Was ich lese und was nicht
Von Dirk Stermann, Entertainer

Was ich lese …
Irgendwo in Deutschland brach eine Wohnung durch, weil sie das Gewicht der vielen Bücher nicht mehr tragen konnte. In Frankreich sprang ein Selbstmörder aus dem Fenster in den Tod und hielt dabei sein Lieblingsbuch umklammert. Beides sind Beispiele, wo Leselust zu weit geht. Bücher nerven unendlich, wenn man sie gelesen hat, aber nicht wegschmeißen will.
Mein kleines Häuschen bricht bald völlig zusammen, und ich sterbe beim Sprung aus dem Fenster nicht durch den Aufprall, sondern werde von meinen Lieblingsbüchern erschlagen werden. Vielleicht kann ich sagen, von welchen Büchern ich am liebsten erschlagen würde. Vielleicht von Joseph oder Philip Roth. Lieber aber von Mordecai Richler, für den ich mal eigens nach Montreal gefahren bin, um mir die Straßen anzuschauen, in denen seine Romane spielen. Oder von Richard Yates. Sein Roman „Zeiten des Aufruhrs“ ist eine so triste Chronik amerikanischer Fünfzigerjahre-Vorstadtdesillusion, dass es zum Erschlagenwerden passt. Louis Begley kann ja noch oben drauffallen.
Und falls mein Selbstmord gefilmt werden würde, was ja dank Digicams heutzutage möglich ist, dann fänd’ ich es, auch als Verbeugung vor meiner Wahlheimat Österreich, ganz hübsch, wenn oben auf den Erstickungsstapel „Kameramörder“ von Thomas Glavinic wie ein kleines Sahnehäubchen fällt. Da kann man dann hinzoomen und hat ein dramatisches Schlussbild. Aber was ist dann mit Walter Kempowski? Sollen „Tadellöser & Wolff“ oder „Ein Kapitel für sich“ bei meinem Sprung gar keine Rolle spielen? Immerhin die ersten Bücher, die ich freiwillig grandios fand. Das wäre Verrat.
Nein, es wäre so: Ich springe aus dem Fenster, verliere im Flug die Bücher, lande erst mal selbst, dann die Roths und der Richler, der Yates und der Begley, dann Glavinic. Alle denken, der Mann ist hin, aber ich erhebe mich noch einmal, dann kommen die Kempowskis und treffen mich an der Schläfe. Ich fall’ wieder hin und werde begraben von der Flut meiner anderen Lieblingsbücher. Dann wär’s aber auch noch schön, wenn „Die Tigerin“ von Walter Serner am Schluss gut sichtbar durchs Bild segelt. Geht das? Nee, was? Das Leben ist auch im Tod kein Wunschkonzert.
… und was nicht
Ehrlich, ich habe an der Uni einen Philosophieschein machen müssen und mich in der Vorlesung bis zum Schluss nur darob verwundert gezeigt, was der Jeanserfinder Levi Strauss mit Philosophie zu tun hat. Anders ausgedrückt: Ich habe Schwierigkeiten, theoretische Texte zu lesen. Ich kann sie zwar lesen, aber nicht verstehen. Da geht es mir so wie beim Augenarzt, nachdem der einem etwas Pupillenerweiterndes in die Augen getropft hat und für Stunden alles verschwimmt. Mir verschwimmt theoretische Literatur.
Bei Karl Marx kann ich nur die eitlen Vorworte lesen, wenn’s ans Eingemachte geht, verschwimmt’s. So kann ich leider niemals wirklich gebildet sein. Ich zeige mich über jeden, dem es anders geht, begeistert. Ich muss da passen, vielleicht hab’ ich als Kind zu oft Menschen beim Kopfball zugeschaut. Ich hab’ da gelinde gesagt Berührungsängste. Für anderes wiederum bin ich zu gebildet.
Der gesamte Esoterik- und Lebensratgebersektor muss aus meinem Leben leider draußen bleiben. Dieses Hildegard-von-Bingen-Gesülze ist mir körperlich unangenehm, schon die Einbände der I-Ging- und Heilkräuterhexenpest können mich das Gruseln lehren. Mein Arsch bekäme promptest Pickel, wischte ich ihn mit solchem Mist ab. Die ganze „Endlich über 40, 50, 60, tot“-Literatur erinnert mich an Heizdeckenverscheißerei-Busfahrten, nur ohne Busfahrt und Apfeltorte. Die wesentlich größere Terrorgefahr fürs liebe Abendland als die Kumpels von Al Kaida. „Das Kind im Manne der Frau“ und „Die entschlackende Wirkung von Pusteblumen bei Vollmond“ oder, noch schlimmer: „Schwerreich, ganz leicht gemacht“. Bücher wie rumänische Hütchenspieler, die nach dem Fall der Berliner Mauer innerhalb von Stunden die Ostdeutschen armgezockt haben. Schlimmer als Rosamunde Pilcher, dümmer als die Autobiografie von Daniel Küblböck („Deutschland sucht den Superstar“) und kriminell wie Bankenwerbung.
Das fürchte ich: einst im Schlaf von einem Sternzeichenwegweiser erschlagen zu werden oder von einem Motivationstrainingshandbuch. Das wäre ein sinnloser Tod, der mich schon prophylaktisch zu Tränen rührt.
Bisherige Autoren der Reihe „Was ich lese und was nicht“ finden Sie hier.
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