Inhalt

zur Navigation

Weltbauen gegen den Untergang

Herman Sörgel wollte das Mittelmeer absenken und halb Afrika überfluten – und keiner hat ihn deswegen ausgelacht. Im Gegenteil: Er hätte es fast geschafft. Die Geschichte einer vergessenen Vision.

Text: Wolfgang Luef
Fotografie: Heinrich Kley, Deutsches Museum München
Die Venezianer hätten gar nicht gemerkt, dass sie nicht mehr am Meer leben. Keine der berühmten Lagunen-Gondeln hätte auf großen, hölzernen Rädern eine mit Müll übersäte Straße dahinrattern müssen, wie die Zeitschrift Jugend 1929 in einer Karikatur spottete. In der neuen Welt hätte es zwar keine Adria mehr gegeben, und Venedig wäre hunderte Kilometer von der Mittelmeerküste entfernt gelegen. Aber für den deutschen Architekten Herman Sörgel, der die neue Welt erdacht hatte, war Venedig nun wirklich kein Problem.

Zumindest keines, das er nicht durch eine einfache Bleistiftskizze gelöst hätte. Sollten sie doch ihr Meer haben, diese unverbesserlichen Italiener! Sörgel löste viele Probleme durch Staudämme. So auch das Problem mit der Angst der Venezianer vor der Trockenlegung ihrer Lagunen. Rund um Venedig wollte Sörgel eine Staumauer bauen, etwa 30 Kilometer von der Stadt entfernt und selbst vom höchsten Aussichtspunkt am Markusplatz aus nicht zu erkennen. Die perfekte Illusion eines Meeres: Die Mauer hielt das Wasser in Venedig, während direkt hinter ihr das Neuland in der ehemaligen Adria beginnen konnte. Niemand lachte den Architekten für diesen Vorschlag aus. Die konservierende Staumauer rund um Venedig war im Vergleich zu manch anderem, was Herman Sörgel zwischen 1928 und seinem Tod 1952 so alles plante, ein recht langweiliges Projekt.

Denn der Münchner Architekt verfolgte über 25 Jahre hinweg ein wahnwitziges Ziel: Atlantropa. Europa und Afrika sollten zu einem Kontinent verschmelzen. Sörgel wollte die Straße von Gibraltar durch einen gewaltigen Staudamm verschließen und so das Mittelmeer teilweise austrocknen. Und fast hätte er es geschafft. Er gründete sein eigenes Atlantropa-Institut, veranstaltete Ausstellungen, zeichnete Skizzen, ließ Gutachten erstellen und Filme drehen. Drei Mal wurde Sörgel sogar zur Weltausstellung eingeladen.

afrika2

Die internationale Presse jubelte ihm jahrzehntelang zu, berühmte Schriftsteller waren begeistert und schrieben utopische Romane über den neuen Kontinent. Nach und nach kamen Sörgel neue Ideen: Er wollte die Sahara begrünen und halb Afrika überfluten, wollte das Mittelmeer entsalzen und alle Energieprobleme auf einen Schlag lösen. Die führenden Architekten der Welt standen hinter ihm und halfen ihm bei der Planung, die Nationalsozialisten waren zumindest nicht abgeneigt und verschoben das Projekt auf später. Nach dem Zweiten Weltkrieg zeigten sich die Besatzungsmächte in Deutschland und sogar die UNO an dem Projekt interessiert.

Sörgel stellte sein ganzes Leben in den Dienst seiner Idee. Durch seine Fähigkeit, Menschen zu begeistern und für sich einzunehmen, stand er mehrmals kurz davor, sein Projekt in die Tat umzusetzen. Zum ersten Mal veröffentlichte er seine Idee im März 1928. Schon davor hatte er sich in der internationalen Architektenszene und unter Schriftstellern und Philosophen einen Namen als Vordenker und Visionär gemacht. Wie aber wird man zum Erfinder eines ganzen Kontinents?

