„Den Moslems helfen“
Er verteidigt die Interventionspolitik von US-Präsident George W. Bush, kann mit einer europäischen Verfassung nichts anfangen und will die Türkei nicht in der EU haben. Außerdem schreibt er Bestseller: Leon de Winter. Ein Gespräch.
Interview: E. Znaymer
Illustration: Christian Bretter
Er ist auf der Suche nach Courage. Ob in seinen Romanen, von denen viele Bestseller sind („SuperTex“, „Leo Kaplan“), oder was das Weltgeschehen im Allgemeinen und den islamistischen Terror im Besonderen angeht. Der niederländische Autor Leon de Winter, 51, ist längst nicht mehr nur Schriftsteller, sondern Meinungsmacher.In zahlreichen Essays und Kommentaren setzte er sich in der jüngeren Vergangenheit mit dem Problem der „falschen Toleranz“ gegenüber den radikalen Strömungen des Islam auseinander. Zuletzt rechtfertigte er in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel den Einsatz nicht rechtsstaatlicher Mittel im Umgang mit dem islamistischem Terror. (Anlass war unter anderem die Verurteilung des Mörders des Filmemachers Theo van Gogh, Mohammed Bouyeri.)
Mit DATUM sprach De Winter über die Zukunft des Terrors, die Gefahren, die bei einem EU-Beitritt der Türkei lauern, und sein neues Buch „Place de la Bastille“.
Sie gelten als einer der wenigen europäischen Intellektuellen, die George W. Bush und seine Politik billigen. Warum?
Ich bin davon überzeugt, dass seine Reaktion die einzig mögliche Antwort auf die Terroranschläge in Amerika war. Es war richtig, das Taliban-Regime in Afghanistan zu zerstören, und es war richtig, Saddams Diktatur im Irak zu beenden. Das sind sehr komplizierte und traditionelle Länder, und die Konsequenz der amerikanischen Invasion sind schlimme Bürgerkriege. Das sind die Fakten. Trotzdem ist das, was jetzt im Irak ist, besser als das Saddam-Regime. Die Menschen konnten zum ersten Mal in ihrem Leben frei wählen. Der größte Teil der Iraker akzeptiert die Amerikaner, die sich ja wieder zurückziehen werden. Es ist wichtig, zu sehen, dass die Amerikaner wirklich eine Demokratisierung des Irak wollen.
Hätte es auch andere Optionen für den Irak gegeben?
Es gab die Möglichkeit, einzufallen, jene, Saddam Hussein weitermachen zu lassen, und jene, den Irak der Al Kaida zu überlassen. Was geschehen ist, stellt meiner Meinung nach das geringste Übel dar.
Was ging in Ihnen vor, als Sie die Berichterstattung zu den jüngsten Terroranschlägen in London und Sharm-el-Sheikh verfolgten?
Ich bin jedes Mal wieder zutiefst berührt. Wir müssen den Moslems helfen. Man muss moslemische Gemeinschaften darauf aufmerksam machen, dass das Terrorproblem ein Kind der moslemischen Welt ist. Es ist eine gefährliche Illusion, zu glauben, man könne den Terrorismus allein mit militärischen Mitteln bekämpfen. Wir müssen gemeinsam mit den islamischen Gemeinschaften gegen die Radikalisierung kämpfen. Die islamische Welt muss allerdings endlich Verantwortung übernehmen und einsehen: Es ist in erster Linie unser Problem – nicht das der westlichen Welt.
Aber geschieht das nicht schon längst? Nach den Anschlägen in England und Ägypten im Sommer wurden auch hörbar kritische islamische Stimmen laut.
In der Tat. Zahlreiche islamische Zeitungskolumnisten oder die kanadische Fernsehmoderatorin und Autorin Irshad Manji („The trouble with Islam today“, St. Martin’s Griffin 2005) beginnen endlich, sich mit ehrlichen und aussagekräftigen Artikeln kritisch zu äußern. Manji kämpft für einen aus den ideologischen Fesseln befreiten Islam. Auf diese Art von Courage und Kritik habe ich gewartet. Ein Anschlag wird früher oder später auch in meinem oder Ihrem Land verübt werden. Es wird nicht bei Madrid, London und Sharm-el-Sheikh bleiben. Das ist erst der Anfang. Es werden noch viel schlimmere Dinge geschehen. Leute sterben, hunderte Verletzte bleiben zurück, Familien betrauern die Opfer.
All das passiert, weil die Al Kaida alles zerstört, um ihr Ziel zu erreichen – den Glaubenskrieg zu gewinnen. Den Anschlag vom 11. September 2001 planten sie drei Jahre zuvor. Danach kam Spanien, und jetzt planen sie – wahrscheinlich gerade in diesem Augenblick – neue Anschläge. Daher haben wir nur die Wahl, uns entweder zerstören zu lassen oder unsere Freiheiten einzuschränken. Mit dem Ziel, als Gesellschaft zu überleben.
