Wer kennt diese Frau?
Spurensuche nach einer Spurlosen
Text: Iris Hafner
Fotografie: BKA

Während der „Piano man“ weltweit für Aufsehen sorgt, geriet ein ähnlicher Fall, der sich in Österreich ereignete, nach kurzer Zeit wieder in Vergessenheit. Die Frau auf unserem Cover wurde vor sechs Jahren in einem kleinen Bahnhof in Oberösterreich von der Polizei aufgegriffen. Ohne Papiere und ohne Gedächtnis. Bis heute weiß niemand, woher sie kam – und wohin sie gegangen ist.
Unter dem Titel „Erinnerungen an O.“ zeichnet Iris Hafner in der aktuellen Ausgabe von DATUM die unglaubliche Chronik eines Verschwindens nach.
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Fahndungsliste des Bundesministeriums für Inneres
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Zug des Vergessens
Ein Angestellter des Bahnhofs in Untergaisbach hat uns über eine verwirrte Unbekannte am Bahnsteig informiert“, sagt der Polizist aus Pregarten über jenen Einsatz, den er bis heute nicht vergessen hat. Seinen Namen will er nicht nennen. „Bei Fällen, die das Bundeskriminalamt bearbeitet, dürfen wir keine Auskunft geben.“ Am 30. September 1999, einem kühlen Herbstvormittag, hält der Zug, der vom Linzer Hauptbahnhof aus nach Summerau fährt, wie jeden Tag in der Station Gaisbach-Wartberg. An diesem Freitagvormittag steigt eine Frau nicht freiwillig aus.
Der Schaffner hat sie aus dem Zug geschmissen, weil sie ohne Fahrkarte unterwegs war. Er hat sich noch gewundert, weil die Frau nicht wie eine typische Schwarzfahrerin ausgesehen hat. In ihrem Polizeiakt wird sie später mit Körpergröße 1,63, schlanke Erscheinung eingetragen. Bei ihrer Ankunft trägt sie eine halblange beige Steppjacke, darunter eine schwarze Hose, einen schwarzen Rollkragenpullover und braune Schnürstiefeletten. Am Handgelenk baumelt eine goldene Uhr von Gucci. Der Zug setzt seine Reise fort, die Frau bleibt am Bahnsteig zurück.
Es ist kurz vor halb elf, als in der kleinen, von Grünanlagen und Bäumen gesäumten Haltestelle ein Fall seinen Anfang nimmt, der für das Bundeskriminalamt (BKA) bis heute mehr Fragen offen lässt als beantwortet. „Als wir am Bahnhof angekommen sind, ist sie teilnahmslos am Bahnsteig gestanden“, erinnert sich der Polizist. Elegant habe sie gewirkt, aber „man hat gerochen, dass sie schon mindestens zwei, drei Tage unterwegs gewesen sein muss, ohne zu duschen“. Der Versuch, ihre Personalien aufzunehmen, scheitert. „Sie hat weder einen Ausweis vorzeigen können noch ihren Namen genannt. Heraus kamen nur einige unzusammenhängende Brocken in Englisch.“
Es wird bald offensichtlich, dass der mysteriösen Unbekannten am Bahnhof Untergaisbach, einem Teil der 4.000-Seelen-Gemeinde Wartberg ob der Aist, weit mehr abhanden gekommen ist als ein gültiger Fahrausweis oder ein Reisepass. Sie hatte keine Erinnerung, kein Gedächtnis, keine Identität. Bis heute steht sie auf der Homepage des BKA zur Fahndung ausgeschrieben: „Unbekannte Frau, weiblich, 163 cm groß, etwa 45 Jahre alt, braunes, gelocktes, mittellanges Haar, Seitenscheitel, gepflegte Gesamterscheinung“, steht da, sowie der Vermerk, wo sie aufgegriffen wurde.
