Wir müssen über Guido sprechen
Dreimal zierte er in den vergangenen zwölf Monaten das Cover des Satire-Magazins „Titanic“, Facebook-Gruppen wie „Westerwave – no one can reach me the water“ erfreuen sich reger Beliebtheit. Knapp neun Monate nach Amtsantritt gehören Spott und Häme über Guido Westerwelle praktisch zum guten Ton. Ein Erklärungsversuch.
Text: Tom Liehr und Markus H. Kringel
Illustration: Tom Linecker

Man wünscht sich in eine urinmiefige Bahnhofstoilette, eine schmierige Hafenspelunke oder wenigstens eine Lidl-Filiale. Der unangenehme Grusel, den die Landesdelegiertenkonferenz der Parteinachwuchsorganisation bietet, weckt Assoziationen, die Legenden von Burschenschaftstreffen, Bilder von Kirchentagen und Videospiel-Konferenzen heraufbeschwören. Hier fühlt sich nichts richtig an, und zugleich ist es auf seltsame Art stimmig: schlaksige, blutarme Pubertanden mit Schlipsen und Cordsakkos; abweichendgewichtige Nerds mit ganzen Pickelherden in den Gesichtern; hohlwangige, kurzhaarfrisierte Rollkragenpulliträger mit irren Blicken, die stapelweise Tagungsunterlagen horten, im Sekundentakt ihre Handys kontrollieren und auf verhuschte Art wie vor Jahren im IKEA-Balgenparadies vergessene Vorstadtkinder wirken. An der Zusammensetzung dieses halbfeuchten Biotops, in dem sich der Laich tummelt, der darauf hofft, in zwanzig, dreißig Jahren jene gefährlichen Gewässer zu bevölkern, aus denen Regierende gefischt werden, hat sich während der vergangenen Jahrzehnte nur wenig geändert.
Die kleinste von drei Artengruppen besteht aus jenen, die politisches Engagement aus moralischen Gründen betreiben, aus einer tief empfundenen Verantwortung heraus – zumeist als Ergebnis einer entsprechenden Sozialisation. Sie sind zurückhaltend gekleidet und gehören insgesamt zu den besser Aussehenden. Sie geben sich eher schweigsam, sachorientiert und treffen Entscheidungen nie aus einem Fraktionszwang heraus, den es in diesen Vereinen tatsächlich bereits gibt.
Die zweite, etwas größere Teilmenge baut an der eigenen Karriere, in den meisten Fällen als Rechtsanwalt oder wenigstens Steuerberater. Schon mit vierzehn strahlen diese Jungs eine enorme Gewissheit im Hinblick auf ihre Lebensplanung aus, tragen die entsprechende Kleidung und üben sich im Wichtigdreinschauen. Ihre Eltern, meistens die Väter, haben eine ähnliche Entwicklung hinter sich. Diese Leute geben sich zurückhaltend, was die Besetzung von Positionen anbetrifft, führen aber das Wort in Kungelrunden und bei konspirativen Treffen – sie sind die Kandidatenformer, quasi die hellgrün-grauen Eminenzen.
Die mit Abstand größte Gruppe im Nachwuchstümpel aber stellen jene dar, die schlicht anderswo keine Chance haben. Man findet solche Leute auch bei der Kirchengemeindejugend – mit dem Unterschied, dass es dort Mädchen, sogar hübsche – in nennenswerter Anzahl gibt; bei den Jugendorganisationen der drei klassischen Bundesparteien CDU, SPD und FDP dagegen muss man nach dem weiblichen Geschlecht mit dem Rasterelektronenmikroskop suchen.
