Jude, oder was?
Sind Juden die besseren Liebhaber? Oder doch geldgierig? Und wer ist eigentlich Jude? Nach sieben Jahren Berichterstattung über Vergangenheitsbewältigung und NS-Entschädigungen fragt sogar ein eloquenter Klubchef nach, ob man Jude sei. Aber natürlich nicht direkt. Ein Streifzug durch den österreichischen Philo- und Antisemitismus.
Text: Rainer Nowak
Die Frage war einfach und verblüffend zugleich. „Wann ist denn das Laubhüttenfest?“, fragte der Kollege freundlich. Kurz war ich versucht, mit einem „Heute!“ zu antworten und ihn aufzufordern, mit ein paar aktuellen Tageszeitungen Papier-Laubhütten in der Redaktion zu basteln. Aber ich antwortete unoriginell mit der Gegenfrage: „Wieso glaubst du, dass ich das weiß?“– „Na ja, ich dachte, weil du …“ Nein, ich bin nicht jüdisch. Ich bin leidlich römisch-katholisch. Nicht einmal so jüdisch wie immer mehr Zeitgenossen in Wien.
Es beginnt meist mit einem kleinen Ausflug in die jeweilige Ahnenforschung: Da die Ur-Urgroßmutter mütterlicherseits dem Vernehmen nach Jüdin gewesen sei, sei man nach jüdischem Glauben doch auch und so. Interessanterweise endet damit häufig die Kenntnis über den jüdischen Glauben. Egal, Hauptsache, man hat ein Stückchen jüdische Intellektualität abbekommen. Denn dafür stehen die Juden doch: fürs Denken, oder?
Seit sieben Jahren darf ich in der Presse als Redakteur über die Entschädigungsdebatte und die NS-Vergangenheitsbewältigung berichten. Im Laufe der Jahre entwickelten sich dadurch enge Kontakte zu Historikern und zur kleinen jüdischen Gemeinde Wiens. Eine befreundete Kollegin erzählt mir von einem unabhängigen jüdischen Abenteurer-Magazin mit dem charmanten Namen Nu, in dem auch nichtjüdische Journalisten schreiben, vorwiegend Innenpolitiker, über Österreich, die Israelitische Kultusgemeinde und streckenweise sehr humorvolle Aufklärungen über das jüdische Leben in Wien.
Die Köpfe des Magazins, allen voran Peter Menasse, Danielle Spera, Alexia Weiss, Ernst Javor und Martin Engelberg, sorgen immer wieder dafür, dass vor allem auch die Politik Ariel Muzicants äußerst kritisch hinterfragt wird. Diese Tatsache hat für einen Leserkreis gesorgt, der weit über die Gemeindegrenzen hinausreicht.
In meinem Umfeld ist seit Nu immer wieder von „deinen jüdischen Freunden“ die Rede. Das klingt komisch, stimmt aber. Dass ich als Nu-Mitarbeiter aber endgültig als Jude durchgehe, war mir nicht bewusst. Die namentliche Erwähnung in einem Text mit dem jenseitigen Titel „Jiddisch aus dem Untergrund“ in einem rechtsextremen braunen Mitteilungsblättchen musste man erwarten; wesentlich lustiger war da eine Plauderei mit einem bekannten Politiker.
Auf einem schönen Sommerfest nahm mich der charmant-eloquente Klubchef der Parlamentspartei beiseite und fragte: „Sind Sie eigentlich Gemeindemitglied?“ Ich hätte sagen können: „Und Sie?“ Ich antwortete wahrheitsgemäß: „Nein.“ Das stillte die Neugierde des Klubchefs nicht. Die eigentliche Frage hatte er nicht gestellt: „Sind Sie Jude?“ Warum? Weil man in Österreich offenbar nicht fragen darf, ob jemand Jude ist. Selbst wenn es einen interessiert. Zugegeben, ich habe die entscheidende Gegenfrage ebenfalls nicht gestellt: „Warum wollen Sie wissen, ob ich Jude bin?“ Schade eigentlich.
Antisemitismus lässt sich aus solchen gesellschaftlichen Gepflogenheiten nicht herauslesen. Auch nicht Philosemitismus. Aber ein verkrampfter Umgang zwischen Juden und Nichtjuden allemal. Ariel Muzicant brachte es zum Zehnjahresjubiläum des Nationalfonds auf den Punkt: „Warum haben so viele Österreicher Hemmungen, das Wort ‚Jude‘ auszusprechen?“ Eine präzise Antwort konnte er auch nicht geben. Die Beobachtung ist aber richtig.
