Die Denkmalpflegerin
Sie war 25 Jahre lang das „Fräulein Schmidt“ im Büro Bruno Kreiskys und die Verwalterin seines politischen Erbes. Jetzt geht sie in Pension – und mit ihr die Erinnerung an eine Ära.

Text: Barbara Tòth
Fotografie: Jacqueline Godany
Margit Schmidt kennt hier jeden Winkel. „Das ist der Platz, von dem aus er immer seine Gespräche führte“, sagt sie und zeigt auf ein Sofa neben einem Bücherregal, dessen skandinavisches Design in den Siebzigern noch als Avantgarde durchging. Hier befand sich einer von sieben Festnetzanschlüssen des bekennenden Telefomanen Bruno Kreisky. „Da drüben im Salettl stand sein Schreibtisch.“ Auf einem Foto sieht man Kreiskys Boxer Titus, die Vorderfüße auf der Tischplatte, Auge in Auge mit dem „Sonnenkönig“, wie sympathisierende Historiker den Altkanzler nannten. Im Hintergrund auf dem Foto blitzt einer dieser Vorhänge durch, für die man heute in einem Retroladen wieder gute Preise erzielen könnte.Kreisky hörte nicht auf, Politiker zu sein, wenn er spätabends nachhause kam. Das „Fräulein Schmidt“, wie er sie nannte, hatte zur Verfügung zu stehen, tagsüber im Kanzlerbüro im hinteren Trakt des Bundeskanzleramtes am Ballhausplatz, abends des öfteren in der Privatwohnung Kreiskys in der Armbrustergasse in Grinzing. Irgendwann kam dann auch noch die Urlaubsvilla der Kreiskys auf Mallorca als Dienstort dazu. Da war Kreisky dann schon ein grantelnder Altvorderer und nicht mehr der alles dominierende Staatslenker.
Schmidt war 19, als sie, frisch von der Handelsakademie, als Büroaushilfe im Kabinett des damaligen Außenministers anfing. Heute ist sie 64. Dazwischen liegt kein einziges Jahr, das sie nicht Kreisky gewidmet hätte. Zuerst 25 Jahre lang als rechte und linke Hand auf seinen verschiedenen Karrierestationen als Außenminister, Oppositionschef (1966–1969) und Bundeskanzler (1970–1983), dann als sein Mädchen für alles, was ein Staatsmann, der keine Pension kennt, so braucht. Bis zu seinem Tod 1990 organisiert sie große Dinge wie Reisen und Vorträge für ihn und hilft ihm beim Verfassen seiner Memoiren.
Ganz zuletzt, erinnert sich Franz Vranitzky, sind es auch die kleinen Dinge, die sie bringt; meist noch bevor Kreisky sie überhaupt darum bitten konnte. Etwa jene Wollweste, die ihn wärmte, die er ohne fremde Hilfe aber nicht mehr anziehen konnte. Als Kreisky nicht mehr lebt, bleibt sie ihm weiter treu. Sie verwaltet sein Erbe mit genau der gleichen Selbstverständlichkeit, wie sie zuvor für ihn gearbeitet hat.
14 Jahre lang, bis Anfang dieses Sommers, leitet sie als Generalsekretärin das Bruno Kreisky Forum, das im ehemaligen Wohnhaus der Kanzlerfamilie untergebracht ist. Es sind die Koordinaten eines Lebens mit und für Kreisky. Jetzt geht das „Fräulein Schmidt“ in Pension. „Bevor ich anfange, mehr vom selben zu machen, sollte ich aufhören.“ Bis heute entspricht Margit Schmidt dem Klischee der persönlichen Sekretärin perfekt. Es scheint, als habe sie ihre Berufspersönlichkeit nie abgelegt. Auch wenn sie stets beteuert, immer schon ein Leben abseits von Kreisky gehabt zu haben. Schmidt ist unverheiratet und kinderlos geblieben. Sie kleidet sich stilvoll, in dezenten Farben, mit wenigen, aber ausgesuchten Details – klassischer Diplomatenschick. Wenn sie spricht, dann so wohlgesetzt wie ihr einstiger Vorgesetzter.
