„Das beste Programm Europas“
Erfüllt „Mitten im 8en“ den Bildungsauftrag? Was haben ORF-Programm und Essen von DO & CO gemeinsam? Ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen überhaupt noch zu retten?
ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz gibt die Antworten.
Interview: Lukas Kapeller, Klaus Stimeder
Fotografie: Gianmaria Gava
Wer die ORF-Zentrale auf dem Küniglberg betritt, dem lächeln sie gleich entgegen. Immer noch. Die Gesichter von Karlich, Kiesbauer und Co. Auf den Plakaten, die an den Wänden des ORF-Zentrums hängen, ist ihr Lächeln frisch und hoffnungsfroh. Sechs Stockwerke weiter oben spannt sich vor den Fenstern des Büros des neuen ORF-Generaldirektors Alexander Wrabetz der Frühlingshimmel über die Dächer von Wien. Die Aussichten für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Österreich könnten freilich besser sein. Seit 10. April flackert das reformierte Fernsehen über die Bildschirme. Seitdem schreiben die Leser der Kronen Zeitung erboste Briefe, weil man ihnen mit „Willkommen Österreich“ ihr Wohnzimmer genommen hat, die Schreiber werfen Wrabetz’ ORF neu „Polarisierung“ vor. Die Kolumnisten der übrigen Blätter fragen sich derweil, was im neuen Programm noch Gebühren rechtfertigt. Aber fragen wird man ja noch dürfen.Herr Wrabetz, Sie sind ein Kind der Siebziger. Was waren damals Ihre Lieblingssendungen?
„Daktari“ und „Lieber Onkel Bill“. Ich war immer ein interessiertes Kind. Die „Zeit im Bild“-Signation habe ich noch sehr markant als Kindheitserinnerung. Wahrscheinlich mehr als die Kinder heute.
Ihre drei noch minderjährigen Kinder schauen heute angeblich lieber die „ProSieben AustriaNews“ als die „ZiB“. Stimmt das?
Das würde ich bestreiten. Der Älteste schaut schon die „ZiB“. Die Jüngeren sind nicht unbedingt „ZiB“-Schauer, die werden in Zukunft aber sicher zu „ZiB20“-Schauern auf ORF2. Wenn man Nachrichtenformate macht, muss man auch auf die Bedürfnisse unterschiedlicher Generationen und auf die unterschiedliche Informationsrezeption eingehen. Sonst wäre es absurd.
„Mitten im 8en“ ist gleichzeitig mit der „ZiB“ programmiert. Jetzt sagen Sie: Für die Jungen gibt es nach der Sitcom die „ZiB20“. Man kann es aber auch anders interpretieren: Sie geben die Jungen endgültig für die Hauptabendnachrichten verloren.
Die „ZiB“ ist jetzt neu und anders. Die wird auch für den Jungen eine Alternative sein, wenn er sagt: Jetzt nehme ich mir 25 Minuten Zeit. Ich möchte auch junge Seher bei der „ZiB“ um 19.30 auf ORF2 haben. Gleichzeitig wird es ältere Seher geben, die sagen: Ich will heute in nur sieben Minuten informiert werden.

Am 1. April hat der ORF dem National- und Bundesrat berichtet, wie er seine Pflichten im vergangenen Jahr erfüllt hat. Zwischen 20 und 22 Uhr schreibt das ORF-Gesetz „in der Regel anspruchsvolle Sendungen zur Wahl“ vor. Gelaufen sind „Harrys liabste Hütt’n“ und das mittlerweile abgesetzte „Primavera“. Werden Sie uns 2008 Sendungen dieser Art auch als Volksbildung verkaufen?
Mein Gott, das kann man so oder so sehen. Wir werden andere Wege gehen. Etwa mit dem Public-Value-Test, mit dessen Hilfe wir genauer definieren wollen, in welchen Sendungen öffentlich-rechtlicher Mehrwert stattfindet und in welchen nicht.
