Lüftung der Pilgerburg
„Castrum Peregrini“: Wie eine der traditionsreichsten Kulturzeitschriften deutscher Sprache versucht, sich den Zeiten anzupassen.

TEXT: GABRIELA HAMBÖCK
FOTOGRAFIE: CP
Die neue Website ist online, ebenso das neue Stiftungsmotto: „Meet Kindred Minds – Wo Freundschaft Kultur hat“. Die Zeitschrift Castrum Peregrini (www.castrumperegrini.nl) und die sie tragende Stiftung wollen einen neuen Weg einschlagen. Der alte war, wie soll man sagen, vielleicht zu undeutlich ausgeschildert.
Die einst von Wolfgang Frommel, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, und seinen engsten Mitarbeitern gemalten Schilder sind über 54 Jahren Verlagsgeschichte verblasst. „Wir öffnen die Tore der Pilgerburg – mit Präsenzbibliothek, neuen Aktivitäten, spezielleren Angeboten, interaktiver Website. Außerdem möchten wir in Zukunft Aktivitäten in anderen Ländern fördern, die mit geistiger Freundschaft zu tun haben“, sagt Stiftungsdirektor Michael Defuster. „Wir haben es hier mit einer langen Verlagsgeschichte zu tun. Und vielen Empfindlichkeiten, auf die Rücksicht genommen werden muss.“
Was kryptisch klingt, wird deutlicher, wenn man die Geschichte der Zeitschrift und des Freundeskreises „Castrum Peregrini“ kennt, welche im Jahr 1939 beginnt. In diesem Jahr befindet sich der Deutsche Wolfgang Frommel, Nachkomme protestantischer Theologen, Nazi-Gegner und Verehrer des Lyrikpapstes Stefan George, zufällig in den Niederlanden. Als am 1. September der Krieg ausbricht, sitzt er in Amsterdam fest. Sein Dichterfreund Adriaan Roland Holst nimmt ihn auf, später die Malerin Gisèle van Waterschoot van der Gracht, die in der Herengracht ein Atelier gemietet hat, welches nun als Wohnung dient. Von den Nazis Verfolgte unterschiedlicher Herkunft stoßen dazu, darunter die Jugendlichen Claus Viktor Bock und Manuel R. Goldschmidt. Im Haus wird es eng.
Frommel greift zu geistiger Beschäftigungstherapie: Er begeistert die Freunde für Dante, Shakespeare, Goethe und George, lässt sie Gedichte lesen und interpretieren. Gisèle gibt Unterricht in Kunstbetrachtung. Die Auseinandersetzung mit Dichtung und Kunst, allem voran Georges „Stern des Bundes“, hilft ab Beginn der deutschen Besatzung im Mai 1940 den Untertauchern, die Angst und den Hunger zu verdrängen. Das Versteck benennt man nach der nie eroberten Burg der Tempelritter bei Haifa: Castrum Peregrini. 1951 entsteht aus diesem Kreis die Zeitschrift Castrum Peregrini.
Die Patenschaft übernehmen der Kunsthistoriker Wilhelm Fraenger und der Herausgeber von Georges „Blättern für die Kunst“, Carl August Klein. Castrum Peregrini versteht sich als Zeitschrift in der Tradition Georges, doch die Palette an Themen ist vielfältig. Da finden sich literaturwissenschaftliche und kunstgeschichtliche Essays, Reiseberichte, alte und neue, zum Teil aus anderen Sprachen übertragene Lyrik, Aufsätze zu persischer Dichtung oder griechischer Philosophie sowie Berichte über Zeitgenossen. Ein Mix aus Wissenschaft, Lyrik und Lebenshilfe, immer aus erster Hand, garantiert unabhängig vom Zeitgeist.
In Frommels riesigem Bekanntenkreis finden sich mühelos Autoren. Gerne stellt das Castrum einen besonderen Menschen und seine geistige Welt in den Mittelpunkt. Geburtstage zählen viel, ebenso Todestage. „Denkmäler des Erinnerns“ sind zum Beispiel das Heft „100 Jahre Vera Lachmann“ (263) oder das Hölderlin-Heft (266–267).