Schon Sörgels Vater Hans ist im frühen 20. Jahrhundert ein Pionier der Wasserkraft. Als Leiter der bayerischen Baubehörde korrigiert er die Flussläufe des Inn und der Salzach und plant 1905 federführend das oberbayerische Walchenseekraftwerk – bis heute das größte Hochdruckspeicherkraftwerk Deutschlands. Sein Sohn Herman, der am 2. April 1885 in Regensburg zur Welt kommt, ist stets vom Beruf des Vaters fasziniert. Anfangs schlägt der Sohn auch einen ganz ähnlichen Weg ein: Diplomstudium der Architektur an der Technischen Hochschule in München, Praktikum im staatlichen Baubüro des Deutschen Museums, Ausbildung zum Regierungsbaumeister.

Mit 26 Jahren unterrichtet Sörgel an der Meisterschule für Bauhandwerk in Bamberg. Doch mit der vorgezeichneten Beamtenkarriere wird es nichts. Sörgel fühlt sich zu Höherem berufen. Er schreibt seine Dissertation über die Ästhetik der Architektur, in der er verschiedene Disziplinen wie Kunstgeschichte, Philosophie und Psychologie mit der Architektur vermengt und ein neues Verständnis für die Ästhetik einfordert. Sie wird abgelehnt, Sörgel soll nie den Doktortitel bekommen. Also bringt er seine Schrift als Buch heraus – es wird ein voller Erfolg. Bis 1921 werden drei Auflagen gedruckt. Sörgel arbeitet nie als praktischer Architekt. Er entwirft zwar Pläne, zeichnet Plätze, Häuser und Kraftwerke, doch nichts davon setzt er in die Tat um – in seinem ganzen Leben wird er nur eine Villa und ein Ferienhaus bauen.

Vorerst muss er als Architekturpublizist und freier Journalist sein Dasein fristen. Als Chefredakteur der Zeitschrift Baukunst macht er sich einen Namen unter den Architekten Europas. Schon damals wird er zum „bedeutendsten Architekturpublizisten der Weimarer Republik“, wie der Architekturhistoriker Wolfgang Voigt in seinem 1998 erschienen Buch „Atlantropa“ schreibt. Sörgel, der gut gekleidete Herr mit dem Monokel am rechten Auge, wird bald zu einem bekannten Gesicht in der Szene der Intellektuellen und Künstler in Schwabing, in der nur etwas gilt, „wer ein Reformator war, ob er nun das ABC reformierte wie Stefan George oder die Liebe wie Frank Wedekind“, wie Walter Kiaulehn in einem Nachruf auf Sörgel im Münchner Merkur schreibt.

Viele seiner Weggefährten lernt Sörgel in den Wirtshäusern und Cafés von Schwabing kennen, wie etwa den Maler Heinrich Kley, der später Skizzen und Grafiken für ihn erstellen wird. Im Jahr 1923 begegnet er dem konservativen Philosophen Oswald Spengler, dessen Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“ Sörgel schwer beeindruckt haben muss. „Entweder Untergang des Abendlandes oder Atlantropa als Wende und neues Ziel“, heißt es in einer der späteren Werbegrafiken für das gigantische Projekt, das Sörgel in den nächsten Jahren erdenken wird.

Es ist die Angst, die ihn treibt: die Angst vor einem neuen Weltkrieg, die Angst vor Überbevölkerung und Hunger. Obwohl der Philosoph Spengler seinen „Untergang des Abendlandes“ als Jahrhunderte dauernden Prozess beschrieben hat, sieht Sörgel ihn direkt vor sich. Er blickt mit Sorge auf das rohstoffarme Europa, das geradewegs auf eine Wirtschaftskrise zusteuert. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu, die Ölpreise steigen. Gleichzeitig verbraucht das industrialisierte Europa mehr Energie, als es produzieren kann. Der kleine Kontinent sei „umstellt“ und könne alleine nicht bestehen, schreibt Sörgel 1929 in seinem Buch „Mittelmeer-Senkung“: „Das letzte politische Ziel meines Projekts ist die Vereinigung Europas mit Afrika zu einem mächtigen Weltteil zwischen Panamerika und Asien, zwischen dem zweifellos sich einigenden Nord-, Mittel- und Südamerika einerseits und der gelben Gefahr eines rassenfeindlichen Indiens, Chinas und Japans andererseits.“ Die Bildung und Technik Europas, kombiniert mit dem Wachstumspotenzial, dem Länderreichtum und den Bodenschätzen Afrikas, würde einen schier unbezwingbaren Machtblock ergeben, ist er überzeugt.