Wann werden Sie die neue Radiochefin Bettina Roither, Ö1-Infochef Luis Glück und nicht zuletzt sich selbst in politikferne Abteilungen versetzen?
Was? Warum? Nie!
Wie erklären Sie das Claudia Reiterer?
Mit Claudia Reiterer ist alles besprochen.
Frau Reiterer ist von Chefredakteur Karl Amon zum Konsumentenmagazin „Konkret“ versetzt worden, weil ihr Lebensgefährte Generalsekretär der Grünen ist. Frau Roither ist die Ehefrau des stellvertretenden Klubdirektors der ÖVP, Herr Glück ist mit Heidi Glück verheiratet, die sechs Jahre lang als Pressesprecherin von Wolfgang Schüssel gearbeitet hat. Und das sind beim ORF keine Einzelfälle. Wie ausgeprägt ist in Ihrem Unternehmen die Doppelmoral?
Claudia Reiterer hat eine der wichtigsten Sendungen im neuen ORF übernommen und daher ist der Fall „Was wäre gewesen, wenn sie anderswo zum Einsatz gekommen wäre“ hypothetisch.
Können Sie garantieren, dass es in Zukunft gleiche Maßstäbe für alle geben wird?
In der konkreten Frage ging es ausschließlich um die Live-Moderation von Nachrichtensendungen. Es ist selbstverständlich, dass in einem Land wie Österreich, wo jeder mit jedem verwandt oder bekannt ist, strenge Richtlinien nicht möglich sind. Die journalistische Unabhängigkeit von Frau Roither oder von Herrn Glück ist genauso unbestritten wie die von Claudia Reiterer. Die Frage ist, ob man in einem Live-Interview mit einem nahen Verwandten zusammentreffen könnte. Ich bin hundertprozentig sicher, dass Claudia Reiterer, wenn sie ihren Lebensgefährten interviewen würde, strenger fragen würde als jeder andere. Die Frage ist aber: Empfindet das der Zuschauer auch so? Unser Maßstab ist das ORF-Gesetz. Im Einzelfall ist von den jeweiligen Sendungsverantwortlichen zu entscheiden, wie man solche Fragen beantwortet.Eigentlich tun Sie uns ja Leid.
Warum?
Weil der Umstand, dass Ihre Journalisten heute selber Stars sind, über die in den Zeitungen berichtet wird wie über andere Prominente, Ihren Job nicht leichter macht. Wenn Sie nächste Woche Armin Wolf von der „ZiB2“ absetzen, würde es sofort einen Aufschrei geben.
Jede Medaille hat zwei Seiten. Einerseits ist es toll, wenn man sieht, was für ein Interesse an dem besteht, was der ORF und was man selber als Manager tut. Deshalb kann man sich auch nicht beschweren, wenn es einen im Handlungsspielraum einengt.
Wie oft reden Sie eigentlich mit Ihrem Bruder? (Bernd Wrabetz ist außenpolitischer Berater im Kabinett von SPÖ-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, Anm.)
Einmal in der Woche.
Reden Sie da nur über Familiäres?
Er hat eine ganz süße Tochter, die eineinhalb Jahre alt ist und deren Taufpate ich bin, und kriegt jetzt gerade ein zweites Kind. Ehrlich gesagt reden wir die ganze Woche lang, jeder für sich mit vielen Menschen wahnsinnig viel über unsere Berufe – damit erschöpft sich unser Bedarf und wir müssen dann am Wochenende nicht auch noch darüber reden.

Wie viel Sozialdemokrat steckt in Alexander Wrabetz, dem Generaldirektor?
Ich bin zur Unabhängigkeit verpflichtet. Daher sage ich zu meinen persönlichen politischen Überzeugungen nichts, solange ich das Amt innehabe.
Ihr Vater hat durchaus offene Sympathien für das dritte Lager gehegt. Wie ist das passiert, dass seine Söhne derart aus der Art schlagen?
