Der Verkäufer Joe
Er war Berater des gescheiterten Viktor Klima. Trotzdem gilt Joe Kalina als das rote PR-Talent. Jetzt soll er Alfred Gusenbauer zum Kanzler coachen. In einem anderen Leben wäre der Kommunikationsprofi vielleicht ein Schwarzer und würde Autos verkaufen.

Text: Julia Ortner
Fotografie: Jacqueline Godany
Jetzt dudelt schon wieder „Mission Impossible“ los. Psychologisch interessanter Klingelton für einen Kommunikationsprofi. Freisprech- einrichtung ans Ohr stecken, ein joviales „Kalina, servas!“ – und Josef „Joe“ Kalina legt los mit dem, was er am besten kann: checken und verkaufen. Heute gibt’s die Einigung zwischen SPÖ und ÖVP in der Schul-
reform zu vermarkten. „Ein historischer Tag“, erklärt er dem ORF-Reporter am anderen Ende der Leitung. Zwei Stunden später, in der „ZiB 1“, wird SPÖ-Klubobmann Josef Cap genau dieselben Worte wählen. Kalina thront hinter seinem neuen Schreibtisch und löffelt zufrieden ein Erdbeerjoghurt. Er glaubt an seine Mission Impossible.
Der 47-Jährige hat für das Himmelfahrtskommando „Bundeskanzler Alfred Gusenbauer“ einen gut dotierten Job bei der Mediaprint aufgegeben. Dort war er zuerst Krone-Journalist, dann Manager. SPÖ-Chef Gusenbauer hat den ehemaligen Sprecher Viktor Klimas Anfang des Jahres als Wunderwuzzi zurück an Bord geholt. Der neue Kommunikationschef sollte dafür sorgen, dass sich die SPÖ-Politiker nicht mehr ständig öffentlich widersprechen und Führungsdiskussionen vom Zaun brechen. Außerdem muss er die roten Stars häufiger in den Medien unterbringen. Und für Wiens mächtigen Bürgermeister Michael Häupl soll er nebenbei noch Gusenbauers Aufpasser spielen, behaupten zumindest Insider.
Dafür musste seine Vorgängerin Katharina Krawagna-Pfeifer, die ehemalige Innenpolitikchefin des Standard, ihren Sessel räumen. „Intellekt raus, Handwerk rein“, nennt das ein Wiener Genosse trocken. „Ich habe einen tollen Job aufgegeben, weil ich etwas dazu beitragen will, dass es in diesem Land eine andere Regierung gibt“, sagt der neue Marketingchef in der Parteizentrale in der Löwelstraße. Kalina, klein, stämmig, mit Monogramm am Hemd und einer quasi am Ohr festgewachsenen Handyfreisprecheinrichtung, passt nicht ganz in die Schublade netter, hemdsärmeliger Kumpeltyp. Gemütlich, aber aufbrausend, verbindlich, aber beinhart, gesellig, aber ziemlich humorfrei, wenn der Chef schlecht wegkommt. „Alfred Gusenbauer ist ein toller Politiker, der nicht optimal unterstützt wurde“, sagt Kalina. Er selbst musste schon einmal eine bittere Niederlage wegstecken, als Viktor Klima 1999 den Kanzler verspielte.
Die Spindoktoren Kalina, Andreas Rudas und Heinz Lederer hatten den Regierungschef nach dem Vorbild eines Machers wie Tony Blair inszeniert – und bald blieb von Klima nicht mehr übrig als Inszenierung. Statt politischer Aussagen gab es die immer selben nervigen Sprüche („Jobs, Jobs, Jobs“), peinliche News-Cover mit roten Boxhandschuhen und Klimas omnipräsentes Dauergrinsen. Dafür drückte sich der letzte rote Kanzler um die großen politischen Fragen der Zeit. Diese Niederlage hat Kalinas Ruf als Kommunikationstalent wenig geschadet.
