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Godany bloggt: Die Futurezone, der VÖZ und die Politik.

Ein Trauerspiel in drei Akten. Oder vier.

godany

In Österreich wird demnächst ein Onlinemedium per Gesetz abgeschaltet. Das Medium heißt Futurezone, das Gesetz heißt ORF-Gesetz und geht wohl diese Woche Freitag durchs Parlament.

Knapp gesagt, steht in diesem Gesetz – unter anderem –, dass der ORF mehr Einnahmen machen darf, aber vor allem online weniger Qualität liefern. Oder was verstehen Sie unter "Überblicksberichterstattung"? Bei den Verhandlungen über dieses Gesetz zwischen Vertretern des ORF und des Verbands der österreichischen Zeitungsverleger VÖZ war kein Journalist involviert. Wozu auch, es geht ja nur mehr ums Geld verdienen und nicht um Journalismus. Ich wage jedenfalls zu bezweifeln, dass der Lebenslauf des Herrn Gerald Grünberger (VÖZ) ihn befähigt, über die Qualität journalistischer Inhalte zu entscheiden.

Vorab eine erklärende Zusammenfassung: Dem VÖZ ist die Futurezone schon länger ein Dorn im Auge, denn sie macht erfolgreich das, was die meisten VÖZ-Mitglieder nicht zustande bringen: Ein erfolgreiches, informatives Onlinemedium, das gelesen wird.

Ein Medium, in dem man auch nachlesen kann, was der VÖZ nicht für lustige Ideen manchmal hat: Zuerst Contentfarmen gründen und Autoren ihr geistiges Eigentum, also ihre Rechte, für einen Apfel und ein Ei abkaufen und dann diese Inhalte keck als eigenes geistiges Eigentum teuer verkaufen und mit Hilfe der Politik – unter Missachtung des Datenschutzes – verteidigen wollen.

fuzo

In der Futurezone stehen all die Dinge, die manche Verleger nicht interessieren oder ihnen gar schlaflose Nächte bereiten. Dieses ganze Getue um Social Media, neue Gadgets, Internet, Datenschutz, SWIFT, Bürgerrechte im digitalen Zeitalter, also alles, was Verlage verschlafen oder bewusst ignorieren, weil sie von ignoranten Erbsenzählern geführt werden.

Mit der vom VÖZ geforderten Einstellung der Futurezone als Preis für mehr Werbeeinnahmen für den ORF lassen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Erstens werden unliebsame Berichterstattung und ein zweitens ein unliebsamer Mitbewerber ausgeschalten. Verlage, die sich vor einer Website fürchten, sind allerdings um sich schlagende Dinosaurier, die nichts verstanden haben und deshalb so gut wie tot. Fordert der VÖZ in drei Jahren dann die Abschaltung von google oder facebook oder gleich dem ganzen bösen Gratis-Internet?

Dieser Eigennutz ist nachvollziehbar, aber wenn er von der Politik mitgetragen wird, ist das unverständlich und kurzsichtig.
Die geforderte „Überblicksberichterstattung“ bezieht sich ja auf das gesamte Onlineangebot des ORF. Ein Bildungsauftrag, eine Vermittlung österreichischer Wissenschaft und Politik ist da nicht mehr möglich.

Ein ORF, der im Netz nicht mehr sein darf, verliert seine Existenzberechtigung. Und die Berichterstattung über österreichische IT-Themen kommt dann aus Deutschland. Wenn überhaupt. Dort wandert aber dann auch das Werbegeld hin. Christoph Chorherr hat dazu auch ein paar Notizen gemacht.

Zeitungsverleger sollten für Informationsfreiheit stehen. Stattdessen lassen sie per Gesetz die Konkurrenz abschalten. Was würde passieren, wenn es ein Gesetz gäbe, das Zeitungen zur Einstellung ganzer Rubriken und zur Registrierung der User zwingt? Die Politik könnte auf den Geschmack kommen und das könnte sich schnell auch auf die Zeitungsangebote im Web auswirken.

Begehrlichkeiten der Politik in Sachen ORF sind nichts Neues, aber sich sozusagen seine eigene Plattform abzudrehen ist nicht sehr hellsichtig. Vielleicht könnten sich die Herren Josef Ostermayer von der SPÖ und der Herr Karl-Heinz Kopf von der ÖVP dazu noch einmal Gedanken machen.