Ein kleiner Selbstversuch bestätigt dies: Versuchen Sie, in einer ganz normalen Konversation unterzubringen, dass der Künstler, der Politiker, der Journalist XY Jude sei. Die Mehrzahl der Reaktionen lässt sich in zwei Kategorien einteilen: Entweder man hält Sie für einen Antisemiten, und/oder aber Sie finden einen Antisemiten, der Sie für einen der Seinen hält. Über den österreichischen Antisemitismus-Krampf hat sich jüngst Martin Engelberg trefflich lustig gemacht.
In zehn Tipps für „glückliches Judesein in Österreich“ spottete er: „Nutzen Sie die vorherrschenden antisemitischen Vorurteile in Ihrem Privatleben. So wird Juden zugeschrieben, sie seien fantastische Liebhaber und Partner, Jüdinnen sagt man nach, sie seien besonders leidenschaftlich beim Sex, und allgemein gelten Juden als besonders intelligent.“ Und ein wenig später rät Engelberg in seiner Anleitung: „Meiden Sie in ihrer Konversation mit nicht-jüdischen Partnern einfach ganz bestimmte Themen: vor allem Shoah und Antisemitismus, aber auch Aktuelles wie USA, Irak, Israel.“
Die abschließende Schlussfolgerung ist bitter-humorvoll: „Bleiben Sie bei ihrer Überzeugung, dass Sie gar nicht als Jude/Jüdin wahrgenommen werden, weil Sie ohnehin so sind wie alle anderen. Oder jedenfalls alles, was man gegen Juden haben kann, natürlich nicht auf Sie zuträfe. Diese Illusion lässt sich über Jahre, ja angeblich über Jahrzehnte aufrechterhalten.“ Der offene Antisemitismus sei in Österreich in den vergangenen Jahrzehnten zurückgegangen, meinte Muzicant jüngst ungewöhnlich optimistisch. Diesen Schluss lässt auch eine Studie, die die Anti-Defamation League in zwölf europäischen Ländern durchführte, zu. In Österreich ging der Anteil antisemitischer Einstellungen in fast allen untersuchten Themenkomplexen zurück. Allerdings auf hohem Niveau.
In Österreich sank 2005 im Vergleich zu 2004 die Zustimmung zur der Aussage „Juden sind loyaler zu Israel als zu Österreich“ von 46 Prozent auf 38. Zum Vergleich: In Spanien stimmten dieser These mehr als die Hälfte zu. Eine klassische antisemitische Aussage findet 2005 mehr Zustimmung als im Jahr zuvor: 16 statt 14 Prozent der Befragten stimmen zu, dass die „Juden für den Tod von Christus verantwortlich sind“. Im erzkatholischen Polen glauben dies satte 39 Prozent. Ein Rückgang wurde in Österreich hingegen beim alten Vorurteil „Juden haben zu viel Macht auf den internationalen Finanzmärkten“ verzeichnet: von 36 auf 33 Prozent.
Eine „neue“ Form des Antisemitismus findet höhere Akzeptanz: „Juden reden noch zu viel über den Holocaust“, sagen immerhin 46 Prozent. Im Jahr davor waren es 54 Prozent. Grund für die Differenz: 2005 wurde die Auseinandersetzung zwischen Bundesregierung und Israelitischer Kultusgemeinde um Entschädigungszahlungen für in der NS-Zeit geraubtes Vermögen kaum mehr öffentlich geführt. Im Untersuchungszeitraum zeichnete sich bereits eine Lösung ab, die dann später auch präsentiert wurde. Im Jahr davor war der Streit um die späte Entschädigung noch wesentlich präsenter gewesen: In dieser Zeit bekam ich immer wieder anonyme Anrufe mit dem hübsch entlarvenden Einstiegssatz „Ich bin ja kein Nazi, aber …“
Ariel Muzicant hatte damals öffentlich mit teilweise scharfen Formulierungen („An den Händen klebt noch Blut“) für seine Gemeinde gekämpft. Für Teile Österreichs war das Auftreten Muzicants eine neue Erfahrung: War es seinen Vorgängern vor allem darum gegangen, ein möglichst konfliktfreies Zusammenleben mit dem nichtjüdischen Österreich – und vor allem der Regierung – zu erhalten, ging Muzicant keinem Streit aus dem Weg. Für mich als Journalisten perfekt, nebenbei.
