Der Leuchtturm und die Wellen
Der kurzfristige Hype um den Titel „Kulturhauptstadt“ beruht oft auf einer ideellen Ausbeutung gewachsener, unabhängiger Strukturen zur Produktion von Kunst. Linz ist gerade dabei, es Graz gleichzutun.
Klaus Neundlinger, geb. 1973, ist promovierter Philosoph und arbeitet derzeit an einer wissenschaftlichen Untersuchung des Phänomens der neuen Selbstständigkeit.
Globalisierung findet Stadt“: So kann man ein Phänomen beschreiben, das die europäischen Metropolen nach neuen Strategien der Herstellung und Vermittlung von Identität suchen lässt. Infolge des Bedeutungsschwunds der „harten“ Felder industrieller Produktion versuchen Städte gegenwärtig, sich über die Kulturpolitik zu profilieren. Bildende Kunst, Theater, Tanz, Musik und Performance erlangen als symbolische Werte den Stellenwert von Investitionsgütern und ziehen ein völlig neues Agenda-Setting im Bereich der Förderung nach sich.
Kulturpolitik scheint das geeignete Instrument zu sein, um das für den Wettbewerb der „Global Cities“ notwendige „Branding“ vorzunehmen. Das Wiener Museumsquartier stellt als Ereignisraum repräsentativer, nicht elitärer Kultur diesbezüglich ein Musterbeispiel dar. Es beherbergt die wichtigsten heimischen Sammlungen moderner Kunst, aber auch eine Unzahl an gastronomischen Betrieben, ein Kindertheater und -museum und eine „Meile“ hipper Geschäfte mit Mode und Musik. Orte der kritischen Auseinandersetzung, die das Areal zuvor durch ihre kontinuierliche Arbeit erst attraktiv gemacht hatten (vor allem das Depot und die public netbase), wurden zwangsweise umgesiedelt und mit der Streichung von Fördergeldern „belohnt“. Neben Wien ist ein solches „Branding“ vor allem Graz als Kulturhauptstadt 2003 gelungen.
In Linz spielt sich im Vorfeld des magischen Jahres 2009 derzeit ein ähnlicher Prozess ab. Im Anschluss an die Krise der verstaatlichten Industrien war es der oberösterreichischen Landeshauptstadt gelungen, in Kooperation mit der Universität technologische Cluster zu bilden und die Spezialisierung in Kernbereichen der Verfahrenstechnik voranzutreiben. Heute gilt Oberösterreich als der Raum mit der bundesweit höchsten Kapitalkonzentration. Die ehemalige Stahlstadt wirbt nun mit dem Image, die „Arbeit der Zukunft“ zu beheimaten. Mit dem Bau des Ars Electronica Centers hat man sich zudem erfolgreich als Zentrum technoaffiner Experimentalkunst etabliert.
Für jene Initiativen, deren ohnehin nur dürftig subventionierte Beharrlichkeit Linz erst in eine Kulturstadt verwandelt hatte, wird die Luft zum Atmen aber knapper, je näher 2009 rückt. Die öffentliche Unterstützung droht bereits im Rahmen der Vorbereitungen sukzessive von den „Kleinen“ auf die „Großen“ umverteilt zu werden. Kurz nach dem Bekanntwerden der Bewerbung und der Präsentation des „Kulturellen Entwicklungsplans“ durch die Stadt sah sich deshalb die freie Linzer Kunstszene gezwungen, in einem offenen Brief an die Entscheidungsträger mit dem bezeichnenden Titel „Hülle ohne Inhalt“ Befürchtungen zu artikulieren, die nicht zuletzt auf den Erfahrungen der Kollegen aus Graz beruhten.
