Das Denken ist ein Unfall
Verwundbarkeit ist sein großes Thema, das Tabu sein rotes Tuch, die Kunst seine allumfassende Leidenschaft. Günter Brus, der sich heute einen Bilddichter nennt, hat noch lange nicht alles gesagt. Aufzeichnungen aus dem Leben eines Glaubenichts.
Text: E. Znaymer
Illustration: Günter Brus
Fotografie: Archiv
Aus dem Bischof wurde der Fischof. Statt der Mitra trägt der Kirchenmann einen Karpfen auf dem Kopf. Davon hat Günter Brus jüngst geträumt. Jetzt sitzt der einst meistgehasste Künstler des Landes konzentriert über einem Blatt Papier im Wiener Café Eiles, das Bier und die Zigaretten in Griffweite, und schenkt dem Fischof ein Gesicht.
Unauffällig, harmlos, aber mit wachsamen, netten Augen. Ich habe nichts anderes vorgehabt als berühmt zu werden. Den Grundstock dafür hatte Brus am 5. Juli 1965 in seiner Aktion „Wiener Spaziergang“ gesetzt. Die Passanten in der Wiener Innenstadt trauten ihren Augen nicht. Eine von Kopf bis Fuß weiß bemalte Gestalt, durch einen schwarzen Strich in zwei Hälften geteilt, spazierte da einsam durch die Straßen. Er kam nicht weit.

Ich wollte vom Heldenplatz bis zum Stephansdom gehen, doch schon in der Bräunerstraße wurde ich aufgehalten. Man hat mich gewarnt, das gebe entweder Irrenhaus oder Gefängnis. Die Aktion war freilich von Nervosität begleitet, trotzdem hatte ich ein sehr gutes Gefühl. Ich wusste, ich mache Kunstgeschichte. Der Polizist, der Brus aufgehalten hatte, vermerkte in der Anzeige: „Sie haben, indem Sie mit weißer Farbe bemalt waren, ein Verhalten gesetzt, welches geeignet war, Ärgernis zu erregen, und bei den Passanten auch tatsächlich erregt hat, wodurch die Ordnung an einem öffentlichen Orte gestört war.“ Das Strafmaß: 80 Schilling.
Wer Günter Brus heute gegenübersitzt, erkennt einen Menschen, in dem die Rastlosigkeit ein Zuhause gefunden hat. Eine sensible Persönlichkeit, die jederzeit und überall von Ideen wie von Blitzschlägen getroffen wird. Dazu bedurfte es keiner harten Drogen. Auch wenn er sie alle ausprobiert hat.
Dafür sind Nikotin und Alkohol Laster und Musen zugleich für den 66-Jährigen. Egal wie betrunken ich auch war, ich konnte immer zeichnen und pointiert schreiben. Dass die Gesundheit dabei nicht mehr mitspielt, nimmt Brus hin. Wie das Destruktive zur Kunst gehört, gehört es für ihn zum Leben. Nach einem Schlaganfall während einer Operation fiel Brus vergangenes Jahr ins Koma und erwachte ohne Sprache wieder. Mühsames Training brachte ihm die Worte zurück. Im Gespräch sucht er hin und wieder nach dem passenden Begriff.
Wenn sich Rechtschreibfehler in die Zeilen schwindeln, so nimmt er auch das gelassen. Meine Fehler sind meine neue Rechtschreibung. Aktuelle Manuskripte wie die Fortsetzung seiner Autobiografie korrigiert seine Frau Anna Steiner. Sie lernte er Mitte der Sechziger kennen. Eine Frau, die wie Brus ihrer Zeit voraus war. Als Statistin wirkte sie auch bei Aktionen von Rudolf Schwarzkogler und Otto Mühl mit. Im Kontext der konservativen Kulturpolitik im Wien der Sechziger hatte die Stunde jener Bewegung geschlagen, die heute unter „Wiener Aktionismus“ firmiert.