Sie sind per Mundpropaganda angeworben worden und griffen beherzt zu, weil sie es leid waren, bei Klassensprecherwahlen auf dem letzten Platz zu landen, bei Schulsport-Mannschaftsaufstellungen zähneknirschend zuletzt ausgewählt zu werden und auch kurz vor dem Abitur noch nie Sex zu zweit gehabt zu haben. Sie sind aknevernarbt, hyperhidros, motorisch untalentiert, gnadenlos unhip und trendfremd, musikalisch abwegig interessiert und obskur angezogen. Ihr Bedürfnis, dazuzugehören, trägt fast schon pathologische Züge. Dabei sind sie extrem anpassungsfähig, identifizieren sich in hohem Maß mit der Gruppe, zeigen sich arbeitsam und konfliktscheu. Nicht wenige von ihnen wissen bereits aus erster Hand, wie sich eine Depression anfühlt.
Die Gründe dafür, dass Junge Union (CDU), Jungsozialisten (SPD) und Junge Liberale (FDP) solche Adoleszenten-Freakshows sind, liegen auf der Hand. Während diejenigen, für die echter Spaß im Hörnerabstoßalter auch erreichbar ist, auf ihren Mofas durch die Innenstädte cruisen, die Großraumdiskos bevölkern, bei Konzerten headbangen und die Mädchen aus den zurückliegenden Jahrgängen in die Horizontale quatschen, hoffen die anderen, sofern sie nicht wenigstens sportlich oder musisch begabt sind, auf Anerkennung im Politikhumus.
Tatsächlich werden sie jahrelang frierend an Partei-Infoständen stehen, Werbezettel für ihre örtlichen Abgeordneten verteilen, wirkungslose Beschlüsse fassen und mit Glück in das Wahlkampfteam irgendeines alkoholkranken Mandatsträgers gelost. Abweichler und Leute mit revolutionären Ideen werden auf diese Art erfolgreich geschliffen. Nur wenige schaffen es mehrere Jahrzehnte später in den Bundestag, in die Landtage oder wenigstens die Kreisverwaltungen – je größer die Partei, umso geringer die Chancen, die dann oft auch noch von Quereinsteigern verstellt werden.
Die ernüchternde Mediokrität vieler Demokratierepräsentanten erklärt sich durch diese Strukturen – und keinesfalls, wie häufig behauptet wird, durch die erbärmliche Vergütung der hohen Staatsbeamten im Vergleich etwa mit Managergehältern.
Guido Westerwelle kam 1961 in Bad Honnef zur Welt, einem 25.000-Seelen-Ort am Rhein, gleich der damaligen Bundeshauptstadt Bonn gegenüber gelegen. Sein Vorname zählte in den Sechzigern, Siebzigern zu jenen, deren Träger zu leiden hatten – ähnlich erging es Jungen namens Jens, Arndt, Detlef oder Harald. Beide Eltern waren Rechtsanwälte, Klein-Guido wuchs mit seinen drei Brüdern beim alleinerziehenden Vater auf; die Eltern trennten sich, als er acht Jahre alt war. Die juristische Karriere wäre dem Westerwelle-Nachwuchs fast verschlossen geblieben; erst über Umwege schaffte er nach dem zweitklassigen Realschulabschluss doch noch das Abitur und wurde schließlich Doktor der Rechtswissenschaften.
Später begründete er die schwachen schulischen Leistungen damit, praktisch den Haushalt der Männer-WG geführt zu haben. Im Gymnasium war er unbeliebt, nicht nur wegen des wichtigtuerischen schwarzen Pilotenkoffers und der Popperfrisur. Bei einer Stufensprecherwahl wurde er mit großem Abstand letzter; Klassenkameraden führten eine Art Schwarzbuch mit seinen nervigsten Sprüchen. Schon damals entdeckte er seine persönliche Verteidigungsstrategie, die alsbald nicht mehr als solche zu erkennen war: austeilen, um nicht einstecken zu müssen, Provokation als Ablenkung. Westerwelles bevorzugte Feinde waren die Lehrer, Alt-68er, die er für ihre emanzipatorische Konfliktpädagogik und die Fundamentierung der Abkehr vom Leistungsprinzip verachtete. Dieses Feindbild hielt sich bis heute. Mühe, das wenigstens in elegante Worte zu fassen, ist nicht zu erkennen.