In Großbritannien füllte der Fall des „Piano man“, eines angeblich gedächtnislosen Mannes, der Anfang April des Jahres in Sheerness in der Grafschaft Kent aufgetaucht war und – ebenfalls nur angeblich – virtuos Klavier spielen konnte, wochenlang die Titelseiten der Zeitungen. Der Mann konnte trotz weltweiter Berichterstattung nicht identifiziert werden, bevor er jüngst selber sein Schweigen brach. Der „Piano man“ erwies sich als 20-jähriger Deutscher, der in England Selbstmord begehen wollte und den Ärzten seinen Gedächtnisverlust nur vorgespielt hatte. In Österreich verschwand die Unbekannte von Untergaisbach nach ihrem Aufgreifen wieder – beinahe genauso spurlos, wie sie wenige Wochen zuvor aufgetaucht war.
Das Büro von Regine Buchmann im neunten Wiener Gemeindebezirk ist groß und freundlich. Der riesige Schreibtisch ist bis zur Hälfte mit einem Computer und ein paar dünnen Aktenmappen belegt. Nur zwei große Plakate an der Wand geben einen Hinweis darauf, womit sich die 40-jährige Juristin täglich beschäftigt. Je zwölf Kinderfotos sind darauf abgebildet. Darüber steht in großen schwarzen Blockbuchstaben auf grünem Grund „enfants disparus“ und „missing children“.
„Die Vermisstenplakate hängen nur für die Journalisten an der Wand. Die brauchen einen passenden Hintergrund für Fotos“, sagt Buchmann. Sie leitet seit 1. Februar 2003 das BKA-Büro 3.2, zuständig für Kapital- und Sittlichkeitsverbrechen. Zwei Mitarbeiter der Abteilung beschäftigen sich mit Personen, die vermisst werden oder die namenlos in Österreich aufgegriffen wurden.
„Unsere Mitarbeiter ermitteln aber nicht aktiv“, sagt Buchmann. „Sie gehen nicht raus, nehmen Spuren auf und reden mit Angehörigen. Das ist Aufgabe der jeweiligen Polizeistation.“ Das Bundeskriminalamt fungiert nebenbei als Interpol Wien. Anhand der von den zuständigen lokalen Polizeistationen übermittelten Informationen kann es bei Bedarf Auslandsfahndungen einleiten.
Unbekannte Personen tauchen in Österreich selten auf. Meistens handelt es sich um Tote. Oder auch nur um Teile davon. „Ein Mitarbeiter arbeitet gerade an einem Fall, wo lediglich ein Fuß gefunden wurde“, erzählt Buchmann über den Arbeitsalltag der Abteilung. Lebendige Personen, die identifiziert werden müssen, sind in der Regel Unfallopfer, die sich nach einigen Tagen wieder erinnern können, wer sie sind. Oder Menschen, die ihre Identität ganz bewusst nicht preisgeben wollen. Die unbekannte Frau dagegen, die 1999 in Untergaisbach aufgegriffen wurde, ist ein Einzelfall, den Buchmann nur aus den Akten kennt.
Die ersten Spuren hinterlässt die Frau am 29. September im Eilzug IC 546, der auf der Strecke Wien-Westbahnhof–Linz verkehrt. Laut den Aufzeichnungen des Bundeskriminalamts erinnert sich ein Schaffner an die allein Reisende, die um 22.31 Uhr in Melk einsteigt, weder Handtasche noch Gepäck noch einen Fahrschein vorweisen kann und 15 Minuten vor Mitternacht ihre Reise am Linzer Hauptbahnhof beendet. Bis am nächsten Vormittag die Fahrt mit dem Zug in Richtung Summerau weitergeht und um 10.27 Uhr in Untergaisbach endet. Woher kam die Unbekannte ursprünglich? „Unsere ersten Vermutungen gingen in Richtung Italien“, sagt Buchmann, „weil sie italienische Kleidung und Schmuck getragen hat.“ Die Fahndung bleibt ergebnislos.