Beginnen soll das alles in der Straße von Gibraltar. 88.000 Kubikmeter Wasser fließen pro Sekunde durch die Meerenge zwischen Spanien und Marokko. „Das ist so viel wie zwölf Niagarafälle“, schwärmt Sörgel in seinem 1932 erschienenen Buch „Atlantropa“. „Die Natur leistet das seit vielen Jahrtausenden, ohne irgendwelche Ausnützungsversuche von Seiten des Menschen.“ Und das in einer Zeit, „wo die Kohlenvorräte schon in wenigen hundert Jahren zu Ende sind!“. Für jeden Menschen mit natürlichem Sinn für Ökonomie müsste das „eine kategorische Aufforderung zur Tat“ sein, gerade in Zeiten „wirtschaftlichen Leerlaufs und politischer Phrasen“, findet Sörgel. Warum also nicht das Meerwasser für die eigenen Zwecke nutzen?

Der britische Kultautor H.G. Wells hat Sörgel auf die Idee gebracht. In seinem zweibändigen Werk „The Outline of History“ beschreibt Wells das Mittelmeer vor 25.000 Jahren. Es sei damals trocken gewesen und erst überflutet worden, als ein Gebirge bei Gibraltar dem Druck des Eiszeit-Schmelzwassers nicht mehr standhalten konnte. Die Theorie ist bis heute umstritten. Sörgel glaubte an sie. Das trennende Gebirge zwischen Atlantik und Mittelmeer, das vor 25.000 Jahren verschwunden sein soll, will er durch einen gewaltigen Staudamm ersetzen. Und auch alle anderen großen Zuflüsse zum Mittelmeer will Sörgel abdichten.

Wenn kein Wasser mehr ins Mittelmeer nachfließt, trocknet es langsam aus. Sörgel wollte es anfangs um 400 Meter senken. Im Lauf der Zeit revidierte er die Zahl auf 100 Meter. Dadurch würden 576.000 Quadratkilometer neues Land entstehen. Sörgels Damm sollte bogenförmig sein, 35 Kilometer lang und an der tiefsten Stelle etwa 300 Meter tief, also gut 200 Meter tiefer als der damals höchste bautechnisch vergleichbare Damm. 1.600 Meter breit sollte er am Meeresgrund sein, 100 Meter breit an der Spitze. Der Damm wäre heute noch der größte seiner Art. Aber schon in den Zwanzigerjahren wäre so ein Bauwerk immerhin möglich gewesen, sind sich Wissenschaftler heute einig. Fraglich sei nur, meint der Wasserkraftexperte Dominik Godde in der aktuellen Filmdoku „Der Traum vom neuen Kontinent“, ob es auf der ganzen Erde überhaupt genügend Zement für einen Damm dieser Größenordnung gegeben hätte. Der Zementmarkt wäre wohl völlig zusammengebrochen.

Sörgel möchte über Jahrzehnte Steine und Schutt an der richtigen Stelle abladen – er muss ein Volumen von 3.600 Cheopspyramiden im Meer versenken, um das größte Wasserkraftwerk der Welt zu errichten. Es soll 67,7 Millionen PS Leistung haben und 17,5 Milliarden Mark kosten. Eine Million Arbeiter würde in vier Schichten rund um die Uhr zehn Jahre lang an dem Damm bauen. Wie man vier Mal täglich 250.000 Menschen von der Baustelle in die Arbeitercamps bringt und wieder zurück, darüber macht sich Sörgel kaum Gedanken. Es ist ihm auch egal, wer die Menschen sind, die seinen Damm bauen. Einmal schlägt er einen freiwilligen Arbeitsdienst von Arbeitslosen vor, ein andermal möchte er Strafkolonien an den Baustellen errichten. Manche Probleme, wie etwa den ständig steigenden Salzgehalt im abgesenkten Mittelmeer, überlässt er einfach „späteren Generationen“ zur Lösung. Für ihn zählt die Idee.