Wir sind in diesem Punkt keine Einzelfälle. Wir waren eine Familie, in der viel über Politik gesprochen wurde, in der Diskussion über Politik wichtig war. Und dann in den Siebzigern war die Anti-AKW-Bewegung der Auslöser, durch den ich politisiert wurde.
Was hat Ihr Vater, der für die FPÖ auch als Parteianwalt arbeitete, zu Ihnen gesagt, als Sie 1983 den Vorzugsstimmenwahlkampf für Josef Cap organisiert haben?
Da war das schon ein bis zwei Jahre vorher ausdiskutiert. Als ich beim VSStÖ (Verband Sozialistischer StudentInnen Österreichs, Anm.) politisch aktiv geworden bin, war er am Anfang not amused. Er hat das aber dann relativ rasch akzeptiert. Wenn ich zurückdenke, eigentlich erstaunlich entspannt.
Wie oft sprechen Sie heute noch mit ihm über Politik?
Bei uns wird immer über Politik gesprochen. Er ist jetzt zum Beispiel viel globalisierungskritischer als ich.
Mit wem man im ORF auch spricht: Es hat den Anschein, dass niemand etwas an Ihnen als Mensch auszusetzen hat. Ist das für ein Unternehmen nicht ein Problem, wenn ihm jemand ohne sichtbare Ecken und Kanten vorsteht?
Na, dass ich wenig ändere, kann man mir ja nicht vorwerfen. Ich habe in drei Monaten 30 Sendungen, dutzende Moderationen, insgesamt hundert Positionen verändert. Ich glaube, es ist ein gewisses Talent von mir, dass ich Dinge ändern kann, ohne dass große Streitereien oder negative Emotionen übrig bleiben – selbst bei denen, für die es nicht so gut ausgegangen ist. Anfangs hatten viele hohe Erwartungen, jeder hat geglaubt: Ich kriege jetzt eine eigene Sendung oder eine Gehaltserhöhung. Im Durchschnitt habe ich wahrscheinlich mehr Erwartungen enttäuscht als erfüllt.Wie wirkt sich das auf die Unternehmenskultur aus? Wir hören regelmäßig von Kämpfen zwischen den einzelnen Abteilungen, die zur Folge haben, dass vor allem die Karrieren junger Leute verhindert werden. Nach dem Motto: Wenn ihr uns den oder die wegnehmt, gibt’s Krieg.
Lassen wir die Kirche im Dorf. Wir haben vielen jüngeren Sendungsmachern Chancen gegeben. Natürlich gibt es um die besonders Guten ein Griss. Zum Beispiel kam Nina Horowitz, die jetzt „Wie bitte?“ macht, von der Unterhaltung. Die waren beleidigt, dass sie jetzt woanders Sendungschefin geworden ist. Was ich verstehe, weil man sie klonen müsste, um allen gerecht zu werden. Das ist normal. Ich kenne aber keinen Fall, dass bei uns ein Riesentalent im fünften Glied verhungern würde, weil es von seiner Abteilung nicht freigegeben wird.
In Ihrer Bewerbung als Generaldirektor beteuerten Sie, wieder mehr große Erzähler vom Stil eines Hugo Portisch beim ORF haben zu wollen. Ein edles Ansinnen. Nur: Wo finden sich im neuen Programmschema Formate, die große Erzählungen zulassen?
Erstens sind wir noch nicht fertig: Es kommt ja noch die zweite Phase der Reform im September und im Jänner die dritte. Vieles von dem, was ich mir vorgenommen habe, ist in der ersten Phase drinnen, aber bei weitem noch nicht alles. Einen neuen Hugo Portisch binnen hundert Tagen zu finden und zu verankern ist unmöglich.

Noch mal: Es gibt im neuen Programmschema nichts, was darauf hindeutet, dass diese Erzähltradition forciert würde.