„Sie hat bei der Einvernahme kaum geredet“, erinnert sich der zuständige Sachbearbeiter S. vom Landespolizeikommando Oberösterreich. Er möchte anonym bleiben: „Wir arbeiten auch verdeckt, deshalb brauchen wir unsere Namen nicht in der Zeitung.“ Am Foto, das während der Einvernahme angefertigt wurde, sitzen die kinnlangen braunen Haare fast perfekt. Nur die verschmierte schwarze Schminke unter den Augen gibt einen Hinweis auf die tagelange Irrfahrt. Ihr schmales Gesicht bleibt die ganze Zeit über regungslos. „Sie hat weder verängstigt noch verzweifelt gewirkt, sondern war völlig teilnahmslos. Sie hat die ganze Zeit nur stumm vor sich hingestarrt“, sagt S. Fragen beantwortet sie so gut wie keine.
„Wenn sie geredet hat, dann in Englisch, Französisch oder Italienisch. Durcheinander, wie’s ihr eingefallen ist.“ Dass sie auch gebrochen Deutsch spricht, hat der Ermittler erst durch die Ärzte im Wagner-Jauregg-Spital erfahren. Nach ihrer Einvernahme wird sie in die Linzer Nervenklinik eingewiesen. Eine Aktennummer ohne Namen und ohne Gedächtnis. Bis sie sechs Wochen später wieder verschwindet.
„Wenn Menschen ihr Gedächtnis verlieren, verlieren sie auch ihre Identität“, sagt Dr. Werner Schöny. Seit 1992 ist er ärztlicher Direktor der Wagner-Jauregg-Klinik. 170 Ärzte und 800 Pflegepersonen arbeiten auf der weitläufigen Anlage in der Linzer Vorstadt. Wenn der schlanke 60-Jährige spricht, dann langsam, mit leiser, monotoner Stimme. Nur bei Fragen zum Thema Neurologie und Psychiatrie beginnen die Augen des Mediziners zu leuchten.
Retrograde oder globale Amnesie“ nennt die Fachwelt das Symptom, wenn das eigene Spiegelbild plötzlich zu einer fremden Person wird. Die Ursachen sind bis heute nicht restlos geklärt. Neben Tumoren oder Folgeerscheinungen epileptischer Anfälle kann ein Unfall oder ein Schockerlebnis zum kompletten Verlust der eigenen Biografie führen. Aber es gibt auch Fälle, in denen die Erinnerung ohne äußere Einwirkung verschwindet. Von einem Moment auf den anderen wissen die Betroffenen dann nicht mehr, wer sie sind.
Therapiemöglichkeiten? Fehlanzeige. „Man kann eigentlich nur Begleiterscheinungen wie Schlafstörungen oder Unruhe behandeln und ansonsten zuwarten“, sagt Schöny. Manchmal bringt die Zeit die Erinnerung zurück. Manchmal auch nicht. Die Patienten werden dann zu Getriebenen, die rastlos auf der Flucht vor dem Unbekannten oder auf der Suche nach der Vergangenheit sind, die ihre Erinnerung nicht mehr preisgibt. Schöny kennt viele solcher Fälle. Er hat jahrelang Alzheimer- und Amnesiepatienten behandelt. An die „Unbekannte von Untergaisbach“ erinnert er sich erst nach mehrmaligem Nachfragen.
„Wir haben 25.000 Aufnahmen im Jahr, da kann man sich nicht an alles erinnern.“ Als ärztlicher Direktor trägt Schöny die Letztverantwortung für den therapeutischen Bereich. Er persönlich hat aber kaum Kontakt mit den Patienten. „Ich kann mich dunkel erinnern, dass wir einmal eine hauptsächlich Englisch sprechende Dame hierhatten.“ An Details könne er sich nicht mehr erinnern. „Die Patientenakten werden zwar 30 Jahre lang archiviert, aber ohne Namen kann man nichts mehr herausfinden. Weil wir ja nicht wissen, wo wir suchen sollen.“
Am 19. November, zwei Wochen, nachdem sie von der Polizei aufgegriffen wurde, verschwindet die Frau aus der Linzer Nervenklinik. Sie kehrt von einem „Freigang“ nicht mehr zurück. „Wir nennen das ‚therapeutischer Ausgang‘“, sagt Schöny. „Das ist ein wichtiger Teil im therapeutischen Prozess. Schließlich müssen wir überprüfen, ob sich die Patienten in der Stadt ordnungsgemäß verhalten.“ Begleitet werden sie bei diesen Ausgängen manchmal von Angehörigen oder dem Pflegepersonal. Manchmal auch nicht. Und wenn eine orientierungslose Amnesiepatientin nicht mehr zurückkehrt? Ist das eine ärztliche Fehlentscheidung? Die Antwort bleibt der Direktor schuldig.