Er war einer der sprichwörtlichen Einäugigen, als er mit knapp 19 Mitglied der Freien Demokratischen Partei Deutschlands wurde, im Jahr 1980, damals noch Student der Rechtswissenschaften. Ein Studium, das mit der Promotion endete, Titel der Dissertation: „Das Parteienrecht und die politischen Jugendorganisationen“. Über den Nachwuchssumpf weiß er mehr als viele andere, schließlich wurde er mit einer kleinen Clique Gründer der „Jungen Liberalen“, die unter Westerwelles aktiver Beteiligung nach kurzer Zeit die sozialliberalen, eigentlich aber fast sozialistischen „Jungdemokraten“ abtöteten.
Die waren bis zu diesem Zeitpunkt noch offizielle Zettelverteiler der FDP und borstig gegen das Image der Unternehmerpartei mit Freimaurercharakter sowie die Annäherung an die CDU – seinerzeit beherrschte die sozialliberale Koalition noch scheinbar unangefochten die Republik. Die Grünen befanden sich noch im fundamentaloppositionellen Embryonalstadium, und Die Linke formierte sich erst Jahre nach der Wiedervereinigung (1990) als Unzufriedenenhort für ewige Ostler und geschichtsmissverstehende Altsozialisten. Unter Jungunionisten quittierte man den Vernichtungssiegeszug der JuLis ehrfürchtig-erstaunt mit den Worten: Die überholen uns noch rechts.
Die bundespolitische Bühne betrat der Pippi-Langstrumpf-Fan im November 1994, mit 33, womit er zu den wenigen gehörte, die es je geschafft haben, Engagement in der Jugendorganisation in eine wirklich bemerkenswerte Mutterpartei-Karriere münden zu lassen. Damals wählte die Partei den frisch promovierten Rechtsanwalt zum Generalsekretär – ein Amt zum Draufhauen und Zubeißen, zum Polarisieren. Das konnte Guido Westerwelle schon immer, das hatte er in den Stationen zuvor gelernt. Bei den Nachwuchsorganisationen gehörte es zum guten Ton, wenn auch vieles aus den Sandkästen der Parteien ungehört verschallte; ernst genommen wurde das Gepolter der rhetorikgeschulten Erwachsene-Politiker-Parodisten kaum.
Der Beginn der Karriere fiel mit dem Vorabend der Wende in Deutschland zusammen: Noch war Helmut Schmidt Bundeskanzler. Doch schon längst suchten Freidemokraten programmatisch neue Wege und fanden mit der CDU/CSU auch einen neuen politischen Partner – und Mehrheitsbeschaffer. Die neuen Schlagworte lauteten: Marktwirtschaft und Menschenrechte. Freiheit statt Sozialismus. Der eher linksliberale Kurs der Siebzigerjahre schien verbraucht, auch beim Nachwuchs. Westerwelle gehörte zur neuliberalen Avantgarde und mischte bei den JuLis ganz vorne mit, zuerst auf regionaler Ebene, dann im Bundesvorstand. Mit 21 Jahren, im Jahr 1983, sogar als Vorsitzender. Nach vier Jahren legte er das Amt nieder. Auch weil er nicht als Berufsjugendlicher wahrgenommen werden wollte – schon mit Mitte zwanzig wollte Guido Westerwelle nicht mehr jung sein. Er konzentrierte sich auf sein Jura-Studium, arbeitete bei seinem Vater in der Kanzlei. Politisch aktiv blieb er dennoch. Seit 1988 gehörte er zum Präsidium der FDP und machte in schöner Regelmäßigkeit auf sich aufmerksam. Das konnte er immer schon gut. Seit seiner Kindheit.