Deren Hauptvertreter Günter Brus, Otto Mühl, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler träumten ebenso davon, Tabus zu brechen und den bürgerlichen Kunstbegriff zu torpedieren, wie von persönlicher Enthemmung und der Befreiung von psychisch-sozialen Zwängen. Ich hatte oft Skrupel, ob ich den richtigen Weg gehe. Mangelnder Austausch mit ausländischen Bewegungen verunsichert die jungen Künstler. Erst ein Zusammentreffen mit Gleichgesinnten beim „Destruction in Art“-Symposium in London bestärkt sie in ihrem Tun. Wir haben uns gegenseitig inspiriert. In der Zeit des Wiener Aktionismus war ein Austausch nötig. 1968 nimmt Brus an der Uni-Aktion „Kunst und Revolution“ teil.
Er steht nackt auf dem Lehrpult des Neuen Institutsgebäudes, vor ihm ein überfüllter Hörsaal. Er scheißt auf den Katheder, verschmiert die Fäkalien auf seinem Körper, erbricht und onaniert, während er die Bundeshymne singt. Das Entsetzen verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Land und führt zur Verhaftung von Brus und seinen Mitakteuren Oswald Wiener und Otto Mühl. Während Wiener freigesprochen wird und Mühl vier Wochen Arrest hinnehmen muss, wird Brus wegen „Verunglimpfung der österreichischen Symbole“ zu sechs Monaten Kerker verurteilt.

Kritik kommt aber ebenso aus den Reihen liberaler Geister. Als die Gesellschaft veränderndes Instrument seien die Methoden des Wiener Aktionismus unzulänglich, heißt es. Mit einem Betrüger und einem psychopathischen Gewalttäter in der Zelle, wird Brus während der zwei Monate in Untersuchungshaft nachdenklich.
Ich habe damals mit Schuldgefühlen gekämpft. Im Gefängnis ist man kein Held und überlegt sich sehr wohl, was Leute sagen. Doch dann dachte ich mir: Ich reicher Mensch! Was hat vergleichsweise Dostojewski im Lager in Sibirien hinnehmen müssen! Der Zufall will es, dass ein Wärter Interesse am Enfant terrible der Kunstszene zeigt und ihm eine Fotografie seiner Tochter zum Abzeichnen gibt. Das Porträt gefällt dem Wärter. Von diesem Zeitpunkt an werden die Mahlzeiten üppiger.
Damals wie heute, 43 Jahre nach ihrer ersten Begegnung, steht Anna an der Seite ihres Mannes. Sie managt das gemeinsame Leben, Museumsanfragen, und seit Brus einmal mit Schilling statt mit Deutschen Mark verrechnet hat, kontrolliert sie auch die Honorarrechnungen für seine Bilder. Bei organisatorischen Dingen sucht er lieber das Weite. Ich bin ein hundsmiserabler Vermittler. Anna kramt zerknüllte Bilder aus dem Papierkorb und bügelt sie wieder aus. Sie hat einen Sensor für Dinge die man besser lassen sollte. Hin und wieder findet sie ihren Mann im Gartenhäuschen, seinem kleinen Atelier, auf dem Boden liegend – über seinen Zeichnungen eingeschlafen. Dann weckt sie ihn und holt ihn ins Bett.
Zehn Jahre lang hat das Paar an einem Archiv des Gesamtwerks gearbeitet, das sie im Keller ihres Hauses in St. Veit in der Nähe von Graz angelegt haben. Die Zeichnungen gehen in die Zehntausende, mehr als 800 Bild-Dichtungen und literarische Arbeiten ergänzen das Brus’sche Oeuvre.
Wahrscheinlich bin ich nur Künstler geworden, um meine Umgebung zu ärgern. Dabei steht das Leben des Günter Brus nicht von Anfang an im Zeichen der Rebellion. In den ersten Lebensjahren bei den Großeltern im steirischen Ardning aufgewachsen, erlebt Brus eine unbeschwerte Kindheit – bis der Vater kommt, um den Buben zur Mutter und den Geschwistern zurückzuholen. Ein Gewaltakt, den Brus in seiner Autobiografie „Die gute alte Zeit“ beschreibt: „Mein Vater, der mir mehr Skulptur als Mensch war, stahl mich vom Balkon und entführte mich nach Mureck. Meine Großmutter drohte mit dem Bügeleisen. Aber mein Vater hatte das Vaterrecht, war mein Chef – und zwang mich in die dritte Klasse eines Personenzuges. Ich keuchte wie in einem Viehwaggon und brunzte in die Hosen.“
Das neue Zuhause ist für Brus ein Ort der Traurigkeit, an den er sich nie gewöhnen wird. Ich kam mir vor wie ein halbiertes Schlachtvieh. Um mich vor dem Ausbluten zu retten, trat ich die bewährte Flucht in die Fantasie an. Ich klopfte am Dachboden mir zum Heil mit einem Hammer meinen nackten Leib ab, um eine dumpfe Musik zu komponieren: eine Akupressur-Sonate.
