Die Armen und die Toten
Vorabdruck. Wie viel Mitleid tut der Wahrheit gut? Diese Frage stellte sich die renommierte Außenpolitikreporterin Sibylle Hamann anlässlich der jüngsten Theodor-Herzl-Vorlesung an der Universität Wien. Die Antworten sind so erhellend wie ernüchternd. Ein Auszug aus dem Buch „Dilettanten unterwegs – Journalismus in der weiten Welt“, mit freundlicher Genehmigung des Picus Verlags.
Text: Sibylle Hamann
HINWEIS: DATUM präsentiert in Kooperation mit dem Picus Verlag am Dienstag, den 8. Mai das neue Buch von Sibylle Hamann: „Dilettanten unterwegs. Journalismus in der weiten Welt“.
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Es ist etwas passiert. Ein Erdbeben, eine Flutwelle. Die ersten Agenturmeldungen kommen rein – man denkt sich: Schlimm, aber es geht wohl vorbei. Naturkatastrophen sind etwas für Fotografen, fürs Radio, eventuell noch für die Tageszeitung, aber selten etwas für ein Nachrichtenmagazin. Es gibt, im Normalfall, nicht viel dazu zu sagen. Es gibt selten eine zweite Ebene. Sie bergen kein Geheimnis, nichts, was man enthüllen könnte. Es gibt selten etwas, das man erklären, erläutern, problematisieren kann, denn Naturkatastrophen sind eben Natur: Sie passieren einfach so, zufällig, willkürlich, ohne Ziel und Zweck, absichtslos, und die Gefühle der Menschen, die es trifft, sind fast immer und überall ähnlich.
Jenseits des Wissenschaftsressorts, jenseits von Informationsgrafiken über tektonische Platten oder die globale Erwärmung, hat ein Magazinjournalist da normalerweise nicht viel zu tun. Doch es gibt einen Moment, in dem solche Ereignisse kippen – jenen Moment, in dem es schwer ist, überhaupt noch über etwas anderes zu schreiben, weil die Katastrophe eine Sogwirkung erzeugt, der man sich kaum entziehen kann. Da würde es beinahe frivol anmuten, sich über die Gebanntheit der Öffentlichkeit hinwegzusetzen und, zum Beispiel, stattdessen über die ungarische Parlamentswahl zu sprechen, mit dem Argument, die ungarische Parlamentswahl sei in diesen Tagen inhaltlich wichtiger. Das würde einem niemand abnehmen.
Es gibt den Moment, in dem man staunt und mitleidet und wo man den Gedanken schlicht nicht erträgt, dass sich die Welt trotz der Katastrophe einfach weiterdreht, so als sei gar nichts geschehen. Wann der Moment eintritt, der einen „normalen“ Erdrutsch von einer weltbewegenden Katastrophe scheidet, ist recht willkürlich und hängt nicht nur von der Zahl der Opfer, sondern zu einem sehr großen Teil von der räumlichen Entfernung des Ereignisses ab.
Im Fall des Tsunami, am 26. Dezember 2004, passierte der Moment ungefähr, nachdem die Schwelle von zwanzigtausend Todesopfern überschritten war. (Wären, und das sei hier nur in Klammern angefügt, unter den Toten keine österreichischen Touristen gewesen und wäre ein Schauplatz nicht zufällig die gut erschlossene, jedem Europäer bekannte Badeküste von Thailand gewesen, über die leicht und technisch unkompliziert zu berichten war, wäre die Latte der Wahrnehmung wahrscheinlich viel höher gelegen. Wäre man zynisch, was ich nicht bin, könnte man sagen: Zehn Österreicher entsprechen ungefähr zehntausend anderen Opfern.)
Es geht heute also um „Katastrophenberichterstattung“, doch das Wort bezieht sich nicht bloß auf Naturkatastrophen. Hunger und Not können auch von Menschen gemachte Ursachen haben – Umweltzerstörung, Flüchtlingsbewegungen, Krieg, Vertreibungen. Doch das spezielle Kennzeichen des Katastrophengenres im Journalismus besteht darin, genau hier, bei den Ursachen nämlich, keinen Unterschied zu machen.
Auch in Kriegen kann man, wie nach einem Erdrutsch, den Fokus nicht auf die Politik, die Umstände, die Täter, sondern auf die Opfer legen. Die sind, hier wie dort, per Definition Nicht-Handelnde, Ertragende. Sie sind hilflos im wahrsten Sinn des Wortes, wehrlose, massenhafte Verschubmasse, die nicht gefragt wird, weder von der Natur noch von den Feldherren, sondern bloß herumgeschubst wird wie Material.
Sie alle kennen diese Art Reportagen; sie sind meistens, unabhängig vom Schauplatz und vom Anlass, über weite Strecken austauschbar. Versatzstücke im Text sind stets die Tränen in den Augen der Kinder, Verzweiflung, Sprachlosigkeit, Trümmer im Hintergrund, eventuell die Reste eines Fotoalbums im Dreck und, ganz wichtig, Schuldlosigkeit. Opfer im Katastrophenjournalismus dürfen an der Katastrophe, um die es geht, in keiner Weise beteiligt oder in Schuldfragen verwickelt sein.
„Und die Welt schaut tatenlos zu“, ist der Seufzer der Verzweiflung, der Kommentatoren dann entflieht, wenn sie sonst nichts mehr zu sagen wissen. Das bedeutet: Ich bin – echt – erschüttert. Und damit ich mit dieser Erschütterung irgendwie weiterarbeiten kann, muss ich zumindest zum Eingreifen aufgerufen haben. Es kann doch nicht sein, dass ich so etwas Schreckliches gesehen, von so etwas Schrecklichem berichtet habe, und es bleibt folgenlos. Wer ist mit diesem Aufruf gemeint? „Die Welt“, „die internationale Staatengemeinschaft“, das heißt die westlichen Staatenlenker, die UNO, ein Militärbündnis, NGOs oder die privaten Spender. Der Appell an sie unterstellt, diese Akteure seien in der Lage, etwas zum Besseren zu wenden, und es sei die heilige Pflicht der Medien, sie dazu aufzufordern. Es sei, dieser Logik gemäß, Aufgabe des Journalismus, „Druck in der Öffentlichkeit zu machen“, bis der Wille der Wähler so stark werde, dass sich die Politik nicht mehr entziehen könne – und das Leiden endlich beendet.
Mit dieser Geste tut sich zuerst einmal der Journalist selbst gut: Er hat das Gefühl, etwas getan zu haben, und hat von seinem eigenen Berufsstand das Bild vermittelt, politisch handlungsfähig zu sein, und zwar gleich weltweit. Er hat sich seiner Hilflosigkeit publikumswirksam entledigt. Verrät das ein Ego-Problem? So eine Art Mischung aus grenzenloser Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitskomplex, wenn man die Küchentisch-Psychologie bemühen möchte?
Wahrscheinlich schon, aber nicht nur. Selbstzweifel sind menschlich. Man hat als Journalist schon so oft gespürt, wie sinnlos man ist, wenn man von Katastrophen berichtet: Es strecken einem Menschen erwartungsvoll ihre Hände entgegen. Sie sehen die weiße Haut und das Geld, das man mitbringt – und glauben, dass man helfen kann. Man kann ihnen nicht die Wunden verbinden wie ein Arzt oder ihnen Medizin reichen. Man kann kein Trinkwasser herbeischaffen wie ein Logistiker und ihnen kein Haus bauen.
Es gibt kurze Momente, in denen einem die Absurdität dieser eigenen Rolle bewusst wird – wenn man zum Beispiel eine Reportage über hungernde Kinder macht und zwischendurch in einen Müsliriegel beißt. Da kann man gar nicht anders, als sich instinktiv kurz zu fragen: Sollte ich jetzt jemanden abbeißen lassen? Ich erinnere mich auch noch gut an die lange nächtliche Selbstanklage eines Starfotografen, der literweise keimfreies Trinkwasser in Plastikflaschen mitgebracht hatte, das er fürs Filmeentwickeln brauchte, und die Beobachtung nicht ertrug, wie die Kinder rundum aus dreckigen Schlammlöchern tranken. Heute, wo nur noch digital fotografiert wird, gibt es zumindest dieses konkrete Dilemma nicht mehr.
Ein Journalist gibt den Armen nicht nur nichts, er beraubt sie sogar noch: saugt ihnen Geschichten heraus, Wortspenden, Bilder, oft das Allerletzte, das sie noch haben, die Erinnerungen – und lässt sie dann im Rinnstein liegen, während er selbst ins Flugzeug einsteigt und sich eilig davonmacht. Das macht nicht nur ein schlechtes Gewissen; man fühlt sich mitunter sogar als Blutsauger, als Ausbeuter, Krisengewinnler. Denn je schlechter es den Menschen geht, über die man berichtet, desto spektakulärer die Reportage. Soll heißen: je mehr Elend, desto besser für mich. Man hört diesen Vorwurf nicht bloß öfter, als einem recht ist, man macht ihn sich in Momenten der Selbstzweifel natürlich auch selbst.
Und damit man nicht der einzige Profiteur aus der Situation bleibt, braucht die Berichterstattung über das Leid anderer einen Mehrwert, als moralische Rechtfertigung. Die Reportage muss einen Zweck erfüllen, zum Beispiel: wachrütteln, Spenden einbringen, das Leid lindern, helfen, irgendwie. Womit sich allerdings die Frage stellt, die ich am Anfang dieser Vorlesung formuliert habe: Hat diese Zweckgerichtetheit noch etwas mit redlichem Journalismus zu tun? Wie viel Mitleid hält Berichterstattung aus; ist Mitleid, pathetisch gesprochen, mit der Suche nach der Wahrheit überhaupt vereinbar?
Grundsätzlich: Es ist nicht unsympathisch oder verwerflich, auf der Seite der Schwachen zu stehen. Es gibt schließlich genügend andere Disziplinen, die sich jahrzehnte- oder jahrhundertelang die Sichtweise der Handelnden, der Mächtigen zu Eigen gemacht haben – die Diplomatie, die Helden- und Feldherren- geschichtsschreibung. Die Auswirkungen von großer Politik auf die einfachen Menschen zu zeigen, die Verwerfungen und das Durcheinander zu beschreiben, das ein politisches Ereignis im Alltag mit sich bringen kann; Lebenswirklichkeit der Menschen, ihre kleinen Sorgen wichtig zu nehmen und ins Zentrum der Betrachtung zu rücken war in diesem Zusammenhang durchaus ein emanzipatorischer Akt.
Und es wird, zweitens, auch lieber gelesen, weil sich die Mama daheim, die Angst um ihre Kinder hat, eben besser in die indonesische Mama hineindenken kann, die Angst um ihre Kinder hat, als in den indonesischen Feldherrn auf seinem Feldherrenhügel.
Journalisten verwenden, wenn sie diese Art der Reportage beschreiben, sehr schnell das Wort „menscheln“. Das ist ein zynischer Versuch der Distanzierung, der misstrauisch machen könnte. Offenbar halten sie ihre eigenen Sätze nicht für echt. Es klingt fast so, als würden sie das „Menschliche“ nur inszenieren, vorspielen für ein Publikum, das danach verlangt, und als wäre ihnen selbst bei dem, was sie da tun, nicht ganz wohl. Warum bloß?
Ich will im Folgenden versuchen, ein paar Gründen für dieses Unbehagen nachzuspüren. Zunächst: Für Not- und Katastrophenhilfe ist eigentlich jemand zuständig, der das auch tatsächlich professionell weltweit erledigt – staatliche Hilfsorganisationen, NGOs sowie die UNO und ihre Teilorganisationen. Das sind, anders als man sich das vielleicht oft landläufig vorstellt, längst keine rührend bemühten, dilettierenden Gutmenschenvereine mehr, sondern global agierende und nach modernen Managementmethoden organisierte Unternehmen. Hilfe ist ein riesiges, weltumspannendes Geschäftsfeld, und ich meine das Wort „Geschäft“ hier nicht abwertend im kapitalismuskritischen Sinn.
Obwohl diese Organisationen gemeinnützig und nicht auf Profit ausgerichtet sind, also – anders als börsennotierte Konzerne – keine Gewinne ausschütten, sind sie dennoch zum Erfolg gezwungen: Sie beschäftigen hoch bezahlte, begehrte Experten, bieten internationale Karrieren, konkurrieren miteinander um Marktanteile. NGOs sind, zusammengenommen, eine moralische Internationale mit ähnlich viel ökonomischem und politischem Einfluss wie eine staatliche Großmacht. Jede NGO lebt von den Spenden, die sie lukrieren kann. Spenden erhält man, wenn Spender etwas über die eigene Arbeit vor Ort erfahren und indem man sich ein Image aufbaut. Und beides gelingt nur mithilfe der Medien, die über Krisen und einzelne Nothilfeprojekte vor Ort berichten. Die natürliche Allianz zwischen Medien und NGOs entsteht daraus nur logisch. Das fängt schon ganz praktisch an.
Die wenigsten Printmedien haben fixe Korrespondenten in Afrika und Asien, und selbst wenn, dann haben die, zum Beispiel aus der Perspektive Südafrikas oder Nairobis, kaum jene entlegenen Regionen wie etwa den Niger permanent im Blick, in denen sich Hungerkrisen ankündigen. Solche Geschichten beginnen fast immer damit, dass eine NGO Alarm schlägt, in den Redaktionen anruft und einem Reporter anbietet, doch mitzufahren, um sich von der Krise, in der man tätig ist und für die man dringend Mittel braucht, doch selbst ein Bild zu machen.
Ein derartiges Angebot ist sehr hilfreich für einen Redakteur: Er muss sich eine Reise in ein Gebiet, in dem er wahrscheinlich noch nie war, nicht selbst organisieren. Eine NGO vor Ort verfügt meist über ein Quartier, wo man wahrscheinlich auch wohnen kann, Fahrzeuge, Übersetzer, Fahrer, einen Koch, ein Satellitentelefon – oft sind sie überhaupt die Einzigen weit und breit, die eine Infrastruktur haben, von Kabeln bis zu hin zum Stromgenerator. Mitarbeiter einer NGO wissen schon ein bisschen darüber, was in der Region eigentlich los ist.
Man kann mit ihnen Englisch reden. Sie wissen, wie Medien ticken und was sie brauchen, das macht sie zu effizienteren, bequemeren Informanten, als zum Beispiel der örtliche Dorfhäuptling einer ist. Sie können einem, um es brutal zu sagen, sofort die Kinder mit den Hungerbäuchen zeigen, ohne dass man sinnlose, der Höflichkeit geschuldete Umwege macht. Das heißt: Man ist nach spätestens einer Woche wieder daheim, und man muss eigentlich nichts vorbereiten. Fast wie im Reisebüro. Manchmal – und das ist jetzt ein heikler Punkt, der sich von Medium zu Medium unterscheidet – sind solche Reisen sogar Einladungen, bei denen eine NGO die ganzen oder zumindest einen Teil der Reisekosten trägt. Ähnliches gilt im Übrigen auch für Projekte der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit – auch Außenministerium oder Bundeskanzleramt sponsern solche Besichtigungstouren.