Durch die Wasserkraftwerke wären alle Energieprobleme vom Tisch – der produzierte Strom würde für ganz Atlantropa reichen. Außerdem: Ein zweiter Weltkrieg sei damit unmöglich, weil die Staaten Europas damit beschäftigt wären, ihren Kontinent umzugestalten. Europa werde zusammenwachsen und sich Afrika einverleiben.

afrika1

Sörgel macht sich daran, seine Idee zu verbreiten. Und hat Erfolg. Der Atlantropa-Gedanke geht um die Welt, die internationalen Medien berichten wohlwollend über ihn. Die Münchner Staatszeitung porträtiert ihn 1929 folgendermaßen: „Herman Sörgel: auf den ersten Blick eine ruhige, in sich gefestigte Natur, kein Phantast, ein Wissenschaftler, zu dessen aszetischem Gesicht das Einglas in sonderbarer Weise bestimmt zu sein scheint. Eine überraschende Mischung von sachlichem Ernst, fast Düsterkeit, eiserner Entschlossenheit, sich gegen eine Welt durchzusetzen, und einer sorglich behüteten, fast scheuen Innigkeit, die verrät, dass der Mensch Sörgel von hohen geistigen und ethischen Idealen beherrscht ist.“

Bald kann Sörgel einige der prominentesten Architekten seiner Zeit auf seine Idee einschwören. Peter Behrens, Erich Mendelsohn, Cornelis van Eesteren, Hans Poelzig, Fritz Höger und Lois Welzenbacher beteiligen sich, zeichnen Skizzen, treten öffentlich für das Projekt ein. „Mit beispielloser Bereitwilligkeit und Begeisterung wurde an vielen Orten Deutschlands, und ohne dass die einzelnen Stellen etwas voneinander wussten, an einem großen Plan gearbeitet“, schreibt Sörgel 1948 rückblickend über die späten Zwanzigerjahre.

Sörgel gründet in München sein Atlantropa-Institut, das über die nächsten Jahre zu einem Thinktank für die Ideen wird und in seinen besten Zeiten 1.200 Mitglieder hat. Mit den eigens herausgegebenen Atlantropa-Nachrichten hält er die Mitglieder über die neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden. Gemeinsam mit Geographen und Meeresforschern malt sich Sörgel aus, wie das veränderte Mittelmeer und das Neuland um es herum aussehen werden. Die Inseln Sardinien und Korsika werden zusammenwachsen, ebenso Ibiza und Fomentera, Mallorca und Menorca, Malta und Sizilien. Korfu, Kefalonia und Lesbos werden Teil des griechischen Festlandes.

Doch auch die Gegner beginnen sich zu formieren. Denn alle europäischen Hafenstädte werden in Atlantropa trocken liegen. Das schmeckt der französischen und die italienischen Presse gar nicht. „Ein bizarrer deutscher Traum“, titelt der Corriere della Sera 1928 und fragt: „Seht ihr ihn, hinter dem unbefangenen technischen Einfall, den Traum von der deutschen Vorherrschaft?“ Sörgel kann diese Kritik nicht nachvollziehen. Seiner Meinung nach gehören die alten italienischen und französischen Häfen ohnehin runderneuert – große Schiffe können dort nicht einmal wenden. Man könnte sich doch mit schwimmenden Häfen über die ersten Jahre der Senkung retten und sich dann etwas einfallen lassen. „Die Aufgabe erscheint nur im ersten Moment kompliziert, weil sie ungewohnt ist“, schreibt er.