Margit Schmidts Leben erzählt aber auch eine andere Geschichte. Es zeigt den Weg eines Kriegskindes, das sehr bald die Witterung des gesellschaftlichen Aufbruchs aufnimmt und hinausdrängt aus dem kleinen Österreich. Als einzige Tochter eines Feinoptikers und einer Textilzuschneiderin im Wiener Arbeiterbezirk Ottakring geboren, will sie weg von der behüteten, politisch interessierten, letztlich aber engen Welt ihrer Eltern, in der zwar die Arbeiterzeitung, das Zentralorgan der Sozialdemokratie, und Die Frau, die sehr zaghafte Variante einer Frauenzeitschrift, gelesen werden, von der Tochter aber dennoch erwartet wird, dass sie macht, was alle jungen Frauen im Nachkriegs-Wien machen: ein bisschen Ausbildung und dann Ehe. Das Ideal der Zeit ist die gebildete Hausfrau.
Margit entscheidet sich dagegen, und zwar schrittweise. Sie schließt die Handelsakademie ab und landet im Außenamt, als kleine Nummer in Kreiskys Büro. Über diesen Umweg hofft sie ins Ausland zu kommen, raus aus dem muffigen Wien, das, seiner jüdischen Elite beraubt, erst langsam wieder zu intellektuellem Leben erwacht. Der Plan geht auf.
Schon nach zwei Jahren wird sie ans Generalkonsulat nach Zürich versetzt. 1965, mit 24 Jahren, kehrt sie nach Wien zurück. Kreiskys Sekretärin geht gerade in Pension, er bietet ihr die Stelle an. Sie wäre nun im besten Heiratsalter; sie war im Ausland, sie hat eigenes Geld verdient. Für viele Frauen ihrer Generation Aufregung und Lebenserfahrung genug, um ab sofort das sicherere Dasein als Gattin an der Seite eines Alleinverdieners zu leben, technischen Haushaltskomfort der Wirtschaftsboomjahre inklusive.
Schmidt nimmt das Büroleben. „Ich habe einen stark ausgeprägten Unabhängigkeitswillen. Ich wollte für mich verantwortlich sein und mich nicht in die Abhängigkeit eines Mannes begeben“, sagt sie. Banale Sätze sind das, vierzig Jahre später. Damals glich ihre Entscheidung fast einem revolutionären Akt.
Ein Jahr später steht sie erneut vor der Frage: Weitermachen oder aufgeben? 1966 gewinnt die ÖVP die Nationalratswahlen, ihr Obmann Josef Klaus begründet eine Alleinregierung und beendet damit die erste große Phase der Zusammenarbeit zwischen Rot und Schwarz. Kreisky muss als Außenminister abtreten und zieht sich auf die Position des niederösterreichischen SPÖ-Chefs zurück. Alles andere als eine aussichtsreiche Funktion, aus damaliger Sicht.

„Wollen sie nicht für mich weiterarbeiten?“, fragt er seine junge Kraft. Längst ist Schmidt klar geworden, dass der Job in einem politischen Kabinett mit nichts vereinbar ist, was nach geregeltem (Familien-)Leben ausschaut. Entweder der Job oder die Familie. Unabhängigkeit oder Abhängigkeit. Sie entscheidet sich gegen die Familie. 1970, als Kreisky für die SPÖ die Mehrheit zurückerobert, geht sie mit ins Kanzleramt und weicht fortan nicht mehr von seiner Seite. Wer sich in alten Zeitungen Fotos von Margit Schmidt anschaut, begegnet einer seltsam alterslosen Frau. Ihre Gesichtszüge sind immer die gleichen. Die exakt geschwungenen Augenbrauen, hoch angesetzt, lassen sie aufmerksam und freundlich distanziert zugleich wirken. Nur die Frisuren und die Kleider wechseln mit den Moden.
Zuerst trägt sie ihre Haare hoch auftoupiert, später locker zurückgebunden, dann aus der Stirn gefönt, wie einst in der Drei-Wetter-Taft-Werbung. Bunte Pop-Art-Kostüme weichen eleganten Bluse-Rock-Ensembles, dann hält der Hosenanzug Einzug in die Bürowelt. Nur hohe Absätze trug sie immer. Auf einem Foto sieht man Kreisky auf ihrem Platz im Vorzimmer sitzen, und im ersten Moment erkennt man gar nicht, dass das eigentlich nicht sein, sondern ihr Schreibtisch ist. Er ist mächtig, dunkles Holz, Messingbeschläge, und dominiert von einer Telefonanlage, mit so vielen unterschiedlichen Knöpfen bestückt, dass sie genauso gut als zentrale Steuerungseinheit für das Raumschiff Österreich durchgehen könnte. So etwas Ähnliches war sie auch.