Denn auch eine Regierung muss vor dem Wähler rechtfertigen, wofür sie Steuergeld ausgibt, und hat ein Interesse daran, ihr erfolgreiches Arbeiten in der Öffentlichkeit herzuzeigen. Das also sind die Rahmenbedingungen, unter denen die allermeisten jener Reportagen entstehen, in denen auf ein „drängendes humanitäres Problem“, eine „vergessene Flüchtlingskrise“ oder Ähnliches aufmerksam gemacht wird.
Ihnen gemeinsam ist, dass die einzigen „normalen“, nicht leidenden Menschen, die in ihnen vorkommen, meist westliche Ausländer sind. Das ist nicht prinzipiell verwerflich, ein den Inhalt verzerrendes Problem muss man dabei allerdings im Auge behalten: Wenn Journalisten und Nothelfer schon mal vor Ort sind, haben sie ein gemeinsames Interesse daran, dass die Krise tatsächlich so dramatisch ist, wie man angenommen und den Lesern versprochen hatte. Die „doch nicht so schlimme Hungersnot im Sudan“ kann man weder einem Chefredakteur verkaufen noch rechtfertigt sie die Spesen noch ist es ein guter Titel für einen Spendenaufruf. Ebenso wenig eignet sich eine Erkenntnis wie „Es ist ziemlich schlimm hier, aber es gibt nichts, was man sinnvollerweise tun könnte“.
Ich will damit sagen, dass Katastrophen-Journalismus unmittelbar vielen Beteiligten gut tut: Den Journalisten, den Helfern, dem spendenden Publikum, alle fühlen sich anschließend moralisch ein bisschen besser. Wem er vor Ort gut tut, muss allerdings erst noch bewiesen werden – und das ist definitiv eine andere Geschichte.
Die Lebensweisheit, dass gut gemeint oft das Gegenteil von gut ist, gilt auch hier. Um es mit einer kleinen Anekdote zu illustrieren, die mir ein Care-Mitarbeiter gestern erzählt hat: Der bekam einen Anruf von einem leitenden Telekom-Manager, der sagte, er wolle sein Leben ändern, aussteigen aus der Karriere und etwas Sinnvolles tun – am liebsten irgendwo Schutt schaufeln, und ob man ihn nicht in ein Krisengebiet mitnehmen könne. Das ist eine rührende und nicht unsympathische Regung, und wahrscheinlich täte es dem Manager am Ende für seine Herzensbildung und seinen Lebenslauf tatsächlich gut. Bloß gibt es in keiner Krise dieser Welt einen derart drängenden Mangel an Menschen, die Schutt schaufeln können, dass man dafür einen Telekom-Manager in der Midlife-Crisis einfliegen müsste.
Ein anderes Beispiel: die Lagerhallen voll mit Stofftieren, die für die Waisenkinder von Brokern nach 9/11 gespendet wurden – obwohl gerade die Kinder von New Yorker Brokern wahrscheinlich keinen großen unerfüllten Bedarf an Stofftieren haben. Für die Stofftierhalde musste, wie ich gelesen habe, eine ganze Lagerhalle in einem Flugzeughangar angemietet werden. Die unnützen Kosten für die Miete wurde man erst los, als man die Halle Monate später klammheimlich räumte und das Zeug wegwarf.
Ich will die Katastrophen-Eigendynamik, die stets eine unglaubliche Sogwirkung erzeugt, am Beispiel des Tsunami konkret erläutern. Erstes Gesetz: Das Fenster der Erschütterung ist nur sehr kurz offen. Ressourcen, die man nicht sofort kriegt – als Faustregel gilt: in den ersten zwei Wochen –, kriegt man nie mehr. Das heißt: Jede Organisation muss bei einem Mega-Ereignis sofort aufspringen, mit dabei sein, sich ihren Platz im Aufmerksamkeitsslot sichern. Wer es geschickt macht, sichert sich wertvolle „fifteen minutes of fame“, auch wenn er ganz schnell hin- und ganz schnell wieder wegfährt. So bekommt das Spendenbusiness den Charakter eines Wanderzirkus, in dem auch die unseriöseste Gruppe am „Glanz“ der großen Katastrophe mitzunaschen versucht. (Ich habe in Ruanda Schönheitschirurgen getroffen, die im ersten Schock von ihren Patientinnen Geld gesammelt und ihnen versprochen hatten, damit Bachblütentherapien für traumatisierte ruandische Waisenkinder anzubieten.)
Solche Leute, insbesondere die unprofessionellsten, steigen einander natürlich vor Ort gegenseitig auf die Füße, es gibt ein Gerangel um die prestigeträchtigsten und fotogensten Opfer, die besten Lagen für Projekte, es ist wie auf einem überhitzten Immobilienmarkt. Dass einige Opfer sympathischer sind als andere und Kinder immer am sympathischsten von allen, hat zur Folge, dass immer alle Schulen und Waisenhäuser bauen wollen. Nach dem Tsunami gab es dafür kaum Bedarf – es waren kaum Schulen zerstört, weil die selten direkt am Meer standen. Es gab auch relativ wenige Waisenkinder. Die Mehrzahl der Opfer waren Frauen und Kinder, die meisten der traumatisierten Überlebenden sind Männer, die oft ihre ganze Familie verloren haben.
Die Gründe dafür sind vielschichtig, und sie lassen psychologisch und soziologisch tief blicken: Sicher konnten die Männer eher schwimmen als die Frauen. Vielleicht spielte auch das Gewand eine Rolle. Oder die Tatsache, dass eine Frau vielleicht doch noch eher einmal zurücklief, um ein Kind zu suchen, statt sich selbst in Sicherheit zu bringen, oder den Arm eines Kindes eine Minute länger festhielt. Es liegt aber auch in den Familienstrukturen und der Arbeitsteilung begründet: Die Welle kam am Sonntagvormittag. Da waren die Frauen und die kleineren Kinder vor den Hütten am Strand, die Männer waren Besorgungen machen oder arbeiten oder aber draußen auf dem Meer beim Fischen. Ich habe im indonesischen Aceh viele allein stehende Männer getroffen, die damals von der Arbeit nachhause rannten, und ihre Hütte samt Familie war weg.
Auffallend viele junge Männer leben heute in Obdachlosenzelten, Alleinerzieher mit vielleicht einem Kind, das zufällig überlebte, in einer Art Wohngemeinschaft mit anderen Männern, die sich mit bitterer Schicksalsergebenheit darüber beklagen, dass sie jetzt kochen müssen, ohne es zu können. Allein erziehende Männer habe ich als Zielgruppe für Hilfsprojekte allerdings nirgendwo speziell beworben gesehen – vielleicht weil es den gängigen Klischees widerspricht. Spender sind nämlich sehr selektiv, wem ihre Sympathie gilt.
Es sind natürlich nicht die tatsächlich Bedürftigsten, denen am schnellsten geholfen wird, sondern jene, die man am besten erreicht, beziehungsweise jene, die symbolisch und emotional am meisten hergeben. Spender in Österreich zum Beispiel mochten während des Bosnien-Kriegs die Serben nicht. „Nachbar in Not“ lieferte etwa zu gleichen Teilen auf die serbische und auf die kroatisch-muslimische Seite der Front; Ersteres musste in der Öffentlichkeit allerdings tunlichst verschwiegen werden, sonst hätte es einen Spendeneinbruch gegeben. Andere Spender haben zum Beispiel ein romantisches Faible für Fischer, insbesondere in Nationen, die selbst zur See fahren.
In Aceh gibt es deswegen heute jede Menge Fischerprojekte und Bootsbauer, überall stehen frisch gezimmerte Boote herum. Die wurden allerdings seltsam uneuphorisch entgegengenommen und eigentlich gar nicht gebraucht, denn es fuhr – zumindest ein halbes Jahr nach dem Tsunami – in Banda Aceh nirgendwo jemand aufs Meer. Die meisten Fischer wollten nach dem Schock anderswo neu anfangen und träumten von einem Job als Taxifahrer oder in einer Shrimpsfarm.
Mit solchen Problemen will ein Spender allerdings nicht unbedingt belästigt werden, und man will ihn nicht gleich vor den Kopf stoßen. Auch widerspricht man ihm ungern, wenn er, wie immer, sein Bedürfnis äußert, „nicht für irgendwelche anonymen Apparate“, sondern „ganz konkret und nachvollziehbar“ helfen zu wollen. Am liebsten will er sich, plakativ gesprochen, vorstellen können, welches konkrete Kind vor Ort seinen abgetragenen gespendeten Wollpullover anhat.
Man sagt es selten laut – aber der geschmähte „Apparat“, die Organisation, die professionellen Verteilungsstrukturen sind beim Helfen wahrscheinlich das Wichtigste überhaupt. Nach dem Erdbeben in Kaschmir im vergangenen Jahr waren die Täler dort mit Kleidern übersät – die hatten Lkws dort einfach abgeladen. Die Erdbebenopfer hatten die Haufen zwar nach Brauchbarem durchwühlt, doch das meiste liegen gelassen – es sind sehr konservative Menschen dort, die ziehen ihren Mädchen eben keine Barbie-T-Shirts an, und in traditionellen Gesellschaften bleiben solche Regeln auch im Krisenfall sehr, sehr wichtig.
Sachspenden sind überhaupt fast immer und überall von Übel. Bei Care ging nach dem Tsunami das Angebot einer Mineralwasserfirma ein – „Wir haben hier eine Million Flaschen im Lager, wollen Sie die nicht nach Thailand schaffen?“ Die Antwort war: natürlich nicht. Nicht nur wegen der Logistik des Sammelns, des Transports und der Verteilung, die um ein Vielfaches mehr gekostet hätten, als die Sachspende wert war. Sondern wegen eines grundlegenden Missverständnisses: Es ist ja fast immer, von fast allem, genug da in der unmittelbaren Katastrophenumgebung. Pakistan zum Beispiel ist der weltweit größte Produzent von Zelten, spezialisiert auf standardisierte Flüchtlingszelte. Es gibt in Sri Lanka Decken zu kaufen, in Indien Plastikplanen und Wasserkanister zuhauf – darauf, dass es sogar in der ärgsten Hungersnot meist genug Nahrungsmittel in der Region gibt, komme ich noch ausführlich zurück.
Das Bedürfnis, seiner Geldspende ein wiedererkennbares Mascherl dranzuhängen, steht meist in krassem Widerspruch zum Gebot der Effizienz. Am sinnvollsten sind fast immer unpersönliche Maßnahmen, nämlich Investitionen in die Infrastruktur. Das hieße: Statt Flaschen zu verteilen oder statt eine Wasseraufbereitungsanlage einzufliegen, wie es das österreichische Bundesheer in Sri Lanka tat (wo dann die Reinigung eines Liters Wasser fünf Euro kostete), täte man besser daran, das defekte Wasserrohr zu reparieren. Oder eine Brücke, eine Straße zu richten, damit die Lastwagen mit Baumaterial fahren können. Doch das Gefühl der Spender verlangt nach dem Gegenteil: das eine Kind kennen zu lernen, dem man etwas zu trinken gibt.
Sie kennen sicher die Kinderpatenschaften von World Vision – wo Spender in regelmäßigen Abständen Bilder von „ihrem“ ganz konkreten Kind zugeschickt bekommen, dem sie geholfen haben. Stellen Sie sich vor, es wäre tatsächlich so, dass dieses eine Kind das überwiesene Geld persönlich ausgehändigt bekäme: Was würde das für die Familien, das Dorf, die Infrastruktur bedeuten? Nichts Gutes wahrscheinlich, es wäre dem Entwicklungsziel kaum dienlich und täte auch dem Kind nicht gut. Selbstverständlich wird es von World Vision vor Ort auch nicht so gehandhabt. Bloß: Ist es tatsächlich notwendig, dem Spender die Illusion vorzuspielen – und ist das nicht Betrug?
Eigentlich ist es Betrug, zumindest ist es Täuschung, und meiner Meinung nach muss das gar nicht sein, wie ein weiteres Beispiel zeigt. Ärzte ohne Grenzen (MSF) tat nach dem Tsunami etwas noch nie da Gewesenes. Ärzte ohne Grenzen ist eine der professionellsten Hilfsorganisationen, spezialisiert darauf, mit ausgeklügelter Logistik im Krisenfall als allererste vor Ort zu sein. Wenige Stunden nach dem Tsunami hatte MSF bereits mehr an Spenden eingenommen, als sie für ihren Einsatz sinnvoll ausgeben konnte – und sagte das auch öffentlich. „Bitte keine Spenden mehr“, war die Botschaft, die wie eine Bombe einschlug und viele andere Organisationen sehr böse machte.
Doch langfristig hat diese Ehrlichkeit nicht geschadet. Die Spender wurden einzeln angerufen, um sie zu fragen, ob sie ihr Geld auch für ein anderes Projekt umwidmen würden – die Allerwenigsten sagten nein. Andere Organisationen, die ebenfalls unter dem Ungleichgewicht litten – viel zu viel Geld für Tsunami-Opfer, viel zu wenig für vergessene Krisen –, taten daraufhin Ähnliches. Und vielleicht hat die öffentliche Debatte darüber sogar einen Lernprozess in Gang gesetzt – darüber, wie unproduktiv der Krisen-Hype sein kann und dass es aus Laiensicht meist zielführender wäre, die Organisation seines Vertrauens selbst entscheiden zu lassen, wo das Spendengeld, das man ihr gibt, am dringendsten gebraucht und am effizientesten eingesetzt werden kann.
Noch ein Problemfeld: Kritische Spender bestehen darauf, rasche, vorzeigbare Ergebnisse zu sehen. In Aceh ist mir deutlich geworden, dass genau das ebenfalls eine Falle sein kann. An der betroffenen Küste existierte nämlich – gar nichts. Ganze Stadtviertel von Banda Aceh hatte die Welle dem Erdboden gleichgemacht, anderswo hatte sie die Erde verschoben und ganze Dörfer für immer unter den Meeresspiegel versenkt. Was hätte man da schnell wieder aufbauen sollen? Erst waren ein paar Fragen zu klären: Wer würde da überhaupt noch wohnen wollen? Hatten überhaupt genug Menschen überlebt und würden die, die überlebten, hierbleiben? Wird es für sie Arbeit geben? Soll man die Stadt ins Landesinnere verschieben? Eine neue Überschwemmungszone mit Bauverbot zwischen Häusern und dem Meer errichten? Auf welchem Grund und Boden? Wem gehört der?
In jenem Moment, in dem viele Ausländer mit Geld in der Hand dastehen und es dringend ausgeben wollen, steigen die Grundstückspreise klarerweise ins Astronomische. Darf man diese Spekulation unterstützen, indem man jeden Preis zahlt? Andere Fragen: Soll man, wenn man Häuser plant, vorher rechtliche Fragen klären, Bewilligungen einholen, was an einem Ort wie Indonesien natürlich dauern kann, oder einfach drauflosbauen? Ersteres kann Schmiergelder kosten, Letzteres kann später Schmiergelder kosten, indem es einen erpressbar macht.
