, der den Grundverwaltern des Stifts Lilienfeld seit dem Mittelalter als Wohnsitz gedient hatte, zum Kulturdenkmal erweitert. Heute finden dort unregelmäßig Handwerkermessen und Dorftheateraufführungen statt. In der restlichen Zeit können Touristen nach Voranmeldung an einer Führung teilnehmen.

Ein Jahr später kam noch ein Naturschwimmteich an der Ortsgrenze dazu. Kleine Blechtafeln und schriftliche Danksagungen sorgen dafür, dass keiner vergisst, dass ein Großteil des Geldes dafür vom Land Niederösterreich kam. Auch Neffe Andreas Pröll macht gute Geschäfte mit dem Land. Seit Jahren beliefert er die niederöster- reichischen Landesausstellungen mit seinen Weinen, im Brandlhof stellt er den Schankwein.

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Der geistige Mittelpunkt von Radlbrunn wurde schon vor der Ära Pröll verschönert. Direkt hinter dem Brandlhof ragt ein 50 Meter hoher, butterblumengelber Kirchturm in die Höhe, an dessen Spitze ein goldenes Kreuz in der Sonne glänzt. Drinnen im Gotteshaus, umgeben von den schlichten, dicken Mauern aus dem Mittelalter, haben sich alle versammelt, die nach dem Faschingsfest vom Vortag rechtzeitig aufge- kommen sind. Knapp 30 Radlbrunner, vorwiegend Alte, kuscheln sich auf den kargen Kirchenbänken in ihre Winterjacken, um sie herum barocke Engelsszenen, die um das 17. Jahrhundert in die kleine Landkirche hineingetragen wurden. Ein Mann mit halblangen weißen Haaren und Brille steht in weißem Gewand und schwarzer Stola vor einem Lesepodest aus Furnierholz und liest vor, für welchen Verstorbenen in den nächsten Wochen welche Messe gelesen wird.

Edmund Tanzer ist seit 22 Jahren Pfarrer in Radlbrunn. Der 53-Jährige ist zugereist, wie so viele Pfarrer, die von den Diözesen in die kleinen Ortschaften Niederöster- reichs entsandt werden, weil es dort nicht genug geistlichen Nachwuchs gibt. Tanzer kümmert sich auch um den Nachbarort Dürrenbach, sein Kollege aus Ziersdorf betreut sogar vier Gemeinden. Dass kaum Jugendliche die Messe besuchen, kümmert ihn nicht. „Die liegen wahrscheinlich noch im Bett. Sonst kommen sie aber schon regelmäßig. Der Glaube ist hier noch sehr fest“, sagt Tanzer.

Büro und Wohnung hat er gleich gegenüber im Pfarrgebäude. In dessen Keller wurden vor Jahrhunderten die Zehente, der Kirchenzins, gehortet. Jetzt bröckelt an den barocken Schnörkseln der Fassade der Putz. Dem Stift Lilienfeld, dem der denkmalgeschützte Bau gehört, fehlen rund 150.000 Euro zur Renovierung. „Ein Drittel müsste vom Stift kommen, eines von der Erzdiözese Wien und ein Drittel von der Gemeinde. Aber die haben das Geld nicht“, sagt Tanzer. Problem stelle das aber keines dar. „Wenn die nicht wollen, haben wir noch immer den Landeshauptmann.“

Manchmal bereitet die Strahlkraft seines Schäfchens Erwin Pröll dem Seelsorger von Radlbrunn aber auch Sorgen. Etwa dann, wenn die Leute glauben, dass es nur einen Anruf bei dessen Pfarrer braucht, um den Landeshauptmann zu aktivieren. Einmal habe ein Mann aus Tanzers Heimatstadt Wiener Neustadt angerufen, nachdem dort ein Sturm die Stromversorgung ruiniert hatte. „Lassen’s den Herrn Landeshauptmann bei Ihnen mal schön für uns beten. Aber wenn er fertig ist, dann soll er sich gefälligst darum kümmern, dass der Strom bei mir wieder funktioniert“, habe er gesagt.