Neue Figuren einzuführen, denen man interessiert zuhört, könnte zum Beispiel das „Extrazimmer“ ganz gut leisten. Mit „Im Zentrum“, der Nachfolgesendung von „Offen gesagt“, werden wir auch eine Basis für eine neue Gesprächskultur finden. Drittens werden wir in den neuen Nachrichtensendungen das Kommentatorengespräch sehr stark einführen. Da wird es Möglichkeiten geben, dass sich Leute, die das Potenzial haben, entsprechend entwickeln.
In Ihrer Bewerbung hatten Sie hervorgehoben, „schon auf vier Kontinenten“ gearbeitet zu haben, mit der Globalisierung quasi auf Du und Du zu sein. Jetzt wurde das letzte rein außenpolitische Format im ORF, das „Weltjournal“, auf eine halbe Stunde zusammengekürzt. Wie passt das zusammen?
Die globalen Zusammenhänge auf eine Viertelstunde mehr oder weniger im „Weltjournal“ zu reduzieren ist zu kurz gegriffen. Wir haben jetzt zum Beispiel ein Büro in China, von wo wir jeden zweiten Tag tolle Berichte von Cornelia Vospernik für die Nachrichtensendungen bekommen. Es kommt nicht auf eine Viertelstunde vom „Weltjournal“ an, es geht um das Prinzip. Wir hatten jetzt mit dem Ernährungsschwerpunkt sehr viel über globale Zusammenhänge im Programm. Die Globalisierungsdoku „We Feed the World“ lief im Hauptabend.
Die Gegenbewegung zur Globalisierung ist der Rückzug aufs unmittelbare eigene Umfeld. Inwieweit kann sich ein Kärntner Schlosserlehrling mit den Leuten aus „Mitten im 8en“ identifizieren?
Na ja, die Josefstadt ist ja nicht die alte Josefstadt, sondern es geht auch und vor allem um gemischte Milieus. Momentan identifiziert sich der Seher ja eher mit „Mitten in Bel Air“ oder „Mitten in Brooklyn“.
Können Sie sich einen Schwarzen als „ZiB“-Moderator vorstellen?
Sie meinen einen Menschen mit Migrationshintergrund? Ja. Wir haben jetzt bei „Wie bitte?“ einen Reporter mit einem kongolesischen Vater. Das hat es noch nie gegeben.
In Deutschland haben die Öffentlich-Rechtlichen erkannt, dass sich die gesellschaftliche Wirklichkeit des Landes in den Fernsehnachrichten zu wenig widerspiegelt. Deshalb gibt es dort seit Jahren eigene Integrationsbeauftragte. Was tun Sie dafür, dass der Anteil der Migranten in Österreich sich im ORF widerspiegelt?
Ich sage ja: „Wie bitte?“ ist ein erster Ansatz, eine der wichtigsten Sendungen der Programmreform, wo jetzt zwei Menschen mit Migrationshintergrund am Bildschirm zu sehen sind, es gibt da noch einen anderen Redakteur mit marokkanischem Hintergrund. Das sind aber bitte keine Quotenmigranten! Die kommen einfach sehr gut an.
Schön und gut, aber strukturell ändert das nichts. Beim WDR (Westdeutscher Rundfunk, Anm.) zum Beispiel sammelt man nicht nur Bewerbungen, sondern geht gezielt in die Schulen und an die Unis und versucht dort, Nachwuchs zu rekrutieren.
Der WDR hat sehr viel Geld. Ich kann mir solche Dinge prinzipiell vorstellen, aber vorrangig sind sie nicht. Ich glaube, dass die Taten wichtiger sind als irgendwelche Strukturen. Wir werden im Herbst einen großen Migrationsschwerpunkt machen. Das ist für mich auch ein erster Ansatz, sich diesem Thema zu widmen.
Wie oft schauen Sie ATV?
Öfters. Ich zappe gern durch.
Wir glauben, dass der ORF zu einem großen Teil daran schuld ist, dass ATV so viel Trash sendet.