„Es gibt natürlich Fälle, in denen Alzheimer- oder Amnesiepatienten einfach weggehen und nicht mehr zurückfinden. Aber das ist etwas, mit dem man täglich rechnen muss.“
Einem der letzten Einträge im dünnen Aktenordner des Bundeskriminalamts entnimmt Regine Buchmann, dass die Unbekannte von Untergaisbach nach ihrem Verschwinden aus der Wagner-Jauregg-Klinik „am selben Tag in einer Polizeistation in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen wieder vorstellig wurde“.
Für den Eintrag zeichnet der Sachbearbeiter S. vom oberösterreichischen Landespolizeikommando verantwortlich. Der Fahnder, der auch die Einvernahme in Österreich durchgeführt hat, erinnert sich, dass „die Frau in Deutschland wieder aufgetaucht ist und bei der Befragung durch die deutschen Kollegen auch einen Namen genannt hat“. Woher er diese Informationen hatte, weiß er nach sechs Jahren nicht mehr. Weiter verfolgt hat er sie nicht. „Sie war schließlich offiziell außerhalb von Österreich!“ Für ihn ist der Fall damit abgeschlossen. Auf der BKA-Homepage steht sie trotzdem noch zur Fahndung ausgeschrieben. Eine Karteileiche ohne Namen.
Wie sie nach Deutschland gekommen ist, bleibt für das BKA bis heute eine der vielen unbeantworteten Fragen. Fahnder S. rechtfertigt sich: „Wie soll man so was herausfinden? Man kann nur nachfragen, ob sich irgendwer vom Zugpersonal an sie erinnert. Zum Beispiel, weil sie wieder ohne Fahrschein unterwegs war. Aber genau solche Leute rutschen dann irgendwie durch alle Kontrollen.“ Ob er nachgefragt hat, sagt S. nicht.
Drei Jahre später wird im bayerischen Landkreis Garmisch-Partenkirchen eine unbekannte weibliche Leiche gefunden. Die mindestens zweimal von einem Auto überrollte Frau ist zwischen 40 und 50 Jahre alt, knapp mehr als einen Meter 60 groß und vermutlich italienischer Abstammung. „Der Fall konnte mittlerweile aufgeklärt werden“, sagt Johann Burger, der Leiter des zuständigen Sonderkommandos in Oberbayern. Es war nicht die Namenlose aus der Linzer Wagner-Jauregg-Klinik. „Die Polizei aus Oberbayern hatte mit dem Fall der Frau aus Linz nichts zu tun“, sagt Burger. „Wir haben lediglich nach dem Auffinden der unbekannten Leiche 2002 in Plattling angefragt, ob es sich um jene Frau handeln könnte, die dort 1999 aufgegriffen wurde.“
Plattling liegt am Schnittpunkt der Eisenbahnstrecken Regensburg–Passau und München–Bayerisch Eisenstein. Die Strecke Linzer Hauptbahnhof–Plattling schafft man mit den regionalen Zügen in zweieinhalb bis drei Stunden, einmal umsteigen am Passauer Hauptbahnhof inklusive. Der ICE 90 InterCityExpress und der EC 24 EuroCity fahren sogar direkt in einer Stunde und 43 Minuten.