„Joe Kalina ist ein aufrichtiger Freund, ein ausgebuffter Medienprofi und eine echte Arbeitsbiene“, schwärmt der Wiener SPÖ-Wohnbaustadtrat Werner Faymann, einst mit Kalina in der Sozialistischen Jugend(SJ) aktiv. Mit dem Einstieg in die SJ Ende der Siebziger begann Kalinas Aufstieg in der Partei. Die Kontakte zu den Jungsozis von damals, Josef Cap, Michael Häupl, Doris Bures, haben gehalten. „Ich hab keine Seilschaft. Wenn man so lange in Jugendorganisationen tätig ist, kennt man sich halt gut“, meint Kalina, selbst Kind aus einem roten Arbeiterhaushalt. Nach seiner SJ-Zeit arbeitete er als Journalist für das Parteiorgan Arbeiterzeitung, dann im SPÖ-Pressedienst.
1995 wurde er Pressechef der Wiener SPÖ, 1997 holte ihn der neue Kanzler Klima als sein Sprachrohr auf den Ballhausplatz. Eine strategisch schlaue Entscheidung. Nur wenige kennen die Strukturen und Mechanismen in der Partei so gut wie Kalina. Und das Wichtigste: Er kann super mit der Kronen Zeitung. Die Strategie des Kommunikationsprofis ist simpel, aber effektiv: „Man muss rasch wissen, wer wofür zuständig ist, wer einem wobei helfen kann. Je mehr Leute man in Medien, Parteien, Ämtern, Institutionen kennt, umso schneller hat man eine Lösung.“
Und Kalina erzählt zwischen „Mission Impossible“-Attacken (Klubobmann dringend gesucht, Kalina lotst den ORFler zu ihm; der Auftritt des SPÖ-Bildungssprechers in der „ZiB 3“ wird akkordiert; mit dem Bundesgeschäftsführer werden Aussendungen und Medienauftritte für den nächsten Tag besprochen) noch mehr von seinem persönlichen Erfolgsrezept: „Man kriegt mit der Zeit eine Art Medizinmannfunktion. Viele Leute haben Hemmungen, wo anzurufen, ich nicht. Sie kommen zu mir und sagen, bitte Joe, mach das für mich. Und ich helfe gerne – das hebt ja auch meinen Marktwert.“ Medizinmann Joe grinst. So was nennt man wohl erfrischend direkt.
Hinter seinem Schreibtisch, mitten im Resopalschick der Löwelstraße, hat er sich ein kleines Fenster zur großen weiten Welt geschaffen, Erinnerungen an gute alte Zeiten. Eine Fotowand voll mit Viktor Klima – Klima und Clinton, Klima und Blair, Klima und Häupl. Und dazwischen die Haberer Viktor und Joe, der Kanzler und seine Stimme, das hat was von Familienfoto. „Der Viktor ist ein Freund“, sagt der Kommunikationschef; Klimas Auswandern nach Argentinien hat an der Männerfreundschaft nichts geändert. „Kalina hat es schon genossen, dass man ihn manchmal bei Staatsempfängen im ersten Augenblick für den Kanzler gehalten hat, wenn er vor Klima aus dem Auto gestiegen ist“, witzelt ein ÖVP-Politiker von damals.
Und interessant: Auch wenn viele die PR-Philosophie der Klima-Ära für ziemlich daneben halten, Kalina würde „alles genauso wieder machen“. Wie die berühmt-berüchtigte Geschichte mit der Flut 1997: Das Wasser stand bis in den ersten Stock, Bundesheerler kämpften mit Kübeln gegen die Wassermassen. Da drängte sich der Kanzler mit gelben Gummistiefeln dazu, reichte ein paar Kübel weiter, ließ sich als Helfer in der Not fotografieren – und weg war er, zum nächsten Termin. Jenseits?
Gar nicht, findet Kalina: „Der Bundeskanzler ist archaisch betrachtet der Rudelführer, er muss den Menschen Schutz geben. Da spielt sich in der Politik ganz viel auf einer symbolischen Ebene ab.“ Wenn’s brenzlig wird, musst du als Kanzler da sein, „nicht abgehoben und kaltschnäuzig sein wie Wolfgang Schüssel“.
