Her mit der Ö-Quote!
Eine parlamentarische Enquete diskutiert Anfang Juni die Lage der Musiknation Österreich. Dazu ein konkreter Fingerzeig.
Walter Gröbchen, Jahrgang 1962, ist Chef der Musikagentur monkey, früher arbeitete er unter anderem als Moderator bei Ö3 („Musicbox“, „Nachtexpress“).
Österreich ist eine Musiknation. Zumindest in den Sonntagsreden der Politiker. In Wahrheit ist Österreich ein potemkinsches Dorf. Der Staat pflegt mit Milliarden- Aufwand seine Hochkultur-Mausoleen und gibt einen Pfifferling oder, wenn’s hoch- kommt, zwei auf zeitgenössisches Musikschaffen. Das real schrumpfende Kulturbudget ist auf ewig verplant, akute Probleme – von den Musikschulen für den Nachwuchs bis zur Copyright-Frage im digitalen Zeitalter – werden in wortreichen, aber handlungsarmen Parlaments-Enqueten entlüftet. Oder gleich elegant entsorgt.
Aber lassen wir diese nüchterne Einschätzung der Großwetterlage. Und üben uns in Detailschärfungen. Werfen wir gemeinsam einen Blick auf die größte Medienorgel des Landes, den ORF. 86 Prozent des Musikprogramms (Durchschnitt aller ORF-Sender 2006) ist vorwiegend angloamerikanisch besetzt. Für heimische Klänge, egal ob Klas- sik, Pop oder Volkstümliches, bleiben 14 Prozent. Auf Ö3 sind es gar nur fünf Prozent. Damit liegt die „Musiknation“ so ziemlich am Schluss der europäischen Vergleichs- statistik.
Für den Export heimischer Musikprodukte abseits der Wiener Sängerknaben ist ein derartiges Aufmerksamkeitsdefizit im eigenen Lande eine katastrophale Startbasis. Das fehlende Glied in der Wertschöpfungskette lässt Investitionen auf breiter Basis kaum zu, zumal in einer Branche, die akut von einem radikalen Strukturwandel gebeutelt wird.
Abgesehen von nackten Zahlen gibt es aber auch so etwas wie eine „gefühlte Temperatur“, ein Kultur-Kleinklima, das wechselseitiges Interesse, Respekt und Dialogwilligkeit voraussetzt. Hier zeigt sich ein prekärerer Status Quo: Trotz groß aufgeblasener Marketing-Aktionen wie „Die neuen Österreicher“ gibt es kaum einen Musiker, der sich der genannten Tugenden erfreuen darf. Ö3 hat sich, aus Gründen, die noch zu erörtern sein werden, der im ORF-Gesetz festgeschriebenen „angemes- senen Berücksichtigung und Förderung der österreichischen künstlerischen und kreativen Produktion“ weitgehend selbst enthoben. Warum?
„Die Österreicher wollen euch nicht hören“, rechtfertigen sich die Verantwortli- chen. Unabhängige Umfragen ergeben ein anderes Bild und zwar eine deutliche Forderung nach einem ausgewogenen Programm mit lokalem Bezug. Im Ausland ist dies selbstverständlich: Radios in ganz Europa, selbst private, kommerzielle Stationen, senden im Durchschnitt rund 40 Prozent Musik ihres jeweiligen Landes. (Selbst-)bewusst und mit Erfolg, da und dort auch durch eine Quotenregelung fest- geschrieben. An sendefähigem Material mangelt es keineswegs. Auch hierzulande nicht – selbst wenn das die Ö3-Musikredakteure und ihre slicken Berater nicht hören wollen.
So ergibt sich ein zunehmend schizophrenes Bild: Während in der hiesigen Kreativ-szene, nicht zuletzt gefördert durch punktuelle Mikro-Finanzinjektionen aus dem Umfeld des Bundeskanzleramtes (Österreichischer Musikfonds) oder der Stadt Wien (departure), Aufbruchsstimmung herrscht und die Quantität und Qualität des aktuellen Pop-Ausstoßes gewaltig ist, mangelt es an einem direkten Draht zum Publi- kum. Ausnahmen – explizit sind hier FM4 und Ö1 zu nennen, die aber für Mainstream-Repertoire eher ungeeignete Spielfelder sind – bestätigen die Regel. Der ORF scheint eher an Pensionisten-Seditativa á la „Musikantenstadl“ und an der Befriedigung repräsentativer Hochkultur-Lobbys interessiert zu sein als an einem kreativen, konstruktiven, seriösen Umgang mit Pop in all seinen Facetten.
Dass hier demoskopisch die breiteste Zielgruppe zwischen sechs und sechzig Jahren vertreten ist, sollte aber auch den „Amadeus“-Abwinkern am Küniglberg zu denken geben. Was tun? Diskutiert, argumentiert, agitiert wird seit Jahren. Nach Einschä- tzung engagierter Interessenvertreter der Gewerkschaft, der Wirtschaftskammer, der Musikindustrie und letztlich der Betroffenen selbst fast immer knapp an der Grenze zur puren Zeitverschwendung. Der ORF übt sich in Beleidigtheiten, Abwiege- lung und Gegenstatistiken. Und merkt immer noch nicht, dass er eigentlich mit den Content-Produzenten in einem Boot sitzt.