Amtsinspektor Claus Söltls Arbeitsplatz bei der Polizei Plattling trennt nur eine Querstraße vom Bahnhof, über den täglich mehr als 5.000 Pendler in die Kleinstadt gelangen. An die unbekannte Frau kann er sich nicht erinnern. „Ich habe hauptsächlich Verwaltungsaufgaben, bin nicht an der Front im Einsatz“, sagt er. Wer der damalige Sachbearbeiter war, lasse sich nicht mehr recherchieren: „Sie wissen eh, wie das ist: Der eine geht in Pension, der nächste wird versetzt!“ Dafür hat Söltl etwas anderes: Zwei Aktennummern zu dem Fall der unbekannten Frau, die am 19. November 1999 in der Stadt aufgegriffen wurde.
Dank der jeweils 13-stelligen Zahlenreihen, die den Akt kennzeichnen, bekommt die Unbekannte von Untergaisbach plötzlich einen Namen: Olivia Bartoletti, geboren am 15. Oktober 1954 in Pompeji, ohne festen Wohnsitz. Woher die Plattlinger Polizei diese Informationen hat, kann Söltl nicht mehr sagen. Nur: „Ich nehme an, dass sie bei der Einvernahme ihren Namen bekannt gegeben hat!“
Nach ihrer Ankunft in Deutschland wiederholt sich die Geschichte von Olivia Bartoletti. Wieder wird sie in eine psychiatrische Abteilung eingeliefert, diesmal in das Deggendorfer Bezirksklinikum Mainkofen. Bei der Aufnahme kann man sich nicht an die Frau erinnern, aber anhand der Patientenakte wird die Ankunft am 19. November 1999 bestätigt. Eine ruhige Patientin, ohne Angehörige oder besondere Aktenvermerke, die sieben Tage in der offenen Abteilung verbracht hat. Dann ist sie still und leise wieder verschwunden. Ohne offizielle Entlassungsbewilligung. Ohne Abmeldung. Sie ist einfach gegangen.
„Wir haben dann einen Bescheid an die Wagner-Jauregg-Klinik in Österreich geschickt, weil sie dort erstmals aufgenommen wurde“, sagt Anna Eder von der psychiatrischen Abteilung. Woher wusste das Bezirksklinikum Mainkofen von dem Aufenthalt in Linz? „Als sie zu uns kam, hat sie wohl Papiere aus der Wagner-Jauregg-Klinik bei sich gehabt“, sagt Eder. Mit dem Erhalt dieses Bescheids, spätestens mit dem Brief, der Namen und Geburtsdatum der Patientin enthält, müssten sich die Rädchen der österreichischen Bürokratie zu drehen begonnen haben. In der Wagner-Jauregg-Klinik müsste die bis dahin identitätslose Frau einen Namen bekommen haben, zumindest einen Aktenvermerk.
Die Nachfrage in Linz bringt Ernüchterung. Es gab keine Patientin Olivia Bartoletti und auch das Geburtsdatum ist laut Datenbank unbekannt. Für die Klinik und das österreichische Bundeskriminalamt bleibt sie namenlos. Was wurde nun aus der Frau, die sich innerhalb weniger Wochen selbst aus zwei psychiatrischen Anstalten entlassen hat? Im Bezirksklinikum Mainkofen kann man den wenigen Einträgen in der Patientenakte entnehmen, dass die Kosten für den Krankenhausaufenthalt von der Stadt übernommen wurden. „Die Unterlagen der Dame waren bei uns“, bestätigt Erwin Dengler, Sachgebietsleiter der Stadt Deggendorf im Bereich Ausländer- und Asylwesen, „sind allerdings nach Lörrach weitergeleitet worden. Die Frau muss dorthin umgezogen sein.“ Lörrach ist ein kleiner Ort an der Grenze zur Schweiz.