Seit 2001 – Castrum Peregrini begeht sein 50-jähriges Bestehen – erarbeitet eine siebenköpfige Redaktion basisdemokratisch den Heftinhalt. Heute gehören ihr fünf Wissenschaftler an, darunter der Literaturwissenschaftler und Publizist Jürgen Egyptien und der Anthropologe und Soziologe Reimar Schefold. Für Castrum gibt sich so mancher Professor-Doktor-Doktor Mühe, seine komplexen Forschungsergebnisse in einer einfachen, verständlichen Sprache zusammenzufassen – seit Frommels Zeiten eine Bedingung, um ins Heft zu kommen.
Das Layout des Castrum Peregrini ist seit jeher klassisch-einfach. Es ist nicht nur Prinzipientreue, die die Redaktion nicht von den Vorgaben des niederländischen Typografen Piet C. Cossee abweichen lässt. Die Castrum-Macher wissen um ihren Wert – der auch von anderen erkannt wird, wie wohlwollende Rezensionen in FAZ, NZZ und Süddeutscher Zeitung belegen.
Das Castrum, das fünfmal im Jahr mit je 80 Seiten Umfang erscheint, hat heute rund 800 Abonnenten und ein Vielfaches an Lesern – es liegt in 40 deutschen Unibibliotheken und Forschungsinstituten auf, weltweit an 100 wissenschaftlichen Institutionen. Selbst in Japan und im Jemen gibt es Abonnenten.
Wolfgang Frommel ist seit fast 20 Jahren tot, sein treuer Freundeskreis von damals kommt in die Jahre. Die beiden Zeugen aus der Untertaucherzeit, Claus Viktor Bock und Manuel R. Goldschmidt, haben sich mittlerweile von ihren Funktionen zurückgezogen. Trotzdem war es für die neue Generation in der Pilgerburg lange Zeit nicht leicht, das Erbe zu verwalten. Der umstrittene George, den auch die Nazis für sich vereinnahmten, die angeblich geschlossene Gruppe um Frommel – all das enthält einigen Sprengstoff.
Verständlich, dass man lange Zeit lieber ein schillerndes, dafür eher verschwommenes Image pflegte. Die alten Vorurteile will man heute ausgeräumt wissen – über Stefan George wird akademisch diskutiert, Frauen schreiben für das Castrum. Die Tore der Pilgerburg stehen offen.
FOTOGRAFIE: CP
Die neue Website ist online, ebenso das neue Stiftungsmotto: „Meet Kindred Minds – Wo Freundschaft Kultur hat“. Die Zeitschrift Castrum Peregrini (www.castrumperegrini.nl) und die sie tragende Stiftung wollen einen neuen Weg einschlagen. Der alte war, wie soll man sagen, vielleicht zu undeutlich ausgeschildert.
Die einst von Wolfgang Frommel, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, und seinen engsten Mitarbeitern gemalten Schilder sind über 54 Jahren Verlagsgeschichte verblasst. „Wir öffnen die Tore der Pilgerburg – mit Präsenzbibliothek, neuen Aktivitäten, spezielleren Angeboten, interaktiver Website. Außerdem möchten wir in Zukunft Aktivitäten in anderen Ländern fördern, die mit geistiger Freundschaft zu tun haben“, sagt Stiftungsdirektor Michael Defuster. „Wir haben es hier mit einer langen Verlagsgeschichte zu tun. Und vielen Empfindlichkeiten, auf die Rücksicht genommen werden muss.“
Was kryptisch klingt, wird deutlicher, wenn man die Geschichte der Zeitschrift und des Freundeskreises „Castrum Peregrini“ kennt, welche im Jahr 1939 beginnt. In diesem Jahr befindet sich der Deutsche Wolfgang Frommel, Nachkomme protestantischer Theologen, Nazi-Gegner und Verehrer des Lyrikpapstes Stefan George, zufällig in den Niederlanden. Als am 1. September der Krieg ausbricht, sitzt er in Amsterdam fest. Sein Dichterfreund Adriaan Roland Holst nimmt ihn auf, später die Malerin Gisèle van Waterschoot van der Gracht, die in der Herengracht ein Atelier gemietet hat, welches nun als Wohnung dient. Von den Nazis Verfolgte unterschiedlicher Herkunft stoßen dazu, darunter die Jugendlichen Claus Viktor Bock und Manuel R. Goldschmidt. Im Haus wird es eng.