Er verfügte über die idealen Voraussetzungen für einen Generalsekretär, eine Person, die die Partei aufrichten musste: Als Anhängsel der von Kanzler Helmut Kohl geführten Bundesregierung versank die FDP Mitte der Neunziger in der Bedeutungslosigkeit. Das Überwinden der Fünf-Prozent-Hürde reichte schon als Anlass zum Feiern, bei jener Partei, die häufiger als jede andere an deutschen Bundesregierungen beteiligt war, was bis heute gilt. Die Partei verlor zu dieser Zeit Wahlen über Wahlen – massiv gerade bei der Bundestagswahl 1994. Viele sagten der FDP das baldige Ende voraus. Guido Westerwelle aber ging diszipliniert seinen Weg, reiste durchs Parteiland, hörte beim Parteivolk hin und aufmerksam zu. Er richtete die FDP neu aus, modernisierte sie, gab ihr ein neues Image – eines, das immer enger mit seiner Person verknüpft war. Er formte aus der Drei-Pünktchen-Partei F.D.P. eine Zweipunktpartei www.fdp.de, setzte den Flügelkämpfen zwischen Links- und Wirtschaftsliberalen ein Ende – genau jener Auseinandersetzung, die ihm zuvor den Aufstieg ermöglicht hatte.
Westerwelle reduzierte den Laden auf das Thema Steuersenkung, behauptete, dass es in Deutschland zu viel Staat gebe, zu viel Bürokratie und zu wenig Eigenverantwortung. Konkrete Pläne, wie diese Herausforderungen zu meistern wären, fehlten. Trotzdem hatte Guido Westerwelle Erfolg, sogar großen. Bei den folgenden Wahlen in den Ländern gewann die FDP wieder – ein ungewohntes Gefühl für die Partei. Guido Westerwelle verantwortete mehr als 69 Wahlkämpfe in den kommenden Jahren, bei 62 gewann die FDP zum Teil deutlich hinzu.
Aber er wollte mehr, in den Deutschen Bundestag, als Bühne für noch wichtigere Aufgaben. Bei der Wahl 1994 scheiterte er zunächst knapp, rückte erst ein Jahr später nach. Endlich konnte er auch im Parlament herumpöbeln und polarisieren. Er erfand und inszenierte die FDP in den kommenden Jahren immer wieder neu. Unter seiner Führung wurde der Club der Besserverdienenden zu einer putzmunteren Opposition, einer Partei der geistig-moralischen Wende, aber auch der guten Laune. Westerwelle aber drehte das Rad weiter, überforderte Anhänger und Beobachter fast, präsentierte sich im ständigen Wandel, und zuweilen war nicht mehr erkennbar, ob es sich um einen Mann mit vielen oder ohne Eigenschaften handelte: Guido Westerwelle – ein öffentliches Zerrbild.
Er gilt als Mensch, der den geraden Lebensweg bevorzugt, der keine Fehler machen will und daher besser auch keine macht, der sich selbst kontrolliert, in jeder Minute seines Lebens, der sich ordentlich und korrekt verhält, der aber offenbar auch Autorität mit korrektem Auftritt verwechselt. Das Erziehungsparadigma scheint hindurch: Sitz gerade zu Tisch! Zerteile die Kartoffel stets mit der Gabel! Und empöre Dich, wenn Lutz schon wieder zu spät zum Unterricht kommt! Und seine Hausaufgaben nicht gemacht hat! Wie will der seinen Abschluss machen! Leistung muss sich lohnen! Die Delegierten auf der Nachwuchskonferenz würden unisono dazu nicken. Statt Bundesminister zu werden, fand er sich 1998 plötzlich auf der Oppositionsbank wieder.
