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Die Girl-Debatte!

Im April-Forum hat Gerda Schorsch „Bravo Girl“ gegen Marlene Streeruwitz verteidigt. Patrizia Wiesner ist darüber entsetzt – Nicole Bojar hingegen begeistert.

Patrizia Wiesner, 25, studiert Philosophie in Wien.


Meiner Ansicht nach spricht aus Frau Schorschs Artikel „Bravo, Girl!“ jener neue Konservativismus, durch den die soziale und ökonomische Ausbeutung des weiblichen Körpers implizit legitimiert wird. Denn natürlich ist es so, dass die Mädchen nur für die Jungs sexy zu sein versuchen und dies immer aufdringlicher und freizügiger tun. Für mich jedoch bedeutet (weibliche) Freiheit, sich eben nicht mit dem Aussehen beschäftigen zu müssen.

Ich finde es schade, dass viele Mädchen gerade zwischen 11 und 16 ausschließlich mit ihrem Äußeren befasst sein sollen beziehungsweise wollen, während sich die Burschen durch Lektüre technischer Zeitschriften oder der Beschäftigung mit Computern Fähigkeiten und Wissen aneignen und dadurch einen Vorsprung im selbstverständlichen Umgang mit der Technik entwickeln. Dieses praktische Wissen haben sie später den Mädchen voraus. Mit klassischen Freizeitbeschäftigungen der männlichen Pubertät lässt sich im Erwachsenenalter auch Geld verdienen. Ich und meine Freundinnen bedauern oft sehr, dass wir unsere Jugend nicht sinnvoller genutzt haben und uns stattdessen dauernd mit unseren Gefühlen und unserem Äußerem beschäftigen „mussten“.

Ich bewundere Mädchen nicht, die mit 13 Jahren herumlaufen wie 20-Jährige und aussehen wie jene Damen, die in ähnlichen Outfits nachts auf der Hütteldorfer Straße auf- und abmarschieren; sie tun mir leid! Viele der Mädchen scheinen sich oft nicht darüber im Klaren zu sein, wie ihre Kleidung tatsächlich wirkt. Sexy sein hat verdammt noch mal nichts mit dem Aussehen zu tun, es sei denn, man reduziert „sexy“ auf die Formel: „Wer löst schneller einen sexuellen Reiz beim anderen Geschlecht aus?“

Solche Zeilen lesend, wundert es mich nicht sehr, dass Frauen gesellschaftlich und finanziell noch immer hinter der Männerwelt herhinken – außer natürlich in der Welt der Mode, der Gefühle und in der Organisation des Haushalts ... So gesehen sind die Frauen wirklich selber schuld. Wir brauchen keine Selbstfindungsratgeber mehr!
Wir denken lieber selber!



Nicole Bojar, Jahrgang 1981, schreibt für DATUM im Ressort Globus.


Gerda Schorsch legt in ihrem Text die Finger auf den blinden Fleck im weiblichen Selbstbild: Warum werde ich – vor allem im feministischen Diskurs – in meinem Frausein immer auf die Opferrolle reduziert? Warum wird mir die Fähigkeit, eigenständig zu denken und zu handeln, ständig abgesprochen – und zwar nicht vom vermeintlich „natürlichen“ Feind der Frau, dem Mann, sondern von meinen eigenen Geschlechtsgenossinnen? Zumal von jenen, die es ach so gut mit mir meinen ...

Laut den – selbst ernannten – Vorkämpferinnen richten Frauen in dieser testosterongesteuerten Welt ihr gesamtes Wollen, Sollen, Müssen, Dürfen, Können und Mögen an den Wunschvorstellungen der Männer aus: Frau schminkt sich – wegen Mann. Frau schminkt sich nicht – wegen Mann. Die Möglichkeit, dass Frau sich wegen Frau schminkt, oder eben auch nicht, weil Frau Mensch und dadurch in der Lage ist, nach ihren eigenen Vorstellungen zu handeln, wird vollständig ausgeblendet. Da könnte Frau sich doch glatt nicht mehr hinter ihrem Frau- und also Opfersein verstecken. Ein derart eingeschränktes Selbstverständnis beleidigt mich. Wenn man eine solche Haltung konsequent verfolgt, dient Frausein als Entschuldigung für alles und als Totschlagargument in jeder Diskussion: „Das ist ja nur so, weil ich eine Frau bin.“

Ich weiß, Frauen haben es schwer: Erbsünde, Doppelbelastung, Magerjoghurt – Frau ist Zeit ihres Lebens mit allen möglichen Varianten von Sexismus konfrontiert. Gegenwärtig anscheinend mit dem neoliberalen Sexismus, den etwa Marlene Streeruwitz für das Elend der Frauen dieser Welt verantwortlich macht. Neoliberaler Sexismus muss zweifelsfrei etwas sehr Böses sein. Böser als sozialistischer Sexismus vermutlich.

Mit detektivischer Akribie hat Streeruwitz nun auch noch einen sekundären Sexismus entdeckt – in einem Persönlichkeitstest der Zeitschrift Bravo Girl, dem ähnlich viel Bedeutung beizumessen ist wie einem Horoskop in der Kronen Zeitung. Primär sexistisch finde ich hingegen den Zwang, in jede Aussage überhaupt erst Sexismus hineinzuinterpretieren. Wie Gerda Schorsch richtig anmerkt, ist die Art von Selbstfindungshilfe, die Bravo Girl anbietet, bei weitem weniger bedenklich als das Persönlichkeitstestangebot in Frauenzeitschriften.

Denn dort stehen überhaupt nur mehr zwei weibliche Rollen zur Wahl: Frauen und Top-Frauen mit Top-Beruf und Top-Leben und vielleicht auch Top-Kindern. Opfer sind und bleiben sie trotzdem. In die Top-Liga schaffen sie es, obwohl, weil, wegen oder trotzdem sie Frau, nicht aber, weil sie einfach nur top sind.



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