Wir sind prinzipiell an allem schuld. Aber wieso gerade daran?
Weil der ORF seit der Ära Gerhard Zeiler mit seiner steigenden Zahl an Boulevardformaten ATV förmlich in die Schmuddelecke gedrängt hat. Der Privatsender muss quasi zeigen: Es geht noch tiefer.
Das ist nicht wahr. Der Punkt ist: Im österreichischen Fernsehmarkt habe ich vierzig deutsche Sender. Da gibt es kaum eine Programmnische, die nicht schon von einem Deutschen besetzt ist. Die sind größer, mächtiger und haben mehr Geld, weil sie täglich für 100 Millionen Menschen produzieren und nicht für acht. Jeden Millimeter, den der ORF aufgibt, nimmt nie ein österreichischer Privatsender ein, sondern immer ein deutscher. Daher finde ich es richtig von Franz Prenner (ATV-Chef, Anm.), zu sagen: Wir besetzen jenen Teil der österreichischen Unterhaltung, der trashig ist, für den es eine Nachfrage gibt – den der ORF aber nicht machen kann, weil er öffentlich-rechtlich ist. Ich denke ja – unter anderem – Tag und Nacht darüber nach, wie man österreichisches Privatfernsehen so positionieren könnte, dass es eine Rolle spielt.Und was ist das Ergebnis dieses Nachdenkprozesses?
Dass es richtig ist, Formate wie „Bauer sucht Frau“ zu machen.
Das Privatfernsehen fristet seit seiner Einführung vor zehn Jahren noch immer ein Nischendasein. Warum macht man es nicht so wie in Deutschland? Dort muss jeder Sender, der mehr als zehn Prozent Marktanteil hat, Mitbewerbern finanzielle Mittel zur Verfügung stellen, die mit der Auflage verbunden sind, qualitätsvolles Programm zu machen.
Warum sollten wir das tun? Wir machen selber genug qualitätsvolle Programme. In den relevanten Zeitzonen laufen „kreuz&quer“, „Weltjournal“ und jetzt „lebens.art“. Das auszulagern, nur damit zum Beispiel „Spiegel TV“ Geld verdient, hat keinen Sinn. Der ORF hat so schon zu wenig Geld.
Ich bin dafür, von den Rundfunkgebühren, die der Staat kassiert, eine ordentliche Privatmedienförderung zu machen, um genau solche Dinge zu finanzieren. Da bin ich dafür, weil der Staat immer noch rund zwanzig Millionen unter dem Titel „Rundfunk“ einnimmt, die wir nicht kriegen und die er nicht der Medienförderung zuführt.

Warum ist man beim „Extrazimmer“ derart krass vom Konzept des „Club 2“ abgegangen? Diesen „Stammtisch“ teilen sich jetzt unter anderen der Geschäftsführer des Red Bulletin Verlags von Dietrich Mateschitz, eine Ex-Moderatorin von „Taxi Orange“, ein in die Jahre gekommener Kolumnist und der Marketingchef eines Mobilfunkers.
Ich habe damit kein Problem, das Ganze ist ja herrlich vernaderbar. Klar, ich hätte es mir leicht machen und sagen können: Jö, räumen wir die alte „Club 2“-Bank wieder raus. Dann hätte jeder gesagt: Das ist nicht so gut, wie der „Club 2“ einmal war. Der „Club 2“ wird ja deswegen als gut eingeschätzt, weil er von einer bestimmten Generation mit der eigenen Jugend in Verbindung gebracht wird – und nicht, weil er wirklich so gut war. Außer den zehn Sendungen, die später legendär geworden sind. Man wird dem „Extrazimmer“ alles vorwerfen können, nur nicht, dass es nichts Neues ist.