Als Lösung verordnete der Noch-Generalsekretär der Partei eine Maximaldosis Guidomat. 2001 drängte er Wolfgang Gerhard aus dem Amt und wurde Vorsitzender, verknüpfte Schicksal und Image der Partei weiter mit der eigenen Person, richtete sie konsequent auf sich aus. Und die FDP fügte sich, nahm sogar hin, dass nunmehr jemand das Heft in der Hand hielt, der sogar im RTL-Idiotencontainer „Big Brother“ erschienen war; eine Form von Volksnähe, zu der sich andere Vertreter derselben nicht einmal im Suff hätten hinreißen lassen. Die FDP hatte aber auch keine Wahl mehr. Die unangenehme Konsequenz bestand darin, die Westerwelle-Partei zu sein. Guido Westerwelle war und ist in den eigenen Reihen nicht sonderlich beliebt, höchstens respektiert. Seine nassforsche und altkluge Art nervte schon damals viele. Einige nannten ihn einen Kotzbrocken. Er wurde und blieb der Parteichef, der selten den richtigen Ton und nie die richtige Lautstärke trifft. Vergleiche zu seiner Schulzeit drängen sich auf.
Der Lautsprecher Westerwelle inszenierte den Wahlkampf 2002 als den einer Spaßpartei. „Big Brother“ folgte konsequent das „Guidomobil“, quasi der Container auf Rädern – ein gelb-blaues Wohnmobil, das bei Jahrmärkten und vor McDonald’s-Filialen auftauchte. Mit dem „Projekt 18“ trug er das völlig illusorische, aber selbst von den Protagonisten der Partei nicht immer ironisch verstandene Wahlziel von 18 Prozent der Wählerstimmen mit – Westerwelle ließ sich die Ziffern sogar auf die Schuhsohlen drucken. Erstmals in der Geschichte der FDP ließ sich der Parteivorsitzende zum Kanzlerkandidaten küren – nie vorher hatte die FDP über einen solchen verfügt.
Vollkommen selbsttrunken vom multimedialen Comedy-Wahlkampf übersah er jedoch, was in den eigenen Reihen geschah: Er ließ zu, dass sein Stellvertreter Jürgen Möllemann aus Nordrhein-Westfalen halboffen mit platten antisemitischen Parolen am rechten Wählerrand fischte – in Deutschland ein absolutes No-go. Die Empörung war laut, Westerwelle schritt erst spät ein. Vergleiche drängten sich auf: Die neue FDP – ein Abklatsch der FPÖ Jörg Haiders? War die FDP antisemitisch? Israelfeindlich? In der Rückschau bedauerte Guido Westerwelle die Phase als Spaßpartei und tat sie als Schnapsidee ab. Währenddessen jedoch stand er voller Inbrunst dahinter, gewann bei der Wahl sogar leicht hinzu. 18 Prozent allerdings erreichte die Partei bis heute nicht.
Die Zäsur folgte bald: Im Jahr 2003 stürzte sich Möllemann mit dem Fallschirm in den Tod. Westerwelle zog sich zurück, tauchte wieder auf und verkündete den erstaunten Medien, keine Schauspielerei mehr betreiben zu wollen. Den polarisierenden und brutalen Westerwelle wollte Guido wegsperren, gab sich nun staatsmännischer. Vielleicht war aber auch das nur eine Rolle. Vielleicht wusste Guido Westerwelle inzwischen selbst nicht mehr, wer er eigentlich war.
Es folgte im Jahr 2005 die Große Koalition, auch, weil er der SPD eine brüske Absage erteilte. Für ihn wäre umfallen ein Verrat an der Sache, an sich selbst gewesen. Lieber wartete er weiter, was sich im September 2009 endlich auszahlte: Guido Westerwelle war am Ziel seiner Träume und seiner Arbeit angelangt. Er führte seine Partei zum bislang größten Wahlerfolg ihrer Geschichte, konnte endlich das Wunschbündnis mit den Unionsparteien eingehen. Er wurde mit 48 Jahren Außenminister – 29 Jahre nach dem Beginn seiner politischen Karriere, 15 nach dem Antritt als Generalsekretär.