Kultur und Medien sind kommunizierende Gefäße, und von einer erhöhten Wertschöpfung im eigenen Land würden nicht nur die hier lebenden und arbeitenden Musikschaffenden profitieren, sondern auch der ständig auf seinen „Public Value“ pochende (und dahingehend auch immer stärker unter EU-Druck geratende) und die „österreichische Identität“ beschwörende öffentlich-rechtliche Mediengigant.
Das ist der erste und vordergründig einzige Grund, eine Quote zu fordern. Eine Quotenregelung für mehr österreichische Musik im österreichischen Radio, wie immer sie im Detail auch aussehen mag. Weil eine derartige Forderung offenbar der einzig mögliche (und auch konkret denkbare) Katalysator ist, eine eingeschlafene oder nie wirklich ernsthaft geführte Diskussion mit entsprechender Dringlichkeit aufzuladen. Und das stupend uniforme „Nein, unmöglich!“ kühler Radiomanager und ihrer glucken-haften Vorgesetzten aufzubrechen.
Kollegen argumentieren, dass sich der Zugang zum Publikum nach europäischem Standard eventuell auch auf freiwilliger Basis einrichten ließe, wie es in der Schweiz (Charta 2004) gelungen ist. Meine Erfahrung sagt: In Österreich drückt man sich vor einer klaren Sprache und Lösung. Ja, auch mir war die Vorstellung, Denken mit Prozentzahlen zu lenken, ideologisch lange suspekt. Wenn man sich aber einmal von der Ansicht löst, Quoten wären per se uncharmant, zwänglerisch und dem freien Spiel der Kräfte hinderlich, erkennt man rasch die damit verbundene Hebelwirkung. Egal ob es sich um die Frauenquote in Führungspositionen oder den Anteil heimischer Kultur-produktionen im heimischen, gebührenfinanzierten ORF dreht.
Und, um die Diskussion noch ein wenig anzuheizen: wenn schon, denn schon. Ich bin dafür, die Quote auch für private Radios einzuführen. Verpflichtend. Denn deren Musikchefs schauen wie das Karnickel auf die Schlange Ö3. Und programmieren natürlich österreichische Musik auch nur dann, wenn sie Gnade beim Marktführer gefunden hat (Ausnahmen bestätigen die Regel). Sorry: Im Kampf gegen Dummheit, Blasiertheit und Publikumsignoranz ist mir (fast) jedes Mittel recht. Also her mit der Quote! Und mitten hinein in die Arena.
Österreich ist eine Musiknation. Zumindest in den Sonntagsreden der Politiker. In Wahrheit ist Österreich ein potemkinsches Dorf. Der Staat pflegt mit Milliarden- Aufwand seine Hochkultur-Mausoleen und gibt einen Pfifferling oder, wenn’s hoch- kommt, zwei auf zeitgenössisches Musikschaffen. Das real schrumpfende Kulturbudget ist auf ewig verplant, akute Probleme – von den Musikschulen für den Nachwuchs bis zur Copyright-Frage im digitalen Zeitalter – werden in wortreichen, aber handlungsarmen Parlaments-Enqueten entlüftet. Oder gleich elegant entsorgt.
Aber lassen wir diese nüchterne Einschätzung der Großwetterlage. Und üben uns in Detailschärfungen. Werfen wir gemeinsam einen Blick auf die größte Medienorgel des Landes, den ORF. 86 Prozent des Musikprogramms (Durchschnitt aller ORF-Sender 2006) ist vorwiegend angloamerikanisch besetzt. Für heimische Klänge, egal ob Klas- sik, Pop oder Volkstümliches, bleiben 14 Prozent. Auf Ö3 sind es gar nur fünf Prozent. Damit liegt die „Musiknation“ so ziemlich am Schluss der europäischen Vergleichs- statistik.
Für den Export heimischer Musikprodukte abseits der Wiener Sängerknaben ist ein derartiges Aufmerksamkeitsdefizit im eigenen Lande eine katastrophale Startbasis. Das fehlende Glied in der Wertschöpfungskette lässt Investitionen auf breiter Basis kaum zu, zumal in einer Branche, die akut von einem radikalen Strukturwandel gebeutelt wird.
Abgesehen von nackten Zahlen gibt es aber auch so etwas wie eine „gefühlte Temperatur“, ein Kultur-Kleinklima, das wechselseitiges Interesse, Respekt und Dialogwilligkeit voraussetzt. Hier zeigt sich ein prekärerer Status Quo: Trotz groß aufgeblasener Marketing-Aktionen wie „Die neuen Österreicher“ gibt es kaum einen Musiker, der sich der genannten Tugenden erfreuen darf. Ö3 hat sich, aus Gründen, die noch zu erörtern sein werden, der im ORF-Gesetz festgeschriebenen „angemes- senen Berücksichtigung und Förderung der österreichischen künstlerischen und kreativen Produktion“ weitgehend selbst enthoben. Warum?