Vom Vater spricht Brus als einem Grobian. Einem Mann, der ihn in der Pubertät als Nichtstuer beschimpft, weil er seinen Gemischtwarenhandel nicht übernehmen will. Mit der Hilfe eines kunstsinnigen Nachbarn setzt sich der unauffällige Schüler mit den guten Noten am Ende durch durch und besucht die Kunstgewerbeschule in Graz.
Ich war Weltmeister im Erröten. Die Kunst war für mich Ausdruck, meine Schüchternheit zu überwinden. Sie vermochte mich innerlich so zu festigen, dass ich keine Angst mehr hatte, öffentlich aufzutreten.
Mit 18 schickt Brus eine Mappe mit Zeichnungen an die Akademie der Bildenden Künste in Wien und spart auf eine Zugfahrkarte, um sich die Reise zur Aufnahmsprüfung leisten zu können. Im Wartezimmer verliert er den Mut. Hätte man ihn nicht als Ersten ins Zimmer gerufen, wäre Brus vielleicht gegangen, ohne die erste große Bestätigung seiner Arbeit zu bekommen. Man teilt ihm mit, dass er aufgrund der gesendeten Zeichnungen keine Prüfung mehr ablegen müsse und aufgenommen sei. Günter Brus allein in Wien und zum ersten Mal richtig glücklich. Es dauert nicht lange, bis der junge Student bei einer Retrospektive im Wiener Künstlerhaus auf Oskar Kokoschka trifft.
Heute lacht Brus, wenn er an die Worte des Altmeisters zurückdenkt. Künstler können wir brauchen. Aber werden’s mir bloß nicht abstrakt“, hat er gesagt. Kurz darauf tritt Brus in die erste Periode seines künstlerischen Schaffens ein: die informelle Phase. Von den Vertretern des abstrakten Expressionismus inspiriert, scheint er vorerst seine Form gefunden zu haben. In der Szene wird dem Frühwerk wenig Aufmerksamkeit zuteil. Verschwindend wenig blieb erhalten, weil Brus die Mittel fehlten, die Arbeiten im Auge zu behalten.
Aushilfsweise als Theatermaler an der Wiener Volksoper tätig, versucht der junge Künstler seine Bilder für einen Stückpreis von zehn Schilling zu verkaufen. Ein Kollege brachte mir damals eine Badewanne in die Wohnung. Als Dank gab ich ihm meine Kunstpostkartensammlung und drei meiner Zeichnungen. Die Kunstpostkarten hat er genommen, die Zeichnungen hat er mir zurückgebracht. Nicht einmal geschenkt wollte man meine Bilder. Richtig entfesseln kann Brus seine Kunst erst im Rahmen der Aktionen. Im Unterschied zu anderen Aktionisten arbeitet Brus stets unter Einsatz des eigenen Körpers. War es zu Beginn noch ein langsames Austesten, was im Rahmen einer Aktion möglich ist, so geht Brus mit seinen „Körperanalysen“ einen Schritt weiter. Was letztendlich zum erwähnten Skandal an der Uni führt.
Im Wohnhaus des Paares Brus versuchen die Nachbarn mit Unterschriftenaktionen die Fürsorge einzuschalten, um die gemeinsame Tochter in ein Heim bringen zu lassen. Unter dem seelischen Druck, das Kind verlieren zu können, flüchten Günter und Anna bei Nacht und Nebel aus Wien in Richtung Berlin.