Frommel greift zu geistiger Beschäftigungstherapie: Er begeistert die Freunde für Dante, Shakespeare, Goethe und George, lässt sie Gedichte lesen und interpretieren. Gisèle gibt Unterricht in Kunstbetrachtung. Die Auseinandersetzung mit Dichtung und Kunst, allem voran Georges „Stern des Bundes“, hilft ab Beginn der deutschen Besatzung im Mai 1940 den Untertauchern, die Angst und den Hunger zu verdrängen. Das Versteck benennt man nach der nie eroberten Burg der Tempelritter bei Haifa: Castrum Peregrini. 1951 entsteht aus diesem Kreis die Zeitschrift Castrum Peregrini.
Die Patenschaft übernehmen der Kunsthistoriker Wilhelm Fraenger und der Herausgeber von Georges „Blättern für die Kunst“, Carl August Klein. Castrum Peregrini versteht sich als Zeitschrift in der Tradition Georges, doch die Palette an Themen ist vielfältig. Da finden sich literaturwissenschaftliche und kunstgeschichtliche Essays, Reiseberichte, alte und neue, zum Teil aus anderen Sprachen übertragene Lyrik, Aufsätze zu persischer Dichtung oder griechischer Philosophie sowie Berichte über Zeitgenossen. Ein Mix aus Wissenschaft, Lyrik und Lebenshilfe, immer aus erster Hand, garantiert unabhängig vom Zeitgeist.
In Frommels riesigem Bekanntenkreis finden sich mühelos Autoren. Gerne stellt das Castrum einen besonderen Menschen und seine geistige Welt in den Mittelpunkt. Geburtstage zählen viel, ebenso Todestage. „Denkmäler des Erinnerns“ sind zum Beispiel das Heft „100 Jahre Vera Lachmann“ (263) oder das Hölderlin-Heft (266–267).
Seit 2001 – Castrum Peregrini begeht sein 50-jähriges Bestehen – erarbeitet eine siebenköpfige Redaktion basisdemokratisch den Heftinhalt. Heute gehören ihr fünf Wissenschaftler an, darunter der Literaturwissenschaftler und Publizist Jürgen Egyptien und der Anthropologe und Soziologe Reimar Schefold. Für Castrum gibt sich so mancher Professor-Doktor-Doktor Mühe, seine komplexen Forschungsergebnisse in einer einfachen, verständlichen Sprache zusammenzufassen – seit Frommels Zeiten eine Bedingung, um ins Heft zu kommen.
Das Layout des Castrum Peregrini ist seit jeher klassisch-einfach. Es ist nicht nur Prinzipientreue, die die Redaktion nicht von den Vorgaben des niederländischen Typografen Piet C. Cossee abweichen lässt. Die Castrum-Macher wissen um ihren Wert – der auch von anderen erkannt wird, wie wohlwollende Rezensionen in FAZ, NZZ und Süddeutscher Zeitung belegen.
Das Castrum, das fünfmal im Jahr mit je 80 Seiten Umfang erscheint, hat heute rund 800 Abonnenten und ein Vielfaches an Lesern – es liegt in 40 deutschen Unibibliotheken und Forschungsinstituten auf, weltweit an 100 wissenschaftlichen Institutionen. Selbst in Japan und im Jemen gibt es Abonnenten.
Wolfgang Frommel ist seit fast 20 Jahren tot, sein treuer Freundeskreis von damals kommt in die Jahre. Die beiden Zeugen aus der Untertaucherzeit, Claus Viktor Bock und Manuel R. Goldschmidt, haben sich mittlerweile von ihren Funktionen zurückgezogen. Trotzdem war es für die neue Generation in der Pilgerburg lange Zeit nicht leicht, das Erbe zu verwalten. Der umstrittene George, den auch die Nazis für sich vereinnahmten, die angeblich geschlossene Gruppe um Frommel – all das enthält einigen Sprengstoff.
Verständlich, dass man lange Zeit lieber ein schillerndes, dafür eher verschwommenes Image pflegte. Die alten Vorurteile will man heute ausgeräumt wissen – über Stefan George wird akademisch diskutiert, Frauen schreiben für das Castrum. Die Tore der Pilgerburg stehen offen.
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