„Die Österreicher wollen euch nicht hören“, rechtfertigen sich die Verantwortli- chen. Unabhängige Umfragen ergeben ein anderes Bild und zwar eine deutliche Forderung nach einem ausgewogenen Programm mit lokalem Bezug. Im Ausland ist dies selbstverständlich: Radios in ganz Europa, selbst private, kommerzielle Stationen, senden im Durchschnitt rund 40 Prozent Musik ihres jeweiligen Landes. (Selbst-)bewusst und mit Erfolg, da und dort auch durch eine Quotenregelung fest- geschrieben. An sendefähigem Material mangelt es keineswegs. Auch hierzulande nicht – selbst wenn das die Ö3-Musikredakteure und ihre slicken Berater nicht hören wollen.
So ergibt sich ein zunehmend schizophrenes Bild: Während in der hiesigen Kreativ-szene, nicht zuletzt gefördert durch punktuelle Mikro-Finanzinjektionen aus dem Umfeld des Bundeskanzleramtes (Österreichischer Musikfonds) oder der Stadt Wien (departure), Aufbruchsstimmung herrscht und die Quantität und Qualität des aktuellen Pop-Ausstoßes gewaltig ist, mangelt es an einem direkten Draht zum Publi- kum. Ausnahmen – explizit sind hier FM4 und Ö1 zu nennen, die aber für Mainstream-Repertoire eher ungeeignete Spielfelder sind – bestätigen die Regel. Der ORF scheint eher an Pensionisten-Seditativa á la „Musikantenstadl“ und an der Befriedigung repräsentativer Hochkultur-Lobbys interessiert zu sein als an einem kreativen, konstruktiven, seriösen Umgang mit Pop in all seinen Facetten.
Dass hier demoskopisch die breiteste Zielgruppe zwischen sechs und sechzig Jahren vertreten ist, sollte aber auch den „Amadeus“-Abwinkern am Küniglberg zu denken geben. Was tun? Diskutiert, argumentiert, agitiert wird seit Jahren. Nach Einschä- tzung engagierter Interessenvertreter der Gewerkschaft, der Wirtschaftskammer, der Musikindustrie und letztlich der Betroffenen selbst fast immer knapp an der Grenze zur puren Zeitverschwendung. Der ORF übt sich in Beleidigtheiten, Abwiege- lung und Gegenstatistiken. Und merkt immer noch nicht, dass er eigentlich mit den Content-Produzenten in einem Boot sitzt.
Kultur und Medien sind kommunizierende Gefäße, und von einer erhöhten Wertschöpfung im eigenen Land würden nicht nur die hier lebenden und arbeitenden Musikschaffenden profitieren, sondern auch der ständig auf seinen „Public Value“ pochende (und dahingehend auch immer stärker unter EU-Druck geratende) und die „österreichische Identität“ beschwörende öffentlich-rechtliche Mediengigant.
Das ist der erste und vordergründig einzige Grund, eine Quote zu fordern. Eine Quotenregelung für mehr österreichische Musik im österreichischen Radio, wie immer sie im Detail auch aussehen mag. Weil eine derartige Forderung offenbar der einzig mögliche (und auch konkret denkbare) Katalysator ist, eine eingeschlafene oder nie wirklich ernsthaft geführte Diskussion mit entsprechender Dringlichkeit aufzuladen. Und das stupend uniforme „Nein, unmöglich!“ kühler Radiomanager und ihrer glucken-haften Vorgesetzten aufzubrechen.
Kollegen argumentieren, dass sich der Zugang zum Publikum nach europäischem Standard eventuell auch auf freiwilliger Basis einrichten ließe, wie es in der Schweiz (Charta 2004) gelungen ist. Meine Erfahrung sagt: In Österreich drückt man sich vor einer klaren Sprache und Lösung. Ja, auch mir war die Vorstellung, Denken mit Prozentzahlen zu lenken, ideologisch lange suspekt. Wenn man sich aber einmal von der Ansicht löst, Quoten wären per se uncharmant, zwänglerisch und dem freien Spiel der Kräfte hinderlich, erkennt man rasch die damit verbundene Hebelwirkung. Egal ob es sich um die Frauenquote in Führungspositionen oder den Anteil heimischer Kultur-produktionen im heimischen, gebührenfinanzierten ORF dreht.
Und, um die Diskussion noch ein wenig anzuheizen: wenn schon, denn schon. Ich bin dafür, die Quote auch für private Radios einzuführen. Verpflichtend. Denn deren Musikchefs schauen wie das Karnickel auf die Schlange Ö3. Und programmieren natürlich österreichische Musik auch nur dann, wenn sie Gnade beim Marktführer gefunden hat (Ausnahmen bestätigen die Regel). Sorry: Im Kampf gegen Dummheit, Blasiertheit und Publikumsignoranz ist mir (fast) jedes Mittel recht. Also her mit der Quote! Und mitten hinein in die Arena.
0 Kommentare - Kommentar verfassen -