Marseille wird nach der Absenkung 30 Kilometer von der Küste entfernt liegen. Deshalb lässt Sörgel neben der neuen Mündung der Rhone ins Mittelmeer die Stadt „Port-du-Rhone“ planen. Für den italienischen Hafen Genua entwerfen die Münchner Architekten Willibald Ferber und Georg Appel eine vorgelagerte Neustadt namens „Neu Genua“. Für die Küste Dalmatiens im heutigen Kroatien planen Sörgels Architekten, genau wie für Venedig, ein künstliches Meer. Die vielen vorgelagerten Inseln sollen als natürlicher Staudamm dienen, der nur noch durch kleine Mauern verbunden werden muss.

Dutzende Architekten nutzen in den Zwanziger- und Dreißigerjahren die in der Weltgeschichte einmalige Chance, europäische Städte am Reißbrett zu planen. Vom eigenen Größenwahn sind sie aber so verblendet, dass sie natürliche Gegebenheiten völlig übersehen. Sie planen die Städte, als wäre das Mittelmeer ganz plötzlich um genau 100 Meter abgesenkt. Sörgel konnte darüber nur den Kopf schütteln, würde es doch 120 Jahre dauern, bis es so weit wäre. Er maßregelt die übereifrigen Architekten in den Atlantropa-Nachrichten für ihre Spinnereien: „Es wird vorgeschlagen, die Planung nach anderen Normen vorzunehmen.“

Die Fachwelt hat Sörgel schon hinter sich. Nur die Politik zieht noch nicht mit. Keine Regierung, Partei oder Organisation erklärt sich bereit, das Projekt auf ihre Fahnen zu schreiben. Sörgel wendet sich an Behörden in Bayern, um wenigstens finanzielle Unterstützung für sein Institut zu bekommen. Doch jedes seiner Gesuche wird abgelehnt. Bis zum Schluss kann er nicht sicher sagen, wie Atlantropa finanziert werden soll. Einmal schreibt er abstrakt vom „riesig angewachsenen und konzentrierten Weltkapital“ als Finanzierungsquelle. Ein andermal warnt er davor, Atlantropa der „kapitalistischen Profitgier“ zu überlassen, eine planwirtschaftliche Finanzierung sei angemessener.

Er weiß, dass er die Massen von seinem Projekt begeistern muss. Und hat dabei prominente Mitstreiter. „Er war so beredt, und wenn er einem mit seinen großen schönen Augen angeschaut hat und von Atlantropa schwärmte, ist das auf einen übergegangen. Er war besessen von seiner Idee, aber ohne dass es unsympathisch war. Im Gegenteil: Man war dann in Bann geschlagen von seiner Idee,“ erzählt Margaret Fürtwängler-Knittel in der Doku „Der Traum vom neuen Kontinent“. Sie ist die Tochter des berühmten Schweizer Schriftstellers John Knittel, der in den Zwanzigern zum persönlichen Freund des Visionärs Sörgel wird. Knittel widmet Atlantropa ein eigenes Buch.

afrika3

In dem Roman namens „Amadeus“ scheitert Sörgel zwar mit seinem Atlantropa-Projekt, aber ein gewisser Amadeus Müller gelangt in den Besitz seiner Unterlagen und schließt das Projekt für ihn ab. Das Werk wird nicht nur im deutschsprachigen Raum zum Bestseller, sondern verkauft sich auch in England und den USA.

Bis 1956 erscheinen acht weitere Romane in deutscher Sprache, in denen Atlantropa eine zentrale Rolle spielt. In vielen anderen Büchern kommt das Projekt zumindest in Nebenhandlungen vor, wie etwa in Erich Kästners Roman „Fabian“, in dem eine Wirtin vom Vorschlag eines Ingenieurs erzählt, „man solle den Spiegel des Mittelmeeres um zweihundert Meter senken, dann kämen große Ländereien ans Licht, wie vor der Eiszeit, und man könnte sie besiedeln und Millionen von Menschen darauf ernähren. Außerdem sei, mit Hilfe kurzer Dämme, eine durchgehende Eisenverbindung von Berlin bis Kapstadt möglich!“ Kästners Protagonist Fabian erwidert: „Na also! Auf ans Mittelmeer! Lasst uns den Spiegel senken!“ Sörgel selbst träumt von einem Film über sein Projekt.