Wo sie die Zeit vom Verlassen der Klinik am 26. November 1999 bis zum Jänner 2000 verbracht hat, bleibt bis heute ungeklärt. Bernd Wunderle, der zuständige Leiter der Abteilung für Ausländerwesen in Lörrach, sagt: „Die Dame war bei uns vom 7. Jänner bis 14. April in der Wölblinstraße 80 gemeldet.“ Dort, wo vor fünf Jahren noch ein großes Haus stand, liegt heute ein leeres Grundstück. Das Haus Wölblinstraße 80 wurde Anfang 2004 abgerissen. Davor hatte es zehn Jahre lang als Unterkunft für Asylwerber gedient. Am 14. April 2000 verliert sich die Spur von Olivia Bartoletti. An diesem Tag hat sie das Asylwerberheim in Lörrach verlassen. „Nach unbekannt verzogen“, sagt Wunderle, „ohne neue Kontaktadresse.“
Vielleicht ist sie zurück in ihre Geburtstadt Pompeji geschickt worden. Oder in den nächsten Zug gestiegen, beharrlich auf der Suche nach ihren Erinnerungen.
Für das österreichische Bundeskriminalamt ist sie bis heute ein namenloses Gesicht auf der Homepage, Rubrik „Unbekannte Personen“. Das einzige lebendige Gesicht unter acht teilweise bis zur Unkenntlichkeit entstellten Leichen.
Was bleibt, ist Angst. Angst, dass sich einmal über die eigene Vergangenheit oder die eines Angehörigen der Schatten des Vergessens legen könnte. Und man orientierungslos irgendwo in Österreich strandet. Vielleicht am Bahnhof Untergaisbach, 20 Kilometer nordöstlich von Linz.
Frage an die MausWie viele Personen werden in Österreich vermisst?
768 Personen gelten nach den Angaben des Bundeskriminalamts (BKA) derzeit in Österreich offiziell als vermisst. Es sind Menschen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen – vom Säugling bis zum Pensionisten. Die ungelösten Vermisstenanzeigen reichen bis in die Siebziger zurück. „Man darf nicht glauben, dass es sich dabei nur um Opfer von Gewaltverbrechen handelt“, sagt Regine Buchmann, Leiterin des BKA-Büros für Kapital- und Sittlichkeitsverbrechen. „Es sind auch viele Fälle von klassischen Aussteigern über jugendliche Ausreißer bis hin zu Kindesentziehung in Sorgerechtsstreits darunter.“
In Sachen Fahndung ist das BKA die oberste Instanz. Die Bundespolizeidirektionen übernehmen die aktive Spurensuche und die Fahndungen im Schengengebiet, das 15 Staaten umfasst. Mit der Unterzeichnung des Schengener Abkommens im Jahr 1985 haben sich die EU-Mitgliedsstaaten auf ein „Europa ohne Grenzkontrollen“, eine Angleichung der Visa- und Asylpolitik und das gemeinsame elektronische Fahndungssystem SIS zur Bekämpfung der internationalen Kriminalität geeinigt. Eine Fahndung über diese Staaten hinaus fällt in den Zuständigkeitsbereich des BKA.
Unbekannte Personen beinhaltet die Zahl von 768 nicht. Ohne Namen gibt es keine Vermisstenanzeige, und Fälle ohne Vermisstenanzeige scheinen im Fahndungscomputer nicht auf. Derzeit sind auf der BKA-Homepage acht unidentifizierte Personen zur Fahndung ausgeschrieben. Mit Ausnahme der 1999 in Untergaisbach aufgegriffenen Frau handelt es sich ausschließlich um Männer. Die Fälle ziehen sich quer durch ganz Österreich und reichen vom verwesten Mordopfer bis zum namenlosen Selbstmörder.
„Unbekannte Personen bleiben so lange auf der Homepage, bis es keine realistische Hoffnung mehr gibt, dass ein Hinweis aus der Bevölkerung zur Aufklärung beitragen könnte“, sagt Buchmann. Aber wer informiert sich schon auf der Homepage des Bundeskriminalamts regelmäßig über aufgefundene Leichen ohne Identität?
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