Seriöse Organisationen, die das Land und die Gesellschaft kennen, in der sie arbeiten, lassen sich oft Zeit – und hüten sich davor, Projekte aus dem Boden zu stampfen, ohne die Betroffenen ausführlich einzubeziehen. Es wird nämlich fast immer unterschätzt, wie massiv ein plötzlicher Geldfluss in einer armen Region in die sozialen Strukturen eingreifen kann. Um nur ein kleines Beispiel zu bringen: Ein Dorf ist von der Welle verschluckt und es sollen neue Häuser gebaut werden. Kriegt dann jeder ein neues Haus oder nur jene, die vorher auch schon eines hatten? Kriegt ein Reicher wieder ein großes Haus und der Arme bloß wieder eine Hütte? Das wäre irgendwie seltsam – aber mit welcher Legitimation dekretiert man als landesfremde NGO Verteilungs- gerechtigkeit, wo vorher, selbstverständlich, auch keine war?
Oder: Vor der Katastrophe gehörten die Boote in Indonesien meist gar nicht den Fischern selbst, sondern meist größeren Unternehmern, die sie vermieteten. Fische wurden praktisch auf Kommission gefangen. Diese Unternehmer, meist Angehörige der chinesischen Minderheit, waren weder vor noch nach der Katastrophe wirklich bedürftig: Solche Menschen bewahren ihr Vermögen nicht unter der Matratze in der weggeschwemmten Hütte auf, sondern, wie unsereiner, auf dem Bankkonto, und das war vom Tsunami unberührt. Sollte man jetzt denen neue Boote schenken, damit sie sie wieder vermieten konnten? Oder sollten die Hilfsorganisationen diese Eigentumsregeln außer Kraft setzen und den Fischern eigene Boote geben? Allerdings: Mit welchem Recht, von wem legitimiert, mischt man sich in so etwas eigentlich ein? Haben Helfer ein Mandat zur Änderung des Wirtschaftssystems?
Ein anderes Beispiel, das die Willkür und Absurdität mancher Entscheidungen zeigt: Es gab, etwa an der Ostküste von Sri Lanka, nicht nur Obdachlose nach dem Tsunami, sondern, seit Jahrzehnten schon, auch tausende Obdachlose nach dem Bürgerkrieg. Beide leben jetzt in Lagern, oft denselben. Ersteren soll man jetzt helfen, aber Letzteren, die gleich daneben leben, nicht? Weil ihre Not nicht von der Natur, sondern von anderen Menschen gemacht wurde?
Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich will hier keine Liste von Sündenfällen der Nothilfe erstellen und nicht behaupten, dass man am besten gar nichts tun solle auf der Welt. Ich will ebenso wenig propagieren, dass man der Natur einfach ihren Lauf lassen soll, dass man sich am eigenen Wohlstand freuen und sich vom Leid anderer nicht belästigen lassen soll. Ich will allerdings, in einer Zeit, in der PR und Journalismus immer mehr ineinander verschwimmen, darüber nachdenken, wo im globalen humanitären Geschäft die Aufklärung ihren Platz hat.
Weil nämlich, am Ende des Tages, nicht Spendenmaximierung, sondern Aufklärung die Aufgabe von Journalismus ist. Das ist schwer genug. Alles, was ich tue, hat nämlich Folgen und findet in einem gesellschaftlichen Zusammenhang statt, den man, trotz bester Absichten, manchmal nicht ganz durchschaut. Journalismus jenseits der PR hätte den Auftrag, über den unmittelbaren Anlass hinauszudenken. Die Erkenntnis, zu der man dabei kommt, ist allerdings nicht so angenehm für alle, die helfen wollen.
Sie lautet: Wer einmal eingreift, kommt so einfach nicht mehr raus. Denn von einem Tag auf den anderen alles liegen und stehen zu lassen und sich davonzustehlen ist meistens noch verheerender, als gar nicht erst zu kommen. Man muss gar nicht weit weg schauen, bloß auf den Balkan, um Anschauungsmaterial dafür zu finden, wie radikal eine plötzliche internationale Einmischung eine Gesellschaft umkrempeln kann. Wenn ein Krieg vorbei ist und die Internationalen einreiten, dreht das auf einen Schlag die Machtverhältnisse um.
Im Großen: Der Staat und seine – meist diskreditierten – Institutionen verlieren ihre Autorität und haben nichts mehr zu sagen; die Polizei, die Soldaten, die eben noch Angst und Schrecken verbreiteten, stehen unter Beobachtung oder haben ausländische Konkurrenz; und jene, die es gewohnt waren, über Gedeih und Verderb ihrer Untertanen zu bestimmen, werden von den Ausländern beiseite gedrängt. Dass das konfliktträchtig ist, ist logisch.
Nach dem Umsturz in Afghanistan, als die Regierung mit amerikanischem Segen eingesetzt war, gab es einige unschöne Szenen mit Ministern, die auf der Suche nach Unterstützung im Westen herumfuhren und versuchten, die weltweit versprochenen Hilfsgelder einzusammeln. Sie waren sehr erstaunt, als man ihnen kühl beschied: Na, euch geben wir das Geld sicher nicht in die Hand – wer weiß, was ihr damit macht. Wir finanzieren unsere Projekte in Afghanistan lieber direkt per Geldboten und suchen uns selbst aus, wen wir unterstützen. Es ist ja schließlich unser Geld.
Das Muster der Entmachtung wiederholt sich im Kleinen. Plötzlich hat nicht mehr der Halbstarke mit der größten Waffe die besten Karten, sondern womöglich die Studentin mit den besten Fremdsprachenkenntnissen. Diese Menschen verdienen, als Übersetzerinnen zum Beispiel, plötzlich viel Geld, gewinnen an Status – und beeinflussen durch ihre Übersetzungen oft sogar maßgeblich, wie die Helfer das Land wahrnehmen und wo sie ihre Prioritäten setzen.
Einerseits tut das einer vom Krieg geschundenen Gesellschaft natürlich gut; andererseits schürt es neue Verteilungskämpfe. Und es führt manchmal zu gefährlichen Verzerrungen. Ob im Kosovo, in Afghanistan oder in Liberia: Die internationale Invasion lässt die Mieten in die Höhe schnellen, ebenso die Preise für bestimmte Waren und Dienstleistungen, die sich Einheimische dann gar nicht mehr leisten können. Und, vor allem: Der internationale Sektor saugt sehr schnell alle Expertise des Landes auf. Lehrer und Chirurgen, die Englisch können, geben sofort ihren Job auf und heuern als Fahrer oder Übersetzer an. Das ist schön für die Expats, aber verheerend fürs Land.
Noch vorsichtiger muss man mit Nahrungsmittellieferungen sein – die ganz massiv in die einheimischen Märkte und ins Leben der Bauern eingreifen. Sie kennen den Norden Kenias, die Region um den Turkana-See vielleicht aus dem Film „Der ewige Gärtner“. Das ist karges Weideland, wo nie mehr als ein paar hundert Hirten mit ihren Herden lebten. Nun gab es eine Dürre, und das World Food Programme schickte Lebensmittel. Seither sind fünfzehntausend Menschen in die Region zugewandert und warten dort apathisch auf die nächste Lieferung von amerikanischem Mais; die Menschen haben inzwischen jede Initiative und ihre traditionelle Weidewirtschaft aufgegeben und hängen in einer Ödnis herum, die eigentlich zum Leben gar nicht geeignet ist.
Gleichzeitig gibt es gar nicht weit entfernt, im Westen Kenias, Rekordernten an Mais, die in den Silos verrotten, weil es sich nicht auszahlt, sie kilometerweit über schlechte Straßen zu schaffen und zu verkaufen, wenn der US-Mais kostenlos ist. In demselben Land werden also gleichzeitig Bauern um ihre Existenz gebracht. Das ist ein kleines, aber typisches Beispiel für die Problematik, das ich vor ein paar Tagen erst willkürlich aus dem Spiegel herausgegriffen habe.
Aus eigener Anschauung habe ich die Pervertierung von Hilfe zum Beispiel im Südsudan gesehen. Lokichokio in Kenia ist die Basis der „Operation Lifeline Sudan“. Abwerfen, zurück, einladen und wieder los: Das ist die größte Luftbrücke seit Berlin, eine Operation, die täglich achthunderttausend Dollar kostet. Aus den Hercules- Transportmaschinen werden jeden Tag mehrmals die weißen Säcke mit Linsen, Bohnen, Mais abgeworfen, ein Fünftel des gesamten Nahrungsmittelbedarfs dort unten. Dort unten war jahrelang Krieg. Und es stellt sich die berechtigte Frage, ob diese Hilfe diesen Krieg nicht verlängert hat.
Das kommt so: Nach westlichen Moralvorstellungen brauchen immer die Schwächsten, die Ärmsten Hilfe am dringendsten – die Witwen, die Säuglinge, die Flüchtlinge. Nach dem Verständnis der Menschen im Südsudan hingegen brauchen am dringendsten die Wichtigen Hilfe: die Soldaten, die Beschützer, die Dorfchefs. (Im Kleinen kann man diese Logik an der Mutter beobachten, die mit einem hungernden Baby ins Fütterungszentrum kommt, um mit den Rationen, die sie dort erhält, ihre anderen, stärkeren Kinder zu ernähren. Ein hungerndes Kind hungrig zu halten ist somit die Überlebensgarantie für alle anderen.)
Auf die große Politik umgelegt, hat sich im Sudan über die Jahre hinweg ein ausgeklügeltes Verteilungssystem der Nahrungsmittelhilfe etabliert, das am Ende die Warlords alimentierte. Sie hatten, weil etwas vom Himmel fiel, jeden Tag wieder etwas zu verteilen, was ihnen treue Anhängerschaft und gut genährte Soldaten sicherte. Es gab, in einer Gegend, in der es sonst kaum etwas gibt, plötzlich eine attraktive Ressource, um die es sich zu kämpfen lohnte.
Ein politisch und moralisch noch viel schlimmeres Beispiel: Sie erinnern sich wahrscheinlich an die Bilder von der Massenflucht aus Ruanda im Jahr 1994. Kurz zuvor waren eine halbe Million Menschen umgebracht worden, mehrheitlich Angehörige der Tutsi-Minderheit. Wenige Monate später gab es einen riesigen Flüchtlingstreck aus dem Land heraus, einen Exodus von biblischen Ausmaßen nach Tansania und nach Goma im östlichen Kongo. Es war ein Anblick, der einem den Atem raubte – und der sich mit den kurz zuvor gehörten, Grauen erregenden Berichten über den Völkermord zu einer einzigen apokalyptischen Szenerie vermischte.
Ich bin mir heute, aus der zeitlichen Distanz, nicht sicher, wie viele Leser damals kapierten, dass die Flüchtlinge, die sie auf diesen schrecklichen Bildern sahen, nicht die Opfer des Völkermords waren, sondern die Täter. Die flohen, aus Angst vor Rache und Bestrafung, vor der vorrückenden Tutsi-Armee. Den Lesern, aber auch vielen Journalisten und professionellen Helfern reichte die Information, dass diese Menschen wie Opfer aussahen und dass sie massenhaft an der Cholera starben, um sofort hinzufahren und zu helfen. Doch die wirkliche, widersprüchlichere Geschichte, mit all ihren politischen Abgründen, wurde erst in den Monaten danach deutlich.
Diese wirkliche Geschichte war folgende: Die Hutu-Milizen, die den Massenmord ausgeführt hatten, nahmen die Hutu-Zivilbevölkerung praktisch als lebende Schutzschilde auf ihrer Flucht mit; die eigentlich gar keine Flucht, sondern ein wohl organisierter Umzug der Massen war. Die hunderttausenden wurden jenseits der Grenze von einer Rekordzahl an internationalen Helfern empfangen, in riesigen Zeltlagern untergebracht und fast ein Jahr lang mit Lebensmitteln und medizinischer Hilfe versorgt. Von diesen Lagern aus führten die Hutu-Milizen, nunmehr gut gefüttert, ihren Krieg munter weiter – gegen die überlebenden Tutsis jenseits der Grenze, die jetzt an der Macht waren. Bessere militärische Basislager als die von der UNO geschützten und finanzierten Camps konnte es gar nicht geben.
Nicht nur, dass die internationalen Helfer mit dieser Aktion riesige Mittel aus humanitären Budgets dafür verwendeten, Massenmörder vor Verfolgung zu schützen – sie hielten auch hunderttausende Mitläufer davon ab, nach Ruanda zurückzukehren, sich mit den neuen Machtverhältnissen zu arrangieren und ein neues ziviles Leben zu beginnen. Die Lager waren der Quell neuer Gewalttaten und Kriege, der totalen Destabilisierung Zentralafrikas, inklusive mehrerer Umstürze im Kongo, ehe die ruandische Armee dem Spuk ein Ende machte und die Lager gewaltsam räumte.
Rückblickend war es ein schrecklicher, peinlicher Sündenfall der angeblich unparteiischen humanitären Hilfe, und es war schwer, in diesem Umfeld den „richtigen“ Journalismus zu machen. Es bedeutete, sich dem zu entziehen und dem zu widersprechen, was die Szenen und Bilder vordergründig aussagten: Hier sterben arme Menschen, wir müssen ihnen helfen. Die Versuchung, die Geschichte, den Kontext des Leidens, alles auszublenden, was verwirren könnte, war groß. Dieser Versuchung nachzugeben war inhaltlich und moralisch jedoch verheerend.
Ein anderes Beispiel für eine inhaltliche Falle ist die Vermischung von Militäroperationen und humanitärer Hilfe. Gerade in Ländern, die den Pazifismus hochhalten, tut man gern so, als wäre die Aufgabe eines Heeres gar nicht das Kriegführen, sondern das Schützen, Retten und Helfen (wie es in der Terminologie des österreichischen Bundesheeres heißt). Soldaten im Feldlazarett, die in Albanien Kranke betreuen, die Trinkwasser für die Tsunami-Opfer in Sri Lanka aufbereiten oder beim Häuserbauen im Kosovo helfen – so sieht man Soldaten gern. Und Journalisten sind gern bereit, sie dabei zu loben und zu ermuntern. Sogar Armeen wie die amerikanische haben inzwischen gelernt, dass man Kriege am besten mit humanitären Zielen rechtfertigt – und schicken bei militärischen Interventionen gern ein paar Care-Pakete mit.
Im wirklichen Leben allerdings ist genau diese Verwirrung zwischen militärischen und humanitären Aufgaben kontraproduktiv. Nichts ist der effizienten Hilfe für die Zivilbevölkerung in Kriegsgebieten schädlicher, als wenn sie mit den Kriegszielen verwoben wird. Die Glaubwürdigkeit, die die lokale Bevölkerung einer NGO oder einer UNO-Organisation entgegenbringt, steht und fällt damit, dass sie als unparteiisch wahrgenommen wird – und nicht als Vorhut oder ziviler Spionagetrupp des Militärs. In Afghanistan zum Beispiel war die Ratlosigkeit riesengroß, als statt der Bomben plötzlich gelbe Essenspakete aus den amerikanischen Flugzeugen fielen, und man erinnerte sich daran, dass schon die sowjetischen Besatzer seltsame Pakete mit kleinen Fallschirmchen dran abgeworfen hatten – das waren Minen, die jenen Kindern, die sie fanden, Arme und Beine zerfetzten.