Und wieder reißt ihn die „Mission Impossible“-Melodie raus aus der glorreichen Zeit, zurück in den prosaischen Oppositionsalltag. Die Krone will die Schulreform-Einigung zwischen Rot und Schwarz erklärt haben, Redakteur Dieter Kindermann kriegt zackzack sein Fax.
Damals war Klimas interne Markenbezeichnung „der Macher mit Herz“, erzählt Kalina. Blöderweise nur konnte der Macher in den letzten zwei Jahren der großen Koalition nichts mehr umsetzen. Zu sehr blockierten sich die Koalitionspartner ÖVP und SPÖ. „In Wirklichkeit ist uns der Stoff ausgegangen, wir haben keine Politik mehr gemacht“, resümiert Kalina. „Und ein Macher, der nichts macht, weil er nicht kann, das kommt bei den Leuten schlecht an.“ Da hast du nichts mehr zu vermarkten, auch wenn du der beste PR-Mann bist. Oder mit dem Lieblingsslogan von Joe Kalina gesagt: „I’m in sales, not in production.“
Obwohl schon die Oma überzeugte Sozialistin war – Josef Kalina ist mehr Pragmatiker denn Ideologe. Kaum war er etwa zur Krone gewechselt, schrieb der frühere Sprecher des Kunstkanzlers Klima gegen eine Aktion Christoph Schlingensiefs an, in der der Regisseur die österreichische Xenophobie geißelte. Als Sohn eines Straßenbahners und einer Krankenschwester in Döbling aufgewachsen, war dem kleinen Josef früh klar, dass die Roten im 19. eine Minderheit sind. „In der Klasse gab es nur zwei, die nicht aus Akademiker- oder Unternehmerhaushalten waren“, erinnert sich Kalina. Er ging zur katholischen Jungschar in der Pfarre Döbling-St. Paul, weil jeder aus seinem Gymnasium dort dabei war. Der Ausflug zu den Katholiken wurde erst mit dem Schulwechsel ins sozialdemokratische Hernals beendet.
An seine Kindheit in der Lodenmantel-Hochburg Döbling denkt Kalina gerne zurück: „Bei der Jungschar war es lustig, und ich hatte einen Freundeskreis, den man als Hacklerkind normalerweise nicht hat.“ Und wer weiß, wäre Kalina nicht aus Döbling rausgekommen und über die Hernalser Jusos zur SPÖ gestoßen, vielleicht wäre er heute ein schwarzer Autohändler? „Natürlich wäre es möglich gewesen, dass ich mich Richtung ÖVP gewendet hätte. Ich habe auch Freunde in diesem Lager.“ Ende der Siebziger machte Kalina die Schülerzeitung Spektrum. Das Büro im Jugendzentrum teilte er sich mit Wolfgang und Helmuth Fellner, die dort ihren Rennbahnexpress produzierten. „Die Fellners waren uns damals viel zu kommerziell mit diesem grauslichen Rennbahnexpress“, sagt Kalina und lacht. „Immer haben wir mehr von der Telefonrechnung gezahlt als sie – sie waren viel geschäftstüchtiger.“
Dann kam der Jungsozi Josef Cap und bot Kalina an, das Spektrum mit SJ-Geldern besser auszustatten. „Warum nicht, sind eh nette Burschen“, dachte sich Kalina. Die Gruppe um Cap, Brigitte Ederer, Peter Pelinka prägte Kalina politisch, „ein Revoluzzer im Sinne von ganz links sein“ war er nie. „Auch endlose Diskussionen über Trotzkismus, Maoismus, dings und dangs habe ich mitgemacht, aber ehrlich gesagt konnte ich damit nicht so viel anfangen“, gesteht Kalina. Gemeinsam mit den Genossen „auf ein Cola oder ein Tanzerl gehen“, das hat ihm damals getaugt.