Zu den Personen: Christian Seiler ist doch nicht Red Bull! Der ist ein profilierter Journalist, der früher bei der Weltwoche war und beim profil. Dodo Roscic ist eine der gescheitesten Frauen, die ich überhaupt kenne! Ich würde vielen Männern und Frauen wünschen, man könnte mit ihnen über verschiedene Dinge so gescheit reden wie mit Dodo Roscic. Das „Extrazimmer“ ist nicht das Philosophikum, es ist eine Unterhaltungssendung. Und dass Helmut Gansterer eine Edelfeder ist, ist auch unbestritten.
Lassen Sie uns ein bisschen grundsätzlicher über Anspruch und Wirklichkeit des ORF sprechen. Wir sind der Meinung, Österreich muss Dänemark werden. Wie, glauben Sie, kommen wir dazu?
Keine Ahnung.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk Dänemarks ist praktisch werbefrei. Die Dänen haben zwar die höchsten Rundfunkgebühren Europas, aber dafür zwei staatliche und einen halbstaatlichen Fernsehsender, vier Radiosender. Mit Ausnahme des halbstaatlichen Senders laufen alle ohne Werbung. Trotzdem haben die Öffentlich-Rechtlichen 87 Prozent Reichweite und hohe Marktanteile.
Ja, aber die Dänen sprechen Dänisch und nicht Deutsch. Marktanteil haben die zwar auch einen relativ starken, aber nur, wenn man alle drei Sender zusammennimmt. Wenn der dritte privatisiert wird, schaut die Welt ganz schnell wieder anders aus. Außerdem: Was ist gegen Werbung zu sagen?
Gar nichts. Wir fürchten uns nur perspektivisch vor italienischen Verhältnissen. Dort muss sich die öffentlich-rechtliche RAI zu 75 Prozent aus Werbung finanzieren. Dementsprechend schaut das Programm aus: Seichte Talk- und Gameshows wechseln sich mit Reality Soaps und anderen Trashformaten ab.
Machen Sie sich keine Sorgen, wir gehen in die genau andere Richtung. Wir werden das beste öffentlich-rechtliche Programm Europas machen. Obwohl wir sehr stark auch durch Werbung finanziert werden, bauen wir die Information aus, wir geben „Am Schauplatz“ attraktivere Sendezeiten, wir gehen mit Dokumentationen in den Hauptabend, wir spielen 2007 viermal eine Oper live. Das macht kein Privater, auch die BBC macht das mittlerweile nicht mehr.

Der ORF hat nicht nur einen Bildungs-, sondern auch einen Versorgungsauftrag. Dank Ihnen hält der Raiffeisen-Konzern heute über seine Tochter Medicur 40 Prozent an der Österreichischen Rundfunksender GmbH (ORS), der ORF-Sendetechnik. Abgesehen davon, dass Sie 2005 in Ihrer damaligen Funktion als kaufmännischer Direktor mit dem Verkauf der Anteile ein gutes Geschäft gemacht haben: Hat Raiffeisen angesichts ihrer sonstigen Medienbeteiligungenbesonders im Printbereich nicht schon genug Macht?
Erstens geht es bei der technischen Infrastruktur nicht um Inhalte. Ich wollte eine Teilprivatisierung und war sehr froh über eine österreichische Lösung. Es ist mir immer noch lieber, die voest gehört Raiffeisen als irgendwelchen Heuschrecken. Faktisch ist es so, dass es nur wenige große österreichische Kapitalgruppen gibt.
Man kann die ORS-Geschichte bedauern oder nicht – aber so wie DO & CO sein Essen nicht verändert hat, seit Raiffeisen daran beteiligt ist, ändern wir auch nicht die Ausstrahlung der Bitraten oder die Sendepolitik.
Raiffeisen-Chef Christian Konrad würde Ihnen den Rest der Anteile sofort abkaufen. Wann ist es so weit?
Das ist nicht aktuell.
Wie sieht es mit den Plänen für einen Börsengang aus, den sie Ende 2006 in der „Financial Times Deutschland“ angedacht haben. Darüber war Raiffeisen ja hörbar verstimmt.
