Wunderkind
Auf dem Platz hatte Murat Topal alles. Das Können, die Begeisterung, den Willen. Und plötzlich ging alles schief. Porträt eines gescheiterten Alpen-Maradona.
Text: Helmut Neundlinger
Fotografie: Privat
Ein Träumer ist er nicht. Dafür hat ihn die Wirklicheit zu oft und zu früh wachgerüttelt. „Als Kind sind mir mitten in der Nacht die verrücktesten Tricks mit dem Ball eingefallen“, erzählt Murat Topal. „Dann bin ich aufgestanden und hab sie gleich in meinem Zimmer ausprobiert. Das hat meinen Vater in den Wahnsinn getrieben, wenn er spätabends von der Baumontage nachhause gekommen ist.“ Heute, wenn er untertags die alte Wohnung seiner Eltern saniert, in der er vor mehr als zwanzig Jahren nächtens die verrückten Ideen mit dem Ball einstudierte, kommt er noch manchmal ins Träumen. Zwischen noch zu montierenden Heizkörpern, zusammengestellten Kästen und Plastiksackerln, die provisorisch Zeitungsausschnitte voller Erinnerungen zusammenhalten, steht ein Fernseher. Der empfängt neben dem Üblichen auch zwei wirklich wichtige Kanäle: die der Istanbuler Vereine Fenerbahce und Galatasaray. Eine blonde und eine dunkle Schönheit moderieren gegen die fußballfreie Zeit an. Und für ein paar Augenblicke unterbrechen ihre traumhaften Erscheinungen die Wirklichkeit von Murat Topals Erzählungen.
Für den jungen Murat Topal war der Traum von der großen Karriere schon so wirklich, dass ihm zeitweise nicht einmal Zeit dafür zu bleiben schien, sich die Augen zu reiben. Wofür wohl jeder österreichische Junge mit türkischen Eltern alles geben würde, das hat Topal vor elf Jahren mit zarten 18 wie aus heiterem Himmel in die Hand bekommen – und innerhalb eines Jahres wieder verschenkt: eine Laufbahn bei einem Großklub aus Istanbul. Seither scheint sich im Lebenslauf des Vollblutstürmers eine vergebene Chance an die andere zu reihen.
Begonnen hat Topals unaufhaltsamer Aufstieg vor dem Fall 1982 in einem Park an der Thaliastraße in Wien-Ottakring. Schon mit sechs Jahren dribbelt er über den Asphalt und lernt dabei das fußballerisch wirklich Wichtige. „Wenn du einen Parkkicker gegen einen Vereinsspieler antreten lässt, wird immer der Erstere gewinnen. Was lernst du denn im Verein? Taktik, Kondition, okay, aber nicht mit dem Ball umgehen.“ Und noch etwas lernt Topal auf der Straße: Freundschaft, soziale Verbindlichkeit, Verantwortung für andere. „Wir waren von Anfang an ein bunter Haufen aus Türken, Jugos, Albanern, Österreichern, und unsere Freundschaft hat nur funktioniert, weil wir uns gegenseitig respektiert haben.“ Ende der Achtziger wird aus dem ballverliebten Kind ein Stammspieler der Wiener Jugendbandenszene.
„Unser Anführer hieß Christian Witz, ein Österreicher, ein Supertyp, der hat die Ausländer mehr verteidigt als wir uns selbst. Wir waren die ‚Witz-Partie‘, wir waren legendär im Grätzl, vor allem bei den Mädels. Alle haben wir lange Haare gehabt, riesige Boots und Bomberjacken. Das war fast wie eine Uniform.“
Als eine junge Türkin von Neonazis ermordet wird, droht die latente Rivalität zwischen den Gangs in eine ernsthafte Konfrontation zu kippen. Wie ein Lauffeuer breitet sich unter den Jugendlichen der Wunsch aus, zurückzuschlagen. Unter vorgehaltener Hand wird ein Treffpunkt auf der Donauinsel kolportiert. Am Tag X sammeln sich fast dreitausend Burschen zum Kampf. Die große Inselschlacht dauert für Topal keine Viertelstunde. Die Polizei hat Wind von der Aktion bekommen. Ein heranstürmender Beamter schlägt Topal in die Flucht. Zum Glück stolpert dieser über eine Bank und muss den Delinquenten ungestraft ziehen lassen.