Die Menschen müssen Atlantropa sehen können, um es zu begreifen. Er schreibt einen Drehbuchwettbewerb und bastelt selbst an einem Werbefilm. Doch der Zweite Weltkrieg kommt ihm dazwischen. Dafür dreht der deutsche Regisseur Anton Kutter 1936 für die Münchner Bavaria den Film „Ein Meer versinkt“. In der Schlusssequenz wird der Gibraltardamm durch ein Sprengstoffattentat zerstört und das Neuland versinkt in den Fluten. Der Streifen wird zum Publikumserfolg. Sörgel dagegen ist am Boden zerstört. Die Herrschaft der Nazis und der Zweite Weltkrieg markieren den Tiefpunkt in seiner Karriere als Lobbyist für seine Idee.

Denn Sörgels Pazifismus passt so ganz und gar nicht in die ideologischen Vorstellungen der Nazis. In Atlantropa spielen die Deutschen keine besondere Rolle, sie wären ja nur ein Teil der europäischen Föderation. Im Jahr 1935 erhält Sörgel von der Kanzlei Hitlers einen Brief, in dem es heißt, die Reichsregierung habe zwar kein Interesse an dem Projekt, man wolle ihm aber keinesfalls den Mut nehmen, „die Propagierung Ihres Planes auf privatem Wege weiter zu betreiben“.

Im Juni 1939 durchsucht die Gestapo Sörgels Haus und verhört ihn. In einem vertraulichen Dokument der Münchner Gauleitung, die um eine politische Beurteilung des Querdenkers Sörgel gebeten worden war, heißt es, Sörgel sei „nicht Mitglied der NSDAP. Er steht dem heutigen Zeitgeschehen völlig interesselos gegenüber. Von ihm kann keinesfalls ein Einsatz für die Bewegung erwartet werden.“ Sörgel aber gibt seinen Plan nicht auf, er sucht den Kontakt zu den Nationalsozialisten. Er ist zwar Pazifist und kritisiert die Rüstungspolitik der Nazis auch öffentlich. Die Realisierung seines Plans ist ihm aber so wichtig, dass er sich bisweilen sogar an die Nazis anbiedert. Als sich Italien und Hitlerdeutschland verbünden, erscheint sein lange geplantes Buch „Die Drei Großen A: Amerika, Atlantropa, Asien“. Sörgel versieht es mit dem Untertitel „Großdeutschland und italienisches Imperium, die Pfeiler Atlantropas“. Es nützt ihm nichts. 1942 erhält er ein vollständiges Publikationsverbot.

Die Nazis wollen zuerst den Osten erobern, dann erst kann an Afrika überhaupt gedacht werden. Sörgel schwebt nämlich ab 1934 vor, auch das afrikanische Festland umzugestalten und so für Europa zu erschließen. Mit gigantischen Pumpen will Sörgel Meerwasser vom Gibraltar-Kraftwerk in die Sahara leiten und dort Binnenmeere anlegen. „Die Wüste wird fruchtbar“, steht lapidar auf farbigen Schaubildern in verschiedenen Ausstellungen über Atlantropa. Wie genau das geschehen soll, bleibt aber im Dunkeln. Außerdem sollen drei riesige Süßwasserseen am afrikanischen Kontinent entstehen.

Das gesamte Kongobecken soll in einen Stausee von 900.000 Quadratkilometern Oberfläche verwandelt werden – der halbe Kongo würde unter Wasser stehen. Das Gleiche blüht dem Tschad und den heutigen Staaten Sambia und Simbabwe. Anerkannte Wasserbauspezialisten wie der Luzerner Ingenieur Bruno Siegwart, der Generaldirektor bei Royal Dutch Shell und bei Siemens und Halske gewesen war, helfen Sörgel bei den Berechnungen dafür. All die Afrika-Projekte dienen einem Zweck: der Klimaveränderung.