Es ging nur um den Fall, dass wir einmal große Akquisitionen haben, die einen solchen Schritt sinnvoll erscheinen lassen. Das ist in ferner Zukunft eine Option, die man gemeinsam mit dem Partner abstimmen würde.
Finden Sie es prinzipiell gescheit, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk über die Vergabe von digitalen Sendefrequenzen gebietet?
Der Gesetzgeber ist grundsätzlich mit Weisheit ausgestattet.
Sie haben ja in Ihrer Laudatio beim Abschiedsfest Ihrer Vorgängerin Monika Lindner angekündigt, in ein paar Jahren mit ihr ein Buch über Ihre gemeinsame Zeit beim ORF zu schreiben. Haben Sie damit schon angefangen?
Darüber könnte man wirklich ein Buch schreiben. Aber ich habe damit noch nicht angefangen. Wir sind zurzeit mit der Programmreform voll und ganz ausgelastet.
In „Dorfers Donnerstalk“ werden Sie von Roland Düringer parodiert. Was sagen Sie eigentlich zum „Superalex“?
Es ist eine Ehre, vom Herrn Düringer dargestellt zu werden.

Haben Sie jemals mit ihm darüber gesprochen?
Nein, noch nicht. Eigenartig eigentlich.
Frage an die MausWer ist Alexander Wrabetz?
Alexander Wrabetz wird am 21. März 1960 in Wien geboren und wächst als Sohn eines Anwalts und einer Ärztin in Döbling auf. Sein Vater, der Jurist Peter Wrabetz, ist in den Siebzigern Parteianwalt der FPÖ. 1978 beginnt Wrabetz an der Uni Wien ein Jusstudium. Wie sein Bruder Bernd, heute außenpolitischer Berater im Kabinett von Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ), setzt er sich schon bald von den politischen Positionen des Vaters ab. 1983 wird Wrabetz Bundesvorsitzender des VSStÖ (Verband Sozialistischer StudentInnen Österreichs), promoviert und organisiert den Vorzugsstimmenwahlkampf von Josef Cap. Nach einem Jahr Gerichtspraxis kommt „der Linke mit den guten Kontakten zur Rechten“ (© Gerfried Sperl) 1984 zur Girozentrale. Dort stellt er die Weichen für eine Karriere im Bankgeschäft, bis er 1987 zur ÖIAG wechselt.
Mit 27 findet sich Wrabetz in der Umstrukturierung der verstaatlichten Industrie wieder, sitzt ab 1988 in mehreren ÖIAG-Aufsichtsräten und wird 1990 Generalsekretär. Zwei Jahre später zieht er als Geschäftsführer ins ÖIAG-Handelshaus Intertrading in Linz ein. 1995 wird Wrabetz, der in seiner Bewerbung für den ORF-Generaldirektor auf „berufliche Aktivitäten in vier Kontinenten“ verweisen wird, Vorstand des Gesundheitsdienstleisters VAMED, wo er unter anderem für die Errichtung diverser Spitäler in Asien sorgt. Außerdem entsendet ihn die SPÖ ins ORF-Kuratorium. 1998 bestellt ihn ORF-Generalintendant Gerhard Weis zum kaufmännischen Direktor. Weis’ Nachfolgerin Monika Lindner bestätigt Wrabetz 2002 als einzigen ORF-Direktor im Amt.
2005 kann er durch die Auslagerung der Sendetechnik (ORS) den höchsten Gewinn der ORF-Geschichte präsentieren. Zu diesem Zeitpunkt gilt Wrabetz als loyale Nummer zwei im Lindner-ORF. Im August 2006 überrascht er seine Chefin, als er sich für ihre Position bewirbt. Mit 20 von 35 Stimmen bestellt ihn der Stiftungsrat ab 1. Jänner 2007 für fünf Jahre zum ORF-Generaldirektor. Der Opernfan ist mit der Ärztin Petra Wrabetz verheiratet und hat drei Kinder.
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