In Afghanistan gab es, unmittelbar nach der Befreiung von den Taliban, eine Zeit, in der die Bevölkerung zwischen Westlern, die Schulen bauten, und Westlern, die Krieg führten, unterscheiden konnte und wollte – damals war humanitäre Hilfe, eine begrenzte Zeitspanne lang, möglich, sogar im paschtunischen Süden des Landes. Heute jedoch ist die Unterscheidung längst verwischt. Helfen ist, wie die jüngste Anschlagsserie zeigt, in den meisten Teilen des Landes genauso lebensgefährlich wie kämpfen, beinahe alle Hilfsorganisationen haben ihre Projekte im Süden eingestellt und betrachten die Region als „no-go area“. Dasselbe gilt leider auch für den Irak.
Es ist nicht überall derart dramatisch. Aber Militärs ist grundsätzlich daran gelegen, humanitäre Hilfe für ihre Zwecke einzuspannen. In Pakistan zum Beispiel, in den unzugänglichen Erdbebenregionen in der Unruheprovinz Kaschmir, hat die Armee heute ein Interesse daran, dass Häuser nicht wieder aufgebaut werden, wo sie einmal waren – sondern dass die Menschen in die Täler hinunterziehen. Dort kann man sie zwar tatsächlich besser versorgen, aber natürlich auch besser kontrollieren. NGOs, die beim Transport von Material und Personal logistisch auf Hilfe von Militär- hubschraubern angewiesen waren und an deren Unzuverlässigkeit oft verzweifelten, brauchten eine Weile, um zu begreifen, warum es ständig so viele Pannen gab – die Armee tat das wohl mit Absicht.
Solche Seltsamkeiten und inneren Widersprüche muss man im Journalismus oft mitdenken, und es ist oft schwer, ihnen in einem Text gerecht zu werden, ohne dass dieser Text unlesbar wird. Am Ende jedenfalls ist das vordergründig so einfache Genre „Katastrophenreportage“, in dem man anfangs glaubt, bloß ein paar Tränendrüsen drücken zu müssen, plötzlich intellektuell unglaublich anstrengend und fordernd. Denn man arbeitet sich nicht nur an Emotionen und Klischees ab, sondern auch an beinharten Machtinteressen. Immer muss man außerdem einen ganz grundlegenden Effekt dieser Berichterstattung im Kopf behalten: Wie sehr die Geschichten über Arme und Tote unser Bild über ganze Länder, Regionen und Kontinente prägen. Es stellt sich die Frage: Ist das nicht ein völlig verzerrtes Bild?
Was Afrika betrifft, sind die Verzerrungen offensichtlich. Was aus Afrika an Geschichten zu uns schwappt, klingt, als wäre der ganze Kontinent nur dazu da, unsere Lust an der Apokalypse zu bedienen: Gewalt, Hunger, AIDS, mordende Kindersoldaten, elende Flüchtlingstrecks, schamlose Korruptionsexzesse.
Zunächst hat das technische Gründe: Medien weltweit bauen Korrespondentenstellen und Regionalbüros ab. Umso weniger Chancen haben „normale“ Geschichten aus Politik, Wirtschaft und Kultur, aus den Städten und aus dem Alltagsleben, überhaupt auf den Radarschirm der Medien zu finden. Man schreibt gegen die apokalyptischen Klischees natürlich absichtlich an – nur um daran zu verzweifeln, dass sie doch auch immer wieder wahr sind. Man entkommt den Projektionen nicht, gerade wenn man sich als Weißer in Afrika bewegt – da verfolgen sie einen auf Schritt und Tritt.
Man schleppt zunächst einmal die eigenen Projektionen mit: Die Ausplünderung und Zerstörung gingen einher mit der Romantisierung des Kontinents. Der „edle Wilde“ samt allen Fantasien von der Anmut des armen, naturnahen Lebens in der Savanne spukt noch immer in den Köpfen herum. Im Bild des „armen Hascherls“, das man füttert und das dann dankbar zum edlen Massa aufblickt, wird es wiederbelebt.
Gleichzeitig entledigt sich der Europäer seines schlechten Gewissens, indem er alle Schuld für die afrikanische Misere bereitwillig und ohne viel nachzufragen auf sich nimmt. Was auch immer an Schrecklichkeiten in Afrika passiert – immer ist irgendwie der Kolonialismus schuld. Was wieder auf seine Art rassistisch ist. Denn wieso traut man einem Afrikaner nicht zu, was man für sich selbst selbstverständlich in Anspruch nimmt – nämlich selbst verantwortlich zu sein für das, was man tut? Mein Kollege Bartl Grill, seit Jahrzehnten Korrespondent in Südafrika, hat dazu ein sehr schönes, reflektierendes Buch geschrieben – „Ach, Afrika“ heißt es und deutet schon im Titel einen Hauch von Verzweiflung an.
Grill beschreibt zum Beispiel seine Ratlosigkeit, wenn er auf dem Gelände des Stahlwerks von Ajaokuta steht, in Nigeria. „Ein schwarzer Koloss von pharaonischen Ausmaßen“ ist das, ein Prestigeprojekt des reichen, aufstrebenden Ölstaats Nigeria aus den Siebzigerjahren. Achtzehn Jahre Bauzeit, zweihundertzwanzig Milliarden Euro Kosten, und heute sind es „Staub, Rost, Rankenwerk aus Lianen und Trompetenwinden am Gemäuer“. Drei Dutzend Arbeiter stehen hier herum, hoffen und warten seit zehn Jahren, sie kehren nicht einmal mehr mit dem Besen. „Denn Ajaokuta, das Symbol für Größenwahn und Verschwendung, hat nie auch nur eine einzige Tonne Stahl produziert.“
Man kann sehr wütend werden angesichts solcher Verschwendung, gerade dann, wenn man gleichzeitig die Bilder von Hunger und Elend im Kopf hat, und man neigt dazu, alles für hoffnungslos ausweglos und verkommen zu halten. Auch die Afrikaner selbst scheinen sich manchmal in dieser Rollenverteilung, im institutionalisierten Scheitern, behaglich eingenistet zu haben. „Die Afrikaner glauben immer noch, der Rest der Welt schulde ihnen die Rettung des Kontinents“, schreibt Grill. Er sieht eine „Bettlermentalität“ am Werk, „vom Staatschef bis zum Straßenkind“.
Ein Weißer, der in eine afrikanische Familie einheiratet, wird zur „Henne, die goldene Eier legt“ und von der man erwartet, den ganzen Clan auf Dauer zu alimentieren. Der weiße Patron und das schwarze Dienstmädchen – sie sind gefangen in der Herr-Knecht-Dialektik, in der Ersterer für Zweiteren zu sorgen hat, und am Ende fühlen sich beide ausgenützt. Die Wehleidigkeit macht unfähig zu Analyse und Selbstkritik.
Dabei ist an Afrika und dem Elend beileibe nicht alles so rätselhaft, wie es das Klischee glauben macht. Man kann auch anders, genauer hinschauen, und dann enthüllt sich im „Herz der Finsternis“, wie es so gern (in Anlehnung an Joseph Conrad) genannt wird, eine gar nicht so schwer verständliche Logik. Grill hat diese Logik ebenso beobachtet wie Kapuscinski, und ein paar konkrete Beispiele möchte ich hier nennen.
Etwa die Korruption. Es ist eine Tatsache, dass Menschen, die in afrikanischen Staaten an die Macht kommen, diese Position meistens dazu nützen, ihre eigenen Leute, ihren erweiterten Familienclan, ihre Heimatregion, ihre Ethnie zu versorgen. Das ist nach unseren Moralvorstellungen zutiefst verwerflich (obwohl es selbstverständlich auch bei uns vorkommt), es ist Nepotismus im wahrsten Sinn des Wortes. Nach den Maßstäben der traditionellen afrikanischen Clangesellschaft hingegen ist es keine Schande, sondern – im Gegenteil – die oberste moralische Pflicht, für die eigenen Leute zu sorgen. Das einzige Versicherungssystem, das existiert, ist nämlich der Clan. Indem man Teile dessen, was man hat, stets an Verwandte verteilt, erkauft man sich die Verpflichtung, dass einem im Krisenfall unter die Arme gegriffen wird. Das schließt die Verpflichtung ein, allen, die zu diesem Solidaritätsnetzwerk gehören, etwas abzugeben, wenn man einen Job oder sonst eine Geldquelle – etwa die Bekanntschaft eines Weißen – erschlossen hat.
In afrikanischen Großstädten sieht man oft Sitzkreise unterm Baum oder an einem anderen schattigen Plätzchen: Da sitzen die berufstätigen Migranten aus einer bestimmten Region zusammen und besprechen, was zuhause im Dorf zu reparieren und zu erledigen ist und wie viel man dafür bezahlen wird – es kümmert sich ja sonst keiner darum. Viele afrikanische Städte sind monströse Dörfer, keineswegs anonym, sondern ein komplexes, für Außenstehende unentwirrbares Netzwerk von Solidaritäten, in dem keiner unerkannt entwischen kann.
Jeder Polizist, der für das Abstempeln eines Reisepasses ein paar Dollarnoten auf die Hand entgegennimmt, versorgt damit zwanzig Menschen daheim im Dorf – er hebt praktisch die Gebühr für das staatliche Service selbst ein anstelle des Staates. Das ist kein ganz absurdes, kein ganz willkürliches System: Denn der Staat existiert ja in der Realität tatsächlich meistens nicht – zumindest bietet er seinen Bürgern nichts, was der Rede wert wäre.
Ein Ausländer, der sich über derartige Korruption entrüstet, wird ratlos angeschaut. Entrüstung gäbe es in Afrika nämlich eher im umgekehrten Fall: Jemand kommt an die Macht oder an eine Geldquelle und versorgt seine Leute nicht – es wäre Verrat an jenen Leuten, denen er alles verdankt. Selbst seine Gegner würden so etwas nicht verstehen. „Wer sich in Afrika aus der Gleichheit der Armut befreien will, wird in sie zurückgerissen – durch ein ungeschriebenes Teilungsgebot“, schreibt Grill über ein damit verwandtes Phänomen.
Wer erfolgreich ist, wer sich abhebt, anders sein will, sich über seinen Stand erhebt, ist verdächtig. Man kann das als umgekehrte calvinistisch-kapitalistische Logik interpretieren, die verheerend für die wirtschaftliche Entwicklung ist. Sie verhindert Sparen, unternehmerisches Denken, Zukunftsplanung, Ehrgeiz. Man lebt von der Hand in den Mund und sitzt regungslos am Straßenrand, statt aufzustehen und etwas anzupacken. Diese Apathie, diese Reglosigkeit kann einen Außenstehenden manchmal wahnsinnig machen. Es hat lange gedauert, bis ich zu ahnen begann, woher sie kommen könnte: als ich bei einer Geistheilerin in Westafrika war und dort ein paar Eier gegen einen Baumstamm werfen musste, bevor mir das Medium mit seltsam verdrehten Augen und verstellter Stimme versicherte, es komme eine schwere Zeit auf mich zu, aber es werde alles gut.
Man kann gar nicht unterschätzen, wie allgegenwärtig der Geisterglaube dort ist und welch bestimmende Rolle er im Alltagsverhalten spielt. Wer sichtbar Erfolg hat, bricht in diesem Koordinatensystem eine Regel. Sofort wird über ihn getuschelt: Er hat sich, heißt es, womöglich der Hexerei bedient, er führt etwas im Schilde, er ist ein Geschäft mit einem Zauberer eingegangen, da stimmt etwas nicht. Soll heißen: Es ist in Afrika eine sinnvolle soziale Überlebenstechnik, nie mehr Ehrgeiz zu zeigen als alle anderen.
Um auf den Ausgangspunkt, die humanitäre Hilfe, zurückzukommen: Vor dem Hintergrund dieser sozialen Regeln versteht man erst das unterschiedliche Gesicht, das Flüchtlingskrisen haben können. Es gibt, gerade auch in seminomadischen Gesellschaften, so etwas wie Profi-Flüchtlinge – und diese Bezeichnung ist hier nicht zynisch oder abwertend gemeint. Ich will damit beschreiben, dass Menschen, oft schon in zweiter Generation, gewohnt sind, gemeinsam mit Tieren, Verwandten und Hausrat von Zeit zu Zeit weiterzuziehen, woandershin, wo die Versorgung durch NGOs besser oder die Umgebung sicherer ist – so wie sie einst den Wasserstellen hinterherzogen. Flüchtlingslager haben vieles, was es sonst nicht gibt: Krankenversorgung, Nahrungsmittel, sogar kostenlose Schulen und Ausbildungskurse.
Außenstehende wundern sich manchmal, wie rasant während einer Flüchtlingskrise ökonomische Strukturen in den Lagern entstehen: Kaum haben die Flüchtlinge die erste Nacht im Zelt hinter sich, bauen schon die Näher ihre Nähmaschinen auf, die Friseure ihre Schemel, man geht seinen Geschäften nach, so als sei das alles ganz normal.
Umgekehrt ist die Verwundbarkeit in Afrika besonders groß, sobald diese sozialen Netzwerke reißen – sobald Menschen, in einem Krieg, plötzlich von ihren Herden abgeschnitten sind, von ihrem Land, von der Verwandtschaft, von den Wasserstellen. Allein zu sein, ein „Individuum“, das ist für einen Afrikaner oft nicht nur der soziale Tod. Es ist, gleichzeitig, der physische, wirkliche Tod durch Verhungern.
Abschließend noch eine kleine Geschichte, die viele der losen Enden, die ich hier ausgestreut habe, zusammenführt. Die Geschichte stammt wieder von Kapuscinski, und sie spielt auf der Straße zum Markt von Onitsha, einer Kleinstadt in Nigeria. Dort, mitten in der Straße, ist ein metertiefes Loch. Alle Lastwagen, Autobusse, Autos, Eselskarren müssen vor diesem Loch entladen werden. Dann werden die Fahrzeuge, ohne die Passagiere, mit Seilen händisch durch das Loch gehievt. Dutzende Helfer sind damit beschäftigt, die Ladung die Böschung erst hinunter- und dann wieder hinaufzuschleppen. Das erzeugt natürlich einen langen Stau, und man wartet manchmal ein paar Tage lang, bis es weitergeht.
Deswegen sind Frauen gekommen, um den Wartenden Essen zu verkaufen. Mechaniker und Autowäscher und Reifenflicker und Friseure bieten ihre Dienste an, haben mittlerweile schon Baracken aufgebaut und am Straßenrand Werkstätten eingerichtet. Von dem Loch in der Straße leben bereits hunderte Menschen, ein ganzes Dorf ist rundherum entstanden. Und jeder Tag, den dieses Loch existiert, ist für alle Beteiligten ein Tag Arbeit, ein Tag Essen, ein Tag Leben. Wenn nun ein europäischer Helfer käme, der schnell und effizient etwas zum Besseren ändern will – er würde sich angesichts dieser Szenerie fassungslos an den Kopf greifen und sagen: Warum repariert denn hier niemand endlich das Loch? Die Gegenfrage in Afrika würde lauten: Warum sollte man?