Muzicant war eigentlich der erste offizielle Vertreter des Judentums in Österreich, der sich mit seinem persönlichen Verhalten nicht um antisemitische Klischees scherte und sie somit wohl am besten bekämpfte. „Wer sich dauernd fürchtet, ändert nichts“, sagte Muzicant einmal nach einem Interview zu mir. Wie zum Beweis trat da Jörg Haider an. Er donnerte zum Gaudium seiner Anhänger Muzicant einen Kalauer entgegen: Wie denn einer Ariel heißen könne, der Dreck am Stecken habe. Damit bediente er das klassische antisemitische Vorurteil vom reichen Juden (Muzicant ist ein erfolgreicher Immobilienmakler). Zwar war in bürgerlichen Kreisen nach dieser Aussage immer wieder zustimmende Schadenfreude zu hören; seiner eigenen Partei half Haiders Rülpser nur bedingt. Kärntens Landeshauptmann selbst sprach später einmal von einem Scherz. Auch dies geradezu klassisch: War doch nur ein Spaß.
Aber die kleinen Scherze kennt jeder: Gerade nach der kurzen, humorlosen Political-Correctness-Epoche wurde es wieder en vogue, Witzchen mit minderheiten- oder frauenfeindlicher Pointe zu reißen, um seinen unabhängigen und selbstbewussten Schmäh unter Beweis zu stellen. Harald Schmidt machte es mit den Polen vor, plötzlich darf auch jeder als Schmidt für Arme wieder auf den rechten Schenkel klopfen. Und dann gibt es noch ein anderes Konfliktfeld, das in Zusammenhang mit Antisemitismus gerne ignoriert wird: (berechtigte) Kritik an Israel wird häufig antisemitisch verwendet.
Der Schriftsteller Robert Schindel formuliert es deutlich: „Ich bin kein Freund der Regierung von Ariel Scharon. Doch ich erlebe immer öfter, dass Israel gerade unter Linken zur Projektionsfläche für versteckte Ressentiments wird. Die Schuld der Tätergeneration, die man nicht mehr erträgt, indem es heißt: So sind sie halt, die Juden. So Unrecht hatten unsere Großeltern ja doch nicht.“ Der Unterschied im kollektiven Umgang mit Israel zwischen Ländern wie Österreich und Staaten wie den USA ist für jeden Zeitungs- oder Fernsehkonsumenten jedenfalls unübersehbar: Den Anliegen der Palästinenser wird in Europa vergleichsweise ebenso viel Platz eingeräumt wie in den USA jenen der Israelis. Dass die Wahrheit vielleicht in der Mitte liegt, glaubt in Österreich fast niemand. Zumindest höre ich das jedes Mal, wenn ich diese These vertrete.
Die Täter-Opfer-Verteilung ist für die Mehrheit eindeutig: Israel böse, Palästinenser gut. Antisemitisch muss das nicht sein. Gerecht ist es aber auch nicht. Ach ja, das Laubhüttenfest findet dieses Jahr vom 15. bis 24. Oktober statt.
Es beginnt meist mit einem kleinen Ausflug in die jeweilige Ahnenforschung: Da die Ur-Urgroßmutter mütterlicherseits dem Vernehmen nach Jüdin gewesen sei, sei man nach jüdischem Glauben doch auch und so. Interessanterweise endet damit häufig die Kenntnis über den jüdischen Glauben. Egal, Hauptsache, man hat ein Stückchen jüdische Intellektualität abbekommen. Denn dafür stehen die Juden doch: fürs Denken, oder?
Seit sieben Jahren darf ich in der Presse als Redakteur über die Entschädigungsdebatte und die NS-Vergangenheitsbewältigung berichten. Im Laufe der Jahre entwickelten sich dadurch enge Kontakte zu Historikern und zur kleinen jüdischen Gemeinde Wiens. Eine befreundete Kollegin erzählt mir von einem unabhängigen jüdischen Abenteurer-Magazin mit dem charmanten Namen Nu, in dem auch nichtjüdische Journalisten schreiben, vorwiegend Innenpolitiker, über Österreich, die Israelitische Kultusgemeinde und streckenweise sehr humorvolle Aufklärungen über das jüdische Leben in Wien.
Die Köpfe des Magazins, allen voran Peter Menasse, Danielle Spera, Alexia Weiss, Ernst Javor und Martin Engelberg, sorgen immer wieder dafür, dass vor allem auch die Politik Ariel Muzicants äußerst kritisch hinterfragt wird. Diese Tatsache hat für einen Leserkreis gesorgt, der weit über die Gemeindegrenzen hinausreicht.