Im Rückblick sieht die Familie die Flucht als Befreiung von Österreich und dem damals engstirnigen Denken der Gesellschaft. Wir haben uns sehr frei gefühlt, obwohl wir enorme finanzielle Schwierigkeiten hatten. Im letzten intakten Zimmer eines Abbruchhauses einquartiert, sucht Anna Arbeit als Schneiderin. Günter hütet das Kind. Kontakte zur Künstlerszene sind rasch hergestellt, und so gibt Brus bald seine eigene Zeitschrift Die Schastrommel heraus, ein selbst ernanntes „Organ der österreichischen Exilregierung“. Die Phase des Aktionismus neigt sich für ihn dem Ende zu.
1970 veranstaltet Brus seine letzte Aktion „Die Zerreißprobe“, in der er bewusst an psychische und physische Grenzen geht. Auch bei Anna liegen die Nerven blank. Diese Aktion war eine Sackgasse für mich. Eine Steigerung hätte im Extrem-Aktionismus geendet. Das bedeutet Verstümmelungen bis hin zum Suizid. Ich hatte Verantwortung für meine Familie und wollte nicht, dass meine Tochter mit einem verrückten Vater aufwächst, der sich ein Ohr abschneidet. Brus korrigiert sich und nennt sich von nun an einen „Pionier des Erkennens vom Scheitern des Avantgardebegriffs“. Die Presse spricht von der Zähmung eines Wilden.

Die Galeristen wollen von der künstlerischen Weiterentwicklung des Aktionisten zum Bild-Dichter nichts wissen. Nur als er vom Frankfurter Kohlkunstverlag einen Auftrag erhält, seine Aktionskunst zu dokumentieren, kehrt er noch einmal zur Aktionsform zurück. Ich habe damit begonnen, aber es ist mir bald zu blöd geworden. Ich wollte nicht als Verwalter der eigenen Vergangenheit fungieren. So schreibt und zeichnet Brus den „Irrwisch“, ein „von der Welt der Pervertierten abgeschautes Buch“, dessen beschriebene Aktionen so roh sind, dass keine Umsetzung in der Realität denkbar ist. Das Werk avanciert zum Kultbuch im Umfeld der Berliner „Exilregierung.“
Die dritte Phase des Schaffens nimmt Anfang der Siebziger ihren Lauf. Mit Werken wie „Die Kardinäle der Unzucht“ nähert sich Brus jener Form der Bild-Dichtung an, die ihn bis heute auszeichnet. Die Bild-Dichtung ist für mich die ideale Form, weil der denkfreie Vorgang des Zeichnens vom denkerischen Schreiben ständig durchbrochen oder konterkariert wird. Prominentes Beispiel dafür ist die Bild-Dichtung „Briefe an Euphemia“ – eine bunte Liebeserklärung, deren Form man als leuchtenden Kopf entgleisender männlicher Romantik interpretieren könnte.
Nach elf Jahren und zahlreichen internationalen Ausstellungen kehrt Brus 1979 mit seiner Familie nach Österreich zurück. Nicht weil ihm, wie oft beschrieben, die Strafe erlassen wird. Nach einer Audienz Annas beim Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger wandelt dieser die Haftstrafe in eine Geldbuße um. 1997 erhält Brus als ehemalige Persona non grata den Großen Österreichischen Staatspreis. Den Staatspreis sah ich als selbstverständlich an. Das war nichts Sensationelles für mich.
Wegbegleiter wie der Schriftsteller Gerhard Roth beschreiben den Schöpfungsprozess des Günter Brus so: „Wenn seine Gedanken angestoßen werden, bleiben sie lange in Bewegung. Es herrscht ein unberechenbarer Wechsel von Verspieltheit und Besessenheit. Bald geht Geblödel in einen Schaffensrausch über, bald kühlt böser Witz die Rage ab. Nüchternheit kehrt ein, kippt aber jäh um in ein Stadium der Selbstvergessenheit.“ So zieht Brus auch heute noch von Wirtshaustisch zu Wirtshaustisch.
Anzutreffen ist Günter Brus ebenso oft im Zug auf der Strecke Wien–Graz. Im Speisewagen fühlt er sich am wohlsten. Ein Tischchen vor mir mit Blatt und Papier. Dann habe ich keine Sorgen und bemerke manchmal, wie die Landschaft vorbeizieht.