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Es ist etwas passiert. Ein Erdbeben, eine Flutwelle. Die ersten Agenturmeldungen kommen rein – man denkt sich: Schlimm, aber es geht wohl vorbei. Naturkatastrophen sind etwas für Fotografen, fürs Radio, eventuell noch für die Tageszeitung, aber selten etwas für ein Nachrichtenmagazin. Es gibt, im Normalfall, nicht viel dazu zu sagen. Es gibt selten eine zweite Ebene. Sie bergen kein Geheimnis, nichts, was man enthüllen könnte. Es gibt selten etwas, das man erklären, erläutern, problematisieren kann, denn Naturkatastrophen sind eben Natur: Sie passieren einfach so, zufällig, willkürlich, ohne Ziel und Zweck, absichtslos, und die Gefühle der Menschen, die es trifft, sind fast immer und überall ähnlich.
Jenseits des Wissenschaftsressorts, jenseits von Informationsgrafiken über tektonische Platten oder die globale Erwärmung, hat ein Magazinjournalist da normalerweise nicht viel zu tun. Doch es gibt einen Moment, in dem solche Ereignisse kippen – jenen Moment, in dem es schwer ist, überhaupt noch über etwas anderes zu schreiben, weil die Katastrophe eine Sogwirkung erzeugt, der man sich kaum entziehen kann. Da würde es beinahe frivol anmuten, sich über die Gebanntheit der Öffentlichkeit hinwegzusetzen und, zum Beispiel, stattdessen über die ungarische Parlamentswahl zu sprechen, mit dem Argument, die ungarische Parlamentswahl sei in diesen Tagen inhaltlich wichtiger. Das würde einem niemand abnehmen.
Es gibt den Moment, in dem man staunt und mitleidet und wo man den Gedanken schlicht nicht erträgt, dass sich die Welt trotz der Katastrophe einfach weiterdreht, so als sei gar nichts geschehen. Wann der Moment eintritt, der einen „normalen“ Erdrutsch von einer weltbewegenden Katastrophe scheidet, ist recht willkürlich und hängt nicht nur von der Zahl der Opfer, sondern zu einem sehr großen Teil von der räumlichen Entfernung des Ereignisses ab.
Im Fall des Tsunami, am 26. Dezember 2004, passierte der Moment ungefähr, nachdem die Schwelle von zwanzigtausend Todesopfern überschritten war. (Wären, und das sei hier nur in Klammern angefügt, unter den Toten keine österreichischen Touristen gewesen und wäre ein Schauplatz nicht zufällig die gut erschlossene, jedem Europäer bekannte Badeküste von Thailand gewesen, über die leicht und technisch unkompliziert zu berichten war, wäre die Latte der Wahrnehmung wahrscheinlich viel höher gelegen. Wäre man zynisch, was ich nicht bin, könnte man sagen: Zehn Österreicher entsprechen ungefähr zehntausend anderen Opfern.)
Es geht heute also um „Katastrophenberichterstattung“, doch das Wort bezieht sich nicht bloß auf Naturkatastrophen. Hunger und Not können auch von Menschen gemachte Ursachen haben – Umweltzerstörung, Flüchtlingsbewegungen, Krieg, Vertreibungen. Doch das spezielle Kennzeichen des Katastrophengenres im Journalismus besteht darin, genau hier, bei den Ursachen nämlich, keinen Unterschied zu machen.
Auch in Kriegen kann man, wie nach einem Erdrutsch, den Fokus nicht auf die Politik, die Umstände, die Täter, sondern auf die Opfer legen. Die sind, hier wie dort, per Definition Nicht-Handelnde, Ertragende. Sie sind hilflos im wahrsten Sinn des Wortes, wehrlose, massenhafte Verschubmasse, die nicht gefragt wird, weder von der Natur noch von den Feldherren, sondern bloß herumgeschubst wird wie Material.
Sie alle kennen diese Art Reportagen; sie sind meistens, unabhängig vom Schauplatz und vom Anlass, über weite Strecken austauschbar. Versatzstücke im Text sind stets die Tränen in den Augen der Kinder, Verzweiflung, Sprachlosigkeit, Trümmer im Hintergrund, eventuell die Reste eines Fotoalbums im Dreck und, ganz wichtig, Schuldlosigkeit. Opfer im Katastrophenjournalismus dürfen an der Katastrophe, um die es geht, in keiner Weise beteiligt oder in Schuldfragen verwickelt sein.
„Und die Welt schaut tatenlos zu“, ist der Seufzer der Verzweiflung, der Kommentatoren dann entflieht, wenn sie sonst nichts mehr zu sagen wissen. Das bedeutet: Ich bin – echt – erschüttert. Und damit ich mit dieser Erschütterung irgendwie weiterarbeiten kann, muss ich zumindest zum Eingreifen aufgerufen haben. Es kann doch nicht sein, dass ich so etwas Schreckliches gesehen, von so etwas Schrecklichem berichtet habe, und es bleibt folgenlos. Wer ist mit diesem Aufruf gemeint? „Die Welt“, „die internationale Staatengemeinschaft“, das heißt die westlichen Staatenlenker, die UNO, ein Militärbündnis, NGOs oder die privaten Spender. Der Appell an sie unterstellt, diese Akteure seien in der Lage, etwas zum Besseren zu wenden, und es sei die heilige Pflicht der Medien, sie dazu aufzufordern. Es sei, dieser Logik gemäß, Aufgabe des Journalismus, „Druck in der Öffentlichkeit zu machen“, bis der Wille der Wähler so stark werde, dass sich die Politik nicht mehr entziehen könne – und das Leiden endlich beendet.
Mit dieser Geste tut sich zuerst einmal der Journalist selbst gut: Er hat das Gefühl, etwas getan zu haben, und hat von seinem eigenen Berufsstand das Bild vermittelt, politisch handlungsfähig zu sein, und zwar gleich weltweit. Er hat sich seiner Hilflosigkeit publikumswirksam entledigt. Verrät das ein Ego-Problem? So eine Art Mischung aus grenzenloser Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitskomplex, wenn man die Küchentisch-Psychologie bemühen möchte?
Wahrscheinlich schon, aber nicht nur. Selbstzweifel sind menschlich. Man hat als Journalist schon so oft gespürt, wie sinnlos man ist, wenn man von Katastrophen berichtet: Es strecken einem Menschen erwartungsvoll ihre Hände entgegen. Sie sehen die weiße Haut und das Geld, das man mitbringt – und glauben, dass man helfen kann. Man kann ihnen nicht die Wunden verbinden wie ein Arzt oder ihnen Medizin reichen. Man kann kein Trinkwasser herbeischaffen wie ein Logistiker und ihnen kein Haus bauen.
Es gibt kurze Momente, in denen einem die Absurdität dieser eigenen Rolle bewusst wird – wenn man zum Beispiel eine Reportage über hungernde Kinder macht und zwischendurch in einen Müsliriegel beißt. Da kann man gar nicht anders, als sich instinktiv kurz zu fragen: Sollte ich jetzt jemanden abbeißen lassen? Ich erinnere mich auch noch gut an die lange nächtliche Selbstanklage eines Starfotografen, der literweise keimfreies Trinkwasser in Plastikflaschen mitgebracht hatte, das er fürs Filmeentwickeln brauchte, und die Beobachtung nicht ertrug, wie die Kinder rundum aus dreckigen Schlammlöchern tranken. Heute, wo nur noch digital fotografiert wird, gibt es zumindest dieses konkrete Dilemma nicht mehr.
Ein Journalist gibt den Armen nicht nur nichts, er beraubt sie sogar noch: saugt ihnen Geschichten heraus, Wortspenden, Bilder, oft das Allerletzte, das sie noch haben, die Erinnerungen – und lässt sie dann im Rinnstein liegen, während er selbst ins Flugzeug einsteigt und sich eilig davonmacht. Das macht nicht nur ein schlechtes Gewissen; man fühlt sich mitunter sogar als Blutsauger, als Ausbeuter, Krisengewinnler. Denn je schlechter es den Menschen geht, über die man berichtet, desto spektakulärer die Reportage. Soll heißen: je mehr Elend, desto besser für mich. Man hört diesen Vorwurf nicht bloß öfter, als einem recht ist, man macht ihn sich in Momenten der Selbstzweifel natürlich auch selbst.
Und damit man nicht der einzige Profiteur aus der Situation bleibt, braucht die Berichterstattung über das Leid anderer einen Mehrwert, als moralische Rechtfertigung. Die Reportage muss einen Zweck erfüllen, zum Beispiel: wachrütteln, Spenden einbringen, das Leid lindern, helfen, irgendwie. Womit sich allerdings die Frage stellt, die ich am Anfang dieser Vorlesung formuliert habe: Hat diese Zweckgerichtetheit noch etwas mit redlichem Journalismus zu tun? Wie viel Mitleid hält Berichterstattung aus; ist Mitleid, pathetisch gesprochen, mit der Suche nach der Wahrheit überhaupt vereinbar?
Grundsätzlich: Es ist nicht unsympathisch oder verwerflich, auf der Seite der Schwachen zu stehen. Es gibt schließlich genügend andere Disziplinen, die sich jahrzehnte- oder jahrhundertelang die Sichtweise der Handelnden, der Mächtigen zu Eigen gemacht haben – die Diplomatie, die Helden- und Feldherren- geschichtsschreibung. Die Auswirkungen von großer Politik auf die einfachen Menschen zu zeigen, die Verwerfungen und das Durcheinander zu beschreiben, das ein politisches Ereignis im Alltag mit sich bringen kann; Lebenswirklichkeit der Menschen, ihre kleinen Sorgen wichtig zu nehmen und ins Zentrum der Betrachtung zu rücken war in diesem Zusammenhang durchaus ein emanzipatorischer Akt.
Und es wird, zweitens, auch lieber gelesen, weil sich die Mama daheim, die Angst um ihre Kinder hat, eben besser in die indonesische Mama hineindenken kann, die Angst um ihre Kinder hat, als in den indonesischen Feldherrn auf seinem Feldherrenhügel.
Journalisten verwenden, wenn sie diese Art der Reportage beschreiben, sehr schnell das Wort „menscheln“. Das ist ein zynischer Versuch der Distanzierung, der misstrauisch machen könnte. Offenbar halten sie ihre eigenen Sätze nicht für echt. Es klingt fast so, als würden sie das „Menschliche“ nur inszenieren, vorspielen für ein Publikum, das danach verlangt, und als wäre ihnen selbst bei dem, was sie da tun, nicht ganz wohl. Warum bloß?
Ich will im Folgenden versuchen, ein paar Gründen für dieses Unbehagen nachzuspüren. Zunächst: Für Not- und Katastrophenhilfe ist eigentlich jemand zuständig, der das auch tatsächlich professionell weltweit erledigt – staatliche Hilfsorganisationen, NGOs sowie die UNO und ihre Teilorganisationen. Das sind, anders als man sich das vielleicht oft landläufig vorstellt, längst keine rührend bemühten, dilettierenden Gutmenschenvereine mehr, sondern global agierende und nach modernen Managementmethoden organisierte Unternehmen. Hilfe ist ein riesiges, weltumspannendes Geschäftsfeld, und ich meine das Wort „Geschäft“ hier nicht abwertend im kapitalismuskritischen Sinn.
Obwohl diese Organisationen gemeinnützig und nicht auf Profit ausgerichtet sind, also – anders als börsennotierte Konzerne – keine Gewinne ausschütten, sind sie dennoch zum Erfolg gezwungen: Sie beschäftigen hoch bezahlte, begehrte Experten, bieten internationale Karrieren, konkurrieren miteinander um Marktanteile. NGOs sind, zusammengenommen, eine moralische Internationale mit ähnlich viel ökonomischem und politischem Einfluss wie eine staatliche Großmacht. Jede NGO lebt von den Spenden, die sie lukrieren kann. Spenden erhält man, wenn Spender etwas über die eigene Arbeit vor Ort erfahren und indem man sich ein Image aufbaut. Und beides gelingt nur mithilfe der Medien, die über Krisen und einzelne Nothilfeprojekte vor Ort berichten. Die natürliche Allianz zwischen Medien und NGOs entsteht daraus nur logisch. Das fängt schon ganz praktisch an.
Die wenigsten Printmedien haben fixe Korrespondenten in Afrika und Asien, und selbst wenn, dann haben die, zum Beispiel aus der Perspektive Südafrikas oder Nairobis, kaum jene entlegenen Regionen wie etwa den Niger permanent im Blick, in denen sich Hungerkrisen ankündigen. Solche Geschichten beginnen fast immer damit, dass eine NGO Alarm schlägt, in den Redaktionen anruft und einem Reporter anbietet, doch mitzufahren, um sich von der Krise, in der man tätig ist und für die man dringend Mittel braucht, doch selbst ein Bild zu machen.
Ein derartiges Angebot ist sehr hilfreich für einen Redakteur: Er muss sich eine Reise in ein Gebiet, in dem er wahrscheinlich noch nie war, nicht selbst organisieren. Eine NGO vor Ort verfügt meist über ein Quartier, wo man wahrscheinlich auch wohnen kann, Fahrzeuge, Übersetzer, Fahrer, einen Koch, ein Satellitentelefon – oft sind sie überhaupt die Einzigen weit und breit, die eine Infrastruktur haben, von Kabeln bis zu hin zum Stromgenerator. Mitarbeiter einer NGO wissen schon ein bisschen darüber, was in der Region eigentlich los ist.
Man kann mit ihnen Englisch reden. Sie wissen, wie Medien ticken und was sie brauchen, das macht sie zu effizienteren, bequemeren Informanten, als zum Beispiel der örtliche Dorfhäuptling einer ist. Sie können einem, um es brutal zu sagen, sofort die Kinder mit den Hungerbäuchen zeigen, ohne dass man sinnlose, der Höflichkeit geschuldete Umwege macht. Das heißt: Man ist nach spätestens einer Woche wieder daheim, und man muss eigentlich nichts vorbereiten. Fast wie im Reisebüro. Manchmal – und das ist jetzt ein heikler Punkt, der sich von Medium zu Medium unterscheidet – sind solche Reisen sogar Einladungen, bei denen eine NGO die ganzen oder zumindest einen Teil der Reisekosten trägt. Ähnliches gilt im Übrigen auch für Projekte der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit – auch Außenministerium oder Bundeskanzleramt sponsern solche Besichtigungstouren.
Denn auch eine Regierung muss vor dem Wähler rechtfertigen, wofür sie Steuergeld ausgibt, und hat ein Interesse daran, ihr erfolgreiches Arbeiten in der Öffentlichkeit herzuzeigen. Das also sind die Rahmenbedingungen, unter denen die allermeisten jener Reportagen entstehen, in denen auf ein „drängendes humanitäres Problem“, eine „vergessene Flüchtlingskrise“ oder Ähnliches aufmerksam gemacht wird.