In meinem Umfeld ist seit Nu immer wieder von „deinen jüdischen Freunden“ die Rede. Das klingt komisch, stimmt aber. Dass ich als Nu-Mitarbeiter aber endgültig als Jude durchgehe, war mir nicht bewusst. Die namentliche Erwähnung in einem Text mit dem jenseitigen Titel „Jiddisch aus dem Untergrund“ in einem rechtsextremen braunen Mitteilungsblättchen musste man erwarten; wesentlich lustiger war da eine Plauderei mit einem bekannten Politiker.
Auf einem schönen Sommerfest nahm mich der charmant-eloquente Klubchef der Parlamentspartei beiseite und fragte: „Sind Sie eigentlich Gemeindemitglied?“ Ich hätte sagen können: „Und Sie?“ Ich antwortete wahrheitsgemäß: „Nein.“ Das stillte die Neugierde des Klubchefs nicht. Die eigentliche Frage hatte er nicht gestellt: „Sind Sie Jude?“ Warum? Weil man in Österreich offenbar nicht fragen darf, ob jemand Jude ist. Selbst wenn es einen interessiert. Zugegeben, ich habe die entscheidende Gegenfrage ebenfalls nicht gestellt: „Warum wollen Sie wissen, ob ich Jude bin?“ Schade eigentlich.
Antisemitismus lässt sich aus solchen gesellschaftlichen Gepflogenheiten nicht herauslesen. Auch nicht Philosemitismus. Aber ein verkrampfter Umgang zwischen Juden und Nichtjuden allemal. Ariel Muzicant brachte es zum Zehnjahresjubiläum des Nationalfonds auf den Punkt: „Warum haben so viele Österreicher Hemmungen, das Wort ‚Jude‘ auszusprechen?“ Eine präzise Antwort konnte er auch nicht geben. Die Beobachtung ist aber richtig.
Ein kleiner Selbstversuch bestätigt dies: Versuchen Sie, in einer ganz normalen Konversation unterzubringen, dass der Künstler, der Politiker, der Journalist XY Jude sei. Die Mehrzahl der Reaktionen lässt sich in zwei Kategorien einteilen: Entweder man hält Sie für einen Antisemiten, und/oder aber Sie finden einen Antisemiten, der Sie für einen der Seinen hält. Über den österreichischen Antisemitismus-Krampf hat sich jüngst Martin Engelberg trefflich lustig gemacht.
In zehn Tipps für „glückliches Judesein in Österreich“ spottete er: „Nutzen Sie die vorherrschenden antisemitischen Vorurteile in Ihrem Privatleben. So wird Juden zugeschrieben, sie seien fantastische Liebhaber und Partner, Jüdinnen sagt man nach, sie seien besonders leidenschaftlich beim Sex, und allgemein gelten Juden als besonders intelligent.“ Und ein wenig später rät Engelberg in seiner Anleitung: „Meiden Sie in ihrer Konversation mit nicht-jüdischen Partnern einfach ganz bestimmte Themen: vor allem Shoah und Antisemitismus, aber auch Aktuelles wie USA, Irak, Israel.“
Die abschließende Schlussfolgerung ist bitter-humorvoll: „Bleiben Sie bei ihrer Überzeugung, dass Sie gar nicht als Jude/Jüdin wahrgenommen werden, weil Sie ohnehin so sind wie alle anderen. Oder jedenfalls alles, was man gegen Juden haben kann, natürlich nicht auf Sie zuträfe. Diese Illusion lässt sich über Jahre, ja angeblich über Jahrzehnte aufrechterhalten.“ Der offene Antisemitismus sei in Österreich in den vergangenen Jahrzehnten zurückgegangen, meinte Muzicant jüngst ungewöhnlich optimistisch. Diesen Schluss lässt auch eine Studie, die die Anti-Defamation League in zwölf europäischen Ländern durchführte, zu. In Österreich ging der Anteil antisemitischer Einstellungen in fast allen untersuchten Themenkomplexen zurück. Allerdings auf hohem Niveau.
In Österreich sank 2005 im Vergleich zu 2004 die Zustimmung zur der Aussage „Juden sind loyaler zu Israel als zu Österreich“ von 46 Prozent auf 38. Zum Vergleich: In Spanien stimmten dieser These mehr als die Hälfte zu. Eine klassische antisemitische Aussage findet 2005 mehr Zustimmung als im Jahr zuvor: 16 statt 14 Prozent der Befragten stimmen zu, dass die „Juden für den Tod von Christus verantwortlich sind“. Im erzkatholischen Polen glauben dies satte 39 Prozent. Ein Rückgang wurde in Österreich hingegen beim alten Vorurteil „Juden haben zu viel Macht auf den internationalen Finanzmärkten“ verzeichnet: von 36 auf 33 Prozent.