Hätte Brus einen Wunsch frei, dann könnte ihn die ÖBB erfüllen. Ich möchte eine Wohnung in einem Sonderwagon und ein Jahr darin herumfahren. Mit einem Schlafabteil, und den Kellner am besten gleich daneben.
Zu Günter Brus' gesammelten DATUM-Kolumnen gehts hier.
Unauffällig, harmlos, aber mit wachsamen, netten Augen. Ich habe nichts anderes vorgehabt als berühmt zu werden. Den Grundstock dafür hatte Brus am 5. Juli 1965 in seiner Aktion „Wiener Spaziergang“ gesetzt. Die Passanten in der Wiener Innenstadt trauten ihren Augen nicht. Eine von Kopf bis Fuß weiß bemalte Gestalt, durch einen schwarzen Strich in zwei Hälften geteilt, spazierte da einsam durch die Straßen. Er kam nicht weit.

Ich wollte vom Heldenplatz bis zum Stephansdom gehen, doch schon in der Bräunerstraße wurde ich aufgehalten. Man hat mich gewarnt, das gebe entweder Irrenhaus oder Gefängnis. Die Aktion war freilich von Nervosität begleitet, trotzdem hatte ich ein sehr gutes Gefühl. Ich wusste, ich mache Kunstgeschichte. Der Polizist, der Brus aufgehalten hatte, vermerkte in der Anzeige: „Sie haben, indem Sie mit weißer Farbe bemalt waren, ein Verhalten gesetzt, welches geeignet war, Ärgernis zu erregen, und bei den Passanten auch tatsächlich erregt hat, wodurch die Ordnung an einem öffentlichen Orte gestört war.“ Das Strafmaß: 80 Schilling.
Wer Günter Brus heute gegenübersitzt, erkennt einen Menschen, in dem die Rastlosigkeit ein Zuhause gefunden hat. Eine sensible Persönlichkeit, die jederzeit und überall von Ideen wie von Blitzschlägen getroffen wird. Dazu bedurfte es keiner harten Drogen. Auch wenn er sie alle ausprobiert hat.
Dafür sind Nikotin und Alkohol Laster und Musen zugleich für den 66-Jährigen. Egal wie betrunken ich auch war, ich konnte immer zeichnen und pointiert schreiben. Dass die Gesundheit dabei nicht mehr mitspielt, nimmt Brus hin. Wie das Destruktive zur Kunst gehört, gehört es für ihn zum Leben. Nach einem Schlaganfall während einer Operation fiel Brus vergangenes Jahr ins Koma und erwachte ohne Sprache wieder. Mühsames Training brachte ihm die Worte zurück. Im Gespräch sucht er hin und wieder nach dem passenden Begriff.
Wenn sich Rechtschreibfehler in die Zeilen schwindeln, so nimmt er auch das gelassen. Meine Fehler sind meine neue Rechtschreibung. Aktuelle Manuskripte wie die Fortsetzung seiner Autobiografie korrigiert seine Frau Anna Steiner. Sie lernte er Mitte der Sechziger kennen. Eine Frau, die wie Brus ihrer Zeit voraus war. Als Statistin wirkte sie auch bei Aktionen von Rudolf Schwarzkogler und Otto Mühl mit. Im Kontext der konservativen Kulturpolitik im Wien der Sechziger hatte die Stunde jener Bewegung geschlagen, die heute unter „Wiener Aktionismus“ firmiert.
Deren Hauptvertreter Günter Brus, Otto Mühl, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler träumten ebenso davon, Tabus zu brechen und den bürgerlichen Kunstbegriff zu torpedieren, wie von persönlicher Enthemmung und der Befreiung von psychisch-sozialen Zwängen. Ich hatte oft Skrupel, ob ich den richtigen Weg gehe. Mangelnder Austausch mit ausländischen Bewegungen verunsichert die jungen Künstler. Erst ein Zusammentreffen mit Gleichgesinnten beim „Destruction in Art“-Symposium in London bestärkt sie in ihrem Tun. Wir haben uns gegenseitig inspiriert. In der Zeit des Wiener Aktionismus war ein Austausch nötig. 1968 nimmt Brus an der Uni-Aktion „Kunst und Revolution“ teil.