Ihnen gemeinsam ist, dass die einzigen „normalen“, nicht leidenden Menschen, die in ihnen vorkommen, meist westliche Ausländer sind. Das ist nicht prinzipiell verwerflich, ein den Inhalt verzerrendes Problem muss man dabei allerdings im Auge behalten: Wenn Journalisten und Nothelfer schon mal vor Ort sind, haben sie ein gemeinsames Interesse daran, dass die Krise tatsächlich so dramatisch ist, wie man angenommen und den Lesern versprochen hatte. Die „doch nicht so schlimme Hungersnot im Sudan“ kann man weder einem Chefredakteur verkaufen noch rechtfertigt sie die Spesen noch ist es ein guter Titel für einen Spendenaufruf. Ebenso wenig eignet sich eine Erkenntnis wie „Es ist ziemlich schlimm hier, aber es gibt nichts, was man sinnvollerweise tun könnte“.
Ich will damit sagen, dass Katastrophen-Journalismus unmittelbar vielen Beteiligten gut tut: Den Journalisten, den Helfern, dem spendenden Publikum, alle fühlen sich anschließend moralisch ein bisschen besser. Wem er vor Ort gut tut, muss allerdings erst noch bewiesen werden – und das ist definitiv eine andere Geschichte.
Die Lebensweisheit, dass gut gemeint oft das Gegenteil von gut ist, gilt auch hier. Um es mit einer kleinen Anekdote zu illustrieren, die mir ein Care-Mitarbeiter gestern erzählt hat: Der bekam einen Anruf von einem leitenden Telekom-Manager, der sagte, er wolle sein Leben ändern, aussteigen aus der Karriere und etwas Sinnvolles tun – am liebsten irgendwo Schutt schaufeln, und ob man ihn nicht in ein Krisengebiet mitnehmen könne. Das ist eine rührende und nicht unsympathische Regung, und wahrscheinlich täte es dem Manager am Ende für seine Herzensbildung und seinen Lebenslauf tatsächlich gut. Bloß gibt es in keiner Krise dieser Welt einen derart drängenden Mangel an Menschen, die Schutt schaufeln können, dass man dafür einen Telekom-Manager in der Midlife-Crisis einfliegen müsste.
Ein anderes Beispiel: die Lagerhallen voll mit Stofftieren, die für die Waisenkinder von Brokern nach 9/11 gespendet wurden – obwohl gerade die Kinder von New Yorker Brokern wahrscheinlich keinen großen unerfüllten Bedarf an Stofftieren haben. Für die Stofftierhalde musste, wie ich gelesen habe, eine ganze Lagerhalle in einem Flugzeughangar angemietet werden. Die unnützen Kosten für die Miete wurde man erst los, als man die Halle Monate später klammheimlich räumte und das Zeug wegwarf.
Ich will die Katastrophen-Eigendynamik, die stets eine unglaubliche Sogwirkung erzeugt, am Beispiel des Tsunami konkret erläutern. Erstes Gesetz: Das Fenster der Erschütterung ist nur sehr kurz offen. Ressourcen, die man nicht sofort kriegt – als Faustregel gilt: in den ersten zwei Wochen –, kriegt man nie mehr. Das heißt: Jede Organisation muss bei einem Mega-Ereignis sofort aufspringen, mit dabei sein, sich ihren Platz im Aufmerksamkeitsslot sichern. Wer es geschickt macht, sichert sich wertvolle „fifteen minutes of fame“, auch wenn er ganz schnell hin- und ganz schnell wieder wegfährt. So bekommt das Spendenbusiness den Charakter eines Wanderzirkus, in dem auch die unseriöseste Gruppe am „Glanz“ der großen Katastrophe mitzunaschen versucht. (Ich habe in Ruanda Schönheitschirurgen getroffen, die im ersten Schock von ihren Patientinnen Geld gesammelt und ihnen versprochen hatten, damit Bachblütentherapien für traumatisierte ruandische Waisenkinder anzubieten.)
Solche Leute, insbesondere die unprofessionellsten, steigen einander natürlich vor Ort gegenseitig auf die Füße, es gibt ein Gerangel um die prestigeträchtigsten und fotogensten Opfer, die besten Lagen für Projekte, es ist wie auf einem überhitzten Immobilienmarkt. Dass einige Opfer sympathischer sind als andere und Kinder immer am sympathischsten von allen, hat zur Folge, dass immer alle Schulen und Waisenhäuser bauen wollen. Nach dem Tsunami gab es dafür kaum Bedarf – es waren kaum Schulen zerstört, weil die selten direkt am Meer standen. Es gab auch relativ wenige Waisenkinder. Die Mehrzahl der Opfer waren Frauen und Kinder, die meisten der traumatisierten Überlebenden sind Männer, die oft ihre ganze Familie verloren haben.
Die Gründe dafür sind vielschichtig, und sie lassen psychologisch und soziologisch tief blicken: Sicher konnten die Männer eher schwimmen als die Frauen. Vielleicht spielte auch das Gewand eine Rolle. Oder die Tatsache, dass eine Frau vielleicht doch noch eher einmal zurücklief, um ein Kind zu suchen, statt sich selbst in Sicherheit zu bringen, oder den Arm eines Kindes eine Minute länger festhielt. Es liegt aber auch in den Familienstrukturen und der Arbeitsteilung begründet: Die Welle kam am Sonntagvormittag. Da waren die Frauen und die kleineren Kinder vor den Hütten am Strand, die Männer waren Besorgungen machen oder arbeiten oder aber draußen auf dem Meer beim Fischen. Ich habe im indonesischen Aceh viele allein stehende Männer getroffen, die damals von der Arbeit nachhause rannten, und ihre Hütte samt Familie war weg.
Auffallend viele junge Männer leben heute in Obdachlosenzelten, Alleinerzieher mit vielleicht einem Kind, das zufällig überlebte, in einer Art Wohngemeinschaft mit anderen Männern, die sich mit bitterer Schicksalsergebenheit darüber beklagen, dass sie jetzt kochen müssen, ohne es zu können. Allein erziehende Männer habe ich als Zielgruppe für Hilfsprojekte allerdings nirgendwo speziell beworben gesehen – vielleicht weil es den gängigen Klischees widerspricht. Spender sind nämlich sehr selektiv, wem ihre Sympathie gilt.
Es sind natürlich nicht die tatsächlich Bedürftigsten, denen am schnellsten geholfen wird, sondern jene, die man am besten erreicht, beziehungsweise jene, die symbolisch und emotional am meisten hergeben. Spender in Österreich zum Beispiel mochten während des Bosnien-Kriegs die Serben nicht. „Nachbar in Not“ lieferte etwa zu gleichen Teilen auf die serbische und auf die kroatisch-muslimische Seite der Front; Ersteres musste in der Öffentlichkeit allerdings tunlichst verschwiegen werden, sonst hätte es einen Spendeneinbruch gegeben. Andere Spender haben zum Beispiel ein romantisches Faible für Fischer, insbesondere in Nationen, die selbst zur See fahren.
In Aceh gibt es deswegen heute jede Menge Fischerprojekte und Bootsbauer, überall stehen frisch gezimmerte Boote herum. Die wurden allerdings seltsam uneuphorisch entgegengenommen und eigentlich gar nicht gebraucht, denn es fuhr – zumindest ein halbes Jahr nach dem Tsunami – in Banda Aceh nirgendwo jemand aufs Meer. Die meisten Fischer wollten nach dem Schock anderswo neu anfangen und träumten von einem Job als Taxifahrer oder in einer Shrimpsfarm.
Mit solchen Problemen will ein Spender allerdings nicht unbedingt belästigt werden, und man will ihn nicht gleich vor den Kopf stoßen. Auch widerspricht man ihm ungern, wenn er, wie immer, sein Bedürfnis äußert, „nicht für irgendwelche anonymen Apparate“, sondern „ganz konkret und nachvollziehbar“ helfen zu wollen. Am liebsten will er sich, plakativ gesprochen, vorstellen können, welches konkrete Kind vor Ort seinen abgetragenen gespendeten Wollpullover anhat.
Man sagt es selten laut – aber der geschmähte „Apparat“, die Organisation, die professionellen Verteilungsstrukturen sind beim Helfen wahrscheinlich das Wichtigste überhaupt. Nach dem Erdbeben in Kaschmir im vergangenen Jahr waren die Täler dort mit Kleidern übersät – die hatten Lkws dort einfach abgeladen. Die Erdbebenopfer hatten die Haufen zwar nach Brauchbarem durchwühlt, doch das meiste liegen gelassen – es sind sehr konservative Menschen dort, die ziehen ihren Mädchen eben keine Barbie-T-Shirts an, und in traditionellen Gesellschaften bleiben solche Regeln auch im Krisenfall sehr, sehr wichtig.
Sachspenden sind überhaupt fast immer und überall von Übel. Bei Care ging nach dem Tsunami das Angebot einer Mineralwasserfirma ein – „Wir haben hier eine Million Flaschen im Lager, wollen Sie die nicht nach Thailand schaffen?“ Die Antwort war: natürlich nicht. Nicht nur wegen der Logistik des Sammelns, des Transports und der Verteilung, die um ein Vielfaches mehr gekostet hätten, als die Sachspende wert war. Sondern wegen eines grundlegenden Missverständnisses: Es ist ja fast immer, von fast allem, genug da in der unmittelbaren Katastrophenumgebung. Pakistan zum Beispiel ist der weltweit größte Produzent von Zelten, spezialisiert auf standardisierte Flüchtlingszelte. Es gibt in Sri Lanka Decken zu kaufen, in Indien Plastikplanen und Wasserkanister zuhauf – darauf, dass es sogar in der ärgsten Hungersnot meist genug Nahrungsmittel in der Region gibt, komme ich noch ausführlich zurück.
Das Bedürfnis, seiner Geldspende ein wiedererkennbares Mascherl dranzuhängen, steht meist in krassem Widerspruch zum Gebot der Effizienz. Am sinnvollsten sind fast immer unpersönliche Maßnahmen, nämlich Investitionen in die Infrastruktur. Das hieße: Statt Flaschen zu verteilen oder statt eine Wasseraufbereitungsanlage einzufliegen, wie es das österreichische Bundesheer in Sri Lanka tat (wo dann die Reinigung eines Liters Wasser fünf Euro kostete), täte man besser daran, das defekte Wasserrohr zu reparieren. Oder eine Brücke, eine Straße zu richten, damit die Lastwagen mit Baumaterial fahren können. Doch das Gefühl der Spender verlangt nach dem Gegenteil: das eine Kind kennen zu lernen, dem man etwas zu trinken gibt.
Sie kennen sicher die Kinderpatenschaften von World Vision – wo Spender in regelmäßigen Abständen Bilder von „ihrem“ ganz konkreten Kind zugeschickt bekommen, dem sie geholfen haben. Stellen Sie sich vor, es wäre tatsächlich so, dass dieses eine Kind das überwiesene Geld persönlich ausgehändigt bekäme: Was würde das für die Familien, das Dorf, die Infrastruktur bedeuten? Nichts Gutes wahrscheinlich, es wäre dem Entwicklungsziel kaum dienlich und täte auch dem Kind nicht gut. Selbstverständlich wird es von World Vision vor Ort auch nicht so gehandhabt. Bloß: Ist es tatsächlich notwendig, dem Spender die Illusion vorzuspielen – und ist das nicht Betrug?
Eigentlich ist es Betrug, zumindest ist es Täuschung, und meiner Meinung nach muss das gar nicht sein, wie ein weiteres Beispiel zeigt. Ärzte ohne Grenzen (MSF) tat nach dem Tsunami etwas noch nie da Gewesenes. Ärzte ohne Grenzen ist eine der professionellsten Hilfsorganisationen, spezialisiert darauf, mit ausgeklügelter Logistik im Krisenfall als allererste vor Ort zu sein. Wenige Stunden nach dem Tsunami hatte MSF bereits mehr an Spenden eingenommen, als sie für ihren Einsatz sinnvoll ausgeben konnte – und sagte das auch öffentlich. „Bitte keine Spenden mehr“, war die Botschaft, die wie eine Bombe einschlug und viele andere Organisationen sehr böse machte.
Doch langfristig hat diese Ehrlichkeit nicht geschadet. Die Spender wurden einzeln angerufen, um sie zu fragen, ob sie ihr Geld auch für ein anderes Projekt umwidmen würden – die Allerwenigsten sagten nein. Andere Organisationen, die ebenfalls unter dem Ungleichgewicht litten – viel zu viel Geld für Tsunami-Opfer, viel zu wenig für vergessene Krisen –, taten daraufhin Ähnliches. Und vielleicht hat die öffentliche Debatte darüber sogar einen Lernprozess in Gang gesetzt – darüber, wie unproduktiv der Krisen-Hype sein kann und dass es aus Laiensicht meist zielführender wäre, die Organisation seines Vertrauens selbst entscheiden zu lassen, wo das Spendengeld, das man ihr gibt, am dringendsten gebraucht und am effizientesten eingesetzt werden kann.
Noch ein Problemfeld: Kritische Spender bestehen darauf, rasche, vorzeigbare Ergebnisse zu sehen. In Aceh ist mir deutlich geworden, dass genau das ebenfalls eine Falle sein kann. An der betroffenen Küste existierte nämlich – gar nichts. Ganze Stadtviertel von Banda Aceh hatte die Welle dem Erdboden gleichgemacht, anderswo hatte sie die Erde verschoben und ganze Dörfer für immer unter den Meeresspiegel versenkt. Was hätte man da schnell wieder aufbauen sollen? Erst waren ein paar Fragen zu klären: Wer würde da überhaupt noch wohnen wollen? Hatten überhaupt genug Menschen überlebt und würden die, die überlebten, hierbleiben? Wird es für sie Arbeit geben? Soll man die Stadt ins Landesinnere verschieben? Eine neue Überschwemmungszone mit Bauverbot zwischen Häusern und dem Meer errichten? Auf welchem Grund und Boden? Wem gehört der?
In jenem Moment, in dem viele Ausländer mit Geld in der Hand dastehen und es dringend ausgeben wollen, steigen die Grundstückspreise klarerweise ins Astronomische. Darf man diese Spekulation unterstützen, indem man jeden Preis zahlt? Andere Fragen: Soll man, wenn man Häuser plant, vorher rechtliche Fragen klären, Bewilligungen einholen, was an einem Ort wie Indonesien natürlich dauern kann, oder einfach drauflosbauen? Ersteres kann Schmiergelder kosten, Letzteres kann später Schmiergelder kosten, indem es einen erpressbar macht.