Eine „neue“ Form des Antisemitismus findet höhere Akzeptanz: „Juden reden noch zu viel über den Holocaust“, sagen immerhin 46 Prozent. Im Jahr davor waren es 54 Prozent. Grund für die Differenz: 2005 wurde die Auseinandersetzung zwischen Bundesregierung und Israelitischer Kultusgemeinde um Entschädigungszahlungen für in der NS-Zeit geraubtes Vermögen kaum mehr öffentlich geführt. Im Untersuchungszeitraum zeichnete sich bereits eine Lösung ab, die dann später auch präsentiert wurde. Im Jahr davor war der Streit um die späte Entschädigung noch wesentlich präsenter gewesen: In dieser Zeit bekam ich immer wieder anonyme Anrufe mit dem hübsch entlarvenden Einstiegssatz „Ich bin ja kein Nazi, aber …“
Ariel Muzicant hatte damals öffentlich mit teilweise scharfen Formulierungen („An den Händen klebt noch Blut“) für seine Gemeinde gekämpft. Für Teile Österreichs war das Auftreten Muzicants eine neue Erfahrung: War es seinen Vorgängern vor allem darum gegangen, ein möglichst konfliktfreies Zusammenleben mit dem nichtjüdischen Österreich – und vor allem der Regierung – zu erhalten, ging Muzicant keinem Streit aus dem Weg. Für mich als Journalisten perfekt, nebenbei.
Muzicant war eigentlich der erste offizielle Vertreter des Judentums in Österreich, der sich mit seinem persönlichen Verhalten nicht um antisemitische Klischees scherte und sie somit wohl am besten bekämpfte. „Wer sich dauernd fürchtet, ändert nichts“, sagte Muzicant einmal nach einem Interview zu mir. Wie zum Beweis trat da Jörg Haider an. Er donnerte zum Gaudium seiner Anhänger Muzicant einen Kalauer entgegen: Wie denn einer Ariel heißen könne, der Dreck am Stecken habe. Damit bediente er das klassische antisemitische Vorurteil vom reichen Juden (Muzicant ist ein erfolgreicher Immobilienmakler). Zwar war in bürgerlichen Kreisen nach dieser Aussage immer wieder zustimmende Schadenfreude zu hören; seiner eigenen Partei half Haiders Rülpser nur bedingt. Kärntens Landeshauptmann selbst sprach später einmal von einem Scherz. Auch dies geradezu klassisch: War doch nur ein Spaß.
Aber die kleinen Scherze kennt jeder: Gerade nach der kurzen, humorlosen Political-Correctness-Epoche wurde es wieder en vogue, Witzchen mit minderheiten- oder frauenfeindlicher Pointe zu reißen, um seinen unabhängigen und selbstbewussten Schmäh unter Beweis zu stellen. Harald Schmidt machte es mit den Polen vor, plötzlich darf auch jeder als Schmidt für Arme wieder auf den rechten Schenkel klopfen. Und dann gibt es noch ein anderes Konfliktfeld, das in Zusammenhang mit Antisemitismus gerne ignoriert wird: (berechtigte) Kritik an Israel wird häufig antisemitisch verwendet.
Der Schriftsteller Robert Schindel formuliert es deutlich: „Ich bin kein Freund der Regierung von Ariel Scharon. Doch ich erlebe immer öfter, dass Israel gerade unter Linken zur Projektionsfläche für versteckte Ressentiments wird. Die Schuld der Tätergeneration, die man nicht mehr erträgt, indem es heißt: So sind sie halt, die Juden. So Unrecht hatten unsere Großeltern ja doch nicht.“ Der Unterschied im kollektiven Umgang mit Israel zwischen Ländern wie Österreich und Staaten wie den USA ist für jeden Zeitungs- oder Fernsehkonsumenten jedenfalls unübersehbar: Den Anliegen der Palästinenser wird in Europa vergleichsweise ebenso viel Platz eingeräumt wie in den USA jenen der Israelis. Dass die Wahrheit vielleicht in der Mitte liegt, glaubt in Österreich fast niemand. Zumindest höre ich das jedes Mal, wenn ich diese These vertrete.
Die Täter-Opfer-Verteilung ist für die Mehrheit eindeutig: Israel böse, Palästinenser gut. Antisemitisch muss das nicht sein. Gerecht ist es aber auch nicht. Ach ja, das Laubhüttenfest findet dieses Jahr vom 15. bis 24. Oktober statt.
0 Kommentare - Kommentar verfassen -