Und wie inszeniert sich Guido Westerwelle nun? So sehr der Parteimensch Westerwelle Rollen spielt: Den Privatmenschen Guido blendete er lange Zeit aus. Den Medienvertretern erzählte er viel über seine Jugendzeit und über seine kulinarischen Vorlieben, ließ private Fotos abdrucken. Dennoch blieb er schwer greifbar. Nach einem inoffiziellen (2001) folgte das offizielle Outing im Jahr 2004 – die Öffentlichkeit erfuhr, dass er mit dem Sportmanager Michael Mronz zusammenlebte. Im Gegensatz zum regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit („Ich bin schwul. Und das ist auch gut so!“) trug Westerwelle seine Homosexualität nicht nach außen. In diesem Punkt wähnte er sich angreifbar, unterstellte später der Kritik an ihm nicht selten homophobe Tendenzen – als ob die Menschen in ihm zuerst die sexuelle Ausrichtung und dann die politischen Handlungen beurteilten, was im Deutschland des neuen Jahrtausends wenigstens öffentlich nur noch Ewig- oder Neugestrige mit Sägespänen im Schädel tun.
In Interviews betonte Westerwelle früher, dass er nicht geliebt werden wolle. Aber genau dies ist vielleicht eine seiner größten Lebenslügen. Nach seinem Traum von Glück gefragt, antwortete er einmal: die erwiderte Liebe – wenn es geht, ein Leben lang. Möglicherweise ist dies das zentrale Leitmotiv, das ihn antreibt, die Essenz seiner Jugend als mutterloses Kind und führendes Mitglied einer jener Truppen von schlipstragenden Losern, die Politik nur machten, weil es sonst nichts für sie gab. Er beneidet Menschen, die einen Raum betreten und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die Sympathien wie von selbst gewinnen. Wie gerne wäre er so einer! Stattdessen überwiegt bei ihm wohl häufiger das Gefühl, trotz aller Erfolge nie richtig dazuzugehören.
Seit knapp neun Monaten verdingt sich dieser Mann nun als oberster Diplomat der Bundesrepublik Deutschland und treibt als einer der jüngsten Bundesaußenminister weiterhin alle in den Wahnsinn. Er bleibt ein Rätsel, aber auch Anlass für gehöriges Amüsement. Während Außenpolitik darin zu bestehen scheint, hauptsächlich tief beeindruckt davon zu sein, Präsidenten und Ministern dieser Welt die Hände schütteln zu dürfen, versteht Westerwelle sein Amt innenpolitisch offenbar als Freibrief für ein Fettnäpfchen-Jogging ungeahnter Qualität.
Als wäre er noch immer Anführer einer chancenlosen Oppositionspartei, poltert und stänkert er, wobei er patzt und sich selbst diskreditiert. Von einem, der die FDP zu ihrem mit Abstand besten Wahlergebnis führte, ist er innerhalb eines Augenzwinkerns zum mit Abstand unbeliebtesten Politiker der Republik geworden. Da wird das deutsche Sozialsystem mit dem Zeitalter der spätrömischen Dekadenz verglichen, da gibt es Steuersenkungen für zahlungskräftige Parteispender, da werden Journalisten einfach als ahnungslos abgekanzelt. Das ist alles immer noch zu schrill, zu laut. Der Tonfall aus Zeiten, die Westerwelle vollmundig für beendet erklärt hatte, prägt plötzlich wieder die Äußerungen. Es fühlt sich an, als würde ein kleiner Junge Außenminister spielen. Einer, dem niemand gesagt hat, wie dieses Spiel geht.
Die Delegiertenkonferenz endet, am Cola-Automaten treffen sich zwei Nerds. „Wie willst du werden? Wer ist dein Vorbild?“, fragt der eine, während er auf seine Fanta Mango wartet. „Westerw…“, beginnt der andere, unterbricht sich aber errötend selbst und nestelt an seiner Krawatte herum. Verschüchtert blickt er zu Boden, hebt dann den Kopf wieder und lächelt schließlich: „Weißt du, vielleicht werde ich ganz einfach nur Rechtsanwalt.“
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Junge Menschen in die Politik? Ja bitte!