Seriöse Organisationen, die das Land und die Gesellschaft kennen, in der sie arbeiten, lassen sich oft Zeit – und hüten sich davor, Projekte aus dem Boden zu stampfen, ohne die Betroffenen ausführlich einzubeziehen. Es wird nämlich fast immer unterschätzt, wie massiv ein plötzlicher Geldfluss in einer armen Region in die sozialen Strukturen eingreifen kann. Um nur ein kleines Beispiel zu bringen: Ein Dorf ist von der Welle verschluckt und es sollen neue Häuser gebaut werden. Kriegt dann jeder ein neues Haus oder nur jene, die vorher auch schon eines hatten? Kriegt ein Reicher wieder ein großes Haus und der Arme bloß wieder eine Hütte? Das wäre irgendwie seltsam – aber mit welcher Legitimation dekretiert man als landesfremde NGO Verteilungs- gerechtigkeit, wo vorher, selbstverständlich, auch keine war?
Oder: Vor der Katastrophe gehörten die Boote in Indonesien meist gar nicht den Fischern selbst, sondern meist größeren Unternehmern, die sie vermieteten. Fische wurden praktisch auf Kommission gefangen. Diese Unternehmer, meist Angehörige der chinesischen Minderheit, waren weder vor noch nach der Katastrophe wirklich bedürftig: Solche Menschen bewahren ihr Vermögen nicht unter der Matratze in der weggeschwemmten Hütte auf, sondern, wie unsereiner, auf dem Bankkonto, und das war vom Tsunami unberührt. Sollte man jetzt denen neue Boote schenken, damit sie sie wieder vermieten konnten? Oder sollten die Hilfsorganisationen diese Eigentumsregeln außer Kraft setzen und den Fischern eigene Boote geben? Allerdings: Mit welchem Recht, von wem legitimiert, mischt man sich in so etwas eigentlich ein? Haben Helfer ein Mandat zur Änderung des Wirtschaftssystems?
Ein anderes Beispiel, das die Willkür und Absurdität mancher Entscheidungen zeigt: Es gab, etwa an der Ostküste von Sri Lanka, nicht nur Obdachlose nach dem Tsunami, sondern, seit Jahrzehnten schon, auch tausende Obdachlose nach dem Bürgerkrieg. Beide leben jetzt in Lagern, oft denselben. Ersteren soll man jetzt helfen, aber Letzteren, die gleich daneben leben, nicht? Weil ihre Not nicht von der Natur, sondern von anderen Menschen gemacht wurde?
Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich will hier keine Liste von Sündenfällen der Nothilfe erstellen und nicht behaupten, dass man am besten gar nichts tun solle auf der Welt. Ich will ebenso wenig propagieren, dass man der Natur einfach ihren Lauf lassen soll, dass man sich am eigenen Wohlstand freuen und sich vom Leid anderer nicht belästigen lassen soll. Ich will allerdings, in einer Zeit, in der PR und Journalismus immer mehr ineinander verschwimmen, darüber nachdenken, wo im globalen humanitären Geschäft die Aufklärung ihren Platz hat.
Weil nämlich, am Ende des Tages, nicht Spendenmaximierung, sondern Aufklärung die Aufgabe von Journalismus ist. Das ist schwer genug. Alles, was ich tue, hat nämlich Folgen und findet in einem gesellschaftlichen Zusammenhang statt, den man, trotz bester Absichten, manchmal nicht ganz durchschaut. Journalismus jenseits der PR hätte den Auftrag, über den unmittelbaren Anlass hinauszudenken. Die Erkenntnis, zu der man dabei kommt, ist allerdings nicht so angenehm für alle, die helfen wollen.
Sie lautet: Wer einmal eingreift, kommt so einfach nicht mehr raus. Denn von einem Tag auf den anderen alles liegen und stehen zu lassen und sich davonzustehlen ist meistens noch verheerender, als gar nicht erst zu kommen. Man muss gar nicht weit weg schauen, bloß auf den Balkan, um Anschauungsmaterial dafür zu finden, wie radikal eine plötzliche internationale Einmischung eine Gesellschaft umkrempeln kann. Wenn ein Krieg vorbei ist und die Internationalen einreiten, dreht das auf einen Schlag die Machtverhältnisse um.
Im Großen: Der Staat und seine – meist diskreditierten – Institutionen verlieren ihre Autorität und haben nichts mehr zu sagen; die Polizei, die Soldaten, die eben noch Angst und Schrecken verbreiteten, stehen unter Beobachtung oder haben ausländische Konkurrenz; und jene, die es gewohnt waren, über Gedeih und Verderb ihrer Untertanen zu bestimmen, werden von den Ausländern beiseite gedrängt. Dass das konfliktträchtig ist, ist logisch.
Nach dem Umsturz in Afghanistan, als die Regierung mit amerikanischem Segen eingesetzt war, gab es einige unschöne Szenen mit Ministern, die auf der Suche nach Unterstützung im Westen herumfuhren und versuchten, die weltweit versprochenen Hilfsgelder einzusammeln. Sie waren sehr erstaunt, als man ihnen kühl beschied: Na, euch geben wir das Geld sicher nicht in die Hand – wer weiß, was ihr damit macht. Wir finanzieren unsere Projekte in Afghanistan lieber direkt per Geldboten und suchen uns selbst aus, wen wir unterstützen. Es ist ja schließlich unser Geld.
Das Muster der Entmachtung wiederholt sich im Kleinen. Plötzlich hat nicht mehr der Halbstarke mit der größten Waffe die besten Karten, sondern womöglich die Studentin mit den besten Fremdsprachenkenntnissen. Diese Menschen verdienen, als Übersetzerinnen zum Beispiel, plötzlich viel Geld, gewinnen an Status – und beeinflussen durch ihre Übersetzungen oft sogar maßgeblich, wie die Helfer das Land wahrnehmen und wo sie ihre Prioritäten setzen.
Einerseits tut das einer vom Krieg geschundenen Gesellschaft natürlich gut; andererseits schürt es neue Verteilungskämpfe. Und es führt manchmal zu gefährlichen Verzerrungen. Ob im Kosovo, in Afghanistan oder in Liberia: Die internationale Invasion lässt die Mieten in die Höhe schnellen, ebenso die Preise für bestimmte Waren und Dienstleistungen, die sich Einheimische dann gar nicht mehr leisten können. Und, vor allem: Der internationale Sektor saugt sehr schnell alle Expertise des Landes auf. Lehrer und Chirurgen, die Englisch können, geben sofort ihren Job auf und heuern als Fahrer oder Übersetzer an. Das ist schön für die Expats, aber verheerend fürs Land.
Noch vorsichtiger muss man mit Nahrungsmittellieferungen sein – die ganz massiv in die einheimischen Märkte und ins Leben der Bauern eingreifen. Sie kennen den Norden Kenias, die Region um den Turkana-See vielleicht aus dem Film „Der ewige Gärtner“. Das ist karges Weideland, wo nie mehr als ein paar hundert Hirten mit ihren Herden lebten. Nun gab es eine Dürre, und das World Food Programme schickte Lebensmittel. Seither sind fünfzehntausend Menschen in die Region zugewandert und warten dort apathisch auf die nächste Lieferung von amerikanischem Mais; die Menschen haben inzwischen jede Initiative und ihre traditionelle Weidewirtschaft aufgegeben und hängen in einer Ödnis herum, die eigentlich zum Leben gar nicht geeignet ist.
Gleichzeitig gibt es gar nicht weit entfernt, im Westen Kenias, Rekordernten an Mais, die in den Silos verrotten, weil es sich nicht auszahlt, sie kilometerweit über schlechte Straßen zu schaffen und zu verkaufen, wenn der US-Mais kostenlos ist. In demselben Land werden also gleichzeitig Bauern um ihre Existenz gebracht. Das ist ein kleines, aber typisches Beispiel für die Problematik, das ich vor ein paar Tagen erst willkürlich aus dem Spiegel herausgegriffen habe.
Aus eigener Anschauung habe ich die Pervertierung von Hilfe zum Beispiel im Südsudan gesehen. Lokichokio in Kenia ist die Basis der „Operation Lifeline Sudan“. Abwerfen, zurück, einladen und wieder los: Das ist die größte Luftbrücke seit Berlin, eine Operation, die täglich achthunderttausend Dollar kostet. Aus den Hercules- Transportmaschinen werden jeden Tag mehrmals die weißen Säcke mit Linsen, Bohnen, Mais abgeworfen, ein Fünftel des gesamten Nahrungsmittelbedarfs dort unten. Dort unten war jahrelang Krieg. Und es stellt sich die berechtigte Frage, ob diese Hilfe diesen Krieg nicht verlängert hat.
Das kommt so: Nach westlichen Moralvorstellungen brauchen immer die Schwächsten, die Ärmsten Hilfe am dringendsten – die Witwen, die Säuglinge, die Flüchtlinge. Nach dem Verständnis der Menschen im Südsudan hingegen brauchen am dringendsten die Wichtigen Hilfe: die Soldaten, die Beschützer, die Dorfchefs. (Im Kleinen kann man diese Logik an der Mutter beobachten, die mit einem hungernden Baby ins Fütterungszentrum kommt, um mit den Rationen, die sie dort erhält, ihre anderen, stärkeren Kinder zu ernähren. Ein hungerndes Kind hungrig zu halten ist somit die Überlebensgarantie für alle anderen.)
Auf die große Politik umgelegt, hat sich im Sudan über die Jahre hinweg ein ausgeklügeltes Verteilungssystem der Nahrungsmittelhilfe etabliert, das am Ende die Warlords alimentierte. Sie hatten, weil etwas vom Himmel fiel, jeden Tag wieder etwas zu verteilen, was ihnen treue Anhängerschaft und gut genährte Soldaten sicherte. Es gab, in einer Gegend, in der es sonst kaum etwas gibt, plötzlich eine attraktive Ressource, um die es sich zu kämpfen lohnte.
Ein politisch und moralisch noch viel schlimmeres Beispiel: Sie erinnern sich wahrscheinlich an die Bilder von der Massenflucht aus Ruanda im Jahr 1994. Kurz zuvor waren eine halbe Million Menschen umgebracht worden, mehrheitlich Angehörige der Tutsi-Minderheit. Wenige Monate später gab es einen riesigen Flüchtlingstreck aus dem Land heraus, einen Exodus von biblischen Ausmaßen nach Tansania und nach Goma im östlichen Kongo. Es war ein Anblick, der einem den Atem raubte – und der sich mit den kurz zuvor gehörten, Grauen erregenden Berichten über den Völkermord zu einer einzigen apokalyptischen Szenerie vermischte.
Ich bin mir heute, aus der zeitlichen Distanz, nicht sicher, wie viele Leser damals kapierten, dass die Flüchtlinge, die sie auf diesen schrecklichen Bildern sahen, nicht die Opfer des Völkermords waren, sondern die Täter. Die flohen, aus Angst vor Rache und Bestrafung, vor der vorrückenden Tutsi-Armee. Den Lesern, aber auch vielen Journalisten und professionellen Helfern reichte die Information, dass diese Menschen wie Opfer aussahen und dass sie massenhaft an der Cholera starben, um sofort hinzufahren und zu helfen. Doch die wirkliche, widersprüchlichere Geschichte, mit all ihren politischen Abgründen, wurde erst in den Monaten danach deutlich.
Diese wirkliche Geschichte war folgende: Die Hutu-Milizen, die den Massenmord ausgeführt hatten, nahmen die Hutu-Zivilbevölkerung praktisch als lebende Schutzschilde auf ihrer Flucht mit; die eigentlich gar keine Flucht, sondern ein wohl organisierter Umzug der Massen war. Die hunderttausenden wurden jenseits der Grenze von einer Rekordzahl an internationalen Helfern empfangen, in riesigen Zeltlagern untergebracht und fast ein Jahr lang mit Lebensmitteln und medizinischer Hilfe versorgt. Von diesen Lagern aus führten die Hutu-Milizen, nunmehr gut gefüttert, ihren Krieg munter weiter – gegen die überlebenden Tutsis jenseits der Grenze, die jetzt an der Macht waren. Bessere militärische Basislager als die von der UNO geschützten und finanzierten Camps konnte es gar nicht geben.
Nicht nur, dass die internationalen Helfer mit dieser Aktion riesige Mittel aus humanitären Budgets dafür verwendeten, Massenmörder vor Verfolgung zu schützen – sie hielten auch hunderttausende Mitläufer davon ab, nach Ruanda zurückzukehren, sich mit den neuen Machtverhältnissen zu arrangieren und ein neues ziviles Leben zu beginnen. Die Lager waren der Quell neuer Gewalttaten und Kriege, der totalen Destabilisierung Zentralafrikas, inklusive mehrerer Umstürze im Kongo, ehe die ruandische Armee dem Spuk ein Ende machte und die Lager gewaltsam räumte.
Rückblickend war es ein schrecklicher, peinlicher Sündenfall der angeblich unparteiischen humanitären Hilfe, und es war schwer, in diesem Umfeld den „richtigen“ Journalismus zu machen. Es bedeutete, sich dem zu entziehen und dem zu widersprechen, was die Szenen und Bilder vordergründig aussagten: Hier sterben arme Menschen, wir müssen ihnen helfen. Die Versuchung, die Geschichte, den Kontext des Leidens, alles auszublenden, was verwirren könnte, war groß. Dieser Versuchung nachzugeben war inhaltlich und moralisch jedoch verheerend.
Ein anderes Beispiel für eine inhaltliche Falle ist die Vermischung von Militäroperationen und humanitärer Hilfe. Gerade in Ländern, die den Pazifismus hochhalten, tut man gern so, als wäre die Aufgabe eines Heeres gar nicht das Kriegführen, sondern das Schützen, Retten und Helfen (wie es in der Terminologie des österreichischen Bundesheeres heißt). Soldaten im Feldlazarett, die in Albanien Kranke betreuen, die Trinkwasser für die Tsunami-Opfer in Sri Lanka aufbereiten oder beim Häuserbauen im Kosovo helfen – so sieht man Soldaten gern. Und Journalisten sind gern bereit, sie dabei zu loben und zu ermuntern. Sogar Armeen wie die amerikanische haben inzwischen gelernt, dass man Kriege am besten mit humanitären Zielen rechtfertigt – und schicken bei militärischen Interventionen gern ein paar Care-Pakete mit.
Im wirklichen Leben allerdings ist genau diese Verwirrung zwischen militärischen und humanitären Aufgaben kontraproduktiv. Nichts ist der effizienten Hilfe für die Zivilbevölkerung in Kriegsgebieten schädlicher, als wenn sie mit den Kriegszielen verwoben wird. Die Glaubwürdigkeit, die die lokale Bevölkerung einer NGO oder einer UNO-Organisation entgegenbringt, steht und fällt damit, dass sie als unparteiisch wahrgenommen wird – und nicht als Vorhut oder ziviler Spionagetrupp des Militärs. In Afghanistan zum Beispiel war die Ratlosigkeit riesengroß, als statt der Bomben plötzlich gelbe Essenspakete aus den amerikanischen Flugzeugen fielen, und man erinnerte sich daran, dass schon die sowjetischen Besatzer seltsame Pakete mit kleinen Fallschirmchen dran abgeworfen hatten – das waren Minen, die jenen Kindern, die sie fanden, Arme und Beine zerfetzten.