Die US-amerikanische Wirtschaft und auch andere westliche Länder machen gute Geschäfte mit einem Land wie Saudi-Arabien, das die radikale Auslegung des Islam überall auf der Welt forciert. Wie ist das zu vereinbaren?
Der Feind ist nur eine kleine radikale Gruppe. Letztendlich müssen wir unsere Abhängigkeit vom arabischen Öl in den nächsten fünfzehn Jahren minimieren. Das würde auch der Umwelt gut tun.
Welche Rolle spielt Antisemitismus im Kontext des islamistischen Terrors?
Antisemitismus ist in der arabischen Welt so verbreitet wie im Europa des Zweiten Weltkrieges. Die arabische Gesellschaft braucht einen Sündenbock, da sie selbst unter einem Manko an Selbstreflexion, Erziehung und Menschenrechten leidet. So sucht man gewöhnlich die Schuld bei äußeren Faktoren und nicht in den eigenen Reihen. Bei uns in Europa gibt es den arabischen Antisemitismus genauso – zwischen Juden und moslemischen Immigranten, die den Nahostkonflikt hier ausleben. Das sieht man deutlich in Frankreich und auch bei uns in den Niederlanden.Die türkische Regierung trennt schon seit fast hundert Jahren strikt Politik und Religion. Können US-Amerikaner und Europäer – Stichwort EU-Beitritt der Türkei – gar von der Türkei lernen?
Der Aufnahme der Türkei in eine europäische Wirtschaftsgemeinschaft stünde nichts im Weg. Ein Land, das eine eigene Geschichte und eine eigene Kultur hat, kann man jedoch nicht in eine europäische Wertegemeinschaft integrieren. Außerdem birgt eine mögliche EU-Mitgliedschaft der Türkei auch Gefahren. In der Türkei bildet das Militär den Garanten für die laizistische Staatsführung. In einer integrierten Türkei wäre die Armee geschwächt und dem Islamismus somit Tür und Tor geöffnet. Genau auf dieses Entrée warten die Fundamentalisten.
Wie sehr fühlen Sie sich als Europäer?
Prinzipiell sehr. Auch wenn ich, sobald ich einem Griechen gegenüberstehe, unweigerlich merke, dass ich Holländer bin.
Glauben Sie an die gemeinsamen Werte einer EU-Verfassung?
Nicht unter den gegebenen Umständen. Wir sollten aufhören, von einer europäischen Nation zu träumen. Wir sind nun einmal verschieden, und man sollte nicht versuchen, etwas einzuführen, was den Menschen nicht entspricht.
Zu Ihrem neuen Buch „Place de la Bastille“, das Sie bereits 1982 geschrieben haben, das aber erst jetzt erscheint: Wie lange haben Sie damals daran gearbeitet?
Ich habe im Sommer 1982 daran gearbeitet, damals war ich in Italien. Diese kleine Novelle basiert auf einigen wahren Geschichten, die ich miteinander kombiniert habe. Zum einen ist das die Geschichte meines Cousins, den meine Eltern aufgenommen haben, nachdem seine Eltern gezwungen gewesen waren, ihn während des Zweiten Weltkrieges wegzugeben. Er hatte ein sehr turbulentes, konfuses Leben, aber er überlebte mit meiner Familie, während seine Eltern im Krieg ermordet wurden. Ich stellte mir dabei die Frage, was es bedeutet, im Krieg geboren zu werden und zu überleben, während die eigenen Eltern umkommen. Es ist aber auch die Geschichte zweier Zwillingsbrüder, die nicht rechtzeitig aus den Niederlanden flüchten konnten.
Welchen Parallelen gibt es zwischen Ihnen und der Hauptfigur Ihres neuen Romans?
Mittlerweile nicht mehr viele. Ich habe mich sehr verändert – wie auch meinen Lebensstil. Es war eine Herausforderung, mich einem jüdischen Thema zu widmen. Der Erfolg jener Bücher, die ich zuvor veröffentlicht habe, hat mir letztlich Mut gemacht, es jetzt zu veröffentlichen. Vor 1993 war es nahezu unmöglich, derartige Bücher übersetzen zu lassen. Ähnlich war es bei meinem Buch „Leo Kaplan“, das ich bereits 1985 geschrieben habe. Das wurde auch erst viele Jahre später im Ausland veröffentlicht. Das macht aber nichts, denn diese Themen sind zeitlos. Und sie sind alle Zeichen meiner persönlichen Erfahrung.
Was bedeutet die Beschäftigung mit dem Thema Schuld für Sie?
Das Thema ist im Lauf der Jahre abstrakter für mich geworden. Es hat mich immer fasziniert und gleichzeitig traurig gemacht, zu sehen, wie meine Eltern damit umgingen, dass sie den Krieg überlebt hatten. Das Glück, überlebt zu haben, und im selben Moment auch das Schuldgefühl dafür in sich zu tragen. Die Unmöglichkeit, sich endgültig von Menschen zu verabschieden, die man liebt.