Sörgel ist überzeugt, dass die Binnenseen das Land nicht nur fruchtbar, sondern die Temperaturen auch gemäßigter werden lassen. Zwar ist er Pazifist und Weltverbesserer, aber dennoch ein Kind seiner Zeit: Die Millionen Afrikaner, die beim Bau dieser Dämme ihre Heimat verlieren würden, kommen in seinen Plänen nicht vor. Im Gegenteil: „Wenn die Weißen auf die Dauer Afrika beherrschen wollen, so darf die Überzahl der Schwarzen ihnen gegenüber nicht zu groß sein“, schreibt Sörgel 1935. Entsprechend rassistisch sehen die Werbegrafiken für das Afrika-Projekt aus. Heinrich Kley malt einmal eine barbusige schwarze Frau, die auf dem afrikanischen Kontinent steht und einem Weißen mit Anzug und Hut einen Korb voller Früchte und Gemüse überreicht. Ein anderes Mal sieht man die Göttin Europa, wie sie auf einem Zirkuselefanten reitet, der die Form des afrikanischen Kontinents hat. Afrika ist für Sörgel eben auch nur europäisches Neuland, genau wie die Landflächen, die durch die Mittelmeersenkung entstehen würden.

Nachdem das Projekt durch das Publikationsverbot im Zweiten Weltkrieg einen Dämpfer erfahren hatte, macht Sörgel ab 1945 unermüdlich weiter – und ist erfolgreicher als je zuvor. Französische und amerikanische Offiziere besuchen ihn schon im Mai 1945 in seinem Institut, wo sie ihm und seinem Projekt „großen Beifall“ spenden, wie Sörgel 1949 in den Atlantropa-Nachrichten stolz erzählt. Sörgel ist schon 60 Jahre alt, aber noch immer Feuer und Flamme für seine Idee. 1950 stellt er endlich seinen Werbefilm fertig und bringt ihn in die deutschen Kinos. Alleine in den Jahren 1948 bis 1950 erscheinen 183 Presseartikel über Atlantropa.

Der Architekturhistoriker Voigt beschreibt die Nachkriegs-Hochkonjunktur in seinem Buch so: „Sörgels Vorschläge trafen, obwohl fast 20 Jahre alt, den Nerv der Zeit, denn sie beschworen mehr als nur die Hoffnung auf ,Frieden‘ und ,Brot‘. Atlantropa bot den Entwurf eines gigantischen Aufbauwerkes, das die Dimensionen des Marschall-Plans weit übertraf, um die Probleme des verwüsteten Kontinents auf einen Schlag zu lösen.“

Sörgel schafft es, einflussreiche Firmen wie Krupp, Mannesmann, Hochtief, Stinnes und RWE an Bord zu holen. Sie fungieren als Förderer seines Instituts. Voigt schreibt sogar: „In der New Yorker Zentrale der Vereinten Nationen begann man sich für den Visionär Herman Sörgel zu interessieren, der die internationale Zusammenarbeit gepredigt hatte, lange bevor es die Weltorganisation überhaupt gab, und es wurde mit Genugtuung registriert, dass er daran dachte, den Gibraltardamm unter UN-Aufsicht zu stellen.“

Doch es kommt ganz anders. In den beginnenden Fünfzigerjahren erlischt das Interesse an Sörgels Projekt langsam. Er hält zwar noch Vorträge, er schreibt weiterhin Briefe und publiziert in Fachmagazinen. Aber außer seinem Atlantropa-Institut schreibt sich die Mittelmeersenkung und Bewässerung Afrikas niemand mehr auf seine Fahnen. In den Köpfen vieler Technikbegeisterter wird Atlantropa durch eine andere Vision ersetzt: die Atomkraft, eine saubere, vermeintlich ungefährliche Energiequelle. Wer braucht da noch ein abgesenktes Mittelmeer und all die Strapazen, die damit verbunden wären?