Nachdem ich den gesamten Artikel im neuen DATUM gelesen hatte, drängten sich mir ein paar Fragen zu Ihrer Motivation auf bzw. Ihrer Zielsetzung des vorliegenden Artikels auf:
Woher kommt diese unterschwellige Feindseligkeit, ja beinahe Hassgefühle, gegenüber Jungpolitikern? Und dieses von Vorurteilen nur so verzerrte Bild von jungen Menschen, die in der Politik ihre einzige Rettung sehen, weil sie es mit ihrer von Pickeln vernarbten Gesichtern, sonst weder in der Liebe noch im Beruf weit nach oben bringen würden?
Revolte gegen bestehende, verkrustete politische Strukturen mag ja en vogue und mitunter auch hilfreich sein. Aber wieso Sie zusätzlich zu unseren derzeitigen trüben Aussichten des politischen Alltags auch gleich im Vorhinein alles Nachkommende schlecht reden, pauschalisieren, ja ins Lächerliche ziehen, will mir nicht ganz eingehen.
Politik ist nun einmal eine der wenigen Möglichkeiten die Lebensumstände eines Landes oder einer Region zu verändern. Und dazu braucht es gute Leute, wenn möglich die besten, die verfügbar sind. Dass diese derzeit nicht am Ruder der österreichischen Flotte sitzen, ist mir klar. Meiner Schlussfolgerung zufolge müsste man junge Menschen aber gerade deswegen, und gerade in unserem Land, motivieren sich politisch zu engagieren, Sachen besser zu machen, ihnen den Glauben und die Motivation einimpfen, dass Veränderung zum Besseren nur durch sie möglich ist - und nicht die wenigen Leute die es gibt, als kleine, picklige Loser darstellen.
Ich bin offen gesagt enttäuscht über Ihren Artikel, weil er nicht, wie die meisten im DATUM erscheinenden Reportagen, eine objektive und genau recherchierte Darstellung eines Sachverhalts darstellt, sondern viel mehr einer (persönlichen?) Abrechnung mit einer Sache oder einer Person (in diesem Fall Jungpolitikern bzw. Westerwelle) gleicht.
Kurzum: der Artikel ist meines Erachtens nach nicht DATUM-würdig.
Mit besten Grüßen
Ulrich Mayer
Junge Menschen in die Politik - aber hallo!
wenn Sie diesen Teil des Westerwelle-Portraits als Abrechnung verstehen, liegt ein Missverständnis vor. Es handelt sich vielmehr um eine Zustandsbeschreibung, die zwar marginal eingefärbt ist, nach Meinung der Autoren aber durchaus auf der Realität fußt, die in solchen Organisationen herrschte und herrscht - und die Anmerkung sei gestattet, dass die Beschreibung nicht auf Hörensagen basiert. Das Skizzierte mag ein beklagenswerter Zustand sein, und selbstverständlich wäre wünschenswert, dass sich mehr Jugendliche für Politik interessieren und politisch engagieren, aber darum ging es nicht. Möglicherweise könnte man dem Text an dieser Stelle eine gewisse Überspitzung oder Überzeichnung attestieren, die allerdings relativiert wird, aber derlei gehört zum Werkzeug beim Verfassen derartiger Beiträge.
Ob man sich als Jugendlicher dem zuweilen recht unwürdigen Mit-, Über- und Untereinander stellen muss, das solche Partei-Jugendorganisationen beherrscht, ist diskussionswürdig. Politisches Engagement lässt sich auch auf andere Weise umsetzen, wie sich vielerorts eindrucksvoll gezeigt hat. Der Text redet nicht gegen solches Engagement.
Herzlich,
Tom Liehr