„Jahre später geh ich in ein Café und seh dort einen Mann sitzen, der mir irgendwie bekannt vorkommt. Ich geh zu ihm hin, wir reden, und als er mir erzählt, dass er bei der Polizei als Jugendkoordinator arbeitet, macht es bei mir klick. Ich bin vor meinem damaligen Verfolger gestanden. Wir haben uns dann noch oft getroffen und sind mittlerweile gute Freunde geworden.“
Stimmt. In der heißen Zeit der Jugendbanden in Wien ist er mir das eine oder andere Mal entwischt“, erzählt Oberstleutnant Alfred Czech. „Damals war ich bei den ‚Skorpionen‘, einer Einheit für schwierige Einsätze. Wir haben versucht, zu deeskalieren, indem wir Ansprechpersonen bei den Banden gesucht und Vertrauen aufgebaut haben.“ Topal sagt: „Der Alfred ist oft auf uns zugegangen und hat gesagt: ,Burschen, friedlich bleiben‘, wenn wir wieder mal knapp dran waren, uns mit den Skins zu prügeln.“
Die heftigen Zusammenstöße zwischen den Jugendlichen ziehen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Anfang der Neunziger versucht sich der Dokumentarfilmer Egon Humer mit einer Milieustudie der Jugendbanden unter dem Titel „Running Wild“. Einer der Darsteller: Murat Topal. „Bei der Premiere im Apollo-Kino sind die Skins auf der Galerie gesessen und wir unten. Das hätte beinahe wieder eine Schlägerei gegeben.“ Innerhalb der eigenen Gang kommt es inzwischen zu Zerfallserscheinungen. Einige von Topals Freunden schlittern in die Drogensucht, unter anderem Bandenchef Witz. „Der Christian ist vor ein paar Jahren gestorben. Die Drogen haben ihn fertig gemacht. Ich hab davon immer meine Finger gelassen. Da war ich vorsichtig genug.“
Topals Rettung ist der Fußball. Obwohl der Gedanke an eine Profikarriere während seiner Jugendzeit kaum eine realistische Option zu sein scheint. „Gespielt hab ich immer, aber daneben viel Blödsinn gemacht und auch immer wieder gehackelt.“ Vor dem Sprung ins große Geschäft betätigt er sich in nachtseitigen Gefilden. „Mit sechzehn war ich der jüngste Kellner, der je in einem Wiener Bordell gearbeitet hat, direkt am Gürtel. Und legendär war ich auch als Türsteher im Top 5.“ Und vielleicht wäre er in der sich an seine professionelle Nachtvogelzeit anschließenden Banalität einer Einzelhandelskaufmannslehre verschwunden – wenn ihn nicht Branko Elsner, Ex-Teamchef Österreichs und Ende der Achtziger Nachwuchschef bei der Austria, beim Scheiberln im Park entdeckt hätte.
„Der hat nicht groß von Jugendförderung geredet, sondern ist von Park zu Park gezogen und hat die besten Kicker eingesammelt. Das macht heute niemand mehr“, sagt Topal. Von der Austria aus gelingt Topal der Sprung in die Nachwuchsauswahl des türkischen Verbandes. Bei einem Länderspiel gegen Deutschland schießt Topal alle drei Tore. Nach dem Abpfiff wird er von einem ihm unbekannten Herrn angesprochen. Vor ihm steht Carlos Alberto Parreira, brasilianischer Weltmeistertrainer 2002 und zu dieser Zeit Trainer von Fenerbahce Istanbul. Er lädt den Jungen nach Istanbul ein.
Wirklich glauben kann Topal nicht, was ihm angeboten wird. Erst als er nachhause kommt und ihm sein Vater eine Istanbuler Nummer hinhält, die er anrufen soll, dämmert ihm, dass es der Klub ernst meint. „Ich wurde mit dem Klubkoordinator verbunden. Der hat mit mir geredet, als ob ich seit Jahren sein bester Freund wäre. Alles war vorbereitet, der Flug gebucht. Ich musste nur noch ja sagen.“
Am Flughafen erwarten ihn bereits die Sportreporter. Doch was wie ein Märchen beginnt, entpuppt sich bald als Spießrutenlauf ins Desaster. „Wenn du dich so aufführst wie ich damals, dann bist du in der Türkei unten durch. Ich hab mich für den Größten gehalten und mich mit allen angelegt. Und mein Geld, ungefähr 7.000 Euro pro Monat, hätte ich wohl zur Gänze aus dem Fenster geschmissen, wenn mir mein Alter nicht die Kreditkarte weggenommen hätte.“ Am Ende der Saison bleibt dem Jungen nur ein Haus in Izmir, das sein Vater für ihn gekauft hat – und die Lust am Spiel.
Kurz bevor er endgültig rausfliegt, stößt der nigerianische Mittelfeldstar Jay Jay Okocha zum Team. „Das ist wirklich ein Wahnsinnsfußballer, technisch einfach großartig. Aber selbst dem hab ich einen Trick gezeigt, den er nicht nachmachen konnte.“ Topal scheint von einem schier unbezwingbaren Spieltrieb angetrieben, der schon dem Kind den Schlaf geraubt hat und nun den jungen Mann vor dem endgültigen Untergang bewahrt. Ein rastloses Wandern von einem österreichischen Verein zum anderen setzt ein, pendelnd zwischen zweiter, dritter und vierter Liga. Die edle Dress von Fenerbahce tauscht er gegen jene von FavAC, Leoben, Kottingbrunn oder Sportclub. Ihm eilt der Ruf des Schwierigen voraus, vielleicht weil in den hausbackenen Konventionen des österreichischen Fußballs kein Platz ist für einen Eigenbrötler, der auch im rustikaleren Ambiente nicht darauf verzichten will, Kunststücke mit dem Ball aufzuführen.