Sörgel schreibt 1951: „Eine noch so große Anwendbarkeit der Atomenergie könnte die Wasserkraft niemals überflüssig machen, höchstens ergänzen.“ Doch die Realität stellt sich gegen ihn. Auch kommen immer mehr Zweifel daran auf, ob die Welt ein solches Projekt überhaupt vertragen könnte. In seinem Wahn hat Sörgel nie einen Gedanken an die Folgen verschwendet, die sein Projekt gehabt hätte. Durch die Austrocknung des Mittelmeeres wären riesige Salzwüsten entstanden. Das Klima der Erde hätte sich langfristig unvorhersehbar verändert. Der Weltmeeresspiegel wäre um einen Meter gestiegen, Hafenstädte wie New York und Amsterdam wären überflutet worden. Sogar die Erdachse hätte sich durch die Gewichtsverlagerung verschieben können.

afrika4So stirbt der Atlantropa-Gedanke fast am selben Tag wie sein Schöpfer: Am Abend des 4. Dezember 1952 radelt Sörgel die Münchner Prinzregentenstraße entlang. Er ist auf dem Weg zu einem Vortrag, als ihn auf der schnurgeraden Straße ein Auto erfasst. Wenige Wochen später erliegt er seinen Verletzungen. Der Fahrer des Autos wird nie ausgeforscht. Fünf Jahre danach findet die letzte große Atlantropa-Konferenz in der Handwerkskammer in München statt. Sörgels Mitarbeiter, Architekten, Wissenschaftler, aber auch Wirtschaftsgrößen wie der Direktor der Deutschen Bank und der deutsche Atomminister sind anwesend. Sie einigen sich darauf, dass Atlantropa überholt sei.

Das Institut bleibt erhalten, und zwar als „übernationale wissenschaftliche Studiengesellschaft zur Behandlung übergeordneter Probleme in Bezug auf die Zukunft Afrikas und Gesamt-Europas“. Schon ein Jahr später beschließen die Mitglieder seine Auflösung. Atlantropa geht als größte technische Utopie des 20. Jahrhunderts in die Geschichte ein.

Sörgel ist nie zum Architekten oder Bauingenieur geworden. Er ist ein Träumer geblieben, der daran glaubte, die Welt verbessern zu können. In einem frühen Manuskript für einen Atlantropa-Werbefilm vergleicht sich Sörgel sogar mit dem legendären britischen Admiral Nelson bei der Schlacht von Trafalgar. In einer Montagehalle voller Arbeiter spielt sich folgende Szene ab: „In den tiefen, dunklen Schatten der Halle erscheint plötzlich das Bild Nelsons, wie er seine Flotte bei Trafalgar befehligt. Er streckt gebieterisch den Arm über das Meer aus, und im Augenblick ist es nicht mehr Nelson, sondern der Ingenieur, der seine Anordnungen beim Bau des Gibraltardamms erteilt.“ Und im Hintergrund der Szene: „Kanonen werden zu Eisenbahnschienen umgeschmolzen. Umstellung der Kriegs- auf Friedensproduktion. Eine große Turbine wird zusammengesetzt.“

Angesichts eines so dick aufgetragenen Pathos’ schreibt die Neue Zeitung 1950 einen Satz, der rückblickend umso zutreffender wirkt: „Es gibt genügend Anlässe, sich über Sörgel zu ärgern: über seine Erfindernaivität, die ihn in seinem Projekt das Universalrezept gegen alle Übel der Gegenwart und Zukunft erkennen lässt, über die Primitivität seiner politischen Anschauungen und über das Pathos, mit dem er sich hartnäckig um jede publizistische Wirkung bringt.“



Navigation

zum Inhalt

  • Aktuelle Ausgabe
  • Bisher erschienen
  • Über Datum
  • Events
  • Wo gibts Datum
  • Lesergalerie
  • Kontakt
  • Hajek Blog
  • Godany Blog
  • Best of Datum 50
  • Trotzdem

Abonnements

Abonnements

Podcast

Start Podcast-Player

MIT iTUNES ABONNIEREN

RSS 2.0 Feed

Archivsuche

Credits

twoday.net
  • xml version of this page

zum Inhalt