Mit gutem Grund, denn vom Museumsquartier über Graz nach Linz scheint sich ein roter Faden zu knüpfen: Allzu gern werden derlei Großprojekte zum Anlass genommen, um kritische Initiativen und langfristiges politisch-kulturelles Engagement an den Rand zu drängen. Zu sehr hängt die politische Klasse am Modell der Repräsentativität, das zum Ersatzobjekt für den Verlust an wirtschafts- und finanzpolitischer Entscheidungsmacht wird. Ein solches bringt jene Strukturen erst hervor, die es bloß abzubilden vorgibt. Das Bemühen um Objektivität in Form von unabhängigen Expertenkommissionen soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es keine Reflexion über die Machtposition gibt, die eine fördernde Institution einnimmt.
Sie akkumuliert im Zentrum Wissen, Handlungsvermögen, Kreativität, ohne es an die Akteure der Peripherie zurückzugeben. Zurzeit wird die Anzahl der eingereichten Projekte mit über 600 kolportiert, wobei die Phase der Antragstellung noch nicht abgeschlossen ist. Nur ein Bruchteil dessen wird 2009 tatsächlich realisiert werden. Wichtiger wäre es indes, ebendort die Vernetzung zu fördern, sodass nachhaltige Strukturen entstehen. Anstelle der Ausschreibung von großen Projekten, der Organisation von temporären Ereigniszyklen, die möglichst viel Aufmerksamkeit und Interesse auf sich ziehen, sollte die Kulturpolitik die Förderung der zyklischen Selbstorganisation ins Zentrum ihres Handelns stellen: weg vom „Leuchtturmprinzip“, in dem nur wenige Spitzen alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und hin zu den mannigfachen Wellenbewegungen eines Meeres an Aktivitäten, in dem es möglichst viele Übergänge von einem Punkt zum nächsten zu entdecken gibt.
Nicht die Position des Zentrums gilt es zu stärken, sondern die Vernetzung der Peripherie. In diesem Sinn gilt es, Karten zu zeichnen, die mögliche Kooperationen, Austausch, Wissenstransfer, aber auch die Notwendigkeit von Konflikten und Kritik darstellen. Es ist hoch an der Zeit, in Erfahrung zu bringen, welche Bedingungen die Kreativität zu ihrer Entfaltung benötigt, und nicht, womit sich die politische Klasse möglichst effektvoll schmücken kann.
Globalisierung findet Stadt“: So kann man ein Phänomen beschreiben, das die europäischen Metropolen nach neuen Strategien der Herstellung und Vermittlung von Identität suchen lässt. Infolge des Bedeutungsschwunds der „harten“ Felder industrieller Produktion versuchen Städte gegenwärtig, sich über die Kulturpolitik zu profilieren. Bildende Kunst, Theater, Tanz, Musik und Performance erlangen als symbolische Werte den Stellenwert von Investitionsgütern und ziehen ein völlig neues Agenda-Setting im Bereich der Förderung nach sich.
Kulturpolitik scheint das geeignete Instrument zu sein, um das für den Wettbewerb der „Global Cities“ notwendige „Branding“ vorzunehmen. Das Wiener Museumsquartier stellt als Ereignisraum repräsentativer, nicht elitärer Kultur diesbezüglich ein Musterbeispiel dar. Es beherbergt die wichtigsten heimischen Sammlungen moderner Kunst, aber auch eine Unzahl an gastronomischen Betrieben, ein Kindertheater und -museum und eine „Meile“ hipper Geschäfte mit Mode und Musik. Orte der kritischen Auseinandersetzung, die das Areal zuvor durch ihre kontinuierliche Arbeit erst attraktiv gemacht hatten (vor allem das Depot und die public netbase), wurden zwangsweise umgesiedelt und mit der Streichung von Fördergeldern „belohnt“. Neben Wien ist ein solches „Branding“ vor allem Graz als Kulturhauptstadt 2003 gelungen.