Er steht nackt auf dem Lehrpult des Neuen Institutsgebäudes, vor ihm ein überfüllter Hörsaal. Er scheißt auf den Katheder, verschmiert die Fäkalien auf seinem Körper, erbricht und onaniert, während er die Bundeshymne singt. Das Entsetzen verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Land und führt zur Verhaftung von Brus und seinen Mitakteuren Oswald Wiener und Otto Mühl. Während Wiener freigesprochen wird und Mühl vier Wochen Arrest hinnehmen muss, wird Brus wegen „Verunglimpfung der österreichischen Symbole“ zu sechs Monaten Kerker verurteilt.

Kritik kommt aber ebenso aus den Reihen liberaler Geister. Als die Gesellschaft veränderndes Instrument seien die Methoden des Wiener Aktionismus unzulänglich, heißt es. Mit einem Betrüger und einem psychopathischen Gewalttäter in der Zelle, wird Brus während der zwei Monate in Untersuchungshaft nachdenklich.
Ich habe damals mit Schuldgefühlen gekämpft. Im Gefängnis ist man kein Held und überlegt sich sehr wohl, was Leute sagen. Doch dann dachte ich mir: Ich reicher Mensch! Was hat vergleichsweise Dostojewski im Lager in Sibirien hinnehmen müssen! Der Zufall will es, dass ein Wärter Interesse am Enfant terrible der Kunstszene zeigt und ihm eine Fotografie seiner Tochter zum Abzeichnen gibt. Das Porträt gefällt dem Wärter. Von diesem Zeitpunkt an werden die Mahlzeiten üppiger.
Damals wie heute, 43 Jahre nach ihrer ersten Begegnung, steht Anna an der Seite ihres Mannes. Sie managt das gemeinsame Leben, Museumsanfragen, und seit Brus einmal mit Schilling statt mit Deutschen Mark verrechnet hat, kontrolliert sie auch die Honorarrechnungen für seine Bilder. Bei organisatorischen Dingen sucht er lieber das Weite. Ich bin ein hundsmiserabler Vermittler. Anna kramt zerknüllte Bilder aus dem Papierkorb und bügelt sie wieder aus. Sie hat einen Sensor für Dinge die man besser lassen sollte. Hin und wieder findet sie ihren Mann im Gartenhäuschen, seinem kleinen Atelier, auf dem Boden liegend – über seinen Zeichnungen eingeschlafen. Dann weckt sie ihn und holt ihn ins Bett.
Zehn Jahre lang hat das Paar an einem Archiv des Gesamtwerks gearbeitet, das sie im Keller ihres Hauses in St. Veit in der Nähe von Graz angelegt haben. Die Zeichnungen gehen in die Zehntausende, mehr als 800 Bild-Dichtungen und literarische Arbeiten ergänzen das Brus’sche Oeuvre.
Wahrscheinlich bin ich nur Künstler geworden, um meine Umgebung zu ärgern. Dabei steht das Leben des Günter Brus nicht von Anfang an im Zeichen der Rebellion. In den ersten Lebensjahren bei den Großeltern im steirischen Ardning aufgewachsen, erlebt Brus eine unbeschwerte Kindheit – bis der Vater kommt, um den Buben zur Mutter und den Geschwistern zurückzuholen. Ein Gewaltakt, den Brus in seiner Autobiografie „Die gute alte Zeit“ beschreibt: „Mein Vater, der mir mehr Skulptur als Mensch war, stahl mich vom Balkon und entführte mich nach Mureck. Meine Großmutter drohte mit dem Bügeleisen. Aber mein Vater hatte das Vaterrecht, war mein Chef – und zwang mich in die dritte Klasse eines Personenzuges. Ich keuchte wie in einem Viehwaggon und brunzte in die Hosen.“
Das neue Zuhause ist für Brus ein Ort der Traurigkeit, an den er sich nie gewöhnen wird. Ich kam mir vor wie ein halbiertes Schlachtvieh. Um mich vor dem Ausbluten zu retten, trat ich die bewährte Flucht in die Fantasie an. Ich klopfte am Dachboden mir zum Heil mit einem Hammer meinen nackten Leib ab, um eine dumpfe Musik zu komponieren: eine Akupressur-Sonate.