Mehr als einmal muss sein Freund Alfred Czech ein gutes Wort für ihn einlegen, wenn es zwischen ihm und seinen Trainern wieder einmal kriselt. „Vor allem bei seinen Engagements in Floridsdorf, beim FAC und bei Admira Landhaus, hab ich ihm oft helfen können“, sagt Czech, dessen Vater zu den eingefleischten FAC-Anhängern zählt. Die Kränkung des frühen Sturzes kann der väterliche Freund aber nur partiell lindern.
„Ich musste viel über den Blödsinn nachdenken, den ich angestellt hatte. Das hat in mir wahnsinnige Zukunftsängste erzeugt, samt Panikattacken, Herzrasen und Schweißausbrüchen. Eine Zeit lang bin ich da überhaupt nicht mehr herausgekommen. Aber mittlerweile habe ich gelernt, damit umzugehen.“
Eine Begegnung schätzt Topal als entscheidend dafür ein, dass es ihn als Fußballer noch gibt: Ende der Neunziger lernt er Ivica Osim kennen, damals Trainer von Sturm Graz. Von der Persönlichkeit des letzten Teamchefs der geeinten Republik Jugoslawien ist er bis heute tief beeindruckt. „Irgendwann sind wir zusammengesessen, und er hat mich gefragt, ob ich nicht mittrainieren möchte. Ich hab geglaubt, das ist ein Witz, und hab ja gesagt. Er ist aufgestanden und hat gesagt: ,Dann zieh dir ein Leiberl an!‘ Ab dem Zeitpunkt war ich drei Monate bei Sturm Graz.“ Topal erlebt dort nicht irgendeine Zeit, sondern die ganz große. Er trainiert, erntet Lob und Respekt bei Spielern und Trainer – nur nicht bei Manager Heinz Schilcher. „Mit mir konnte er kein Transfergeld verdienen. Ich war einfach so da, als Gast von Osim. Deswegen hatte ich keine Chance, in die Mannschaft zu kommen.“ Obwohl er nicht zum Zug kommt, nimmt er aus dieser kurzen Zeit viel mit. „Sollte ich jemals Trainer werden, dann würde ich es so machen wie Osim: kein Training ohne Ball.“
Osims Vertrauen und die positive Stimmung in der Mannschaft lassen Topal oft vergessen, dass er seine fußballerischen Fähigkeiten nicht zum Einsatz bringen kann. Den größten Moment seiner SturmKarriere erlebt er in der Kabine: „Vor dem Champions-League-Spiel gegen Galatasaray Istanbul hat der Osim mich gefragt: ,Wie sollen wir gegen die spielen, Murat? Erzähl mir, was du weißt.‘ Ich hab geschluckt und begonnen, ihm die Schlüsselspieler zu charakterisieren. Mit der Mannschaft hab ich gewettet, dass sie keine Chance haben wird. Nach dem 3:0 für Sturm musste ich am nächsten Tag allen eine Pizza spendieren.“
Einer, der Topals Wechselbad des Lebens seit der Kindheit aus nächster Nähe miterlebt hat, ist der Ex-Rapidler Amir Bradaric, der derzeit mit der burgenländischen Mannschaft Parndorf um den Aufstieg in die zweite Liga kämpft. „Der Murat ist ein technisch großartiger Fußballer und läuferisch sehr stark. Gescheitert ist er oft an seinem Temperament. Er pendelt halt immer zwischen Genie und Wahnsinn“, sagt Bradaric. „Bei einem Hobbyturnier in Velden hat er einmal ein Tor erzielt, das in Österreich Legendenstatus hat. Er hat den Ball mit dem Fuß hinter dem Standbein getreten – so wie der Giuly vor ein paar Jahren im Champions-League-Spiel Monaco gegen Real Madrid. Gelandet ist er genau im Kreuzeck, und zwar aus einer Entfernung von 20 Metern.“
Zurzeit zeigt Topal seine Tricks beim niederösterreichischen Landesligisten Leobendorf. Und trauert zuweilen den vergebenen Möglichkeiten seines Lebens nach. „Meine vier Schwestern haben alle Familie, Kinder – und was ist mit mir? Für Fußballer ist das oft der Knackpunkt: Je früher sie eine Familie haben, desto besser, denn dann müssen sie Verantwortung übernehmen und können sich nicht so gehen lassen, wie ich es getan habe.“
















Ehre, wem Ehre gebührt