„Seine Stärke ist, dass er die Interessen der kleinen Leute im Kopf hat und gut nachvollziehen kann, wie sie denken“, sagt Hannes Swoboda, Geschäftsführer der Europäischen Sozialdemokraten im EU-Parlament. „Das darf man aber nicht mit dem verwechseln, was eine politische Bewegung tun sollte.“ SPÖ-Präsidiumsmitglied Caspar Einem glaubt weniger an Kalinas Gespür für den kleinen Mann: „Er weiß aber ganz genau, über welchen Kanal man welche Themen geschickt transportieren kann. Und wo man der Krone ins Messer läuft.“
Es ist kurz vor der „ZiB 1“, Kalina will wissen, was er heute noch kommunikationstechnisch zusammenkriegen kann. Anruf beim ORF-Chefredakteur. „Kalina, ich grüße Sie. Meine simple Frage: Macht’s ihr in der ‚ZIB 2‘ auch was zum Thema Schulreform? Das ist ja eine echt schöne Einigung zwischen SPÖ und ÖVP, eine fast großkoalitionäre Geschichte …“ Früher, unter Viktor Klima, hatte man es beim Rundfunk auch leichter. „Klima-Festspiele“ nannte die Opposition das Ergebnis seiner Bemühungen. Dabei ging Kalina nicht immer jovial vor.
Als der ORF über die Euroteam-Affäre in der SPÖ berichtete, intervenierte er bei den Sendungsmachern. Aus dem „ZiB 1“-Beitrag wurden acht kritische Sekunden, in denen der Sohn Klimas vorkam, herausgeschnitten. Ohne sein Zutun, versichert Kalina: „Natürlich war es mein Ziel, dass dieser unverschämte Beitrag über einen Menschen, der nichts mit der Sache zu tun hat, nicht erscheint, doch ich war erfolglos. Nachher habe ich nur goschert gesagt, die acht Sekunden machen das Kraut a ned fett.“ Ein anderes Mal beklagte der ORF-Redakteursrat in einer Resolution eine „absolut inakzeptable“ Intervention Kalinas. „Da habe ich mich halt aus einer Emotion heraus aufgeregt“, erzählt er gut gelaunt. „Aber für all das, was ich in all den Jahren so gesagt habe, ist wenig Negatives übrig geblieben.“
Mit seiner Rückkehr hat sich in der Löwelstraße schon einiges bewegt. „Wir sprechen mit einer Stimme“, sagt Kalina. „Und es gibt einen Aufwind für Gusenbauer in den Umfragen.“ Unter Kalinas Kommando finden strategische Sitzungen regelmäßiger statt und es kommt mehr dabei heraus.
Die parteiinternen Kritiker Gusenbauers halten sich auffallend zurück, der Kandidat punktet mit öffentlichkeitswirksamen Auftritten wie dem Treffen mit Kardinal Christoph Schönborn. Und in der SPÖ kursiert schon ein böser Witz: „Joes erste Amtshandlung war, Gusenbauer von der Tagespolitik fern zu halten – damit er ihn zum Staatsmann macht.“ Und schon wieder ruft Tom Cruise an.
Bisher in der Reihe "Österreichische Wege" erschienen:
Bernhard Lang
Der lange Atem
Christian Fiala
Der Missionar
Willi Langthaler
Freier Radikaler
Thomas Brezina
Kinderarbeiter
Ludwig Scharinger
Bauernkönig
Markus Rogan
Schwimmstar
Elke Krystufek
Freikörperkünstlerin
Georg Zellhofer
Lichtgestalt
Franz Prenner
Der Fernsehbauer
Hans Mahr
Die Nummer zwei
Wolfgang Rosam
Der Wolfgang, der nicht schweigt
Heide Schmidt
Die Freiheit, die sie meint
Anton Polster
Polstergeist
Georg Sporschill
Menschenfischer
Margit Schmidt
Die Denkmalpflegerin
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