Vom Vater spricht Brus als einem Grobian. Einem Mann, der ihn in der Pubertät als Nichtstuer beschimpft, weil er seinen Gemischtwarenhandel nicht übernehmen will. Mit der Hilfe eines kunstsinnigen Nachbarn setzt sich der unauffällige Schüler mit den guten Noten am Ende durch durch und besucht die Kunstgewerbeschule in Graz.
Ich war Weltmeister im Erröten. Die Kunst war für mich Ausdruck, meine Schüchternheit zu überwinden. Sie vermochte mich innerlich so zu festigen, dass ich keine Angst mehr hatte, öffentlich aufzutreten.
Mit 18 schickt Brus eine Mappe mit Zeichnungen an die Akademie der Bildenden Künste in Wien und spart auf eine Zugfahrkarte, um sich die Reise zur Aufnahmsprüfung leisten zu können. Im Wartezimmer verliert er den Mut. Hätte man ihn nicht als Ersten ins Zimmer gerufen, wäre Brus vielleicht gegangen, ohne die erste große Bestätigung seiner Arbeit zu bekommen. Man teilt ihm mit, dass er aufgrund der gesendeten Zeichnungen keine Prüfung mehr ablegen müsse und aufgenommen sei. Günter Brus allein in Wien und zum ersten Mal richtig glücklich. Es dauert nicht lange, bis der junge Student bei einer Retrospektive im Wiener Künstlerhaus auf Oskar Kokoschka trifft. Heute lacht Brus, wenn er an die Worte des Altmeisters zurückdenkt. Künstler können wir brauchen. Aber werden’s mir bloß nicht abstrakt“, hat er gesagt. Kurz darauf tritt Brus in die erste Periode seines künstlerischen Schaffens ein: die informelle Phase. Von den Vertretern des abstrakten Expressionismus inspiriert, scheint er vorerst seine Form gefunden zu haben. In der Szene wird dem Frühwerk wenig Aufmerksamkeit zuteil. Verschwindend wenig blieb erhalten, weil Brus die Mittel fehlten, die Arbeiten im Auge zu behalten.
Aushilfsweise als Theatermaler an der Wiener Volksoper tätig, versucht der junge Künstler seine Bilder für einen Stückpreis von zehn Schilling zu verkaufen. Ein Kollege brachte mir damals eine Badewanne in die Wohnung. Als Dank gab ich ihm meine Kunstpostkartensammlung und drei meiner Zeichnungen. Die Kunstpostkarten hat er genommen, die Zeichnungen hat er mir zurückgebracht. Nicht einmal geschenkt wollte man meine Bilder. Richtig entfesseln kann Brus seine Kunst erst im Rahmen der Aktionen. Im Unterschied zu anderen Aktionisten arbeitet Brus stets unter Einsatz des eigenen Körpers. War es zu Beginn noch ein langsames Austesten, was im Rahmen einer Aktion möglich ist, so geht Brus mit seinen „Körperanalysen“ einen Schritt weiter. Was letztendlich zum erwähnten Skandal an der Uni führt.
Im Wohnhaus des Paares Brus versuchen die Nachbarn mit Unterschriftenaktionen die Fürsorge einzuschalten, um die gemeinsame Tochter in ein Heim bringen zu lassen. Unter dem seelischen Druck, das Kind verlieren zu können, flüchten Günter und Anna bei Nacht und Nebel aus Wien in Richtung Berlin.
Im Rückblick sieht die Familie die Flucht als Befreiung von Österreich und dem damals engstirnigen Denken der Gesellschaft. Wir haben uns sehr frei gefühlt, obwohl wir enorme finanzielle Schwierigkeiten hatten. Im letzten intakten Zimmer eines Abbruchhauses einquartiert, sucht Anna Arbeit als Schneiderin. Günter hütet das Kind. Kontakte zur Künstlerszene sind rasch hergestellt, und so gibt Brus bald seine eigene Zeitschrift Die Schastrommel heraus, ein selbst ernanntes „Organ der österreichischen Exilregierung“. Die Phase des Aktionismus neigt sich für ihn dem Ende zu.