Schmidt verfügt über direkte Leitungen in alle Ministerien und zum Bundespräsidenten. Sie wird die Person, der Kreisky vertraut. Sie steht in der Kabinettshierarchie im Zentrum, sie trägt die Verantwortung, dass die scheinbaren Nebensächlichkeiten funktionieren. Immer öfter überträgt ihr Kreisky auch Referentenaufgaben. Sie ist die Erste – und oft auch die Letzte –, mit der Kreisky spricht. Noch bevor er sich ankleidet, gehen sie gemeinsam am Telefon seinen Terminkalender durch. Wenn ein Botschafter angelobt wird, geziemt sich ein Cut.
Vor allem aber wacht das „Fräulein Schmidt“ über ein großes, dunkel eingebundenes Buch, in dem sie, zahllos durchgestrichen und ausgebessert, die Termine des Kanzlers verwaltet. Niemand anderer darf darin Einsicht nehmen. Jeden Montag um zehn Uhr verliest sie die Termine des Bundeskanzlers und verteilt die Arbeit.
„Ein schmerzliches Ritual“, erinnert sich Ferdinand Lacina, ehemals Kabinettsmitarbeiter Kreiskys, später Finanzminister. Schmerzlich, weil Schmidt nie alle Termine preisgab. „Das ergab eine ungeheure Spannung unter den Mitarbeitern. Welche Termine werden uns verschwiegen? Am Dienstag am Abend macht er nichts? Was ist um fünf Uhr? Es blieb tiefes Misstrauen bei den Kabinettsmitgliedern zurück. Sie wusste einfach mehr als wir alle miteinander, und das hat natürlich wahnsinnig wehgetan.“ Schmidt weiß bis heute mehr als alle anderen. Und sie ist bis heute „treu, diszipliniert und diskret“, wie es Ex-Kulturminister Rudolph Scholten ausdrückt. Wehleidiger Nachsatz: „Dabei gibt es so ein großes Bedürfnis nach Indiskretion.“
Wie der Mann Kreisky etwa seine Beziehung zur Schauspielerin Senta Wengraf in seinem Politikerleben unterbrachte, wie sehr ihn der Fall seines politischen Ziehsohnes Hannes Androsch tatsächlich berührte, wird man aus ihrem Mund nie hören. Aus ihrer einstigen Nähe Kapital zu schlagen, widerstrebt ihr. Den Stoff, aus dem Medien zuletzt gerne biografisches Entertainment weben, wird sie nicht liefern. Sekretärinnen-Offenbarungen bedienen den Wunsch des Publikums, die Mächtigen der Welt aufs Überschaubare zu reduzieren. Sie holen Denkmäler auf Augenhöhe. Wann trank er seinen Kaffee? Wie oft besuchte er die Toilette? Wie oft seine Geliebte? „Was steht schon drinnen in diesen Büchern? Klatschgeschichten – das Papier nicht wert“, meint Margit Schmidt verächtlich.
Als Kreisky abging, machten fast alle seiner Sekretäre – darunter Lacina, Wolfgang Petritsch (heute UN-Repräsentant in Bosnien und Herzegowina), Johannes Kunz (später ORF-Informationsintendant) und Georg Lenkh (Botschafter) – glänzende Karrieren. Schmidt entschied sich gegen die übliche Remuneration für politische Sekretäre (tausche Jahre der persönlichen Selbstausbeutung gegen gut dotierten Job im staatsnahen Bereich) und blieb.
„Ich hatte das Gefühl, von einem Kranken geht man nicht weg. Da habe ich schon auch meinen Dank abgestattet. Weil er hat mich intellektuell gefördert.“ Schmidts Karriereweg bleibt somit auch typisch weiblich. Er führt sie, unter privaten Entbehrungen, zwar weit hinauf – aber dann eben doch nur ins Vorzimmer.
Erst kurz vor seinem Tod hat ihr Kreisky das Du-Wort angeboten. Ihr fiel es bis zum Schluss schwer, ihn nicht „Herr Bundeskanzler“ zu nennen. „Bruno“ konnte sie nie zu ihm sagen.
Bisher in der Reihe "Österreichische Wege" erschienen:
Bernhard Lang
Der lange Atem
Christian Fiala
Der Missionar
Willi Langthaler
Freier Radikaler
Thomas Brezina
Kinderarbeiter
Ludwig Scharinger
Bauernkönig
Markus Rogan
Schwimmstar
Elke Krystufek
Freikörperkünstlerin
Georg Zellhofer
Lichtgestalt
Franz Prenner
Der Fernsehbauer
Hans Mahr
Die Nummer zwei
Wolfgang Rosam
Der Wolfgang, der nicht schweigt
Heide Schmidt
Die Freiheit, die sie meint
Anton Polster
Polstergeist
Joe Kalina
Der Verkäufer Joe
Georg Sporschill
Menschenfischer
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