Und vielleicht könnten sich auch die Abgeordneten diese Woche im Parlament bei der Verabschiedung dieses Gesetzesunfugs Gedanken machen. Der ORF wird für etwas bestraft, das er richtig gemacht hat und was die Verlage teilweise verschlafen haben (den standard.at nehme ich aus).

Die Futurezone im Besonderen gehört nicht abgeschafft, sondern stellt einen wesentlichen Teil des Bildungsauftrags des ORF dar, wenn wir nicht ins analoge Informationszeitalter zurückfallen wollen.

Wir müssen uns nicht alles gefallen lassen. Sie können sich mit vielen Mails an die zuständigen Herren durchaus bemerkbar machen.

josef.ostermayer@bka.gv.at
karlheinz.kopf@oevpklub.at
stefan.petzner@bzoe.at
alexander.wrabetz@orf.at
richard.grasl@orf.at


>NACHTRAG 16.06:

Die Politik scheint tatsächlich etwas nachzudenken. Jedenfalls Vertreter von Grünen und SPÖ. Siehe hier im standard.at.

Jetzt kann man also nochmals Druck auf den VÖZ machen. Wen stört da ein online-Angebot am ehesten?
Den standard.at wohl. So symphatisch er mir sonst ist.
Und die Styria und den News-Verlag.
Falls ich richtig vermute, empfehlen sich also noch mails an folgende Personen:

oscar.bronner@derstandard.at
michael.fleischhacker@diepresse.com
horst.pirker@styria.com
oliver.voigt@news.at

und noch medwenitsch@ifpi.at

Da das ORF-Gesetz morgen, Donnerstag, im Nationalrat Thema ist, bitte auch bei der Politik nicht locker lassen.

Nachgetragen noch ein paar weiterführende Links, die Geschichte regt den ganzen deutschsprachigen Raum auf und macht also keinen schlanken Fuss.
bildblog
kooptech
spreeblick
netzpolitik.org
journalistenshredder
schockwellenreiter
gulli.com
kaffebeimir
zurpolitik
heise.de
golem.de
Facebook-Gruppe zur Rettung der Futurezone
DIe Zeit online

Live Stream aus dem Parlament



Jacqueline Godany lebt und arbeitet in Wien und im Internet als alles Mögliche, siehe hier.

www.godany.com

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Harald (Gast) - 14. Jun, 18:33

Ob des Namens

Harald heiße ich, der Herr Grünberger heißt Gerald. *nur so schreib* ;-)

godany - 14. Jun, 22:49

verzeihung, ausgebessert ;) danke.
0815tussi (Gast) - 14. Jun, 18:53

Herzlichen Dank, Frau Godany,

exakt auf den Punkt gebracht.

Roland (Gast) - 14. Jun, 19:35

VÖZ als Sieger?

Irgendwie vermisse ich in der ganzen Diskussion den Blick für das Ganze. Das beginnt schon in der Herkunft und dem Zweck eines ORF insgesamt - ist Letzterer heute noch gegeben? Und auch die Medienlandschaft: Braucht es einen ORF auch im Radio und Web? Oder wäre der restliche Medienmarkt nicht attraktiver, wenn es keine Marktverzerrung gibt? Insbesondere im Web sorgt der privilegierte Anbieter für ein gering attraktives und wenig pluralistisches sonstiges Angebot - der Fehler aus dem TV wiederholt sich.

Ich habe auch eher den Anschein, dass die Ziele von ORF (mehr Steuergelder und mehr Werbeeinnahmen) und Politik (mehr Einfluss) stärker gewichtet wurden als die des VÖZ (die FuZo ist ein Nischenmedium mit geringer Reichweite und Bedeutung, also ein kleiner Faustpfand). Den VÖZ als Sieger hinzustellen, finde ich eigenartig.