1970 veranstaltet Brus seine letzte Aktion „Die Zerreißprobe“, in der er bewusst an psychische und physische Grenzen geht. Auch bei Anna liegen die Nerven blank. Diese Aktion war eine Sackgasse für mich. Eine Steigerung hätte im Extrem-Aktionismus geendet. Das bedeutet Verstümmelungen bis hin zum Suizid. Ich hatte Verantwortung für meine Familie und wollte nicht, dass meine Tochter mit einem verrückten Vater aufwächst, der sich ein Ohr abschneidet. Brus korrigiert sich und nennt sich von nun an einen „Pionier des Erkennens vom Scheitern des Avantgardebegriffs“. Die Presse spricht von der Zähmung eines Wilden.

Die Galeristen wollen von der künstlerischen Weiterentwicklung des Aktionisten zum Bild-Dichter nichts wissen. Nur als er vom Frankfurter Kohlkunstverlag einen Auftrag erhält, seine Aktionskunst zu dokumentieren, kehrt er noch einmal zur Aktionsform zurück. Ich habe damit begonnen, aber es ist mir bald zu blöd geworden. Ich wollte nicht als Verwalter der eigenen Vergangenheit fungieren. So schreibt und zeichnet Brus den „Irrwisch“, ein „von der Welt der Pervertierten abgeschautes Buch“, dessen beschriebene Aktionen so roh sind, dass keine Umsetzung in der Realität denkbar ist. Das Werk avanciert zum Kultbuch im Umfeld der Berliner „Exilregierung.“
Die dritte Phase des Schaffens nimmt Anfang der Siebziger ihren Lauf. Mit Werken wie „Die Kardinäle der Unzucht“ nähert sich Brus jener Form der Bild-Dichtung an, die ihn bis heute auszeichnet. Die Bild-Dichtung ist für mich die ideale Form, weil der denkfreie Vorgang des Zeichnens vom denkerischen Schreiben ständig durchbrochen oder konterkariert wird. Prominentes Beispiel dafür ist die Bild-Dichtung „Briefe an Euphemia“ – eine bunte Liebeserklärung, deren Form man als leuchtenden Kopf entgleisender männlicher Romantik interpretieren könnte.
Nach elf Jahren und zahlreichen internationalen Ausstellungen kehrt Brus 1979 mit seiner Familie nach Österreich zurück. Nicht weil ihm, wie oft beschrieben, die Strafe erlassen wird. Nach einer Audienz Annas beim Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger wandelt dieser die Haftstrafe in eine Geldbuße um. 1997 erhält Brus als ehemalige Persona non grata den Großen Österreichischen Staatspreis. Den Staatspreis sah ich als selbstverständlich an. Das war nichts Sensationelles für mich.
Wegbegleiter wie der Schriftsteller Gerhard Roth beschreiben den Schöpfungsprozess des Günter Brus so: „Wenn seine Gedanken angestoßen werden, bleiben sie lange in Bewegung. Es herrscht ein unberechenbarer Wechsel von Verspieltheit und Besessenheit. Bald geht Geblödel in einen Schaffensrausch über, bald kühlt böser Witz die Rage ab. Nüchternheit kehrt ein, kippt aber jäh um in ein Stadium der Selbstvergessenheit.“ So zieht Brus auch heute noch von Wirtshaustisch zu Wirtshaustisch.
Anzutreffen ist Günter Brus ebenso oft im Zug auf der Strecke Wien–Graz. Im Speisewagen fühlt er sich am wohlsten. Ein Tischchen vor mir mit Blatt und Papier. Dann habe ich keine Sorgen und bemerke manchmal, wie die Landschaft vorbeizieht.
Hätte Brus einen Wunsch frei, dann könnte ihn die ÖBB erfüllen. Ich möchte eine Wohnung in einem Sonderwagon und ein Jahr darin herumfahren. Mit einem Schlafabteil, und den Kellner am besten gleich daneben.
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