Die Radlbrunner Jugend ist indes noch am Ausnüchtern. Jägermeister, roter Wodka Marke Eristoff und Bacardi hat es beim Faschingsfest im Jugendclub am Vortag gegeben. Der vor knapp zehn Jahren gegründete Verein hat ein Zimmer im ersten Stock des „Dorfzentrums“. Eine aus Tischen gebastelte Bar, jede Menge Alkohol, ein paar alte Stoffsofas mit Fernseher plus PlayStation. Poster des Pornostars Gina Wild hängen an derselben Wand wie ein Wahlplakat der Landtagswahl vor fünf Jahren. Erwin Pröll als Filmfigur – als „Man in Black“ blickt er von dort auf den Radlbrunner Nachwuchs. „Wir lassen uns aber von keiner Partei finanzieren“, sagt David Heichinger, Gründungsmitglied des Vereins Aktive Jugend. „Das war von Anfang an klar, damit hier alle zusammenkommen können.“

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Geld für die Einrichtung und den Betrieb des Vereins hat der 22-Jährige vom Land Niederösterreich bekommen. Im Clubzimmer treffen sich Woche für Woche die jungen Radlbrunner mit Freunden und Bekannten aus den umliegenden Dörfern. Während ihre Eltern pendeln, um Geld zu verdienen, pilgern auch die Jungen oft durch das halbe Weinviertel. Sie sind Studenten in Wien, Tulln oder Krems, gehen in Hollabrunn in die Schule oder arbeiten bereits, als Berufssoldaten, Lehrer oder Marketingassistenten.

Die langen Wege werden ihnen bleiben. Von rund 1.500 arbeitenden Ziersdorfern pendeln rund 1.300. Im Ort bleiben wollen die Jungen mit der guten Ausbildung trotzdem. Viele möchten sich ein Haus bauen. Die 17-jährige Stefanie Heichinger besucht eine Sozialfachschule in Tulln und ist extra für das Faschingsfest in ihren Heimatort gekommen. Sonst fährt sie am Wochende am liebsten ins Ballegro im vier Kilometer entfernten Ravelsbach, die einzige Disco in der Nähe. Sie will auf jeden Fall hierbleiben. Tulln sei schon anstrengend, aber Wien ginge gar nicht: „Die Stadt ist laut, dreckig, und die Leute sind unfreundlich.“




mysFrage an die Maus: Wie steht es um das Land Niederösterreich?

Am Sieg Erwin Prölls bei der niederösterreichischen Landtagswahl am 9. März zweifelt niemand. Es geht vielmehr nur darum, ob es der ÖVP gelingen wird, ihre absolute Mehrheit von 2003 zu bestätigen. Damals bekam sie 53,29 Prozent der Stimmen und damit fast 20 Prozent mehr als die SPÖ. Könnten die Niederösterreicher den Landeshauptmann direkt wählen, wäre das Ergebnis sogar noch deutlicher: 65 Prozent würden ihre Stimme Amtsinhaber Pröll geben, nur zehn Prozent SPÖ-Herausforderin Heidemaria Onodi. Pröll regiert das Land seit 1993 und ist damit der dienstälteste amtierende Landeshauptmann. Als dritte Kraft im Land haben sich die Grünen etabliert, die 2003 7,2 Prozent der Stimmen und vier der insgesamt 56 Mandate im St. Pöltner Landtag ergatterten.

Niederösterreich ist das flächenmäßig größte und mit fast 1,6 Millionen Einwohnern nach Wien (1,67 Millionen) bevölkerungsreichste Bundesland. Im vergangenen Jahr wuchs hier die Wirtschaft laut Prognose der Oesterreichischen Nationalbank um 3,6 Prozent und damit stärker als im Bundesschnitt (3,2 Prozent). Dabei ist Niederöster- reich längst nicht mehr „Bauernland“. Der Anteil der Industrie an der Wirtschafts- leistung ist mit 36 Prozent überdurchschnittlich. Mehr als 150.000 Menschen arbeiten in Industriebetrieben, keine 10.000 leben mehr von der Landwirtschaft. Allerdings waren im Jänner dieses Jahres rund 50.000 Niederösterreicher arbeitslos gemeldet. Mit 8,3 Prozent liegt die Quote im Land über dem österreichischen Schnitt (7,5 Prozent).

Die öffentliche Pro-Kopf-Verschuldung in Niederösterreich ist mit rund 2.200 Euro die höchste eines Bundeslandes. Von den zehn höchstverschuldeten Gemeinden mit mehr als 1.000 Einwohnern liegen neun in Niederösterreich. Erstmals dürfen bei der Wahl auch 16-Jährige und Niederösterreicher, die im Ausland leben, abstimmen. Die Zahl der Wahlberechtigten steigt deshalb um knapp 92.000 auf nun 1.397.647. Mindestens 50 von ihnen als Unterstützer anzuwerben gelang dem BZÖ in vier der 21 Wahlkreise nicht. FPÖ und KPÖ treten dagegen in allen Wahlkreisen an. Um in den Landtag einzuziehen, brauchen die Parteien entweder ein Grundmandat in einem der Wahl- kreise oder landesweit mehr als vier Prozent der Stimmen.



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