In Afghanistan gab es, unmittelbar nach der Befreiung von den Taliban, eine Zeit, in der die Bevölkerung zwischen Westlern, die Schulen bauten, und Westlern, die Krieg führten, unterscheiden konnte und wollte – damals war humanitäre Hilfe, eine begrenzte Zeitspanne lang, möglich, sogar im paschtunischen Süden des Landes. Heute jedoch ist die Unterscheidung längst verwischt. Helfen ist, wie die jüngste Anschlagsserie zeigt, in den meisten Teilen des Landes genauso lebensgefährlich wie kämpfen, beinahe alle Hilfsorganisationen haben ihre Projekte im Süden eingestellt und betrachten die Region als „no-go area“. Dasselbe gilt leider auch für den Irak.
Es ist nicht überall derart dramatisch. Aber Militärs ist grundsätzlich daran gelegen, humanitäre Hilfe für ihre Zwecke einzuspannen. In Pakistan zum Beispiel, in den unzugänglichen Erdbebenregionen in der Unruheprovinz Kaschmir, hat die Armee heute ein Interesse daran, dass Häuser nicht wieder aufgebaut werden, wo sie einmal waren – sondern dass die Menschen in die Täler hinunterziehen. Dort kann man sie zwar tatsächlich besser versorgen, aber natürlich auch besser kontrollieren. NGOs, die beim Transport von Material und Personal logistisch auf Hilfe von Militär- hubschraubern angewiesen waren und an deren Unzuverlässigkeit oft verzweifelten, brauchten eine Weile, um zu begreifen, warum es ständig so viele Pannen gab – die Armee tat das wohl mit Absicht.
Solche Seltsamkeiten und inneren Widersprüche muss man im Journalismus oft mitdenken, und es ist oft schwer, ihnen in einem Text gerecht zu werden, ohne dass dieser Text unlesbar wird. Am Ende jedenfalls ist das vordergründig so einfache Genre „Katastrophenreportage“, in dem man anfangs glaubt, bloß ein paar Tränendrüsen drücken zu müssen, plötzlich intellektuell unglaublich anstrengend und fordernd. Denn man arbeitet sich nicht nur an Emotionen und Klischees ab, sondern auch an beinharten Machtinteressen. Immer muss man außerdem einen ganz grundlegenden Effekt dieser Berichterstattung im Kopf behalten: Wie sehr die Geschichten über Arme und Tote unser Bild über ganze Länder, Regionen und Kontinente prägen. Es stellt sich die Frage: Ist das nicht ein völlig verzerrtes Bild?
Was Afrika betrifft, sind die Verzerrungen offensichtlich. Was aus Afrika an Geschichten zu uns schwappt, klingt, als wäre der ganze Kontinent nur dazu da, unsere Lust an der Apokalypse zu bedienen: Gewalt, Hunger, AIDS, mordende Kindersoldaten, elende Flüchtlingstrecks, schamlose Korruptionsexzesse.
Zunächst hat das technische Gründe: Medien weltweit bauen Korrespondentenstellen und Regionalbüros ab. Umso weniger Chancen haben „normale“ Geschichten aus Politik, Wirtschaft und Kultur, aus den Städten und aus dem Alltagsleben, überhaupt auf den Radarschirm der Medien zu finden. Man schreibt gegen die apokalyptischen Klischees natürlich absichtlich an – nur um daran zu verzweifeln, dass sie doch auch immer wieder wahr sind. Man entkommt den Projektionen nicht, gerade wenn man sich als Weißer in Afrika bewegt – da verfolgen sie einen auf Schritt und Tritt.
Man schleppt zunächst einmal die eigenen Projektionen mit: Die Ausplünderung und Zerstörung gingen einher mit der Romantisierung des Kontinents. Der „edle Wilde“ samt allen Fantasien von der Anmut des armen, naturnahen Lebens in der Savanne spukt noch immer in den Köpfen herum. Im Bild des „armen Hascherls“, das man füttert und das dann dankbar zum edlen Massa aufblickt, wird es wiederbelebt.
Gleichzeitig entledigt sich der Europäer seines schlechten Gewissens, indem er alle Schuld für die afrikanische Misere bereitwillig und ohne viel nachzufragen auf sich nimmt. Was auch immer an Schrecklichkeiten in Afrika passiert – immer ist irgendwie der Kolonialismus schuld. Was wieder auf seine Art rassistisch ist. Denn wieso traut man einem Afrikaner nicht zu, was man für sich selbst selbstverständlich in Anspruch nimmt – nämlich selbst verantwortlich zu sein für das, was man tut? Mein Kollege Bartl Grill, seit Jahrzehnten Korrespondent in Südafrika, hat dazu ein sehr schönes, reflektierendes Buch geschrieben – „Ach, Afrika“ heißt es und deutet schon im Titel einen Hauch von Verzweiflung an.
Grill beschreibt zum Beispiel seine Ratlosigkeit, wenn er auf dem Gelände des Stahlwerks von Ajaokuta steht, in Nigeria. „Ein schwarzer Koloss von pharaonischen Ausmaßen“ ist das, ein Prestigeprojekt des reichen, aufstrebenden Ölstaats Nigeria aus den Siebzigerjahren. Achtzehn Jahre Bauzeit, zweihundertzwanzig Milliarden Euro Kosten, und heute sind es „Staub, Rost, Rankenwerk aus Lianen und Trompetenwinden am Gemäuer“. Drei Dutzend Arbeiter stehen hier herum, hoffen und warten seit zehn Jahren, sie kehren nicht einmal mehr mit dem Besen. „Denn Ajaokuta, das Symbol für Größenwahn und Verschwendung, hat nie auch nur eine einzige Tonne Stahl produziert.“
Man kann sehr wütend werden angesichts solcher Verschwendung, gerade dann, wenn man gleichzeitig die Bilder von Hunger und Elend im Kopf hat, und man neigt dazu, alles für hoffnungslos ausweglos und verkommen zu halten. Auch die Afrikaner selbst scheinen sich manchmal in dieser Rollenverteilung, im institutionalisierten Scheitern, behaglich eingenistet zu haben. „Die Afrikaner glauben immer noch, der Rest der Welt schulde ihnen die Rettung des Kontinents“, schreibt Grill. Er sieht eine „Bettlermentalität“ am Werk, „vom Staatschef bis zum Straßenkind“.
Ein Weißer, der in eine afrikanische Familie einheiratet, wird zur „Henne, die goldene Eier legt“ und von der man erwartet, den ganzen Clan auf Dauer zu alimentieren. Der weiße Patron und das schwarze Dienstmädchen – sie sind gefangen in der Herr-Knecht-Dialektik, in der Ersterer für Zweiteren zu sorgen hat, und am Ende fühlen sich beide ausgenützt. Die Wehleidigkeit macht unfähig zu Analyse und Selbstkritik.
Dabei ist an Afrika und dem Elend beileibe nicht alles so rätselhaft, wie es das Klischee glauben macht. Man kann auch anders, genauer hinschauen, und dann enthüllt sich im „Herz der Finsternis“, wie es so gern (in Anlehnung an Joseph Conrad) genannt wird, eine gar nicht so schwer verständliche Logik. Grill hat diese Logik ebenso beobachtet wie Kapuscinski, und ein paar konkrete Beispiele möchte ich hier nennen.
Etwa die Korruption. Es ist eine Tatsache, dass Menschen, die in afrikanischen Staaten an die Macht kommen, diese Position meistens dazu nützen, ihre eigenen Leute, ihren erweiterten Familienclan, ihre Heimatregion, ihre Ethnie zu versorgen. Das ist nach unseren Moralvorstellungen zutiefst verwerflich (obwohl es selbstverständlich auch bei uns vorkommt), es ist Nepotismus im wahrsten Sinn des Wortes. Nach den Maßstäben der traditionellen afrikanischen Clangesellschaft hingegen ist es keine Schande, sondern – im Gegenteil – die oberste moralische Pflicht, für die eigenen Leute zu sorgen. Das einzige Versicherungssystem, das existiert, ist nämlich der Clan. Indem man Teile dessen, was man hat, stets an Verwandte verteilt, erkauft man sich die Verpflichtung, dass einem im Krisenfall unter die Arme gegriffen wird. Das schließt die Verpflichtung ein, allen, die zu diesem Solidaritätsnetzwerk gehören, etwas abzugeben, wenn man einen Job oder sonst eine Geldquelle – etwa die Bekanntschaft eines Weißen – erschlossen hat.
In afrikanischen Großstädten sieht man oft Sitzkreise unterm Baum oder an einem anderen schattigen Plätzchen: Da sitzen die berufstätigen Migranten aus einer bestimmten Region zusammen und besprechen, was zuhause im Dorf zu reparieren und zu erledigen ist und wie viel man dafür bezahlen wird – es kümmert sich ja sonst keiner darum. Viele afrikanische Städte sind monströse Dörfer, keineswegs anonym, sondern ein komplexes, für Außenstehende unentwirrbares Netzwerk von Solidaritäten, in dem keiner unerkannt entwischen kann.
Jeder Polizist, der für das Abstempeln eines Reisepasses ein paar Dollarnoten auf die Hand entgegennimmt, versorgt damit zwanzig Menschen daheim im Dorf – er hebt praktisch die Gebühr für das staatliche Service selbst ein anstelle des Staates. Das ist kein ganz absurdes, kein ganz willkürliches System: Denn der Staat existiert ja in der Realität tatsächlich meistens nicht – zumindest bietet er seinen Bürgern nichts, was der Rede wert wäre.
Ein Ausländer, der sich über derartige Korruption entrüstet, wird ratlos angeschaut. Entrüstung gäbe es in Afrika nämlich eher im umgekehrten Fall: Jemand kommt an die Macht oder an eine Geldquelle und versorgt seine Leute nicht – es wäre Verrat an jenen Leuten, denen er alles verdankt. Selbst seine Gegner würden so etwas nicht verstehen. „Wer sich in Afrika aus der Gleichheit der Armut befreien will, wird in sie zurückgerissen – durch ein ungeschriebenes Teilungsgebot“, schreibt Grill über ein damit verwandtes Phänomen.
Wer erfolgreich ist, wer sich abhebt, anders sein will, sich über seinen Stand erhebt, ist verdächtig. Man kann das als umgekehrte calvinistisch-kapitalistische Logik interpretieren, die verheerend für die wirtschaftliche Entwicklung ist. Sie verhindert Sparen, unternehmerisches Denken, Zukunftsplanung, Ehrgeiz. Man lebt von der Hand in den Mund und sitzt regungslos am Straßenrand, statt aufzustehen und etwas anzupacken. Diese Apathie, diese Reglosigkeit kann einen Außenstehenden manchmal wahnsinnig machen. Es hat lange gedauert, bis ich zu ahnen begann, woher sie kommen könnte: als ich bei einer Geistheilerin in Westafrika war und dort ein paar Eier gegen einen Baumstamm werfen musste, bevor mir das Medium mit seltsam verdrehten Augen und verstellter Stimme versicherte, es komme eine schwere Zeit auf mich zu, aber es werde alles gut.
Man kann gar nicht unterschätzen, wie allgegenwärtig der Geisterglaube dort ist und welch bestimmende Rolle er im Alltagsverhalten spielt. Wer sichtbar Erfolg hat, bricht in diesem Koordinatensystem eine Regel. Sofort wird über ihn getuschelt: Er hat sich, heißt es, womöglich der Hexerei bedient, er führt etwas im Schilde, er ist ein Geschäft mit einem Zauberer eingegangen, da stimmt etwas nicht. Soll heißen: Es ist in Afrika eine sinnvolle soziale Überlebenstechnik, nie mehr Ehrgeiz zu zeigen als alle anderen.
Um auf den Ausgangspunkt, die humanitäre Hilfe, zurückzukommen: Vor dem Hintergrund dieser sozialen Regeln versteht man erst das unterschiedliche Gesicht, das Flüchtlingskrisen haben können. Es gibt, gerade auch in seminomadischen Gesellschaften, so etwas wie Profi-Flüchtlinge – und diese Bezeichnung ist hier nicht zynisch oder abwertend gemeint. Ich will damit beschreiben, dass Menschen, oft schon in zweiter Generation, gewohnt sind, gemeinsam mit Tieren, Verwandten und Hausrat von Zeit zu Zeit weiterzuziehen, woandershin, wo die Versorgung durch NGOs besser oder die Umgebung sicherer ist – so wie sie einst den Wasserstellen hinterherzogen. Flüchtlingslager haben vieles, was es sonst nicht gibt: Krankenversorgung, Nahrungsmittel, sogar kostenlose Schulen und Ausbildungskurse.
Außenstehende wundern sich manchmal, wie rasant während einer Flüchtlingskrise ökonomische Strukturen in den Lagern entstehen: Kaum haben die Flüchtlinge die erste Nacht im Zelt hinter sich, bauen schon die Näher ihre Nähmaschinen auf, die Friseure ihre Schemel, man geht seinen Geschäften nach, so als sei das alles ganz normal.
Umgekehrt ist die Verwundbarkeit in Afrika besonders groß, sobald diese sozialen Netzwerke reißen – sobald Menschen, in einem Krieg, plötzlich von ihren Herden abgeschnitten sind, von ihrem Land, von der Verwandtschaft, von den Wasserstellen. Allein zu sein, ein „Individuum“, das ist für einen Afrikaner oft nicht nur der soziale Tod. Es ist, gleichzeitig, der physische, wirkliche Tod durch Verhungern.
Abschließend noch eine kleine Geschichte, die viele der losen Enden, die ich hier ausgestreut habe, zusammenführt. Die Geschichte stammt wieder von Kapuscinski, und sie spielt auf der Straße zum Markt von Onitsha, einer Kleinstadt in Nigeria. Dort, mitten in der Straße, ist ein metertiefes Loch. Alle Lastwagen, Autobusse, Autos, Eselskarren müssen vor diesem Loch entladen werden. Dann werden die Fahrzeuge, ohne die Passagiere, mit Seilen händisch durch das Loch gehievt. Dutzende Helfer sind damit beschäftigt, die Ladung die Böschung erst hinunter- und dann wieder hinaufzuschleppen. Das erzeugt natürlich einen langen Stau, und man wartet manchmal ein paar Tage lang, bis es weitergeht.
Deswegen sind Frauen gekommen, um den Wartenden Essen zu verkaufen. Mechaniker und Autowäscher und Reifenflicker und Friseure bieten ihre Dienste an, haben mittlerweile schon Baracken aufgebaut und am Straßenrand Werkstätten eingerichtet. Von dem Loch in der Straße leben bereits hunderte Menschen, ein ganzes Dorf ist rundherum entstanden. Und jeder Tag, den dieses Loch existiert, ist für alle Beteiligten ein Tag Arbeit, ein Tag Essen, ein Tag Leben. Wenn nun ein europäischer Helfer käme, der schnell und effizient etwas zum Besseren ändern will – er würde sich angesichts dieser Szenerie fassungslos an den Kopf greifen und sagen: Warum repariert denn hier niemand endlich das Loch? Die Gegenfrage in Afrika würde lauten: Warum sollte man?
















Ohne Titel
Otmar Höll