In Linz spielt sich im Vorfeld des magischen Jahres 2009 derzeit ein ähnlicher Prozess ab. Im Anschluss an die Krise der verstaatlichten Industrien war es der oberösterreichischen Landeshauptstadt gelungen, in Kooperation mit der Universität technologische Cluster zu bilden und die Spezialisierung in Kernbereichen der Verfahrenstechnik voranzutreiben. Heute gilt Oberösterreich als der Raum mit der bundesweit höchsten Kapitalkonzentration. Die ehemalige Stahlstadt wirbt nun mit dem Image, die „Arbeit der Zukunft“ zu beheimaten. Mit dem Bau des Ars Electronica Centers hat man sich zudem erfolgreich als Zentrum technoaffiner Experimentalkunst etabliert.
Für jene Initiativen, deren ohnehin nur dürftig subventionierte Beharrlichkeit Linz erst in eine Kulturstadt verwandelt hatte, wird die Luft zum Atmen aber knapper, je näher 2009 rückt. Die öffentliche Unterstützung droht bereits im Rahmen der Vorbereitungen sukzessive von den „Kleinen“ auf die „Großen“ umverteilt zu werden. Kurz nach dem Bekanntwerden der Bewerbung und der Präsentation des „Kulturellen Entwicklungsplans“ durch die Stadt sah sich deshalb die freie Linzer Kunstszene gezwungen, in einem offenen Brief an die Entscheidungsträger mit dem bezeichnenden Titel „Hülle ohne Inhalt“ Befürchtungen zu artikulieren, die nicht zuletzt auf den Erfahrungen der Kollegen aus Graz beruhten.
Mit gutem Grund, denn vom Museumsquartier über Graz nach Linz scheint sich ein roter Faden zu knüpfen: Allzu gern werden derlei Großprojekte zum Anlass genommen, um kritische Initiativen und langfristiges politisch-kulturelles Engagement an den Rand zu drängen. Zu sehr hängt die politische Klasse am Modell der Repräsentativität, das zum Ersatzobjekt für den Verlust an wirtschafts- und finanzpolitischer Entscheidungsmacht wird. Ein solches bringt jene Strukturen erst hervor, die es bloß abzubilden vorgibt. Das Bemühen um Objektivität in Form von unabhängigen Expertenkommissionen soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es keine Reflexion über die Machtposition gibt, die eine fördernde Institution einnimmt.
Sie akkumuliert im Zentrum Wissen, Handlungsvermögen, Kreativität, ohne es an die Akteure der Peripherie zurückzugeben. Zurzeit wird die Anzahl der eingereichten Projekte mit über 600 kolportiert, wobei die Phase der Antragstellung noch nicht abgeschlossen ist. Nur ein Bruchteil dessen wird 2009 tatsächlich realisiert werden. Wichtiger wäre es indes, ebendort die Vernetzung zu fördern, sodass nachhaltige Strukturen entstehen. Anstelle der Ausschreibung von großen Projekten, der Organisation von temporären Ereigniszyklen, die möglichst viel Aufmerksamkeit und Interesse auf sich ziehen, sollte die Kulturpolitik die Förderung der zyklischen Selbstorganisation ins Zentrum ihres Handelns stellen: weg vom „Leuchtturmprinzip“, in dem nur wenige Spitzen alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und hin zu den mannigfachen Wellenbewegungen eines Meeres an Aktivitäten, in dem es möglichst viele Übergänge von einem Punkt zum nächsten zu entdecken gibt.
Nicht die Position des Zentrums gilt es zu stärken, sondern die Vernetzung der Peripherie. In diesem Sinn gilt es, Karten zu zeichnen, die mögliche Kooperationen, Austausch, Wissenstransfer, aber auch die Notwendigkeit von Konflikten und Kritik darstellen. Es ist hoch an der Zeit, in Erfahrung zu bringen, welche Bedingungen die Kreativität zu ihrer Entfaltung benötigt, und nicht, womit sich die politische Klasse möglichst effektvoll schmücken kann.
0 Kommentare - Kommentar verfassen -