Arbeiten Sie schon an einem neuen Buch?
Noch in diesem Jahr wird mein neues Buch in Holland erscheinen, an dem ich seit einigen Jahren gearbeitet habe. Es ist ein fiktiver Roman über das Leben in Israel im Jahr 2024. Ich hoffe, ich habe mit meinem Buch Unrecht. Ich skizziere darin die schlimmsten Thesen und Erwartungen zum Nahostkonflikt. Themen sind die Politik des Jahres 2024 und meine schlimmsten Befürchtungen und Albträume. Von der gegenwärtigen Lage ausgehend, spürt man, wie die Welt in vielen Jahren aussehen könnte. Ich hoffe, diese Visionen werden nie wahr.
Woher nehmen Sie die Themen und die Inspiration für Ihre Bücher?
Ich habe keine Ahnung. Leute erzählen mir Anekdoten aus ihrem Leben, ich erlebe etwas oder konstruiere künftige Geschichten im Traum. Mein Arbeitsalltag ist alles andere als organisiert. Dafür schreibe ich sehr diszipliniert. Man könnte sagen, es ist ein Nine-to-five-Job, und ich arbeite wie ein Beamter. Im Obergeschoss meines Hauses liegt mein Büro. Richtig gut konzentrieren kann ich mich nur, wenn es richtig laut ist. Bei mir laufen täglich Fernseher und Radio gleichzeitig. Wenn es ruhig ist, lenkt mich das kleinste Geräusch ab, aber wenn der Lautstärkepegel stimmt, ist alles kein Problem. Am liebsten würde ich mitten am Hauptplatz in Amsterdam sitzen, während die Leute an mir vorbeiströmen. Dann würde ich wahrscheinlich wie ein Verrückter schreiben.
Sind Sie des Schreibens schon einmal müde geworden?
Des Schreibens müde werden – das kann ich mir nicht vorstellen. Bei mir ist genau das Gegenteil der Fall. Ich würde gern für die nächsten tausend Jahre schreiben. Geschichten über Menschen und ihr Leben sind und bleiben spannend. Wie wir die Liebe erleben und wie wir uns an unsere Kinder weitergeben – bei solchen Themen gibt es kein Ende. Nie ist alles erzählt.
Frage an die MausWer ist Leon de Winter?
Leon de Winter, geboren am 26. Februar 1954 in ’s-Hertogenbosch in den Niederlanden, arbeitet seit 1976 als freier Schriftsteller und Filmemacher. Der Sohn orthodoxer Juden begann bereits im Alter von elf Jahren zu schreiben, um, wie er sagt, den plötzlichen Tod seines Vaters zu verarbeiten. Später von Autoren wie Peter Handke und Ulrich Plenzdorf inspiriert, verstand sich De Winter zu Beginn als Unterhaltungsschriftsteller, der einfache Geschichten erzählt.
Mit wachsendem Erfolg fasste er Mut, sich seiner jüdischen Herkunft auf literarischem Weg zu stellen. Der Blick eines Außenseiters auf die Gesellschaft und die Unmöglichkeit, sich voll zu identifizieren, sind seitdem seine Themen. In den Niederlanden fühlt sich der Autor ebenso wenig zuhause wie in Los Angeles, wo er 1993 einen seiner bekanntesten Romane, „Hoffmans Hunger“, mit Elliot Gould und Jacqueline Bisset in den Hauptrollen selbst verfilmte. Seine Heimatlosigkeit empfindet er nicht als Mangel, sondern als Wesensmerkmal: „Ich muss ein Fremder sein. Ich darf mich nur in dem jeweiligen Roman daheim fühlen, an dem ich arbeite.“ Verkaufserfolge erzielte er bislang mit „SuperTex“, „Sokolows Universum“, „Serenade“, „Zionoco“, „Leo Kaplan“, „Der Himmel von Hollywood“ und „Malibu“ (alle: Diogenes Verlag). Soeben auf Deutsch erschienen ist „Place de la Bastille“.
2002 verlieh die Tageszeitung Die Welt De Winter ihren Literaturpreis für sein Gesamtwerk, im nächsten Jahr wird ihm die Buba-Rosenzweig-Medaille der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit verliehen.Was Leon de Winter nach eigenen Angaben gerne mag: die New York Times druckfrisch auf dem Beifahrersitz liegen haben; mit seiner Frau Jessica Durlacher (selbst Schriftstellerin, „Das Gewissen“, „Die Tochter“, ebenfalls bei Diogenes) im Bett Videos ansehen; seinem Sohn Spiegeleier braten; und ein Upgrade von Economy auf Business Class. Was er nicht mag: Wenn seine Frau seine Manuskripte kritisiert.
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