Ehrlicher wäre es, dem ORF wirkliche Freiheit und Unabhängigkeit zu geben, wenn man das (noch) will. Das mit Steuern oder Gebühren zu finanzieren, wäre bei gebotener Qualität nicht schlimm - den Werbemarkt als Finanzierungsquelle für Alternative sollte man dann aber nicht auch noch angreifen. Sonstige Regeln und Einschränkungen bräuchte es dann nicht mehr... - das ganze scheitert dann aber schnell an der (politischen) Realität, fürchte ich.

godany - 14. Jun, 22:57

ich kann hier keine sieger sehen. der orf verliert an qualität, der vöz verliert nur zeit, die politiker verlieren ihre eigene plattform und informationsquelle zu neuigkeiten aus technologie und eu regularien, der leser verliert eine informationsquelle die mit ihrer seriösen und der zeit angepassten berichterstattung für mich sehr wohl zum bildungsauftrag gehört. wo soll ich etwas zu it-themen erfahren, in der krone vielleicht?

zur pluralität: es wurde niemand bisher daran gehindert, einen chanel dieser art zu betreiben. wo ist er? ausser in deutschland, bei heise.de? und wenn es nur ein nischenangebot ist, wo ist dann das probem?

mir ging es hier nur um die fuzo. auf die gesamtproblematik orf bin ich bewusst nicht eingegangen, dieses thema ist mir zu komplex und undurchschaubar, um es kompetent zu beurteilen.
Hannes (Gast) - 24. Jun, 07:30

Warnung: Fernsehen kann Ihre Intelligenz gefährden

ad: "Braucht es einen ORF auch im Radio und Web?"
Als begeisterter Ö1-Hörer antworte ich darauf mit Ja! Mir geht es dabei vor allem um Sendungen wie Radiokolleg, Dimensionen, Im Gespräch, Salzburger Nachtstudio, usw., bei denen kein "Überblick" geboten wird, sondern die sich ausgiebig Zeit für Hintergründe nehmen. Nur der öffentliche Rundfunk kann so etwas bieten. Ein werbefinanziertes Medium muss Themen, die sich kritisch mit einem wichtigen Kunden befassen, aus ökonomischen Gründen verschweigen.
Die obige Frage finde ich persönlich fast absurd, denn mir stellt sie sich gerade umgekehrt. Muss der ORF Mainstream-Spielfilme kaufen und ausstrahlen? Warum kauft der ORF alle 64 Spiele der Fussball-WM? Ist es wirklich sinnvoll, dass das TV-Angebot des ORF in Konkurrenz zu den privaten Sendern tritt?
Ich glaube vielmehr, dass es Aufgabe des ORF ist, Alternativen anzubieten, wie er es mit Eigenproduktionen und der Unterstützung österreichischer Künstler u.a. auch tut. Seine Informationen sollte der ORF auf möglichst vielen Kanälen anbieten, also selbstverständlich auch Radio und Internet, damit er u.a. auch von international tätigen Österreichern oder anderen Interessierten genutzt werden kann.

ad: "Oder wäre der restliche Medienmarkt nicht attraktiver, wenn es keine Marktverzerrung gibt?"
Zum Glück ist es in Österreich nicht nur ein Markt. Wenn Sie sehen wollen, was marktschreierische Berichterstattung bedeutet, dann gönnen Sie sich eine halbe Stunde Fox-News, dann würden Sie solche Fragen wahrscheinlich nicht mehr stellen.
phil (Gast) - 15. Jun, 09:39

copy/paste?

http://futurezone.orf.at/stories/1605579/

die zitierte vöz-geschichte stammt von der apa ...

aber im kern stimme ich mit ihren ideen überein. dass sich die verleger für das abschalten eines mediums stark machen ist a) prinzipiell grotesk und zeugt b) von einer ekelhaften selbstgefälligkeit

or (Gast) - 15. Jun, 13:01

gebührenfinanzierter Journalismus vs. Platzhirsche

aus deutscher Sicht ist mir das wohlbekannt... Meine prinzipielle Einstellung hierzu ist, dass ein vorhandener Pluralismus der "klassischen" Medien nicht durch gebührenfinanzierte - also per Gesetz finanzierter - Angebote unterminiert werden darf. Ist die Lage der Presselandschaft bei Euch wirklich so, dass es einige wenige "staatstragende" Leitmedien gibt, die das öffentliche Meinungsbild prägen und sonst nichts? Das stelle ich mir furchtbar vor!s



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